SPD-Wahlkampf"Mir standen die Haare zu Berge"

Der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering, 73, über den verpatzten Wahlkampfstart und die Gründe für das Unglück seiner Partei. von  und

DIE ZEIT: Herr Müntefering, Sie sind 1975 in den Bundestag eingezogen, mit 35 Jahren. Nun scheiden Sie aus. Was bleibt?

Franz Müntefering: Ein besonderes Erlebnis bleibt mein erstes Gespräch mit Herbert Wehner. Er saß da und rauchte Pfeife. Er hatte seine legendären Taschen da stehen, in denen er alle Papiere hatte, das war sein Archiv. Ich habe geredet, eine halbe Stunde, gefühlte zwei Stunden, und hab ihm erklärt, wie das alles weitergehen soll in Deutschland und der Welt. Am Ende sagte er: Ja, dann fang mal an. Aber pass auf, dass du nicht austrocknest. Ich saß da mit diesem Satz und dachte: Was meint der eigentlich? Was sagst du denn jetzt darauf?

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ZEIT: Mit dem Satz: "Ich bin noch nicht vertrocknet. Es ist noch etwas da", haben Sie nach Ihrem Rücktritt den Parteitag begeistert.

Müntefering: Im Nachhinein habe ich verstanden: Das war so etwas wie ein Lob: Du bist engagiert, mach etwas draus. Wenn man nicht mehr die Leidenschaft hat, Dinge zu verändern, wenn man nichts mehr will, sondern nur verwaltet, dann muss man besser aufhören. Leider ist das im Moment der Zustand in der deutschen Politik. Da ist keine Perspektive, keine Vision von dem, was eigentlich passieren muss. Das werfe ich vor allem der Kanzlerin vor.

ZEIT: In den vergangenen zehn Jahren: Was war das schönste Erlebnis?

Müntefering: Mein wichtigstes Amt, das, in dem ich am meisten Gestaltungsmacht hatte, war der Fraktionsvorsitz. Ich war da in einer Periode, in der wir am meisten bewegt haben von dem, was in der jüngeren Zeit wichtig war für Deutschland. Das war das Kernstück meines Handelns. Der schönste Moment war der Wahlsieg 1998, der Abend. Obwohl ich da nicht mitgefeiert habe. Ich habe mir meine Frau gepackt und bin lieber spazieren gegangen am Rhein.

ZEIT: Sie haben nicht mitgefeiert?

Müntefering: Nee, ich hab überhaupt nie mitgefeiert.

ZEIT: Warum nicht?

Müntefering: Ich weiß nicht. Ich hab mich sehr gefreut, ich war froh, ich war begeistert. Aber ich wollte einfach meine Ruhe haben. Ich wollte nicht alles noch mal sehen. Zum Glück ist das nie aufgefallen.

ZEIT: Was war der schmerzlichste Moment?

Müntefering: Das Wahlergebnis 2005: 35 zu 34. Ein Prozent mehr, und Schröder wäre vorne geblieben. Das war bitter. Für ihn, für mich, für uns alle.

ZEIT: Sie sind der einzige Mensch, der zweimal Parteivorsitzender der SPD war. Gehört das auch zu den Entscheidungen, die nicht so gut waren?

Müntefering: Der Ehrgeiz war es nicht, der mich da hingetrieben hat. Aber die Vorstellung, in der Nachfolge von Bebel und Brandt zu stehen, war verführerisch. Ich wollte das eigentlich nicht, ich habe mich gesträubt. Die Statik bei uns stimmte deshalb so gut, weil Schröder als Kanzler die Nummer eins war und ich als Generalsekretär einen Schritt dahinter, in völliger Loyalität. Gerd hat die Parteiversammlungen eröffnet, und ich hab gesagt, was gemacht werden soll. Ich hatte alle Möglichkeiten in der Partei. Für mich gab es also keinen großen Machtzuwachs mehr. Aber natürlich hat Eitelkeit eine Rolle gespielt.

Leserkommentare
  1. Irgendwie gibt es doch frappierende Parallelen zu dem missglückten Stoiber-Wahlkampf. Damals war Stoiber auch erst der stärkere Kandidat mit der einer geschlossenen CSU im Rücken. Merkel hatte damals ihm den Vortritt gelassen, damit sich dieser an dem Schröder abarbeitet. Irgendwie ist damals auch alles schief gelaufen und der Stoiber war hinterher mehr eine Witzfigur, als ein ernstzunehmender Politiker. Die CSU wurde marginalisiert und für Merkel war der Weg frei.

    Wenn man sich jetzt die Aussagen von Münte, über die fehlende Unterstützung von Steinbrück durchliest, bleibt der schale Verdacht, dass Gabriel ein ähnliches Spiel versucht, zumal die Agenda-Leute nach einer verlorenen Wahl nur wenig zu bestellen hätten.

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  2. Ich mag gar nicht lesen, was dieser 73 Jahre alte Mann da im Zeit-Artikel alles von sich gibt. Denn Müntefering ist für mich "gestorben", seit er der SPD gemeinsam mit Schröder, Clement, Steinmeier und den anderen Seeheimen alles Sozialdemokratische ausgetrieben und es derart willfährig durch "alternativlose" neoliberale Inhalte ersetzt hat, dass man hätte glauben können, er müsste einen Befehl von CDU und FDP ausführen.

