Der Drahtseilakt

Das Mädchen sitzt auf der Schultoilette und betet. Sie ist sich nicht ganz sicher, ob das Gebet irgendwo ankommt, aber in diesem Moment hilft es ihr einfach zu beten. Bitte, mach, dass ich die Prüfung bestehe. Dann entriegelt sie die Tür und geht nach einem letzten Blick in den Spiegel in die Turnhalle. Alle Schüler der 10. Klasse haben sich dort versammelt. Einige machen sich warm, andere sitzen auf den Matten herum. Auf der Tribüne sind etwa 30 Leute, ein paar Eltern sind gekommen, ein paar Mitschüler der Artistenschule, die sie seit zwei Jahren in Berlin besucht. Die Trainer und der artistische Direktor sitzen an einem langen Tisch. Die Reihenfolge der Auftritte wird per Los festgelegt. Sandra, die ihren echten Namen nicht nennen will, um sich in Zukunft nichts zu verbauen, zieht die Nummer vier. Sie trägt ein schwarzes Cocktailkleid, besetzt mit Glitzersteinen, und hat sich selbst geschminkt. Sie ist zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alt, kaum über eins fünfzig groß, hat einen dunklen Pferdeschwanz, der hin und her schwingt, wenn sie den Kopf bewegt, und das unkalkulierte Lächeln eines ganz jungen Mädchens. Nach dem Ende der dritten Nummer steht sie auf und geht durch die Halle nach vorne, begleitet vom Klatschen des Publikums. Sie hört ihr Herz klopfen. Sie hat sich vorgenommen, nicht zu den Trainern hinzuschauen, sondern ins Publikum, und zu lächeln, immer zu lächeln. Ihre Hände sind feucht.

In den Wochen vor der Prüfung hat sie vor dem Einschlafen oft wach gelegen. Sie musste an die Blicke der Trainer denken, die sie während des Trainings anschauten und dabei keine Miene verzogen. An die Stille, in der sie nur ihren eigenen Atem hörte und das Geräusch, das das Drahtseil machte, wenn es unter ihren Füßen federte.

Einmal sahen zwei Trainer zu ihr hinüber und flüsterten. Sie versuchte, nicht darauf zu achten. Dann merkte sie: Verdammt, jetzt habe ich den Bauch nicht angespannt. Die beiden kamen auf sie zu.

Wir müssen reden, sagte der eine. Das sieht zu stämmig aus. Du musst abnehmen. Was isst du denn? Sie sollte einen Ernährungsplan machen. Sie schrieb alles auf, was sie aß, und machte Krafttraining, bis sie zitterte.

Sie versuchte, auch die anderen Vorgaben der Trainer umzusetzen: Du musst selbstbewusst wirken! Aufrechte Körperhaltung! Dynamik! Blickkontakt mit dem Publikum! Nicht aus der Rolle fallen!

Die Fläche ihrer rechten Hand war nach den Dauerübungen am Trapez von einer großen Blase überzogen. Die Blase platzte. Sie machte weiter, auch als die Hand zu bluten begann.

Sandra weinte oft in dieser Zeit, aber dann waren ihre Mitschüler da, die sagten: Glaub den Trainern nicht, die labern nur Scheiße. Tagelang schaffte sie es, sich gesund zu ernähren, dann aß sie wieder nur Pommes und Burger. Vor Leistungskontrollen hatte sie Magenschmerzen, konnte sich nicht mehr auf ihre Tricks konzentrieren, sah sich nur noch von außen.

Nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, erinnerte sie sich daran, warum sie vor zwei Jahren auf die Artistenschule gegangen war: Artisten, hatte sie damals gedacht, können Dinge mit ihrem Körper tun, die anderen Menschen nicht möglich sind. Sie gehen nicht jeden Tag ins Büro wie andere Erwachsene. Artisten lernen die Welt kennen und gehen bei jedem Auftritt ein Risiko ein.

Was war von diesem Traum geblieben? Kalorien zählen und den Bauch einziehen. Sie schien weiter entfernt von der Freiheit als je zuvor. "Da war so viel Druck. Ich konnte gar nicht aus mir herausgehen", sagt sie, wenn sie sich heute an diese Zeit erinnert.

In ihrem Kopf stritten zwei Stimmen miteinander. Du musst tun, was die Trainer sagen, sonst kommst du nicht ans Ziel, sagte die eine. Die andere fragte: Gibt es nicht noch einen anderen Weg?

Sandra ist jetzt auf der Bühne angekommen. Die Musik beginnt. Knapp fünf Minuten dauert ihre Nummer. Applaus setzt ein, sie verbeugt sich, geht zurück an ihren Platz. Dann schaut sie ihren Trainer an, der sonst so ernst ist, aber diesmal lächelt er. Endlich fällt die Anspannung von ihr ab. Als alle Schüler mit ihren Nummern durch sind, gehen die Trainer in den Besprechungsraum. Etwa nach einer Stunde kommt Sandras Trainer zurück in die Halle, wo jetzt nur noch die Schüler auf ihre Zensuren warten. Er sieht nicht mehr fröhlich aus. Er sieht aus wie jemand, der etwas tun muss, das er nicht tun möchte. Er sagt einem Mädchen am Eingang, sie solle bitte Sandra holen. Mit einem Schlag ist es ganz leise im Saal.

Ein Date, von dem keiner weiß

Es ist der 24. November 2012, und Marius steht an einer Kreuzung. Genauer: Er sitzt in einem Auto vor dem Mehrfamilienhaus in Sömmerda, in dem er wohnt, und neben ihm sitzt sein erstes Date, Alex, den er bislang nur aus dem Internet kennt und der ihm auf den ersten Blick gefallen hat und der wissen will, wie es jetzt weitergeht.

Wie? Weitergeht?, fragt Marius.

Weimar, erinnert ihn der andere. Spazierengehen im Goethepark, wie sie es sich ausgemalt haben, und obwohl Marius die Strecke oft gefahren ist, weiß er plötzlich nicht mehr, wie man da hinkommt.

Sein erster Kuss. Auf der Wohnzimmercouch

Ob er Weimar ins Navigationsgerät eingeben soll, fragt Alex. Nein, er kenne die Strecke, sagt Marius, und dann fällt ihm wieder ein, dass man, um von Sömmerda nach Weimar zu kommen, über Erfurt fahren muss und dass man, um nach Erfurt zu kommen, erst mal nach Schlossvippach fahren muss, aber wie es jetzt von Sömmerda nach Schlossvippach geht, ist ihm in dem Moment entfallen. Rechts? Links? Geradeaus? Umkehren?

Hey, sagt der andere, den er eine Woche zuvor auf gay.de kennengelernt hat und mit dem er sich seither jeden Tag schreibt: Alles gut.

Marius ist jetzt 18 Jahre alt, und niemand weiß, dass er an dieser Kreuzung steht. Seine Mutter ist übers Wochenende weggefahren. Sein Vater, der an diesem Abend Geburtstag hat, glaubt, dass er die Feier früher verlassen hat, um dem zuckerkranken Kater Garfield seine Insulinspritze zu geben. Seine Schwester ist in Weimar, eine Freundin besuchen. Er hofft, dass sie sich dort nicht zufällig über den Weg laufen. Als ob man etwas Schlimmes zu verheimlichen hätte, denkt er. Er weiß, dass Schwulsein nichts ist, für das er sich entschieden hat wie für eine Partei. Er kennt schwule Fernsehmoderatoren, Sänger, Politiker. Er hat den Film Brokeback Mountain gesehen, zusammen mit seiner Mutter auf dem Sofa, über zwei Cowboys, die heimlich zusammen sind, und seine Mutter meinte danach, dass es ein sehr guter Film sei.

Trotzdem kam ein Outing für ihn bisher nicht infrage. "Ich hatte ja keinen wirklichen Grund, weil ich eben keine Beziehung hatte. Man hat schon Angst, dass es sich negativ auf das Verhältnis auswirkt. Ich dachte, wenn ich es sage: Vielleicht ist es dann anders. Ich habe eine Art Gewinn-und-Verlust-Rechnung aufgemacht und gedacht: Letztendlich bringt es mir nichts." Er fürchtet, dass seine Mutter ihn mit anderen Augen betrachten und seine Oma keinen Kontakt mehr wollen könnte. Das Verhältnis zu seinem Vater, der ausgezogen ist, als Marius drei war, ist sowieso nicht besonders innig, Marius stört, dass der Vater seine Gefühle für ihn nur mit Geschenken zum Ausdruck bringt. Falls er überhaupt etwas für mich empfindet, denkt er manchmal.

An dem Abend läuft er mit Alex durch den Goethepark, zwei Stunden lang, obwohl es regnet, weil es einfacher ist, in der Dunkelheit nebeneinanderher zu laufen, als sich anzuschauen, und Alex sagt, dass er nicht aufgeregt sein müsse, dass alles perfekt sei. Und irgendwann erzählt Alex, der schon 30 ist, von seinem ersten Freund, der ihre Beziehung vor den Eltern verborgen habe, und sagt, dass er sich eine heimliche Beziehung nicht mehr vorstellen könne.

Hätte ich jetzt einen Freund, würde ich es meiner Familie erzählen, antwortet Marius.

Der Abend endet in Sömmerda. Sein erster Kuss. Auf der Wohnzimmercouch.

"So unwirklich", sagt Marius später darüber.

