Erwachsenwerden : Leben lernen

In Thüringen erkennt ein Junge, dass er schwul ist. In Berlin will ein Mädchen gegen den Rat ihrer Lehrer Artistin werden. Und im schwäbischen Backnang muss eine Schülerin damit leben, dass ihr Bruder in Afghanistan gefallen ist. Drei große Geschichten vom Erwachsenwerden.

Der Drahtseilakt

Das Mädchen sitzt auf der Schultoilette und betet. Sie ist sich nicht ganz sicher, ob das Gebet irgendwo ankommt, aber in diesem Moment hilft es ihr einfach zu beten. Bitte, mach, dass ich die Prüfung bestehe. Dann entriegelt sie die Tür und geht nach einem letzten Blick in den Spiegel in die Turnhalle. Alle Schüler der 10. Klasse haben sich dort versammelt. Einige machen sich warm, andere sitzen auf den Matten herum. Auf der Tribüne sind etwa 30 Leute, ein paar Eltern sind gekommen, ein paar Mitschüler der Artistenschule, die sie seit zwei Jahren in Berlin besucht. Die Trainer und der artistische Direktor sitzen an einem langen Tisch. Die Reihenfolge der Auftritte wird per Los festgelegt. Sandra, die ihren echten Namen nicht nennen will, um sich in Zukunft nichts zu verbauen, zieht die Nummer vier. Sie trägt ein schwarzes Cocktailkleid, besetzt mit Glitzersteinen, und hat sich selbst geschminkt. Sie ist zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alt, kaum über eins fünfzig groß, hat einen dunklen Pferdeschwanz, der hin und her schwingt, wenn sie den Kopf bewegt, und das unkalkulierte Lächeln eines ganz jungen Mädchens. Nach dem Ende der dritten Nummer steht sie auf und geht durch die Halle nach vorne, begleitet vom Klatschen des Publikums. Sie hört ihr Herz klopfen. Sie hat sich vorgenommen, nicht zu den Trainern hinzuschauen, sondern ins Publikum, und zu lächeln, immer zu lächeln. Ihre Hände sind feucht.

In den Wochen vor der Prüfung hat sie vor dem Einschlafen oft wach gelegen. Sie musste an die Blicke der Trainer denken, die sie während des Trainings anschauten und dabei keine Miene verzogen. An die Stille, in der sie nur ihren eigenen Atem hörte und das Geräusch, das das Drahtseil machte, wenn es unter ihren Füßen federte.

Einmal sahen zwei Trainer zu ihr hinüber und flüsterten. Sie versuchte, nicht darauf zu achten. Dann merkte sie: Verdammt, jetzt habe ich den Bauch nicht angespannt. Die beiden kamen auf sie zu.

Wir müssen reden, sagte der eine. Das sieht zu stämmig aus. Du musst abnehmen. Was isst du denn? Sie sollte einen Ernährungsplan machen. Sie schrieb alles auf, was sie aß, und machte Krafttraining, bis sie zitterte.

Sie versuchte, auch die anderen Vorgaben der Trainer umzusetzen: Du musst selbstbewusst wirken! Aufrechte Körperhaltung! Dynamik! Blickkontakt mit dem Publikum! Nicht aus der Rolle fallen!

Die Fläche ihrer rechten Hand war nach den Dauerübungen am Trapez von einer großen Blase überzogen. Die Blase platzte. Sie machte weiter, auch als die Hand zu bluten begann.

Sandra weinte oft in dieser Zeit, aber dann waren ihre Mitschüler da, die sagten: Glaub den Trainern nicht, die labern nur Scheiße. Tagelang schaffte sie es, sich gesund zu ernähren, dann aß sie wieder nur Pommes und Burger. Vor Leistungskontrollen hatte sie Magenschmerzen, konnte sich nicht mehr auf ihre Tricks konzentrieren, sah sich nur noch von außen.

Nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, erinnerte sie sich daran, warum sie vor zwei Jahren auf die Artistenschule gegangen war: Artisten, hatte sie damals gedacht, können Dinge mit ihrem Körper tun, die anderen Menschen nicht möglich sind. Sie gehen nicht jeden Tag ins Büro wie andere Erwachsene. Artisten lernen die Welt kennen und gehen bei jedem Auftritt ein Risiko ein.

Was war von diesem Traum geblieben? Kalorien zählen und den Bauch einziehen. Sie schien weiter entfernt von der Freiheit als je zuvor. "Da war so viel Druck. Ich konnte gar nicht aus mir herausgehen", sagt sie, wenn sie sich heute an diese Zeit erinnert.

In ihrem Kopf stritten zwei Stimmen miteinander. Du musst tun, was die Trainer sagen, sonst kommst du nicht ans Ziel, sagte die eine. Die andere fragte: Gibt es nicht noch einen anderen Weg?

Sandra ist jetzt auf der Bühne angekommen. Die Musik beginnt. Knapp fünf Minuten dauert ihre Nummer. Applaus setzt ein, sie verbeugt sich, geht zurück an ihren Platz. Dann schaut sie ihren Trainer an, der sonst so ernst ist, aber diesmal lächelt er. Endlich fällt die Anspannung von ihr ab. Als alle Schüler mit ihren Nummern durch sind, gehen die Trainer in den Besprechungsraum. Etwa nach einer Stunde kommt Sandras Trainer zurück in die Halle, wo jetzt nur noch die Schüler auf ihre Zensuren warten. Er sieht nicht mehr fröhlich aus. Er sieht aus wie jemand, der etwas tun muss, das er nicht tun möchte. Er sagt einem Mädchen am Eingang, sie solle bitte Sandra holen. Mit einem Schlag ist es ganz leise im Saal.

Ein Date, von dem keiner weiß

Es ist der 24. November 2012, und Marius steht an einer Kreuzung. Genauer: Er sitzt in einem Auto vor dem Mehrfamilienhaus in Sömmerda, in dem er wohnt, und neben ihm sitzt sein erstes Date, Alex, den er bislang nur aus dem Internet kennt und der ihm auf den ersten Blick gefallen hat und der wissen will, wie es jetzt weitergeht.

Wie? Weitergeht?, fragt Marius.

Weimar, erinnert ihn der andere. Spazierengehen im Goethepark, wie sie es sich ausgemalt haben, und obwohl Marius die Strecke oft gefahren ist, weiß er plötzlich nicht mehr, wie man da hinkommt.

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