Beate Schücking sagt, es gebe zwei rote Fäden, die sich durch ihr Leben zögen. In den letzten Wochen hat sich einer davon zu einem Wollknäuel verklumpt. Es fing damit an, dass sich einige Mitglieder des erweiterten Senats der Universität Leipzig an den ausschließlich männlichen Bezeichnungen in der Grundordnung der Uni störten, also suchte man Alternativen. Die Schrägstrichvariante "Professor/innen" war zwar geschlechtergerecht, aber zu umständlich. Also entschied man sich für das sogenannte generische Femininum: Fortan sollte in der Grundordnung der Uni durchgängig von Professorinnen die Rede sein, und eine Fußnote sollte klarstellen, dass damit auch Männer gemeint sind. Von da an wurde es kompliziert.

Im April beschloss der Senat die Änderung, im Mai nickte Beate Schücking als Rektorin sie ab, im Juni bekamen Medien Wind davon. In Zeitungen und auf Webseiten wurde behauptet, in Leipzig müssten Professoren jetzt immer und überall mit "Herr Professorin" angeredet werden. Das stimmt zwar nicht, aber die Geschichte war in der Welt. Journalisten schrieben hämische Kommentare, Leser Hass-Mails.

"Das ist doch ein Symptom dafür, dass es noch sehr viele Männer gibt, die sich nicht stark genug fühlen, so etwas auszuhalten", sagt Beate Schücking. Sie sitzt in einem schweren Lederstuhl im Rektorenzimmer der Uni Leipzig, gelegen im ehemaligen Königlichen Palais, mitten in der Stadt. Sie ist die erste Frau in diesem Zimmer, auf diesem Posten, 57 Jahre alt, promovierte Medizinerin. Sie könnte wütend sein, bitter zumindest: Die Gleichstellung und Förderung von Frauen ist ihr ein Herzensthema, ein roter Faden ihres Lebens, so sagt sie selbst. Nun ist dieses Thema in Verbindung mit ihr hochgekocht und übergelaufen bis in die internationalen Medien, allerdings in einer verqueren Debatte voller Missverständnisse. Beate Schücking wirkt dennoch gelassen. "Ich kann nur hoffen, dass die Menschen ihren Irrtum irgendwann nachvollziehen", sagt sie.

Die "Herr-Professorin-Krise" erzählt eine Menge über Beate Schücking. Zwei Tage nach der ersten Meldung gab sie ein Interview, sie erklärte die Entscheidung – und sie stand dazu. Sie sagte, es sei ein symbolischer Akt, der hoffentlich die Debatte über Geschlechtergerechtigkeit an den Unis belebe. "Sie hat sich in der Sache vor mich gestellt", sagt Josef Käs, Physikprofessor in Leipzig. Er hatte den entscheidenden Vorschlag zum generischen Femininum gemacht, seitdem das bekannt geworden war, erhielten er und seine Familie Droh-Mails. "Dass sie bereit ist, als Chefin anzupacken, hat uns damals auch überzeugt", sagt Käs, der Mitglied der Findungskommission war, die Beate Schücking als eine von zwei Kandidatinnen für die Wahl zur Rektorin vorgeschlagen hat.

Die Universität Leipzig ist eine große und traditionsreiche Hochschule, sie wurde 1409 gegründet und ist damit die nach Heidelberg älteste deutsche Uni. Heute studieren rund 28.000 Studenten in der sächsischen Metropole. Die Zahl sinkt, demografisch bedingt, seit einigen Jahren. Deshalb muss die Uni wie alle Hochschulen in Sachsen bis 2020 viele Stellen streichen. Als Rektorin der Uni Leipzig steckt Beate Schücking zwischen dem Sparzwang und dem Willen, das Profil der Uni zu schärfen und international sichtbarer zu machen. Sie muss unbequeme Entscheidungen fällen, aber sie erklärt sie, sie argumentiert, wie auch bei der Debatte um die Grundordnung.

Wenn man sie trifft, ist man überrascht, wie ruhig sie spricht, leise fast. Sie trägt einen türkisfarbenen Pullover, die dunklen Locken stehen ungebändigt vom Kopf. Wenn sie geht, hängen die Schultern etwas nach vorn, der Gang wirkt ein wenig unsicher. Wobei das, wie sich herausstellt, an einer gebrochenen Kniescheibe liegt. Vor vier Monaten stürzte sie auf den glatt gebohnerten Treppen des Palais. Statt vier Wochen Reha nahm sie eine Woche Zwangspause, das Bein ruht bei längeren Sitzungen auf einem Falthocker unter dem Tisch. "Sie ist ganz zurückhaltend im Auftreten", sagt Thomas Vogtherr, der vier Jahre lang mit ihr im Präsidium der Universität Osnabrück saß. "Aber ungemein sicher und stark in der Sache."