Als Alex schon wieder auf dem Rückweg ist, bekommt Marius eine Nachricht auf WhatsApp von ihm:

"Danke."

"Du brauchst dich nicht bedanken. Mir hat es mindestens genauso gut gefallen", antwortet Marius. Zwei Stunden später schreibt Alex noch einmal:

"Ich bin nun wieder zu Hause. Ich hab bei mir die Ausfahrt verpasst, rate mal, warum?"

Marius: "Mir ist der Abschied auch nicht leichtgefallen. Hätte nicht gedacht, dass ich das nach so kurzer Zeit sagen würde. Und Garfield mag dich auch."

Als Marius geboren wurde, 1994, war Homosexualität schon lange kein Tabu mehr. Als in den Niederlanden als erstem europäischen Land gleichgeschlechtliche Partner heiraten können, ist er sechs; als sich Prominente wie Klaus Wowereit outen, geht er zur Schule. Aber Marius ist ein Kind. Und wie alle Kinder will er dazugehören, und er hat Eltern, die wollen, dass ihr Kind kein Außenseiter ist.

Der Junge war von Anfang an anders: Seine Mutter, eine Krankenschwester, sah es nicht gerne, wenn er mit den Barbiepuppen seiner älteren Schwestern spielte. Tu die Teile weg, sonst nehm ich sie dir weg, sagte sie. Sein Vater kaufte ihm welche, Hauptsache, er freute sich. Marius nahm sie mit nach Hause und holte sie immer dann hervor, wenn seine Mutter sich föhnte. Sobald der Föhn ausging, versteckte er sie.

In der 1. Klasse schickte ihn seine Mutter in einen Fußballverein, aber nach dem Probetraining riet der Trainer zu einer anderen Sportart: Der Junge hatte die ganze Zeit im Rasen nach vierblättrigen Kleeblättern gesucht. Sie einigten sich schließlich auf Schwimmen.

An einem Besuchswochenende bei seinem Vater sahen sie einen Mann mit Flipflops über die Straße laufen: Sieht das schwul aus!, sagte der Vater, der als Modelltechniker arbeitet und die Formel1 liebt. Marius war 12, und er ahnte bereits, dass das Thema etwas mit ihm zu tun hatte. Er stimmte dem Vater zu, um von sich abzulenken. In der Schule trug er weite Kapuzenshirts wie die anderen, obwohl er lieber enge Sachen getragen hätte.

In der Schule fiel er trotzdem auf. Schwuchtel nannten ihn die anderen beim Fußball, oder Mariella, wenn keine seiner Freundinnen da war, um ihn zu verteidigen. Die eine wollte als Gegenleistung Hausaufgaben abschreiben, für die andere musste er immer auf Abruf Zeit haben. Marius widersprach selten, die beiden Mädchen waren sein Schutz vor der Gruppe.

Auf Klassenfahrt sagte ein Junge bei einem Streit: Früher hätten sie einen wie dich verbrannt.

Weichwurst, sagte sein Stiefvater, wenn er zu Hause davon erzählte, dass er sich gegen die Attacken in der Schule nicht zu wehren wusste, Jammerlappen.

In der 7. Klasse war es so schlimm, dass seine Mutter mit der Klassenlehrerin sprach. Die Sprüche wurden seltener, aber Marius fürchtete noch immer die Tage, an denen Sportunterricht war, Dienstag und Donnerstag.

Mit 14 Jahren ging Sandra auf die Artistenschule

Auch Samstag und Sonntag waren keine guten Tage. Da war sein Stiefvater zu Hause, der unter der Woche als Fernfahrer unterwegs war. Ständig suchte er Streit mit dem Jungen, seine Mutter fühlte zwar mit ihm, aber schaffte es nicht, ihn jedes Mal zu verteidigen. "Meine Mutter saß zwischen den Stühlen. Ich mache ihr keinen Vorwurf", sagt Marius. "Sie hat viele Dinge auch nicht gesehen, weil sie nicht dabei war."

Seine Insel war in diesen Jahren seine Oma in Leipzig. In den Sommerferien durfte er zu ihr, und dann spielte sie Mühle mit ihm, solange er wollte. Sie ließ ihn im Garten helfen und bestimmen, was es zu essen gab. Abends durfte er aufbleiben, und dann sahen sie zusammen Tatort, und sie reichte ihm dabei geschälte Apfelstücke. Sie hörte zu, wenn er von den Konflikten mit seinem Stiefvater erzählte und dass seine Mutter meinte, er solle versuchen, es nicht so auf die Goldwaage zu legen. Manchmal rief seine Oma dann zu Hause an und sagte seiner Mutter, dass es so nicht ginge. "Sie hat mir das Gefühl gegeben, dass ich verstanden werde und dass ich nicht allein dastehe. Und das vergisst man auch nicht", sagt Marius.

Seine Oma ist, als Marius an jenem Winterabend an der Kreuzung steht, 76 Jahre alt. Eigentlich hat er immer gehofft, dass er ihr das nie zumuten müsste: Ihr zu sagen, dass er schwul ist.

Sandras Traum hängt in der Luft

Sandra folgt ihrem Trainer in den Besprechungsraum. An einem Tisch sitzen der artistische Leiter der Schule, Sandras zweiter Trainer, ihre Klassenlehrerin und weitere Lehrer. Sandra hört die Uhr an der Wand ticken. Ihr ist plötzlich kalt, obwohl es ein sehr heißer Tag ist.

Setz dich mal, sagt ihr Trainer, und nach einer kurzen Pause fährt er fort: Sandra – du hast es leider nicht geschafft.

Sie hat das Gefühl, als würden die Worte wie in einem Traum an ihr vorüberziehen. Die ganze Szene kommt ihr unwirklich vor. Ich bin draußen, denkt sie.

Dann fragt sie: Warum?

Du lernst nicht schnell genug. Das sieht alles zu schwer aus, nicht ästhetisch. Du hast nicht die richtige Dynamik. Das ist nicht das Richtige für dich. Du wirst dich nur quälen.

Kann man denn da gar nichts mehr machen?, versucht es Sandra noch einmal. Die Klassenlehrerin will nett sein. Artist ist doch gar kein richtiger Beruf, sagt sie. Du kannst doch etwas viel Besseres machen, deine Schulnoten sind ja gut.

Als Sandra 12 Jahre alt war, konnte sie reiten und turnen und Einradfahren. Viele Sonntage hatte sie auf der Straße vor ihrem Elternhaus im Allgäu geübt, auf dem Rad zu balancieren. Als sie es konnte, wollte sie unbedingt etwas Neues lernen. An einem Sommerwochenende fuhr sie mit ihrer Familie zum Mittelalterfest in die Kreisstadt, dort gab es auch einen Kinderzirkus. Dass man aus Menschen Pyramiden bauen kann! Dass man sich so gegenseitig halten kann! Dass man die Schwerkraft überwinden kann!

Sandra stand wie gebannt vor den jungen Artisten. Ein paar Tage später meldete ihre Mutter sie bei dem Kinderzirkus an. Er hieß Anam Cara, Seelenfreund.

Zuerst lernte sie Jonglieren, später kamen akrobatische Nummern dazu, Pyramiden, Gleichgewichtsübungen – kleine Tricks. Sandra trainierte zweimal in der Woche, und fast jedes Wochenende traten die Seelenfreunde in einer anderen Stadt auf.

Dass man als Artist auch Geld verdienen kann, wurde ihr ein Jahr später bewusst – in Las Vegas, bei der Zusammenkunft der World Juggling Federation: die besten Jongleure der Welt, versammelt in der funkelnden Spielerstadt in der Wüste. Sandra war damals 13. Sie wohnte mit ihrer Mutter im Circus Circus Hotel, in dem es nicht nur Zimmer gibt und einen Speisesaal wie in normalen Hotels, sondern auch ein Casino, eine Achterbahn und einen Freizeitpark. Direkt gegenüber fanden die Jonglierwettkämpfe statt. Der Weltmeister kam aus Deutschland. Sie sah, dass er bis zu neun Bälle gleichzeitig in der Luft halten konnte. Und er verdiente Geld damit.

Als Sandra aus Las Vegas zurückkam, hatte sie nur noch eines im Kopf: Sie wollte professionelle Artistin werden. Ihre Mutter, eine Sekretärin, und ihr Vater, ein Computerfachmann, waren skeptisch, als sie von der Artistenschule in Berlin erzählte. So weit weg, und dann auch noch Artistin, das ist doch gar kein Beruf. Das schaffst du sowieso nicht, sagten sie. An der Aufnahmeprüfung durfte sie trotzdem teilnehmen. Dann schlägt sie es sich vielleicht aus dem Kopf, wenn sie sieht, dass sie es nicht schafft, dachten die Eltern.

Aber Sandra schaffte es, konnte es selbst kaum glauben: Sie, das Heimwehkind, würde allein in die große Stadt gehen.

In Berlin-Marzahn zog sie in ein Wohnheim. Im ersten Stock waren die Erzieher untergebracht, in den Etagen darüber die Wohngemeinschaften der Schüler. Einkaufen, kochen, putzen, Schule, Hausaufgaben, Training: Es blieb keine Zeit für Heimweh. Die Zimmergenossin, die erst so nett zu sein schien, erwies sich als Zicke. Aber Sandra fand neue Freunde. Das ist meine Welt, spürt sie. "Und meine Klasse war wie eine Familie für mich." Sie war jetzt 14 Jahre alt und fühlte sich, als sei sie genau am richtigen Ort.

