Als Gegensatz zum dunklen Schiefergrau der Außenmauern sind die Zimmer in hellen Tönen gehalten – von ein paar sparsamen Farbtupfern abgesehen. © Linda Blatzek

Auf einem riesigen Supermarktparkplatz kurz hinter der Autobahnabfahrt wuchtet ein Herr im Sakko zwei Kisten billigen Dornfelder in seinen Lancia. Wir suchen ein "WeinKulturgut" und sind etwas irritiert von der Gewerbegebietskulisse – so nah schon am Ziel, und noch so wenig Idylle? Der Mann weist uns freundlich den Weg, und unser Argwohn weicht schnell. Bereits nach hundert Metern zieht uns der Duft von Lavendel und Rosmarin in die Nase, und wir schauen in die umliegenden Weinberge, die mit einem hellgrünen Muster aus unterschiedlich breit gesetzten Rebzeilen überzogen sind.

Schon die Großeltern von Markus Longen haben hier an der Mosel, in Longuich bei Trier, Trauben angebaut. Seit 2001 betreibt der Winzer mit seiner Frau Sabine zudem ein Weinlokal. Und neuerdings kann man hier auch übernachten, in zwanzig Häuschen, die der bekannte Mailänder Architekt Matteo Thun für diesen Ort entworfen hat. Sie stehen zwischen neu gepflanzten Obst- und Nutzgärten, säumen den Weg zum Haupthaus und sehen zunächst nicht sehr einladend aus. Das hat mit dem dunklen Schiefer zu tun, aus dem sie gefügt sind, und mit den schroffen Längsseiten, die zum Weg hin liegen. Lediglich ein schuhkartongroßes Fenster ist in die grobe Mauer eingelassen. In so einem düsteren Verschlag sollen wir übernachten?

Anreisende begrüßt das Ehepaar im Restaurant, das zugleich als Rezeption dient und mit seinen gestreiften Raffrollos und den gelben Wischtechnik-Wänden eher brav-gediegen wirkt. Erst beim Hinausgehen bemerken wir den neuen, lichten Anbau mit den hellen Holzmöbeln – ein weiteres Werk von Thun, das den bisherigen Gastraum in einem schlichteren, fast puristischen Stil vergrößert. Früher war der Italiener als Mitglied der Designgruppe Memphis für poppig-verspielte Formen bekannt. Mittlerweile hat er sein Image geändert, schwört auf natürliche, regionale Materialien und achtet auf Nachhaltigkeit. Da auf den Hügeln ringsum der hohe Schiefergehalt des Bodens für die Güte der Weine sorgt, hat er das graue Gestein als Mauerwerk verwendet. Auch die Form seiner Häuschen orientiert sich an einem lokalen Modell, dem Geräteschuppen der Winzer. Und die scheunentorartige Tür aus Holzlatten macht die Camouflage fast perfekt. Solange sie zugesperrt ist, fällt es viel leichter, sich im Inneren Harken und Rasenmäher vorzustellen als Bett und Duschkabine.

Unser Häuschen allerdings ist bereits aufgesperrt. Wir müssen nur noch durch eine großzügige Glasflügeltür treten. Und mit diesem Schritt über die Schwelle lassen wir alle Schuppen-Bilder hinter uns. Das große Doppelbett, das frontal zum Eingang steht, sieht so verlockend aus, dass man augenblicklich darauf niedersinken möchte. Die Wände sind weiß, Möbel und Fußboden aus heller Eiche. Wie Farbtupfer auf einem Miró-Gemälde sind dunkelrote Details im Raum verteilt: eine Tagesdecke, die aussieht wie handgestrickt, ein Lampenkabel, ein Stuhl. Viel mehr gibt es hier auch gar nicht – abgesehen von einem schmalen Schreibtisch, einem Lehnstuhl und einer handgeschriebenen Begrüßung neben frisch gepflückten Wiesenblumen. Kein Nippes, keine gerahmten Landschaftsdrucke, nicht einmal eine Uhr ist vorhanden. Fast kommt es mir frevelhaft vor, dass die eigenen Sachen so bunt sind. Mit einem leichten Schuldgefühl trage ich einige davon gleich weiter in den Badbereich, der sich, durch eine beidseits offene Wand vom eigentlichen Zimmer getrennt, am rückwärtigen Ende unserer Einraumhütte befindet. Jetzt aber doch kurz ins Bett! Herrlich. Durch die große Glastür strömt so viel Licht ins Zimmer, dass wir fast meinen, im Freien zu liegen.

