Homosexuelle in Russland: Was denkt die Gesellschaft?Schweigt und verschwindet!

Wer vor russischen Jugendlichen übers Schwulsein redet, zerstört angeblich ihre Reinheit. Will sie verführen. Warum bloß ist Russland so homophob? von Mareike Aden

Ein russisches Paar, Yury Gavrikovand und Maxim Lysak, werden von Polizisten umringt.

Ein russisches Paar, Yury Gavrikovand und Maxim Lysak, werden von Polizisten umringt.  |  © Alexander Demianchuk/Reuters

Der Parlamentsabgeordnete Witali Milonow aus St. Petersburg ist gern gesehen in den Talkshows des russischen Staatsfernsehens. Wer schwul oder lesbisch sei, der brauche Heilung und werde sie in der Kirche finden, erzählt er. Dann applaudieren die Leute. Milonow ist einer der Erfinder des Gesetzes, das "Propaganda von nicht traditionellen sexuellen Beziehungen" in Anwesenheit von Minderjährigen verbietet. Seit eineinhalb Jahren gilt es in St. Petersburg, seit Ende Juni in ganz Russland.

Milonow findet, jemand wie der Journalist Anton Krassowski müsse Buße tun: Krassowski hatte einen angesehenen Job bei einem Kreml-freundlichen Internetfernsehsender. Bis ganz Russland erfuhr, dass er schwul ist.

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Und jemand wie Wadim braucht laut Milonow auch Heilung. Wadim ist 28 Jahre alt, PR-Manager und mit einem Engländer zusammen. Vor fünf Jahren ist er aus Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, in die Hauptstadt gekommen – um mehr zu verdienen und freier zu leben im anonymen Moskau. Aber jetzt fühlt er sich auch hier immer unsicherer. Wadims Arbeitskollegen wissen nicht, dass er schwul ist. Er hat nur seine engsten Freunde eingeweiht, deshalb darf sein wahrer Name nicht bekannt werden. "Ich will doch nicht enden wie Anton Krassowski", sagt Wadim.

Krassowski, 38 Jahre alt und Moderator, hat eine Sendung zu dem neuen Gesetz mit den Worten beendet: "Ich bin schwul und genauso ein Mensch wie Wladimir Putin oder Dmitri Medwedew." Seitdem treibt ihn Wut um: weil er seit einem halben Jahr arbeitslos ist. Weil er nichts Neues findet. Weil er nicht mehr dazugehört. Aber auch, weil Schwule in den USA nun aus Protest russischen Wodka ausschütten und zum Boykott der Olympischen Winterspiele in Sotschi aufrufen. Das schüre in Russland noch mehr Hass und provoziere weitere repressive Gesetze, meint Krassowski.

Krassowski wollte anderen Schwulen ein Beispiel sein. Aber sein Fall zeigt vor allem eines: Selbst wer in Russland zum System Putin gehört und die Opposition kritisiert, der gehört nach einem öffentlichen Coming-out nicht mehr dazu. Er ist dann einer der Anderen, einer der Ausgestoßenen – von der staatlichen Politik an den Pranger gestellt.

Ablehnung, Skepsis und Hass gegen Schwule gibt es überall auf der Welt. Auch dort, wo Homosexuelle inzwischen ausgelassen den Christopher Street Day feiern können. Es gibt sie in Ländern wie Deutschland, wo der Außenminister ebenso schwul ist wie der Bürgermeister der Hauptstadt. Aber während selbst im erzkonservativen Polen zumindest ein bekennender Schwuler und eine Transsexuelle im Parlament sitzen, hat die Duma ein Gesetz verabschiedet, das seine Wirkung tut.

Das Gesetz

Seit Ende Juni gilt in Russland das Gesetz, das "Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen" in Anwesenheit Minderjähriger verbietet. Der Inhalt ist schwammig formuliert: Dazu könnte auch ein aufklärendes oder beratendes Gespräch zählen. Privatpersonen werden mit umgerechnet bis zu 115 Euro bestraft, Personen in einem öffentlichen Amt mit bis zu knapp 1.200 Euro. Vereine und Unternehmen zahlen rund 11.000 Euro. Die Strafen sind deutlich höher, wenn die "Propaganda" über das Internet oder ein anderes Massenmedium verbreitet wird.