Eine Nachricht aus Afghanistan

Diese Heimat soll sie nun zwei Jahre später wieder verlieren. Das ganze harte Training umsonst. Sandra rennt aus dem Besprechungszimmer zurück in die Turnhalle. Sie erzählt es den anderen. Ein Mädchen fängt an zu weinen. Danach will Sandra nur noch raus aus der Schule. Barfuß läuft sie ins Freie, setzt sich auf eine Bank.

Sie muss es den Eltern sagen, aber sie erreicht sie nicht. Dann überlegt sie, wen sie noch anrufen könnte. Sie möchte mit jemandem sprechen, der versteht, was sie tut, was sie will, was das alles für sie bedeutet.

Sie ruft Manuel an, einen Freund, der die Artistenschule schon abgeschlossen hat. Sie machen aus, sich noch am selben Abend zu treffen. Dann versucht sie es noch einmal bei den Eltern. Diesmal nimmt der Vater ab. Papa, ich bin durch die Prüfung gefallen, sagt sie. Am anderen Ende ist Stille. Der Vater sagt erst mal gar nichts, er ist fassungslos, schließlich versucht er, Sandra zu trösten. In den nächsten Tagen werden viele Telefonate folgen, mit dem Vater, mit der Mutter. Es muss schnell entschieden werden: Wie soll es weitergehen? Soll Sandra nach Hause zurück? Soll sie von Berlin wieder ins Allgäu ziehen?

Nach dem Telefonat will sie erst einmal nach Hause in ihre WG. Zum Glück kommen ihre beiden besten Freundinnen mit. Die drei setzen sich aufs Bett und hören so lange Musik auf dem Laptop, bis Sandra sich ein bisschen beruhigt hat.

Am Abend geht sie in ein Jugendzentrum, in dem sie manchmal trainiert. Dort ist sie mit Manuel verabredet. Er sagt, die Schule habe unrecht, seiner Meinung nach habe sie auf jeden Fall das Zeug zur Artistin. Er will, dass sie ihm ihre Prüfungs-Nummer noch einmal zeigt. Sandra sträubt sich – was für eine Überwindung: die Nummer, mit der man gerade alles verloren hat, noch einmal vorzuführen. Aber schließlich gibt sie sich einen Ruck und geht auf die Bühne. Als sie fertig ist, spricht Manuel Punkt für Punkt mit ihr durch, was ihm gefallen hat und was sie besser machen kann. Drei Stunden arbeiten sie an diesem Abend noch an der Nummer. Danach weiß Sandra, was sie will: Ich will weitermachen. Ich weiß, dass ich es kann. Auch wenn es Jahre dauern wird, auch wenn sie noch nicht weiß, wie.

Die Wochen, die nach der Prüfung folgen, sind schwer. Sandra will weitermachen, weiter ihren Traum verfolgen. Aber auf welchem Weg, das ist ihr noch nicht klar. Und dann muss sie auch noch jeden Tag in ihre alte Schule gehen. Sie muss abtrainieren. Der Trainer hat gesagt: Du bekommst sonst Herzprobleme. Es kommt ihr alles sinnlos vor: Sie will doch gar nicht aufhören, warum soll sie dann abtrainieren und an den Ort ihrer Niederlage zurückkehren. Aber sie fügt sich. Es sind ja nur noch ein paar Wochen bis zu den Sommerferien. Und wichtiger als alles andere ist die Frage: Wie soll es nach den Ferien weitergehen? Sie hat nicht mehr viel Zeit, um sich zu entscheiden.

Die Eltern sagen: Wir überlassen dir die Entscheidung: Du kannst zu uns zurückkommen, oder du bleibst in Berlin, wir stellen nur eine Bedingung: Abitur.

Zurück nach Hause in das Reihenhaus im Allgäu, das wäre so einfach; wieder in das alte Kinderzimmer, mit den bunt angestrichenen Wänden und den Stofftieren, zurück in die Familie, in ihre alte Schule? Oder in Berlin bleiben, wo sie sich um alles kümmern muss, wo sie sich mit 16 eine neue Schule suchen muss. So kurzfristig noch einen Platz zu finden ist schwer.

Bayern oder Berlin?

Zurück oder nach vorn?

Eine Nachricht aus Afghanistan

Es ist kurz nach halb zehn, als der Schulleiter die Bühne der Aula betritt und den Schülern gratuliert, die dieses Jahr ihr Abitur am Wirtschaftsgymnasium in Backnang geschafft haben. "Sie können stolz auf sich sein", sagt er und redet von der Disziplin, die es braucht, um so ein Ziel zu erreichen, vom Weg, der hinter ihnen liegt. Er spricht auch von den Rahmenbedingungen, die stimmen müssen. Er ruft jeden einzeln auf, irgendwann kommt Janinas Name, Klatschen, zwanzig Schritte zur Bühne, Händeschütteln mit dem Direktor, Händeschütteln mit dem Klassenlehrer. Dann sitzt sie wieder auf ihrem Platz und zieht ihr Zeugnis aus der Klarsichtfolie: 2,6. Das ist genau der Durchschnitt des Jahrgangs. Es ist nur eine Zahl, und sie erzählt nichts davon, dass sie eigentlich schon vor einem Jahr ihr Abitur hatte machen wollen. Damals wurde 5000 Kilometer entfernt in Afghanistan ihr Bruder Konstantin erschossen.

Als Janina vor drei Jahren in die 12. Klasse des Wirtschaftsgymnasiums kommt, ist sie 18 Jahre alt und als drittes von vier Kindern in einem Dorf in Schwaben aufwachsen. Es liegt im Speckgürtel um Stuttgart, der Vater ist Geschäftsführer an einem Forschungsinstitut, die Mutter arbeitet Teilzeit. Janina versteht sich gut mit ihren Eltern, sie ist eine erfolgreiche Judokämpferin, ringt in der Bundesliga. Seit Kurzem ist Janina ziemlich verliebt.

Der 18. Februar 2011 ist ein Freitag, da hat Janina schon um Viertel nach elf Schulschluss. Zusammen mit ihrem Freund nimmt sie die S3 nach Stuttgart.

Shoppen ist neben Judo ihre Lieblingsbeschäftigung. Genauso gerne, wie sie unter der Woche barfuß ihre Gegner auf die Matte wirft, stöckelt sie am Wochenende auf High Heels mit ihrer Clique in die Disco.

Sie bummelt mit ihrem Freund durch die Königstraße, ersteht eine grau gefleckte Jeans, ein T-Shirt im Marine-Look, ein Jeanshemd. Am Abend ist erst eine Sportlerehrung in Backnang, später wollen sie zusammen in Stuttgart ausgehen. Sie weiß jetzt, was sie dazu anziehen will, die graue Hose und das Jeanshemd, dazu ihre Buffalo-Pumps. Kurz nach vier Uhr nachmittags verlassen sie und ihr Freund den Laden.

Ihr Vater nimmt sie vom Einkaufen mit nach Hause, für den Weg nach Backnang braucht man mit dem Auto eine gute Dreiviertelstunde. Sie fahren gerade auf der B14 in den Kappelbergtunnel, als im Radio die SWR1-Nachrichten kommen.

"Mindestens ein deutscher Soldat in Afghanistan getötet", sagt der Sprecher. "Eine Agentur spricht von zwei Toten. Sieben Soldaten wurden zum Teil schwer verletzt."

Koni, denkt Janina. Ihr Vater scheint die Meldung nicht mitbekommen zu haben, es ist viel Verkehr, und das Radio ist leise.

"Es war offenbar ein Afghane, der auf dem Bundeswehrstützpunkt in Baghlan das Feuer auf die Soldaten eröffnete."

Baghlan, denkt Janina. Das ist Konis Stützpunkt.

"Das Verteidigungsministerium in Berlin will in diesen Minuten Einzelheiten bekannt geben."

Es geht Koni gut, denkt Janina. Niemand hat sich gemeldet. Koni hatte ihnen immer gesagt, wenn sie von einem Anschlag hörten und sich niemand gemeldet hätte, wäre alles okay. Die Familien würden zuerst informiert.

Hier ist nur Platz für einen Gedanken: Koni ist tot

Der Vater setzt ihren Freund ab. Dann parken sie vor ihrem Haus. Janina nimmt ihre Tüten und geht zum Eingang, hinter ihr der Vater. Sie macht die Tür auf, tritt in den Flur. Durch die Tür zum Wohnzimmer sieht sie ihre Schwester Katharina, sie sitzt auf dem Sofa und weint. Sie lässt ihre Tüten fallen und geht ins Wohnzimmer. Sie sieht ihren Bruder Maximilian auf dem Sofa sitzen. Sie sieht ihre Mutter am Klavier stehen, auch sie weint. Sie sieht zwei Männer.

Einer trägt eine Uniform.

Bruchteile einer Sekunde. Mama weint nie. Der Mann trägt eine Uniform. Sie weiß es, bevor ihre Schwester sie sagt, diese Worte, die alles ändern: Koni ist tot.

