Im ZEITmagazin Faktomat können Leser Aussagen von Politikern vorschlagen, die sie für unglaubwürdig halten. Die Redaktion prüft regelmäßig jene Behauptungen, für die sich die meisten Leser interessieren. Schicken Sie uns Ihre Vorschläge und stimmen Sie ab, was wir prüfen sollen! Derzeit interessieren sich die meisten Leser für die Aussage von Linken-Fraktionschef Gregor Gysi in der TV-Sendung "Absolute Mehrheit". Stimmt seine Aussage zu Gesamtschulen?

Ob Kinder auf Gesamtschulen besser lernen als im gegliederten Schulsystem, darüber tobt seit vier Jahrzehnten ein Streit. Als der rot-rote Senat in Berlin 2008 neue Gemeinschaftsschulen genehmigte, beauftragte er deshalb Bildungsforscher der Universität Hamburg, den Schulversuch zu begleiten. Auf die Ergebnisse ihrer Studie bezieht sich Gregor Gysi mit seinem Lob auf das gemeinsame Lernen aller Kinder, egal ob der "Vater Professor oder die Mutter eine alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin" ist.

Tatsächlich zeigt die Studie, dass die Berliner Gemeinschaftsschüler zwischen der siebten und neunten Klasse mehr gelernt haben als vergleichbare Schüler in Hamburg, die Haupt-, Realschulen und Gymnasien besuchen. Gerade die guten Schüler haben besonders zugelegt. Das ist bemerkenswert, fürchten viele Gegner der Gemeinschaftsschule doch, dass die leistungsstarken Kinder unter der "pädagogischen Gleichmacherei" am meisten leiden.

Jedoch betreffen die "höheren Lernfortschritte" in Berlin nur das Lesen und die Rechtschreibung. In den anderen getesteten Fächern fallen die Ergebnisse für die Gemeinschaftsschüler weniger günstig aus. In den Naturwissenschaften und in Mathematik haben die Hamburger Neuntklässler mehr dazugelernt; in Englisch liegen die beiden Gruppen ungefähr gleichauf. Gysi pickt sich also nur einen Teil der Studie heraus.

Die Ampel zum ZEITmagazin-Faktomat: Grün, wenn die geprüfte Aussage richtig ist, gelb, wenn sie teilweise wahr ist, und rot, wenn sie falsch ist. ©DIE ZEIT

Belegen andere Untersuchungen, dass Gemeinschaftsschulen Kinder besser fördern? Nein. Bei den großen Leistungsvergleichen schneiden die Gesamtschulen eher mäßig ab. Die Leistungen ihrer Schüler sind in der Regel etwas unter denen von Realschülern. Das liegt jedoch weniger an der Qualität der einzelnen Gesamtschulen, sondern eher am deutschen Schulsystem. Denn die Gesamtschule wurde in den siebziger Jahren und später überall als zusätzliche Schulform eingeführt. Bis heute streben die besten Viertklässler in ihrer Mehrzahl weiterhin auf das Gymnasium. Gesamtschulen besuchen dagegen eher Kinder mit einer Real- oder Hauptschulempfehlung. Jeder Vergleich ist deshalb verzerrt.

Fazit: Es gibt keine Studie, die belegt, dass Gesamtschüler mehr lernen würden. Gregor Gysi hat also unrecht.

Update:

Gregor Gysi erwidert hierzu:

"Meine Aussage ist richtig. Ich habe nicht von Gesamtschülern, sondern von Berliner Gemeinschaftsschülern gesprochen. Das ist ein entscheidender Unterschied. Die Gemeinschaftsschule ist eben nicht die in den 70er Jahren eingeführte Gesamtschule, sondern eine völlig neue Schulform nach skandinavischem Vorbild, die wir in Berlin eingeführt haben und die wissenschaftlich untersucht wurde. In Gemeinschaftsschulen lernen Kinder gemeinsam von der ersten Klasse bis zum Abitur und werden individuell gefördert. In der wichtigsten Schlüsselkompetenz für das Lernen - dem Leseverständnis - erzielen die Berliner Gemeinschaftsschüler in allen Leistungsgruppen bessere Ergebnisse als die Hamburger Vergleichsschüler des gegliederten Schulsystems. Das ist beachtlich."

Ergänzung der Redaktion:

Gemeinschaftsschulen wie Gesamtschulen berufen sich beide auf das gleiche Prinzip: das Lernen ohne äußere Leistungsdifferenzierung. Die Unterschiede zwischen beiden Schulformen sind dabei marginal. Um zu ermessen, ob eine Schule für alle Kinder dem gegliederten Schulsystem überlegen ist, muss man über die 16 Berliner Beispielschulen hinaus die Erfahrungen der Gesamtschulen mit einbeziehen. Und die sind wenig ermutigend. Deshalb ist die Aussage nicht richtig.

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