In ganz Russland ist es nun illegal, sich vor Minderjährigen oder in ihnen frei zugänglichen Medien positiv über Homosexualität zu äußern. Wer gegenüber einem Teenager sagt: Ich bin schwul und deshalb ein Mensch zweiter Klasse, könnte ungestraft davonkommen. Wer darauf besteht, als Schwuler genauso ein Mensch zu sein wie jeder andere auch, macht sich wahrscheinlich strafbar. Wahrscheinlich, weil das Gesetz absichtsvoll schwammig formuliert ist. Es wirkt nicht, indem es angewendet wird, sondern indem es in der Welt ist. Es schwebt unheilvoll über jeder Art von Debatte, über sexueller Aufklärung von Minderjährigen, über Filmfestivals oder Solidaritätskundgebungen für Homosexuelle.

Leserkommentare
    • TheWawa
    • 22. August 2013 20:36 Uhr
    1. [...]

    Entfernt. Bitte setzen Sie sich argumentativ mit den Inhalten des Artikels auseinander statt Spekulationen anzustellen. Danke, die Redaktion/jk

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die als diskriminierend wahrgenommen werden. Danke, die Redaktion/jk

    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/jk

    • Arrian
    • 22. August 2013 21:52 Uhr

    Natürlich kann eine derartige Meinungsäußerung Konsequenzen haben. Wenn ich mich in aller Öffentlichkeit - zumal als Prominenter - als homophob oder rassistisch bekenne, weiß ich ganz genau, dass dies Folgen haben wird. Anderenfalls wären meine Einlassungen ja ignoriert worden, was kaum in meinem Sinne wäre.

    Der Unterschied ist folgender: In autoritären Staaten wie Russland, in denen schon bestimmte Äußerung an sich verboten sind, werden die Konsequenzen gegen die Menschenrechte verstoßen, wie schon das Verbot an sich.

    In Demokratien wie der unsrigen muss ich mit heftigen Reaktionen derjenigen rechnen, die meine Meinung nicht teilen (warum sollen denn ausgerechnet die nicht sagen dürfen, was sie denken - wo ich selbst auf mein Recht poche, genau dies zu tun?). In der öffentlichen Debatte gibt es gesellschaftliche und gesetzliche Regeln: Ich darf niemand beleidigen oder körperlich angreifen. Ich darf auch niemand wegen seiner Meinung entlassen - es sei denn, er schädigt die Interessen meines Unternehmens oder meiner Institution. Wenn das Leitbild eines Mediums das Bekenntnis zu Toleranz und Integration enthält, muss ich mit Konsequenzen rechnen, wenn ich mich öffentlich dazu bekenne, bestimmte Gruppen von Menschen allein aufgrund ihrer Herkunft oder sexuellen Orientierung abzulehnen.

    Tue ich es dennoch, muss ich mit den Konsequenzen leben - aber keine staatliche Verfolgung befürchten. Außer ich rufe zur Gewalt oder zu sonstigen strafbaren Handlungen auf - siehe oben.

  1. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die als diskriminierend wahrgenommen werden. Danke, die Redaktion/jk

    Eine Leserempfehlung
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  2. ich entrüste mich nicht über Russland solange 15,4% der Deutschen angeben, sie wollen keine Schwulen Nachbarn. (Einfach nach "least tolerant country in Western Europe of homosexuals" googlen). Mag ja sein, dass es woanders schlimmer ist, aber Deutschland ist immernoch voller Hass und Ablehnung, wie man hier im Kommentarbereich gut sehen kann.

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    • TheWawa
    • 22. August 2013 21:22 Uhr

    Ich würde sagen: Menschen können voller Hass und Ablehnung sein. Nicht Russen, nicht Deutsche - was hat das mit der Nationalität zu tun?

    Es ist immer noch ein Unterschied, ob in einer Studie ~15% angeben, keinen homosexuellen Nachbarn haben zu wollen (Wohlgemerkt, ich habe mir die Studie nicht angeschaut und kann vermutlich innerhalb von 2 Minuten 10 Studien ausgraben, die Deutschland als das "Schwulenfreundlichste Land" darstellen...), oder ob per Gesetz ALLEN Menschen in einem Land verboten wird, neutral oder positiv vor Jugendlichen über Homosexualität zu reden.