Konstantin. Der Älteste. Der nach seinem Grundwehrdienst nach Hause kam und zur Überraschung seiner Familie sagte: Ich mache weiter. Bevor er nach Afghanistan flog, hatten sie ein Abschiedsessen für ihn gemacht, es gab Maultaschen, sein Leibgericht. Konstantin hatte seine Freundin Carolin dabei und klopfte Sprüche: Wenn einer schießt, schieße ich schneller. Er schien keine Angst zu haben oder verbarg sie gut. Die anderen beruhigten sich damit, dass es statistisch wahrscheinlicher sei, bei einem Autounfall ums Leben zu kommen als in Afghanistan. Ich zieh doch nicht in den Zweiten Weltkrieg, sagte Konstantin, und nur seine Oma, die als kleines Kind die Bombenangriffe auf Stuttgart miterlebt hat, beruhigte das nicht. Bleib hier, sagte sie und macht Fotos, den ganzen Abend lang. Als Konstantin aufbrach, rief Janina vom Tisch aus Tschüss. Sie wollte ihn nicht umarmen. Sie dachte, dass sie dann nur heulen müsste und dass er das sicher nicht wollte.

Am nächsten Tag saß sie in der Schule und versiebte eine Klausur. Warum hatte sie sich nicht richtig verabschiedet? Sie schickte ihrem Bruder eine SMS: "Pass auf. Wenn du wieder da bist, will ich eine Umarmung."

Die bekäme sie auch, schrieb er zurück.

Und jetzt sitzen ein Bundeswehroffizier und ein Seelsorger bei ihnen im Wohnzimmer. Janina hört, wie ihr Vater viele Fragen stellt: Was ist passiert? Wann? Wo? Aber nichts davon dringt zu ihr durch. Sie sitzt auf dem Sofa wie unter einer Glocke, an der alle Antworten abprallen. Hier ist nur Platz für einen Gedanken: Koni ist tot.

Irgendwann, nach zwei Stunden oder nach vier, es gibt kein Zeitgefühl unter der Glocke, gehen der Bundeswehroffizier und der Seelsorger.

Janina ruft ihren Freund an. Der sitzt schon im Keller eines Freundes, wo sich die Clique immer vor dem Weggehen trifft. Janina weint. Sie hört, wie die Stimmen im Hintergrund leiser werden, als er aus dem Zimmer geht. Irgendwann schafft sie es zu sagen: "Das, was wir vorhin im Radio gehört haben, das war mein Bruder." Und er sagt: "Oh Shit."

Es wird ein kurzes Telefonat. Ihr Freund fährt danach mit seinen Freunden nach Stuttgart, wie geplant. Janina geht ins Bett. Müde geweint, schläft sie ein.

Am nächsten Morgen sitzen sie alle in der Küche am Frühstückstisch und essen nichts. Es war kein böser Traum. Janina hört zum zweiten Mal, was in Afghanistan passiert ist, ihr Vater kann jetzt alles genau erklären. Nur auf die Frage, die sie alle am meisten beschäftigt, gibt es keine Antwort: Warum?

Konstantins Einheit war am OP North stationiert, in einem Lager in der Provinz Baghlan. Auf dem Stützpunkt im Norden Afghanistans fahren deutsche und afghanische Soldaten zusammen auf Patrouille. Natürlich hatten sie gewusst, dass etwas passieren könnte. Sie hatten aufmerksamer Nachrichten gehört und sich Sorgen gemacht, wenn irgendwo eine Bombe hochgegangen war. Aber dann hatte Konstantin vor ein paar Tagen angerufen und gesagt, dass sie zurück im Lager seien. Die Anspannung wich. Zwei Wochen später wäre er wieder zu Hause.

Und dann nahm der afghanische Soldat Sayed Afzal am 18. Februar um kurz vor 12 Uhr Ortszeit sein Sturmgewehr und schoss im Lager auf zehn Soldaten, die gerade eine Panzerkette reparierten, ohne Schutzwesten, gut gelaunt. Ehe ein deutscher Soldat Afzal erschoss, hatte er zwölf Bundeswehrsoldaten verwundet, von denen drei später sterben werden.

Vielleicht ist es gar nicht Koni, hofft Janina, als sie ein paar Tage später in Konstantins Kaserne in Regen im Bayerischen Wald eintreffen.

Ihr müsst nicht mit reingehen, sagen die Eltern zu ihr und den Geschwistern.

Doch, denkt Janina, ich muss mit, ich muss wissen, ob er es ist.

Sie kann kaum atmen, als sie die Kapelle betritt und auf den offenen Sarg zugeht. Sie sieht einen dunklen Vollbart, und ein paar Schritte lang denkt sie, Koni hatte keinen Vollbart, vielleicht mal einen Dreitagebart, das ist er nicht. Und dann steht sie am Sarg, und er ist es.

Sie sieht sein Gesicht, bleich und etwas aufgequollen, er sieht friedlich aus. Seine Uniform verbirgt die Wunden, die das Projektil in seinen Hals gerissen hat, die Bestatter haben ihm das Hemd bis zum Kinn gezogen.

Janina guckt auf seine Hände mit den ordentlich gefeilten Nägeln. Koni hatte immer abgebrochene Nägel, sie waren ihm egal, solange sie ihn kannte. Und obwohl sie ihm die Nägel so sorgfältig zurechtgemacht haben, schimmert unter ihnen etwas Dunkles. Das ist Blut, denkt Janina, das ist getrocknetes Blut. Fünfeinhalb Stunden hatten Ärzte in einem Militärkrankenhaus um Konstantins Leben gekämpft, aber sie konnten nicht so schnell Blut in seinen Körper pumpen, wie er es verlor.

Eine Woche nach Konstantins Tod, im Winter 2011, findet in der St.-Michael-Kirche in Regen die Trauerfeier statt. Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sind gekommen. Ein Autokonvoi, Sirenen, ein kleiner Raum in der Kirche, es gibt Kaffee und Kuchen, gegenüber sitzt die Bundeskanzlerin. Janina erlebt all das wie einen Film, in dem sie seltsamerweise mitspielt. Den Verteidigungsminister findet sie sympathisch. In diesen Tagen reden bereits alle über seine Doktorarbeit. Janina ärgert sich darüber. "Ein Satz zu den drei toten Soldaten und 100 Sätze zu Guttenbergs Doktorarbeit", erinnert sie sich später an die Nachrichtensendungen aus der Zeit. Als ob man nicht auch ohne einen Doktortitel Verteidigungsminister sein könnte.

Als Soldaten am Ende der Trauerfeier Konstantins Sarg aus der Kirche tragen, wird die Nationalhymne gespielt. Ihr Bruder ist für Deutschland gefallen, denkt sie. Ein Satz, der nicht zu ihrem Leben passt. Sie wird lernen müssen, mit ihm zu leben.

Marius' Stunde der Wahrheit

Sandra muss sich entscheiden

Bald sind Sommerferien, und Sandra ist hin und her gerissen. In Berlin sind die Freunde. Und da ist Manuel, der versprochen hat, ihr beim Training zu helfen.

Tagelang grübelt sie, wägt alle Vor- und Nachteile ab. Dann schließlich entscheidet sie: Ich bleibe in Berlin. Und plötzlich fühlt sie sich wie befreit. Vielleicht ist das Freiheit, den Mut haben, zu tun, was man will, und dann auch die Konsequenzen zu tragen.

Eine Konsequenz ist, dass sie jetzt ein ganz normales Gymnasium besuchen muss, obwohl sie dazu überhaupt keine Lust hat. Nicht weit von der Wohnung, in der sie inzwischen wohnt, so hat ihre Mutter recherchiert, gibt es eine Schule, die noch Schüler aufnimmt. Geh hin, sofort, sagt die Mutter am Telefon. Sandra will nicht, sie will nicht weg von der Artistenschule, dort ist ihr Zuhause, dort ist alles, was sie will – das ist irrational, das weiß sie. Aber so ist es nun mal. Da musst du jetzt durch, sagt die Mutter. "Meine Mutter hat mich aber auch getröstet. Sie hat gesagt: Wenn du etwas wirklich erreichen willst, dann schaffst du es auch."

Also geht Sandra hin, an einem Junitag, widerwillig. Sie unterhält sich mit einem Lehrer, der merkt, dass sie keine Lust auf die neue Schule hat. Er fragt sie aus über ihren Sport, über ihren Traum, Artistin zu werden. Er versteht solche Träume, er hat selbst schon an einem Ironman teilgenommen. "Der ist cool", findet Sandra. Sie meldet sich an.

Dann beginnen endlich die großen Ferien. Sandra fährt mit ihren Eltern auf einen Zeltplatz in Kroatien, den sie seit ihrer Kindheit kennt. Endlich kein Training mehr, keine Regeln, endlich kann sie einfach nur jung sein, ein Mädchen von 16, das sich keine Sorgen um seine Zukunft macht. Jede Nacht geht sie tanzen und kommt erst am Morgen heim. "Ich konnte mich wieder an kleinen Dingen freuen", sagt sie. "In Kroatien habe ich begriffen, dass es Schlimmeres auf der Welt gibt."

Doch zurück in Berlin, kommt auch die Angst wieder hoch, die Angst vor der neuen Klasse, vor dem neuen Leben. Die Angst, ob sie es alleine schaffen wird, ihren Traum weiterzuverfolgen. Aber sie fühlt auch einen Trotz in sich, der in jenen Wochen ihr Antrieb wird.

