DIE ZEIT: Herr Müntefering, Sie sind 1975 in den Bundestag eingezogen, mit 35 Jahren. Nun scheiden Sie aus. Was bleibt?

Franz Müntefering: Ein besonderes Erlebnis bleibt mein erstes Gespräch mit Herbert Wehner. Er saß da und rauchte Pfeife. Er hatte seine legendären Taschen da stehen, in denen er alle Papiere hatte, das war sein Archiv. Ich habe geredet, eine halbe Stunde, gefühlte zwei Stunden, und hab ihm erklärt, wie das alles weitergehen soll in Deutschland und der Welt. Am Ende sagte er: Ja, dann fang mal an. Aber pass auf, dass du nicht austrocknest. Ich saß da mit diesem Satz und dachte: Was meint der eigentlich? Was sagst du denn jetzt darauf?

ZEIT: Mit dem Satz: "Ich bin noch nicht vertrocknet. Es ist noch etwas da", haben Sie nach Ihrem Rücktritt den Parteitag begeistert.

Müntefering: Im Nachhinein habe ich verstanden: Das war so etwas wie ein Lob: Du bist engagiert, mach etwas draus. Wenn man nicht mehr die Leidenschaft hat, Dinge zu verändern, wenn man nichts mehr will, sondern nur verwaltet, dann muss man besser aufhören. Leider ist das im Moment der Zustand in der deutschen Politik. Da ist keine Perspektive, keine Vision von dem, was eigentlich passieren muss. Das werfe ich vor allem der Kanzlerin vor.

ZEIT: In den vergangenen zehn Jahren: Was war das schönste Erlebnis?

Müntefering: Mein wichtigstes Amt, das, in dem ich am meisten Gestaltungsmacht hatte, war der Fraktionsvorsitz. Ich war da in einer Periode, in der wir am meisten bewegt haben von dem, was in der jüngeren Zeit wichtig war für Deutschland. Das war das Kernstück meines Handelns. Der schönste Moment war der Wahlsieg 1998, der Abend. Obwohl ich da nicht mitgefeiert habe. Ich habe mir meine Frau gepackt und bin lieber spazieren gegangen am Rhein.

ZEIT: Sie haben nicht mitgefeiert?

Müntefering: Nee, ich hab überhaupt nie mitgefeiert.

ZEIT: Warum nicht?

Müntefering: Ich weiß nicht. Ich hab mich sehr gefreut, ich war froh, ich war begeistert. Aber ich wollte einfach meine Ruhe haben. Ich wollte nicht alles noch mal sehen. Zum Glück ist das nie aufgefallen.

ZEIT: Was war der schmerzlichste Moment?

Müntefering: Das Wahlergebnis 2005: 35 zu 34. Ein Prozent mehr, und Schröder wäre vorne geblieben. Das war bitter. Für ihn, für mich, für uns alle.

ZEIT: Sie sind der einzige Mensch, der zweimal Parteivorsitzender der SPD war. Gehört das auch zu den Entscheidungen, die nicht so gut waren?

Müntefering: Der Ehrgeiz war es nicht, der mich da hingetrieben hat. Aber die Vorstellung, in der Nachfolge von Bebel und Brandt zu stehen, war verführerisch. Ich wollte das eigentlich nicht, ich habe mich gesträubt. Die Statik bei uns stimmte deshalb so gut, weil Schröder als Kanzler die Nummer eins war und ich als Generalsekretär einen Schritt dahinter, in völliger Loyalität. Gerd hat die Parteiversammlungen eröffnet, und ich hab gesagt, was gemacht werden soll. Ich hatte alle Möglichkeiten in der Partei. Für mich gab es also keinen großen Machtzuwachs mehr. Aber natürlich hat Eitelkeit eine Rolle gespielt.