    Hartz IV und Agenda 2010 sind ein historischer Sündenfall und ein unglaublicher Verrat an den Stammwählern, von dem sich die SPD wahrscheinlich (hoffentlich) nie mehr erholen wird. Dafür trägt Müntefering die Verantwortung, dieser sauerländische Biedermann, der als Brandstifter die Lunte an den deutschen Sozialstaat und die Soziale Marktwirtschaft gelegt hat.

    14 Leserempfehlungen
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    2 Jahren nach der Agenda 2010 wurde Schröder dafür abgewählt und seit dieser Zeit gibt es standhafte ehemalige "SPD-Wähler", die nun - stellvertretend - die SPD für Fehler der Agenda bei jeder Bundestagswahl mit Liebesentzug bestrafen wollen.

    Spannend deshalb, weil "die Kanzlerin - Königin ohne Land" - mit dem Erfolg der Agenda 2010 zur populärsten Politikerin aufgestiegen ist und eins garantiert nicht tun wird: Die im beantworteten Kommentar monierten Fehler beheben!

    Masochismus pur!

    • biggerB
    • 15. August 2013 20:31 Uhr

    einer der herausragenden Gründe für das "um die 25% Dümpeln" der sPD, früher auch bekannt als SPD, ist genau dieser Herr Müntefering der meint,
    dadurch, dass er die schwache Flanke seiner Partei durch derartige Interviews wie dieses NOCH WEITER aufreißt, etwas positives(???) für "seine" SPD zu tun.
    EIN Unglück kommt eben selten allein, manchmal gehört halt auch ein Interview dazu!

    MfG
    biggerB

    8 Leserempfehlungen
  3. 4. [...]

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    • jagu
    • 15. August 2013 21:08 Uhr

    .. und genau als das wird er auch in die Geschichte eingehen.

    Entweder es ist Schwäche oder Dreistigkeit - seine Story stimmt ja so einfach nicht und die tägliche Realität des Arbeitnehmers heute straft ihn täglich millionenfach Lügen.

    Insofern ist er selbst für seine geschichhtlich eher tragischen Rolle verantwortlich. So wie Kohl, Clement, Genscher, Lambsdorf, Schilly und wie sie alle heißen.

    Insofern ist es belästigend bis beleidigend, wenn wir Leser jetzt immer wieder zu Statisten seiner Lebenslüge degradiert werden.

    Wirklich interessant wäre doch vielmehr, wenn er wirklich Karten auf den Tisch legen wollte:

    Warum z.B. Lafontane erst Stimmen fangen durfte und nach gewonnener Wahl zurücktrat bzw. zurücktreten musste, weil er im Neoliberalen Regierungssprogramm von Schröder und Müntefering einfach über war und das auch selbst nicht verantworten konnte.

    In welche menschenverachtender, schäbigen Art und Weise der aufrechte Sozialdemokrat Lafontain persönlich und politisch von der SPD unter Müntefering "kaltgemacht" wurde - zeigt doch ganz deutlich, wo Müntefering in Wahrheit steht.

    In einer Linie mit Clement - darüber täuschen auch solche Interviews nicht hinweg.

    Und auch für den Interviewer Dausen/Hildebrandt ist das wahrlich gar kein Kompliment, es gibt wahrhaftig wichtigere Fragen, die man so einem Politiker heute noch stellen könnte und müsste.

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  4. 2 Leserempfehlungen
    • sf2000
    • 16. August 2013 6:51 Uhr

    ... über dieses Zitat. Immerhin scheint es sowas wie die Quelle zu sein, nachdem wir bisher nur mit Interpretationen versorgt wurden. Ich würde nach 2009 auch jede Gelegenheit nutzen, meine Lebensleistung zu verteidigen, die allein durch das Arbeitspensum in der Tat enorm ist.

    Die wirklich schädlichen Äußerungen sind aber gar nicht die über den Wahlkampfstart - die sind eigentlich nur ehrlich - sondern die sture, betriebsblinde Verteidigung der Agenda 2010, die sich in erster Linie dadurch auszeichnet, dass sie nie fertig wurde. Die Arbeitsagenturen wurden nie zu den effizienten Dienstleistern und Verbündenten der Arbeitslosen umgebaut, die sie werden sollten. Sie sind stattdessen zu Straflagern verkommen, die im eigenen Papierkrieg ersticken.

    Die Erholung auf dem Arbeitsmarkt ist so gesehen ein rein statistische, und schon die ist hart erkauft. Sie hat die SPD aus gutem Grund 10 Millionen Wähler gekostet, die in den letzten 8 Jahren gewartet haben, dass sie da irgendwie raus findet. Stattdessen hat der Mann die dann Rente "reformiert".

    Das wird die Lebensleistung sein, an die man sich erinnert. Und sie endet mit 23 Prozent. Er ist so gesehen gut weg gekommen. Wenn er möchte, dass die SPD sich wieder mehr mit ihm und seinem Wirken beschäftigt, sollte er sich das klar machen. Er sollte sich vor allem klar machen, dass das nicht mit einem Denkmal für ihn endet.

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  5. Es war einmal eine Partei, die sich schon sehr lange SPD nannte. Plötzlich stelle sie fest, dass ja 2013 Bundestagswahlen sein sollen. Obwohl sie sich nicht die geringsten Chancen ausrechnetet, musste sie einen Kandidaten aus dem Hut zaubern. Da Peer der Älteste der o.g. Partei ist, wurde er flugs zum Kandidaten erkoren. Die Partei hat sich dann gedacht, lass den Mann mal machen. Wir ruhen uns schön aus. Die Merkel gewinnt eh. Und wenn sie nicht gestorben sind, dümpelt die SPD auch die nächsten Jahre noch vor sich hin.

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