Am ersten Schultag unterhält sie sich in der Pause mit einem Mädchen, das sie vom Sehen kennt. Auch dieses Mädchen ist neu in der Schule. Das macht den Anfang etwas leichter. Mit der Zeit wird es immer besser, auch wenn der Zusammenhalt in der neuen Klasse nicht so stark ist wie in der Artistenschule. "Die alte Klasse war alles für mich – wir mussten es alleine in Berlin schaffen. Wir mussten zusammen durch dieses harte Training. Die neue Klasse ist mir dagegen relativ egal. Die wohnen alle noch bei ihren Eltern, die sind noch viel kindlicher." Die haben Probleme, denkt Sandra manchmal und merkt, dass sie in den vergangenen Monaten viel erwachsener geworden ist.

Marius’ Stunde der Wahrheit

Es ist noch hell, als Marius’ Mutter am Sonntagnachmittag von ihrem Wochenende nach Hause kommt. Im Wohnzimmer, wo er Stunden zuvor Alex geküsst hat, steht eine Kerze, seine Mutter sieht sie nicht. "Das Wohnzimmer hatte eine andere Aura", sagt Marius. "Als ob es nicht mehr das Zimmer war, das ich kannte."

In der Nacht hat er kaum geschlafen. Seit Jahren hat er davon geträumt, sich zu verlieben, und war sich sicher, dass es immer ein Traum bleiben würde – dass jetzt plötzlich alles wahr sein soll, kommt ihm wie ein Traum vor.

Die Mutter nimmt ihn mit auf eine Weihnachtsausstellung in Sömmerda. Auf dem Rückweg sagt er:

Wollen wir noch eine Runde spazieren gehen?

Draußen ist es jetzt dunkel, und sein Herz klopft, als sie zusammen die Stadtmauer des Städtchens entlangwandern. Es ist wie nach dem Schwimmen, beim Sprung vom Fünfmeterbrett: Er spürt, dass er Angst hat, obwohl er weiß, dass vermutlich nichts passieren wird.

Als er 16 war, hat seine Mutter zu ihm gesagt: Wenn du dich irgendwann mal entschieden hast, auch wenn du dich mehr für Männer interessierst, wird sich nichts an meinen Gefühlen für dich ändern.

Es ist gerade ein paar Wochen her, dass er mit seiner Mutter und deren bester Freundin Slawa in Herbstferien war. Die Mutter ist schon im Bett, und Slawa hatte etwas getrunken, als sie Marius fragte, ob er sich eigentlich schon sexuell orientiert hätte. Ja, sagte Marius, keine Angst, ich habe sogar schon eine Freundin gehabt.

An diesen Moment denkt er, als er mit seiner Mutter durch den Schnee läuft. Er zittert am ganzen Körper. Es ist eine existenzielle Angst, eine Urangst aller Menschen: ohne Rückhalt zu sein. Allein dazustehen.

Mutti, sagt er, Slawa hatte doch recht.

Die Mutter versteht nicht: Wie – Slawa hatte recht?

Als sie gefragt hat, ob ich schwul bin.

Also doch, sagt die Mutter und umarmt ihn. Du bist mein Kind, sagt sie, das ist nicht schlimm, und ich werde dich immer lieben.

Später schreibt er eine Botschaft an Alex: "Ich war mit meiner Mom spazieren, wir hatten ein langes Gespräch."

"Oh, geht’s dir und deiner Mom gut? Kann mir denken, worum es ging."

"Na ja. Es ist für sie halt total ungewohnt. Sie weiß nicht richtig, wie sie damit umgehen soll. Aber sie ist froh, dass ich das Vertrauen zu ihr gefunden habe."

"Das braucht Zeit. Puh. Ich zittere richtig. Ist für dich eine ereignisreiche Woche. Wie geht’s dir?"

"Ich bin irgendwie erleichtert. Ich habe ihr auch gleich gesagt, dass ich jemanden kennengelernt habe."

"Ja, aber versuch deine Mom nicht so zu überrumpeln. Ist, glaube ich, echt schwer für sie. "

"Meine Mom ist ziemlich ruhig. Sie scheint über alles nachzudenken."

Und später, als er allein in seinem Zimmer sitzt und seine Mutter in ihrem Schlafzimmer ist und bügelt, schreibt Marius: "Die Stimmung ist doch irgendwie seltsam."

"Nimm das deiner Mom nicht übel. Und zeig ihr, dass du auch immer noch für sie da bist."

"Aber im Moment geht das nicht. Das ist jetzt irgendwie so fremd. Da brauch ich auch vor ihr Abstand."

"Ja, das bringt die Zeit. Bin so stolz auf dich. Ich weiß noch, wie viel Angst ich hatte, es meinen Eltern zu sagen."

"Ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Der letzte Abend war Bestätigung genug, dass es Zeit wird."

"Der letzte Abend war echt ein Traum. Du bist auf dem richtigen Weg."

"Ein Weg zu was?"

"Deinen Weg zu finden."

"Okay."

"Klingt blöd, löschen bitte."

Janina lässt sich ein Tattoo stechen: Eine Orchidee und "Koni"

Marius’ Mutter liegt an diesem Abend im Bett und denkt an einen Fernsehkrimi, in dem ein schwules Paar in einer Tram von einer Gang belästigt wird. Gleichzeitig ist sie froh, dass sie jetzt Gewissheit hat über ein Gefühl, das, seit Marius klein ist, immer wieder hochkam, ohne dass sie ihm weiter nachgehen wollte: dass ihr Sohn schwul sein könnte. Nicht, weil sie etwas gegen Schwule hat – sie hat einen schwulen Kollegen, den sie sehr mag. Die Frage, die sie sich in dieser Nacht stellt, ist: "Wie nehmen die anderen das auf? Rechtsradikale. Dumme Menschen. Ältere Menschen, die das komplett ablehnen." Von Marius’ Stiefvater hat sie sich inzwischen getrennt, immerhin muss sie Marius an dieser Front nicht verteidigen. Aber wer ist dieser Mann, den ihr Sohn im Internet kennengelernt hat und der zwölf Jahre älter ist; was will er von ihrem Kind?

Auch Marius kann an diesem Abend nicht einschlafen. Seit er denken kann, hat er sich auf die Schule konzentriert. Gute Noten, ein Einserabitur, irgendwann Medizin studieren, vielleicht in die Forschung gehen: Das war immer sein Fluchtpunkt. Jetzt zählt er plötzlich Stunden. Am Freitag will er Alex besuchen, der 100 Kilometer entfernt in einer Kleinstadt im Eichsfeld lebt. Und heute ist erst Montag.

Janina kommt nicht mehr mit

Ende Februar 2011 wird Konstantin auf ihrem Dorffriedhof beerdigt, und danach gibt es keine Termine mehr, die zu erledigen sind. Koni ist tot, und das Leben geht weiter, einfach so. Ihr Vater fährt wieder zur Arbeit, und Janina denkt: Wie kannst du nach ein paar Tagen schon wieder arbeiten gehen?

Sie geht zum Tätowierer, um sich eine Orchidee und "Koni" stechen zu lassen, da, wo ihr Herz ist. Sie wollte immer schon ein Tattoo, bisher hat sie sich nicht getraut, weil es für immer bleiben würde. Jetzt denkt sie: Das soll auch für immer bleiben.

Als sie nach drei Wochen wieder in die Schule geht, hat sie Angst. Davor, dass keiner mit ihr redet, und davor, dass alle sie mit Mitleid überschütten. Sie nimmt sich vor, nicht zu weinen. Und dann ist in der Schule eigentlich alles wie immer, und auch das passt irgendwie nicht.

Im Unterricht denkt Janina darüber nach, dass sie mehr Zeit mit ihrem Bruder hätte verbringen sollen. Koni und Katha waren immer eng, weil sie die beiden Älteren waren, Koni und Max hingen gemeinsam vor dem Computer. Was hatten sie eigentlich zusammen gemacht? Und warum hatte sie nur Tschüss gerufen, als er ging? Das quält sie am meisten. Auch später, als sie über alles andere wieder reden kann, wird sie über ihren missglückten Abschied nicht sprechen können, ohne weinen zu müssen.

Janina und ihr Freund sehen sich in der Zeit nach der Beerdigung selten. Sie sind seit einem Jahr zusammen, es ist Janinas erste richtige Beziehung. Groß, blond und muskulös ist er, ein Sportler. Solche Männer mag Janina. Er ist für jeden Scheiß zu haben, lebt in den Tag hinein. Nach Konstantins Tod will Janina bei ihrer Familie sein, ihr Freund mag nicht zu ihr nach Hause kommen. Sie möchte über ihren Bruder reden und denkt zum ersten Mal in ihrem Leben über den Tod nach. Er will mit ihr nach Stuttgart fahren und Leute treffen, so wie früher. Sie kann nicht mehr mit ihm schlafen, es würde sich nicht richtig anfühlen. Er will, dass sie wieder feiern gehen. Er sagt, dass es ihr guttun wird und dass es doch jetzt schon ein paar Wochen her sei mit ihrem Bruder. Nerv mich nicht damit, fährt Janina ihn an, ich hab keinen Bock mehr da drauf. Sie schreien sich an. Es macht doch keinen Sinn mehr, sagt Janina irgendwann und beendet die Beziehung.

Ein paar Wochen später fährt er mit Freunden nach Italien. Janina sieht die Bilder auf Facebook, wie sie ihre Zelte aufbauen, wie sie feiern. Und dann das Foto, auf dem er mit einem Mädchen knutscht. Eigentlich müsste sie leiden, aber da ist kein Platz mehr für noch mehr Schmerz. Die Nächte sind am schlimmsten. Manchmal schickt Janina ihrer Schwester eine SMS ins Zimmer nebenan. "Bist du noch wach? Kommst du rüber?"