    Zudem, im Artikel fallen in ähnlichen Fragen wesentlich krassere Zahlen in Russland...

    • Suryo
    • 23. August 2013 13:05 Uhr

    Der Unterschied ist, daß es früher noch viel mehr Menschen gab, die homophob waren. Das hat sich geändert - und zwar deswegen, weil es hierzulande eben NICHT verboten war und ist, sich positiv über Homosexualität zu äußern. In Russland soll das Gesetz genau das verhindern: Schwule und Lesben sollen gar nicht erst die Chance erhalten, Vorurteile abzubauen. Sie sollen auf ewig totgeschwiegen werden.

    • Mortain
    • 24. August 2013 11:42 Uhr

    Sie verwechseln da Menschenfeindlichkeit und Homophobie. Viele Deutsche sind nicht besonder Schwulen oder Fremdenfeindlich, aber Menschenfeindlich. Das hat seine Wurzeln in der German Angst. Schwule, Fremde, ALG2 Empfänger, Kinder, Querdenker (aber nicht Querulanten!), Behinderte und sog. Reiche bekommen das zu spüren.

    • TheWawa
    • 22. August 2013 21:22 Uhr

    Ich würde sagen: Menschen können voller Hass und Ablehnung sein. Nicht Russen, nicht Deutsche - was hat das mit der Nationalität zu tun?

    6 Leserempfehlungen
  3. 5. [...]

    Nach dem ich seit mehr als 10 Jahren in Russland lebe und arbeite (Unternehmer Hochtechnologie) kann ich mich wohl als Russlandkenner bezeichnen. Ich spreche auch Russisch.
    Vladimir Vladimirovich Putin macht nichts anderes als das was die grosse Mehrheit der Russen will. Und die Russische Gesellschaft ist nun einmal etwas anders als die Gesellschaft in Deutschland. Die Russisch Orthodoxe Kirche hat heute einen sehr hohen Stellenwert in der Gesllschaft und sie gestaltet die Gesellschaft aktiv mit. Und die Russische Politik, egal welcher Parteizugehoerigkeit pflegt ebenso ein sehr enges Verhaeltnis zur Kirche. Die Russen sind mit ihrer Kirche sehr eng verbunden, und der Glaube ist eine wesentliche Komponente im Leben der Russen. Und Homosexualitaet wird von der Russischen Gesellschaft nicht akzeptiert, die Russen wollen das nicht.
    [...]
    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf diskriminierende und aggressive Äußerungen. Danke, die Redaktion/jk

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    • Mavel
    • 22. August 2013 22:43 Uhr

    In einer freiheitlichen Gesellschaft kann aber die Mehrheit nicht einfach der Minderheit ihrer Menschenrechte berauben. Und die freie sexuelle Selbstbestimmung ist als Menschenrecht anerkannt, genauso wie die Meinungsfreiheit. Das resuliert letztlich daraus, dass es sich die Menschen nicht aussuchen können, ob sie nun homo oder hetero sind.

    Ich frage mich, ob Ihr Kommentar auch dann eine Redaktionsempfehlung bekommen hätte, wenn Sie über Behinderte in Russland geschrieben hätten. Die sind dort nämlich auch nicht gerade beliebt und können dabei in der Regel überhaupt nichts dafür, dass sie so sind wie sie eben sind.

    Im Übrigen können Aufklärungskampagnen und der staatliche Schutz der Menschenrechte zu einem Gesinnungswandel in der Bevölkerung führen. Deutschland ist das beste Beispiel dafür.

    so wie Menschen mit dem Namen "Goldstein" eben auch nicht zwischen 1933 und 1945 "erwünscht" waren. Muss man halt alles akzeptieren....