Zu jedem Häuschen gehört ein unterschiedlich begrüntes Vorgärtchen aus Nutz- und Zierpflanzen. Vom Bett aus schauen wir direkt auf üppige Salbeibüsche, die zwischen Zitronenmelisse und hellen Rosen wachsen – und auf ein identisches Winzerhäuschen gegenüber, das einem für Momente suggeriert, man blicke in einen gigantischen Spiegel. Drüben wachsen Minze, Nelken und Hainbuchen. Dahinter schüttelt eine Reinigungskraft das Bett auf. Wäre das Zimmer bereits wieder belegt, dann könnten wir und unsere Gegenüber uns bequem beim wechselseitigen Rumliegen beobachten. Wer sich vor entsprechenden Einblicken schützen wollte, müsste schon einen dichten Vorhang vorziehen und verlöre damit alles Sonnenlicht. Wir gehen spazieren. In den Weinbergen hat man eine perfekte Aussicht auf den elegant gewundenen Flusslauf der Mosel. Stundenlang kann man an den niedrigen Schiefermauern entlanglaufen, die die steilen Hänge in Terrassen unterteilen. Es dauert nicht lange, und der Schiefer ist uns zum vertrauten Anblick geworden.

Die Einraumhütte von innen © Linda Blatzek

Am Abend finden wir im Restaurant heraus, dass sich aus den hier gewonnenen Trauben Burgunderweine, Riesling und Chardonnay von bemerkenswerter Qualität herstellen lassen. Die Zutaten der regionalen und internationalen Gerichte stammen fast alle von Höfen und Metzgern der Umgebung. Die Tortellini in Riesling-Sahne-Soße schmecken wunderbar, auch die Garnelen mit Pesto-Spaghetti sind auf dezente Art raffiniert, und der duftige Rosé-Sekt perlt so fein, dass ich mit einem Glas nicht auskomme.

Hinterher steigen wir übermütig auf "Matteos Baumhaus", das zwischen dem Restaurant und unserer Häuschenzeile in einen prächtigen Kirschbaum hineingebaut ist. Ob sich Matteo Thun hier einen Kindheitstraum erfüllt hat? Nein, das Hüttchen gehört ganz einfach dem Sohn der Familie Longen; auch er heißt Matteo.

Am nächsten Morgen stellen wir fest, dass wir nichts vermisst haben, weder einen Fernseher noch eine Minibar. Ausgeruht schlendern wir zwischen Kräutern und Himbeerbüschen zum Frühstücksraum. Auch hier herrscht der lichte Thun-Look mit großen, weißen Stofflampen und gradlinigen Holzmöbeln. Die Gäste sitzen an einer langen Tafel auf Stühlen in vier verschiedenen Designs, einige davon rot lackiert. Ein wenig fühlen wir uns wie Neuankömmlinge in einer großen Wohngemeinschaft. Das vom Kind der Sitznachbarn verschmähte Stück Kuchen lassen wir uns so unbefangen herüberreichen, als kennten wir einander schon länger.

Versonnen schaue ich durch eine breite Glasfront auf das Karomuster der Weinberge mit ihren lustig verbuschten Gipfeln. Schade nur, dass die wuscheligen Partien in Wirklichkeit nur zeigen, dass hier ganze Felder brachliegen, weil sich der Weinbau für viele nicht lohnt. Warum bloß, frage ich mich noch, als mir plötzlich der Mann vom Supermarkt mit dem Dornfelder wieder einfällt.