Wenn sie in den Spiegel guckt, wundert sie sich, dass sie so aussieht wie immer. Sie geht zum Friseur und lässt sich ihre dunkelbraunen, rückenlangen Haare an der rechten Seite abrasieren. Danach fühlt sie sich besser.

Aus Wochen werden Monate, Janinas Noten verschlechtern sich. Sie hofft, in den Sommerferien Stoff aufholen zu können, aber auch in der 13. Klasse kommt sie nicht mit. Sie hat mittlerweile das Gefühl, dass ihre Geschwister besser mit Konis Tod klarkommen. Ihre Schwester ist neu verliebt, ihrem Bruder merkt sie die Trauer nicht an. Janina freundet sich mit Konstantins Freundin an, Carolin, die sie bisher nur vom Hallosagen kannte. Jetzt sitzen sie oft zusammen in Janinas Lieblingsbar und reden über Koni. Carolin erzählt ihr, wie er es früher schon mal versucht hatte bei ihr, bevor er zur Bundeswehr ging. Und wie sie sich dann in ihn verliebt hat, als sie sich später wiedertrafen, ein halbes Jahr bevor er nach Afghanistan flog.

Ich hab Angst, dass ich seine Stimme vergesse, sagt Janina, Carolin geht es ähnlich. Einmal rufen sie nachts noch auf seinem Handy an, nur um zu hören, ob die Mailbox noch rangeht. Sie ist abgeschaltet.

Rasier mir auch die Haare ab, bittet Carolin sie an Konstantins Geburtstag Ende September.

In der Schule bekommt Janina mit, wie wenig die anderen über den Krieg in Afghanistan wissen. "Mich hat es früher ja auch nicht interessiert", sagt Janina. "Vor Koni sind 48 deutsche Soldaten in Afghanistan gestorben, ohne dass ich das mitgekriegt habe." Jetzt stehen in ihrem Bücherregal Sachbücher wie Operation Kundus , Endstation Kabul und Sterben für Kabul . Janina glaubt, dass der Einsatz in Afghanistan den Menschen dort hilft. Sie muss das wohl glauben. Wäre es anders, wäre ihr Bruder umsonst gestorben.

An Weihnachten geht die Familie zum Friedhof und stellt einen kleinen Baum auf Konstantins Grab, und unter dem großen Baum zu Hause liegen nur noch drei statt vier Geschenkehaufen. Es ist jetzt klar, dass Janina die 13. Klasse nicht packen wird. Anfang 2012 lässt sie sich eine Klasse zurückstufen, das gilt als erster gescheiterter Abiturversuch, jetzt hat sie nur noch einen. Sie schneidet sich ihre Haare kurz und färbt sie erdbeerrot.

Marius trägt jetzt die Hosen eine Nummer enger

Marius’ glücklichstes Jahr

Silvester, sagt Marius, hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. In den letzten Sekunden des Jahres 2012 steht er auf dem Balkon von Alex’ Wohnung im 4. Stock eines Mehrfamilienhauses. Neben ihm stehen Alex, dessen zwei Brüder und eine der Freundinnen. "Das Besondere war, dass man sich genauso verhalten konnte wie sein Bruder und dessen Freundin, die sich geküsst haben, und das haben wir auch gemacht." Sie gucken über die Gegend, in der Alex aufgewachsen ist, Dächer, die im Schein der Feuerwerke aufleuchten und wieder im Dunkel versinken, Dörfer, die am Horizont Feuerwerke in den Himmel schießen, und Marius sagt zu Alex: Das wird unser Jahr.

Er ist jetzt in der 12. Klasse. Als er wieder zurück in der Schule ist, unterhalten sich ein paar Leute darüber, wer in ihrem Jahrgang noch Jungfrau sei. Ein paar schauen zu Marius. Mich braucht ihr bei dem Thema nicht so anzuschauen, sagt er bloß.

Das Hintergrundbild auf seinem Handy zeigt ihn mit Alex. Wer ist denn das?, fragt seine Banknachbarin. Ja, wer weiß, antwortet Marius nur.

Er trägt jetzt die Hosen eine Nummer enger, Schlauchschals, T-Shirts mit großen Ausschnitten. Seine Kapuzenpullis hat er dem Freund seiner Schwester geschenkt.

Am 24. Januar malt er in sein Hausaufgabenheft ein Herz. Daneben steht: drei Monate. Alex hat versprochen, ihn zum Abi-Ball zu begleiten. Zu dem auch sein Vater kommen soll und seine Oma.

Marius’ Mutter hat es ihr bei einem Besuch in Leipzig gesagt. Sie hat die Botschaft mit einem Aha quittiert und gefragt, wie alt denn der Freund sei. Mein Gott, denkt die Mutter, sie reagiert wirklich cool. Aber am nächsten Tag hat sie doch Einwände: Ob der Junge sich denn da überhaupt sicher sein könne? Und ob er wirklich so früh schon eine Beziehung brauchte?

Seit sie es weiß, telefoniert Marius ungern mit ihr. Sie reden über alles Mögliche und tun so, als hätte es das Outing nie gegeben. Wenn er das Telefonat wie immer mit dem Satz "Ich hab Dich lieb" beendet, sagt seine Großmutter einfach Tschüss, als ob sie es überhört hätte.

"Ich dachte mir, dass sie bestimmt nicht weiß, wie sie darüber denken soll", sagt Marius. "Ich weiß ja, dass man das früher nicht so locker betrachtet hat wie jetzt. Ich wollte ihr Zeit geben, bis sie es verarbeitet hat."

Im April kommt die Oma zu Besuch nach Sömmerda. Beim Frühstück sie: Und du, Marius, du hast jetzt also eben einen Freund statt einer Freundin.

Und dann fängt Marius an zu erzählen. Dass Alex viel jünger aussieht als 30. Dass er in einem Autohaus arbeitet. Dass er einen Zwillingsbruder hat, der aber hetero ist. Dass sie in Urlaub waren, an der Nordsee.

"Sie hat sich das die ganze Zeit angehört", erinnert sich Marius. "Aber man merkte, dass ihr was auf der Seele lag. Und irgendwann sagte sie: ›Marius, du sagst doch immer am Telefon, ich hab dich lieb. Und weißt du, ich hab dich auch lieb.‹ Da kamen mir echt die Tränen. Meine Oma ist eine Frau, die nicht zeigt, wie sie sich fühlt, und da hab ich sie in den Arm genommen und meinen Laptop geholt und ihr unsere Urlaubsbilder gezeigt. Und da wusste ich, dass sie es akzeptiert hat."

Vom Abi-Ball gibt es ein Foto. Darauf ist die ganze Familie zu sehen: Marius, der das beste Abitur seiner Schule gemacht hat. Sein Onkel, seine Schwestern, der Freund seiner Schwester, der extra aus Portugal angereist ist. Alex, der einen Anzug trägt und neben seinem Vater sitzt. Seine Oma, mit der Marius an diesem Abend einen Walzer versucht. Und seine Mutter, die an diesem Abend sogar mit seinem Vater tanzt. Er wisse, dass er seinen Sohn verlieren würde, wenn er ihn nicht akzeptiere, wie er ist, hat er zu seiner Exfrau gesagt. Und das wolle er nicht.

Draußen auf dem Parkplatz gibt Alex Marius einen Siegelring. Um dich ewig an mich zu binden, sagt er im Scherz. Die beiden haben beschlossen, nach Marius’ Abitur zusammenzuziehen.

So ein Quatsch, bleib doch da, sagt Marius’ Mutter, als Alex nach dem Abi-Ball die 100 Kilometer nach Hause fahren will.

Sandra tanzt, wie sie will

Seit sie die Artistenschule verlassen hat, trainiert Sandra jeden Tag drei bis sechs Stunden im Jugendzentrum. Am Anfang zeigt ihr Manuel, wie sie besser werden kann. Sie macht schnell Fortschritte – und umso besser sie wird, desto mehr emanzipiert sie sich auch von ihm. Einmal sagt er zu ihr: Warum warst du mir gegenüber eigentlich immer so schüchtern? Und sie denkt: Ja, warum eigentlich? Sie lernt, ihre eigenen Fehler zu erkennen und systematisch an ihnen zu arbeiten. Und sie denkt sich eine neue Hula-Hoop-Nummer aus, in die sie auch Handstände einbaut. Davon hatte ihr der Trainer in der Schule immer abgeraten. Sie sei nicht kräftig genug dafür. Mittlerweile ist sie stark genug. Ihre Nummer ist ein bisschen geheimnisvoll und ein bisschen aufreizend. "Das hätte ich mich in der Schule nie getraut", sagt Sandra. Erst jetzt kann sie das, was ihre Lehrer damals von ihr verlangt haben: aus sich herausgehen, etwas von sich zeigen. Zu zeigen, dass sie nicht nur süß ist, sondern auch noch andere Seiten hat. "In der Schule haben sie immer kritisiert, ich hätte zu wenig Bühnenpräsenz. So kann sich ja auch nichts entwickeln." Ähnlich ist es mit ihrem Gewicht. "Die haben immer so einen Stress gemacht, dass ich abnehmen soll. Jetzt ergibt sich das von ganz alleine. Wenn ich mittags eine Pizza gegessen habe, dann esse ich abends nicht noch Pommes." Sie sei auch fremden Leuten gegenüber nicht mehr so schüchtern. Als sie aus Bayern nach Berlin kam, hatte sie große Schwierigkeiten mit der direkten Art der Berliner. Jetzt traut sie sich auch mal, frech zu sein, wenn die Jungs im Jugendzentrum sie schräg anreden. "Ich habe so viel alleine schaffen müssen, dass ich mir viel mehr zutraue", sagt sie. Das Urteil anderer ist ihr egaler geworden. Ob sie in ein paar Jahren das freie Leben einer Artistin leben wird, ist am Ende vielleicht gar nicht mehr so wichtig. Auf ihre Art hat sie sich schon befreit.

