Man stelle sich einmal versuchsweise Vertreter der Automobilindustrie vor, die ihre Autos beharrlich als veraltet brandmarken. Das Produkt, das man verfertige, sei nicht mehr zeitgemäß, Fahrradfahren sei eh besser für den Kreislauf und so weiter. Man würde derlei für geschäftsschädigend halten: Wer kauft schon ein Produkt, von dem die Hersteller meinen, es sei überflüssig? Nur eine Branche glaubt, den eigenen Produkten mit Selbsthass begegnen zu dürfen: die Printmedien und ihre Onlineableger. Seit sich der Axel Springer Verlag von seinen Regionalzeitungen getrennt hat, findet ein Überbietungswettbewerb im Niederreden des Journalismus statt, als ginge es darum, möglichst effizient Leser und Anzeigenkunden zu vergraulen. Über Verlage wird derzeit berichtet wie sonst nur über die Atom- oder Waffenindustrie, die man auch immer sofort rückabwickeln möchte.

Die Debatte gewann vorletzte Woche an Schwung, als ausgerechnet im gedruckten Spiegel eine Geschichte erschien, die den Tageszeitungen ihren Untergang vorhersagte – wobei die Auflagenentwicklung des eigenen Hauses verschwiegen wurde. Einmal mehr wurde die als brandneue Erkenntnis präsentierte Beobachtung gemacht, der Leser habe früher konsumiert, heute kommuniziere er. Spiegel Online legt seither in diesem Sinne nach – mit täglichen Gastbeiträgen von sogenannten Medienexperten, die ihre Schadenfreude eint. Der Blogger der FAZ Don Alphonso (eigentlich Rainer Meyer) hat die schon etwas älteren Niedermacher der Zeitungen in seinem Blog treffend zu "Internet-Opas" erklärt, die "vom Zeitungskrieg" erzählen. Es wiederhole sich in ihren scheinfrischen Untergangsprognosen nur das Vokabular der New Economy, als man schon einmal meinte, alle überkommenen Industrien würden fröhlich ausgerottet.

Die Zeitungskrise wird häufig monokausal erklärt: als Strukturwandel der Rezeption. Als sei mit dem auf Interaktion gepolten User ein neuer und besserer, irgendwie demokratischerer Mensch entstanden, der jeden klassisch aufbereiteten Journalismus – ob nun auf Papier oder auf dem iPad – als unanständige Bevormundung begreift. Zeitunglesen ist, so besehen, letztlich unmoralisch. In dieser Logik müsste auch die Lektüre eines Romans übelstem Frontalunterricht gleichkommen (300 Seiten lesen ohne die geringste Interaktionsmöglichkeit!). Als bizarr gilt den Reinheitswächtern des Netzes jedenfalls die Vorstellung, jemand könnte an klassischer Zeitungslektüre (auf welchem Medium in Zukunft auch immer) und an Internetanarchie interessiert sein. Strukturkonservative Kulturkämpfer für das Offene neigen eben nicht zu Offenheit. Und schon gar nicht zu Gelassenheit.