NaturaliensammlungDer Schatz des Herrn Godeffroy

Der Hamburger Kaufmann Johan Cesar VI Godeffroy besaß im 19. Jahrhundert die größte private Naturaliensammlung der Welt. Aus ihr speiste sich auch Hamburgs berühmtes Naturkundemuseum. Es wurde 1943 zerstört – und wartet bis heute auf seine Wiederauferstehung. von Matthias Glaubrecht

So schön wie die Mona Lisa war sie nicht. Aber für alle Naturkenner und Zoologen ist der Kopf der Hamburger Narwal-Dame mindestens so spektakulär wie da Vincis Gemälde im Louvre. Denn dieser Schädel mit gleich zwei Stoßzähnen ist ein naturkundliches Objekt von Weltrang. 1684 kam er an Bord des Walfängers Der Güldne Löwe aus den Gewässern Grönlands nach Hamburg – wo er bis heute aufbewahrt wird.

Der Schädel ist Teil einer über die ganze Hansestadt verstreuten und in maroden Depots versteckten naturkundlichen Sammlung, die zu den bedeutendsten Europas gehört. Ihre abenteuerliche Geschichte erzählt von den Wechselfällen naturwissenschaftlicher Forschung ebenso wie von den Schicksalsschlägen Hamburgs; von kühnen Expeditionen ebenso wie von Wirtschaftskrisen und einem behäbigen Senat, der mehr als einmal das Kulturgut seiner Stadt verspielte.

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Denn diese Sammlung zählt zu den wenigen in Deutschland, die nicht höfischen Ursprungs sind, die nicht von einem fürstlichen Kuriositätenkabinett herstammen wie die großen Sammlungen in Berlin und Wien. In Hamburg waren es selbstbewusste Bürger, waren es wohlhabende Reeder, ehrbare Kaufleute und ihre welterfahrenen Kapitäne, die exotische Naturalien zusammentrugen – wie der Kaufmann und Amateurforscher Peter Friedrich Röding, dessen kleines Privatmuseum 1804 auch den berühmten Doppelzahn zeigte.

Die hanseatischen Sammler profitierten von der einzigartigen Situation der Stadt als Zentrum des Welthandels. Exemplarisch dafür ist die Geschichte des Johan Cesar VI Godeffroy, eines Reeders und Kaufmanns, der lange den Handel mit der Südsee beherrschte. Er unterhielt in seinem Kontor- und Speicherhaus am Wandrahmfleet das reichste naturkundliche Privatmuseum der Welt.

Die Chronik der Godeffroys ist eine der großen deutschen Familiensagas, "eine Geschichte von ungeheurem Familienehrgeiz", wie Gabriele Hoffmann 1998 in ihrer Biografie des Reeder-Clans schrieb. Allerdings nahm diese glanzvolle Geschichte ein eher schnödes Ende: Die Reederei ging unter; vor hundert Jahren, 1913, wurde der Name aus dem Handelsregister gelöscht.

Die Godeffroys stammten von Hugenotten ab, die Frankreich 1685 verlassen hatten. Bereits die Vorfahren in La Rochelle waren Kaufleute gewesen. Der dritte Cesar Godeffroy brachte 1737 einen Teil der Familie über Umwege nach Hamburg, wo er eine Weinhandlung eröffnete. Mit Unternehmergeist ausgestattet, gründete sein Sohn Cesar IV 1766 das Handelshaus Joh. Ces. Godeffroy & Co. Auf gecharterten Schiffen exportierte man Leinen aus Schlesien nach Spanien, brachte auf dem Rückweg Wein, Zucker, Kaffee und Kupfer nach Hamburg, hinzu kamen weitere Beteiligungen am Überseegeschäft. Auf diese Weise vermögend geworden, erwarb er 1781 ein Kontorhaus samt Speicher am Alten Wandrahm, seinerzeit eine der besten Adressen, später Teil der Speicherstadt. Dazu ließ er sich an der Elbchaussee, damals nur eine Staubpiste ins Nirgendwo, von dem dänischen Meisterarchitekten Christian Frederik Hansen ein Landhaus errichten, das in seinem reinen Klassizismus noch heute beeindruckt.

Doch die größte Expansion erlebt die Firma (seit 1806 Joh. Ces. Godeffroy & Sohn) durch seinen Enkel Johan Cesar VI, der im Juli 1813 zur Welt kommt. Nicht einmal 24 Jahre alt, wird er 1837 Teilhaber der Firma, 1845 übernimmt er die Leitung des Geschäfts. Cesar VI, ein "wirklich einmaliger Mann von klarem Weitblick und zielbewusster Tatkraft", wie ihn ein Chronist preist, ein Abenteurer in Frack und Zylinder, der mit seiner schwungvollen Art für sich einzunehmen weiß, steigt – mit einer eigenen Flotte von 27 Schiffen – zum größten Reeder in Hamburg auf. Zudem baut er eine Werft an der Elbe und erwirbt in Osnabrück ein Stahlwerk. Er, der selbst nie weiter in die Welt hinauskommt als bis nach London, wird Plantagenbesitzer in der Südsee und gründet rund um den Pazifik 45 Niederlassungen und Agenturen, deren wichtigste von Familienmitgliedern geleitet werden.