Seit ein paar Monaten hat sie einen Partner, Tim, mit dem sie bei kleineren Galashows und Straßenfesten auftritt und der ein paar Jahre älter ist als sie. "Sandra ist immer noch aufgeregt vor den Auftritten", sagt er. "Auf der Schule wird einem vermittelt: Wenn du nicht perfekt bist, bist du nichts. Das steckt immer noch in ihr drin, aber es ist schon viel besser geworden. Sandra ist das disziplinierteste Mädchen, das ich kenne."

Sandra ist jetzt 19. Nächstes Jahr wird sie Abitur machen. Und in ihrer neuen Klasse ist zumindest einer, der ihr überhaupt nicht egal ist: Matthias, mit dem sie seit ein paar Monaten zusammen ist. Matthias war auch mal auf einer Sportschule, die er aber von sich aus verlassen hat. "Manchmal gibt’s ein bisschen Gezicke, weil ich so viel trainiere", erzählt sie. "Aber dann sag ich, du wusstest von Anfang an, was ich machen will."

"Auf den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit dahin"

Janina übt das Erinnern

An Konstantins erstem Todestag ist Janina mit ihrer Familie in der Kaserne im Bayerischen Wald. Es wird nicht so schlimm, wie Janina befürchtet hat. Bei der Bundeswehr, die ihr früher so fremd war, fühlt sie sich ihrem Bruder nah. Die Familien der beiden Soldaten, die mit ihrem Bruder starben, kennt sie längst. Nach der Gedenkfeier sitzen sie alle zusammen, erinnern sich. Sie haben auch Spaß, und das fühlt sich gut an, bis abends, da liegt Janina im Bett und macht sich Vorwürfe: Wie konnte ich an diesem Tag überhaupt lachen?

In der Schule kommt sie jetzt leichter mit, weil sie den Stoff schon kennt. Sie ist froh, dass fast niemand in der neuen Klasse von Konstantins Tod weiß. Ihre Mitschüler überlegen nicht, was sie ihr gegenüber sagen können und was nicht, sie machen einfach Sprüche und lachen, und Janina macht mit. Normalität kann sich wunderbar anfühlen.

Auf Facebook postet sie: "Auf den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit dahin."

Je mehr die Traurigkeit verschwindet, desto stärker werden ihre Schuldgefühle. Nach Konis Tod hatte sie ununterbrochen an ihn gedacht, und jetzt denkt sie manchmal erst abends an ihn. Wenn sie mit einer Freundin ins Kino geht und der Film so lustig ist, dass sie die ganze Zeit lachen, denkt sie: Du darfst doch nicht so glücklich sein. "Auf der einen Seite wollte ich weitermachen", sagt Janina. "Auf der anderen Seite hatte ich das Gefühl, dass Weitermachen bedeutet, ihn zu vergessen."

Erst als sie merkt, dass sie ihren Bruder nicht vergisst, nur weil sie nicht den ganzen Tag an ihn denkt, lässt ihre Angst nach. Das hätte Koni gefallen, braucht nur irgendwer beim Mittagessen zu sagen, und schon kommt irgendeine gemeinsame Erinnerung. Viele Sätze in der Familie fangen jetzt mit "Weißt du noch" an.

"Weißt du noch", sagt Max zu Janina, auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzend, "wie Koni damals spät nach Hause gekommen ist und seinen Schlüssel vergessen hat? Und wie er dann aufs Dach geklettert ist und an Kathas Fenster geklopft hat, damit er nicht klingeln musste?" – "Katha hat natürlich einen Herzinfarkt gekriegt", sagt Janina. "Sie hat so laut geschrien, dass erst recht alle wach waren." Und dann lachen sie. "Typisch Koni!"

Sein Zimmer im ersten Stock ist unverändert. Aber wenn Gäste kommen, können sie dort übernachten. Janinas Eltern haben ihrem toten Sohn keinen Schrein gebaut, im Wohnzimmer hängen Bilder aller vier Kinder. Ihr Vater sei niemand, dem man seine Gefühle anmerke, und ihre Mutter habe sich immer Mühe gegeben, dass alles so normal wie möglich weitergehe. Janina ahnt, wie schwer ihr das manchmal fallen muss. "Als Schwester den Bruder zu verlieren ist ja nicht so schlimm, wie als Mutter den Sohn zu verlieren." Richtig vorstellen mag sie sich nicht, wie schlecht es ihrer Mutter manchmal gehen mag. Ihr Verhältnis sei jetzt enger als früher, sagt Janina, genauso wie das zu den Geschwistern.

"Ich war früher mehr so der Stubenhocker", sagt Max an einem Tag im Frühsommer. "Nach Konis Tod hab ich angefangen, mehr rauszugehen."

"Seit wann?", fragt Janina. "Wer ist mit dir das erste Mal nach Stuttgart gefahren?"

"Du und Katha", sagt Max. "Gute Schwestern!"

"Koni wollte mit Max zu seinem 18. Geburtstag nach Stuttgart fahren", sagt Janina. "Sie wollten feiern, und Koni hat gesagt, er zahlt alles."

"Und da haben Katha und ich gesagt: Dann machen wir das jetzt. Wir haben ihn eingepackt und mitgenommen und ihm den Abend gezahlt."

"Ich hab da überhaupt erst angefangen, mal was zu trinken und auszugehen", sagt Max. "Jetzt trinke ich gerne mal ein Glas Whiskey."

"Eins?", sagt Janina, und dann: "Schon komisch. Du hast angefangen zu feiern, und ich hab aufgehört."

Janina hat sich noch ein Tattoo stechen lassen. Die Orchidee erweitert sie zu einer Blumenranke und lässt sich zu Konis Namen die Namen ihrer beiden anderen Geschwister stechen: Katha und Max.

Sie hat ein Date mit einem Jungen aus Backnang, er sagt sofort: Du bist doch die Schwester von dem Konstantin. Sie ist genervt. Weil sie es von sich aus ansprechen will, wenn sie so weit ist. Mit einem anderen geht sie ins Kino. Es läuft Schutzengel, in dem es um Kriegsrückkehrer aus Afghanistan geht. Nach dem Ende guckt Janina auf die schwarze Leinwand, auf der in weißen Großbuchstaben steht: Dieser Film ist gewidmet allen in Afghanistan gefallenen, verwundeten und traumatisierten Soldaten und ihren Angehörigen. Sie behält für sich, warum sie sich danach sofort verabschiedet, und merkt, wie schwer es ihr fällt, jemanden an sich heranzulassen.

Es gibt viele solcher Momente. Wenn jemand, den sie lange nicht gesehen hat, fragt: Wie geht es denn eigentlich Konstantin? Oder wenn jemand fragt: Wie viele Geschwister hast du? Weil sie dann nicht weiß, ob sie zwei oder drei sagen soll. Eine Meldung in den Fernsehnachrichten über einen Anschlag, und Janina sitzt wieder auf dem Wohnzimmersofa unter der Glocke.

Im Sommer 2012 machen die Freunde aus ihrer alten Klasse Abitur und feiern. Eine Freundin geht für ein halbes Jahr nach Spanien, eine andere zieht nach Südafrika, noch eine will als Au-pair in die USA gehen. Eigentlich hätte ich jetzt mein Abi, denkt Janina. Eigentlich würde ich das jetzt auch alles machen können.

Ihr Bruder hätte nicht gewollt, dass sie immer nur traurig ist, denkt sie. Sie hat das schon oft gedacht. Aber erst jetzt, über ein Jahr nach seinem Tod, denkt sie es nicht nur, sondern spürt es auch.

Sie fängt wieder an, zu lernen, will ihr Abi unbedingt packen. Das ist meine letzte Chance, denkt sie. Ich muss es schaffen.

In der Schule lernt sie im Religionsunterricht, dass Trauer in verschiedenen Phasen abläuft. Erst will man den Verlust nicht wahrhaben und leugnet, was passiert ist. Dann kommen Wut, Angst und Schuldgefühle, gefolgt von Rückzug und Depression. Und schließlich die Akzeptanz dessen, was passiert ist.

Als das Jahr 2012 zu Ende geht, fast zwei Jahre nach Konis Tod, beschließt sie, ihre Haare wachsen zu lassen, und färbt sie wieder dunkel. "Ich wollte es wieder normal haben", sagt Janina. Sie schreibt ihrem Bruder einen drei Seiten langen Brief. Darin steht, dass sie jetzt Kampfrichterin ist, dass aus dem Date von neulich nichts geworden ist und dass es gut aussieht mit dem Abi. Sie legt ihn auf sein Grab. Drück mir die Daumen, Koni!, denkt sie.