    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Darüber hinaus bitten wir darum, zum konkreten Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/jk

    ich interpretiere die Redaktionsempfehlung nun einfach mal so, dass der Aussage: "Dat is in Russland halt so", zugestimmt wird.
    ich maße mir nicht an, die Situation in Russland zu beurteilen, Russland habe ich (und werde es wohl auch erst mal) nicht bereis(t/en)...
    irgendwie hat dieser Kommentar dennoch so ein...hmm...“Gschäckle“...da mag ich mich irren, ein Teil wurde ja auch schon "zensiert", in diesem Fall bitte ich Detlev G. Pinkus jegliche Unterstellung meinerseits zu entschuldigen. Aber, daher irritiert mich die Empfehlung der Redaktion, ist das tatsächlich ein Argument? Wenn das Volk will / akzeptiert / duldet, dass Menschen aus besagten Gründen sogar ermordet werden, dann frage ich mich: Welche Rolle sollte hier ein Staat spielen?! Das Beispiel Deutschland 33-45 wurde ja schon genannt. Sehr treffend, wie ich meine! Ich würde noch "Steinigungen wegen Ehebruch" nennen, sollte man hier dann nicht auch sagen, "joa, wenn das Volk das nicht möchte...
    tatsächlich werde ich das Lesen weiterer Kommentare hier bewusst unterlassen, weil ich mich doch jedes Mal erschrocken bin, darüber, welchen Hass man hier (Zeit !), hinsichtlich dieses Themas, teilweise vernimmt.

    Die Anzahl der gestrichenen Beiträge spricht für sich: Auch in unserem Land ist Homophobie an der Tagesordnung, zum Glück aber nicht gesetzlich verankert.
    Daß Homosexualität etwas ist, das man von der Natur mitbekommt, wie Hautfarbe oder ethnische Abstammung, hat sich eben noch nicht herumgesprochen. Man stelle sich vor, über Schwarze, Juden, Christen, Frauen, Männer usw. würde in den Medien so gesprochen werden, wie es über Schwule und Lesben üblich ist - ein Sturm der Entrüstung würde losbrechen. Aber bei homosexuellen ist das natürlich erlaubt. Jeder - einschließlich "Künstler", selbsternannte Moralapostel und Politiker - darf unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit homophobe Tiraden unter sich lassen. Die homophoge Gesetzgebung in Rußland ist völlig indiskutabel. Deutsche Politiker werden sich daran nicht stören. Immerhin will man ja Erdöl...

  4. 6. [...]

    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/jk

    Antwort auf "[...]"
    • Arrian
    • 22. August 2013 21:52 Uhr

    Natürlich kann eine derartige Meinungsäußerung Konsequenzen haben. Wenn ich mich in aller Öffentlichkeit - zumal als Prominenter - als homophob oder rassistisch bekenne, weiß ich ganz genau, dass dies Folgen haben wird. Anderenfalls wären meine Einlassungen ja ignoriert worden, was kaum in meinem Sinne wäre.

    Der Unterschied ist folgender: In autoritären Staaten wie Russland, in denen schon bestimmte Äußerung an sich verboten sind, werden die Konsequenzen gegen die Menschenrechte verstoßen, wie schon das Verbot an sich.

    In Demokratien wie der unsrigen muss ich mit heftigen Reaktionen derjenigen rechnen, die meine Meinung nicht teilen (warum sollen denn ausgerechnet die nicht sagen dürfen, was sie denken - wo ich selbst auf mein Recht poche, genau dies zu tun?). In der öffentlichen Debatte gibt es gesellschaftliche und gesetzliche Regeln: Ich darf niemand beleidigen oder körperlich angreifen. Ich darf auch niemand wegen seiner Meinung entlassen - es sei denn, er schädigt die Interessen meines Unternehmens oder meiner Institution. Wenn das Leitbild eines Mediums das Bekenntnis zu Toleranz und Integration enthält, muss ich mit Konsequenzen rechnen, wenn ich mich öffentlich dazu bekenne, bestimmte Gruppen von Menschen allein aufgrund ihrer Herkunft oder sexuellen Orientierung abzulehnen.

    Tue ich es dennoch, muss ich mit den Konsequenzen leben - aber keine staatliche Verfolgung befürchten. Außer ich rufe zur Gewalt oder zu sonstigen strafbaren Handlungen auf - siehe oben.

    6 Leserempfehlungen
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    Resume der Anmerkungen der Redaktion: Diskriminieren ist das aktuelle letzt-verbliebene Tabu.

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