Leserkommentare
  1. Wo bleibt denn die hanseatische Zurückhaltung Herr Glaubrecht?

    ... einzigartigen Situation der Stadt als Zentrum des Welthandels.

    Es gab niemals ein Zentrum des Welthandels.Lediglichm, wenn man es auf Diamanten einschränkt, kann man von einem Zentrum des Welthandels sprechen, da dort, bis auf kleine Bestände, alle Rohdiamanten über den Tisch gingen und geschliffen wurden. Dieses Zentrum ist aber Amsterdam.

    Hamburg als "Tor zur Welt" oder größter deutscher Seehafen. Gerne, aber Hamburg ist noch nicht einmal der wichtigste Seehafen für Deutschlands Handel. (Da gibt es noch so einen kleinen Hafen bei einem unserer westlichen Nachbarn, der so groß ist, wie der Hamburger Hafen gerne wäre.)

    Das Problem ist, das Sie mit solchen Superlativen den eigentlich lesenswerten Artikel kaputt machen. Wenn die Aussagen zu Hamburg schon derart zu relativieren sind, was gilt dann erst für die Sammlung selbst?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Finden Sie Ihre Kritik nicht ein bisschen kleinlich und am Thema vorbei?

    Hamburg war und ist sicherlich EIN Zentrum des Welthandels und sein Hafen gehört zu den größten und bedeutensten Europas. Das galt zu Godeffroys Zeiten sicher noch mehr als heute.

    Ansonsten vielen Dank Herr Glaubrecht für diesen interessanten und ausführlichen Artikel und ebenfalls danke an die ZEIT, dass sie dieses Thema hier aufgreift. Es gibt unzählige ähnliche Beispiele für den beschämenden Umgang unserer ehemaligen Kulturnation mit den wissenschaftlichen Schätzen, die oftmals aus einer Zeit stammen, als Unternehmertum auch gleichzeitig noch als gesellschaftliche Verantwortung wargenommen wurde und die anschließend staatlichen Instanzen anvertraut wurden, in der Hoffnung darauf, dort ihrem Wert entsprechend behandelt zu werden.

    Leider wird diese Hoffnung meist enttäuscht, insbesondere dann, wenn es sich um naturwissenschaftliche Sammlungen handelt, die fast immer als nachrangig gegenüber Kunst- und geschichtswissenschaftlichen Sammlungen behandelt werden.

    Vorrangiges Problem bei der Betreuung dieser Sammlungen sind die mangelnden Personalmittel, obwohl die Universitäten jedes Jahr viele gut qualifizierte und hoch motivierte Fachkräfte für solche Tätigkeiten produzieren und obwohl die Vergütungen für solche Experten im öffentlichen Dienst weiß Gott nicht weltbewegend sind. Stattdessen gehen viele Taxi fahren, oder sind irgendwann in der Wirtschaft, wenn sie Glück haben.

  2. Finden Sie Ihre Kritik nicht ein bisschen kleinlich und am Thema vorbei?

    Hamburg war und ist sicherlich EIN Zentrum des Welthandels und sein Hafen gehört zu den größten und bedeutensten Europas. Das galt zu Godeffroys Zeiten sicher noch mehr als heute.

    Ansonsten vielen Dank Herr Glaubrecht für diesen interessanten und ausführlichen Artikel und ebenfalls danke an die ZEIT, dass sie dieses Thema hier aufgreift. Es gibt unzählige ähnliche Beispiele für den beschämenden Umgang unserer ehemaligen Kulturnation mit den wissenschaftlichen Schätzen, die oftmals aus einer Zeit stammen, als Unternehmertum auch gleichzeitig noch als gesellschaftliche Verantwortung wargenommen wurde und die anschließend staatlichen Instanzen anvertraut wurden, in der Hoffnung darauf, dort ihrem Wert entsprechend behandelt zu werden.

    Leider wird diese Hoffnung meist enttäuscht, insbesondere dann, wenn es sich um naturwissenschaftliche Sammlungen handelt, die fast immer als nachrangig gegenüber Kunst- und geschichtswissenschaftlichen Sammlungen behandelt werden.

    Vorrangiges Problem bei der Betreuung dieser Sammlungen sind die mangelnden Personalmittel, obwohl die Universitäten jedes Jahr viele gut qualifizierte und hoch motivierte Fachkräfte für solche Tätigkeiten produzieren und obwohl die Vergütungen für solche Experten im öffentlichen Dienst weiß Gott nicht weltbewegend sind. Stattdessen gehen viele Taxi fahren, oder sind irgendwann in der Wirtschaft, wenn sie Glück haben.

    • Fachnir
    • 24. August 2013 15:43 Uhr

    Ich wundere mich schon lange, wieso ausgerechnet eine Weltstadt wie Hamburg kein Naturkundemuseum hat.

    Eine Leserempfehlung

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