Im April 2013 schreibt Janina ihre Abiturklausuren, noch einmal kommt ihr Afghanistan in die Quere. Ihre Mutter fliegt in der Woche ihrer Prüfungen mit der Bundeswehr nach Afghanistan. Es ist ihre letzte Chance, zum OP North zu reisen, bald wird der Stützpunkt aufgegeben. Janina schafft es, sich auf die Klausuren zu konzentrieren. Nur wenn sie danach heimkommt, vermisst sie ihre Mutter. Die anderen können jetzt beim Mittagessen erzählen, wie es gelaufen ist, und sie muss warten, bis ihre Mutter aus Afghanistan anruft. Zwei Monate später hat sie ihr Zeugnis in der Hand.

Alex und Marius wollten den Alltag miteinander teilen

Marius, Alex und eine Katze

Eine kleine Straße, die sich durch ein Dorf hinter Göttingen schlängelt, vorbei an Fachwerkhäusern und Apfelbaumwiesen: Hier liegt ihre erste gemeinsame Adresse. In einem Klinkerhaus aus den siebziger Jahren haben sie in diesem Juli eine Dachwohnung gefunden. Alex’ Geschwister haben Tapete abgekratzt, Marius’ Vater hat beim Tapezieren geholfen, eine Schwester und seine Mutter haben die Wohnung gewischt und Fenster geputzt, der Freund seiner Schwester hat Möbel aufgebaut, und Alex’ Eltern haben beim Umzug geholfen. Und als alles fertig war, haben Marius und Alex ein Katzenbaby adoptiert.

"Es hat sich alles geändert. Zu wissen, dass es der Familie egal ist, was andere dazu sagen. Dass man die Bestätigung hat, dass die Familie hinter einem steht", sagt Marius.

Eine Wochenendbeziehung kam für Alex und Marius langfristig nicht infrage. Sie wollten den Alltag miteinander teilen. Jetzt haben sie ihn. Nach zwei Wochen Zusammenleben fiel zum ersten Mal das Wort Privatputzfrau. Marius sagte es in dem Zusammenhang, dass er sich blöd vorkomme, wenn er sich, während Alex arbeitet, den ganzen Tag um die Wohnung kümmere. Sein Medizinstudium fängt erst im Oktober an, bis dahin hat er viel Zeit. Alex hat gesagt, er solle nicht den ganzen Tag auf ihn warten und zum Beispiel mal wieder schwimmen gehen. Um zusammenzuleben, haben beide zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Heimatorte verlassen. In der neuen Wohnung fällt Marius das Alleinsein schwer, und auch Alex fühlt sich zurzeit nicht besonders stabil.

Neulich kam Alex morgens gar nicht aus dem Bett. Er hatte Streit mit einem Bekannten, von dem er sich nicht respektiert fühlte, und das machte ihn so fertig, dass er Mühe hatte aufzustehen.

"Du nimmst das zu persönlich, wenn dich jemand nicht mag. Weil du es immer allen recht machen willst", sagt Marius, als sie an einem Julitag zusammen auf dem Sofa sitzen, das sie gemeinsam gekauft haben.

"Für mich ist es halt schwieriger, damit umzugehen, als für jemanden, der das von klein auf erlebt", sagt Alex.

Er war bei einer Heilpraktikerin und hat mit ihr darüber gesprochen, ob es mit seiner Homosexualität zusammenhängen könnte. "Ich vermute, dass ich immer versuche, mich ins rechte Licht zu rücken. Sodass sie sagen, Alex ist ja doch nicht so verkehrt, das ist ein Guter."

"Ich habe festgestellt, dass viele Menschen irgendwelche Erwartungen haben, wenn sie zu einem kommen. Und wenn man die nicht erfüllt, wenden sich die Leute auch schnell von einem ab", sagt Marius, der vor einem Monat mit einer seiner alten Schulfreundinnen gebrochen hat, weil er das Gefühl hatte, dass sie ihn nur anrief, wenn sie ihn brauchte. "Mir ist es wichtiger, herauszufinden, wer die wahren Freunde sind. Und das finde ich raus, indem ich ab und zu mal Nein sage." Marius hat sich jetzt in Rage geredet: "Man muss nicht perfekt sein. Ganz früher, wo ich den Leuten auch noch hinterhergelaufen bin, hab ich gemerkt, dass mir das nicht guttut, den anderen etwas vorzuspielen, was ich nicht wirklich bin. Wenn man sich verstellen muss und jemand anderes sein muss: Das ist kein Leben. Ich bin kein Schauspieler, ich muss das nicht machen."

Als die Wohnung fertig war, haben sie zwei von Alex’ Freunden eingeladen, zum Essen, und die beiden haben kurz vorher abgesagt. Wegen Fußball.

Später am Abend schrieb Marius noch eine SMS: "Schön, dass ihr so kurzfristig absagt, ist ja nicht so, als hätte man nichts vorbereitet."

Eine Stunde später waren die Freunde da.

Alex lächelt: "Ich kann von Marius noch viel lernen."

Janinas Highway

Neulich beim Judotraining hat jemand Janina gefragt, wie lange es eigentlich jetzt her ist, die Sache mit Konstantin. Und sie hat geantwortet: Fast zweieinhalb Jahre. Und dann hat sie gedacht: Was hab ich eigentlich gemacht in den zweieinhalb Jahren? "Es kamen nicht so viele Erinnerungen", sagt sie, und dass sie darüber traurig war. Wenn sie etwas von Koni gelernt hatte, dann doch, dass man sein Leben im Moment leben sollte. Er hatte immer so viele Pläne.

Im Herbst will Janina ihre Freundin besuchen, die als Au-pair in den USA arbeitet. Dann will sie für einen Tag ihr Traumauto mieten, einen alten Ford Mustang, und damit über die Highways brettern. Koni stand auch auf solche Amischlitten. Sie will anfangen zu studieren. Lange hat sie überlegt, ob sie Psychologie studieren soll, das war schon immer ein Traum von ihr. Je mehr Soldaten sie nach Konis Tod kennenlernte, die Verluste verkraften und Kriegstraumata überwinden mussten, desto größer wurde er. Seitdem denkt Janina darüber nach, ob sie das schaffen könnte. Ob sie in den Einsatz gehen und Soldaten betreuen könnte. Oder ob es ihr nur wieder schlechter gehen würde, weil sie jeden Tag an Koni denken müsste. Noch wäre es zu früh, glaubt sie. Sie wird mit Lehramt anfangen.

Früher wollte sie weit weg studieren, heute will sie erst einmal in der Nähe bleiben. Ihre Schwester Katharina ist mittlerweile ausgezogen und wohnt mit ihrem Freund zusammen, aber Janina und sie schicken sich den ganzen Tag Nachrichten und sehen sich mindestens einmal die Woche. Zum Abschied umarmen sich die Schwestern lange. Janina passt auf, dass sie sich immer verabschiedet von den Menschen, die ihr wichtig sind.

Die Abi-Tour ihrer Klasse hat Janina nicht mitgemacht. Zwei Wochen Saufen in Kroatien, dazu hatte sie keine Lust. Überhaupt, so manches, was ihre Freundinnen heute beschäftigt, kann sie nicht mehr nachvollziehen. Wie sie den Jungs hinterherrennen, in die sie verknallt sind, und wie wichtig ihnen die neuesten Klamotten sind. "Früher war ich genauso", sagt Janina. "Heute denke ich: Hey, Mädel, das ist nicht das Wichtigste im Leben."

Gerade hat sie bei einem Wettkampf jemanden kennengelernt. Groß und blond ist er, ein Sportler. Solche Männer mag sie immer noch. Nur dass es damit heute längst nicht getan wäre. Er ist aus Berlin, wiedergesehen haben sie sich noch nicht. Aber jeden Abend telefonieren sie stundenlang. Wenn sie über ihn redet, dann lächelt Janina viel und sagt, dass er sehr nett sei. Pass auf, hat sie zu ihm gesagt. Ich will keinen, der nur Sex will. – Ich wohne 600 Kilometer entfernt, hat er geantwortet, Sex könnte ich einfacher haben. Von ihrem Bruder hat Janina ihm noch nichts erzählt. "Das mache ich dann, wenn wir uns wiedersehen."

Für ihren Abi-Ball hat sich Janina zwei Kleider gekauft, ein Prinzessinnenkleid, pink und bodenlang. Und ein Minikleid in einem schlichten Schnitt. Sie hat hin und her überlegt. Früher wäre es wohl das pinke Prinzessinnenkleid geworden, aber irgendwie fühlt es sich nicht mehr richtig an. Sie zieht das Minikleid an. Ihre dunklen Haare sind gerade wieder so lang, dass sie sie hochstecken kann.

Und dann, an einem heißen Sommerabend im Juli, läuft Janina mit ihrem Jahrgang in den Festsaal des Bürgerhauses von Backnang, aus den Lautsprechern kommt der Sommerhit des Vorjahres, Hall of Fame . Vor zweieinhalb Jahren fand in diesem Saal die Sportlerehrung statt, zu der niemand aus der Familie ging, weil Konstantin gestorben war. Heute bestellen ihre Eltern Wein, blättern in der Abi-Zeitung und lachen über die Kommentare von Janinas Freunden über ihre Tochter – "In einer Beziehung mit ihrem Blackberry"– "Allerbeste Mathe-Nachhilfe" – "Kleines Spanisch-Ass: Sie hat Blumen in ihrem Hühnchen" – "Cool" – "Sehr lieb gewonnen. War immer lustig mit dir".