Inklusion : Sie kann lächeln

Inklusion bedeutet: Behinderte Kinder sollen nicht ausgeschlossen werden. Unsere Autorin Sandra Roth suchte einen Kindergartenplatz für ihre schwerbehinderte Tochter.

Lotta soll in den Kindergarten gehen? Ben lacht. "Die kann doch gar nicht gehen." Lotta ist zwei und so schwer behindert, dass sie sich nicht mal an der Nase kratzen kann, ihr Bruder Ben ist fünf und einer der wenigen Menschen, die das Wort behindert so aussprechen wie blond oder kleine Schwester. "Wie geht das, Mama?", fragt Ben und lacht schon wieder. "Lotta kann nicht Fangen spielen, nicht singen, nicht malen ..." Was macht ein Kind im Kindergarten, das so viel wohl nie lernen wird? Den anderen zusehen kann sie auch nicht, sie ist auch schwer sehbehindert. "Lächeln", sagt Ben. "Das kann sie da. Kindergarten ist lustig, Mama." – "Genau", sage ich. Reicht das?

Lotta wurde mit einer Gefäßfehlbildung im Kopf geboren, einer sogenannten Vena-Galeni-Malformation. Ein Teil des sauerstoffreichen Bluts in ihrem Kopf nahm schon während der Schwangerschaft eine Abkürzung – am Gehirn vorbei. Heute steht auf ihrem Behindertenausweis "100 Prozent" und in ihren Arztbriefen "schwer mehrfach" und "spastische Cerebralparese", sie bekommt Pflegestufe 3 und macht große Fortschritte dabei, ihren Kopf gerade zu halten.

Sie lacht, wenn im Radio Michael Jackson läuft, und gurrt wie eine Taube, wenn Ben sich neben sie legt und ihr vom Kindergarten erzählt. Sie hat blonde Locken, große Augen und Knie, die immer nach innen zeigen. Jede Woche absolviert sie Therapiestunden bei der Physiotherapeutin, der Logopädin und der sogenannten Sehfrühförderung, bei der sie schon gelernt hat, ihre Augen nicht kullern zu lassen, sondern still zu halten. Sie macht Fortschritte – weil sie gefördert wird.

Ben und Lotta heißen in Wirklichkeit anders. Wem diese Namen bekannt vorkommen, erinnert sich vielleicht an die Ausgabe des ZEITmagazins von Anfang 2012, in der ich von Lottas Diagnose erzählt habe. In einem Buch, das in diesen Tagen erscheint, geht die Geschichte weiter.

Behinderte Menschen leben oft in einer Parallelwelt

Bei unserer Kinderärztin liegt eine Petition von Eltern eines Mädchens aus, das ähnlich schwer behindert ist wie Lotta. Sie absolviert acht bis neun Stunden täglich ein auf sie abgestimmtes Therapieprogramm. Sie war nie im Kindergarten – die Therapie sei wichtiger, schreiben die Eltern. Nun sammeln sie Unterschriften, um ihre Tochter von der Schulpflicht befreien zu lassen. Das ist sicher ein Extremfall. Und doch – in welchem Kindergarten kann Lotta so individuell gefördert werden wie zu Hause? "Vielleicht geht sie in einen speziellen Kindergarten", erkläre ich Ben. "Nur für Kinder mit Behinderung." Heilpädagogische Einrichtung nennt sich das. Acht Kinder, drei Betreuer, viele Therapeuten. "Das ist doof", sagt Ben. "Da darf ich ja nicht rein."

Behinderte Menschen leben in Deutschland in einer Parallelwelt. Den Kindergarten besuchen sie oft noch gemeinsam mit den Nachbarskindern, doch spätestens in der weiterführenden Schule gehen behinderte Kinder in Sondereinrichtungen. Morgens werden sie mit dem Bus abgeholt, kaum einer macht einen Abschluss, einzige Perspektive für die meisten: die Behindertenwerkstatt. Gut gefördert, aber unter sich, abgeschottet, weit weg von dem Leben, das Ben führen wird. Will ich das für meine Tochter? Zu Hause lebt sie auch nicht unter schwerbehinderten Menschen – warum sollte sie es im Kindergarten? Ich rufe trotzdem zuerst im heilpädagogischen Kindergarten an.

"Ich wollte mit meiner Tochter mal vorbeikommen und uns eventuell anmelden."

"Das wäre schön", kommt es vom anderen Ende. "Aber das geht leider nicht."

"Wieso?" – "Wir schließen." – "Wieso?" – "Wir sind politisch nicht mehr gewollt." Es ist der letzte heilpädagogische Kindergarten in Köln.

2009 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert, in dem Jahr, in dem Lotta geboren wurde. Inklusion heißt das Stichwort dazu. Integration hieß: Du darfst mitmachen – wenn du dich anpasst. Inklusion heißt: Wir gehören alle zusammen. Die inklusive Gesellschaft soll keinen mehr ausschließen. Alle Menschen haben beispielsweise Anspruch auf den gleichen Zugang zu Bildung, alle Kinder sollen auf die gleichen Schulen gehen können. Das ist ein Menschenrecht. Im Moment gehen in Deutschland nur circa 25 Prozent der Schüler mit Förderbedarf auf Regelschulen, in anderen Ländern sind es 85 Prozent. Das soll sich ändern. Nur wie? Sollen die Sonderschulen geschlossen werden – so wie der Kindergarten in Köln geschlossen wurde? Sollen sie geöffnet werden für andere Kinder? Wie soll sie aussehen – die "eine Schule für alle"?

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

In die Tasche pinkeln ist blöd

@tamburin
Natürlich ist es nicht richtig, wenn jemand in eine Tasche pinkelt.

Adressiert waren mit meinem Beitrag jene Eltern, die sich über so etwas aufregen, ohne angemessen darauf zu reagieren. Dann führt die Befangenheit dazu, dass sie sowas auf einer Party erzählen, statt das Problem mit den Beteiligen zu diskutieren und zu lösen - so wie sie es vermutlich mit nichtbehinderten Kindern tun würden.