Sie kamen, wie immer in solchen Fällen, unangemeldet und früh am Morgen: fünf Polizisten und der Staatsanwalt. Als sie wieder gingen, nahmen die Männer Aktenordner mit, den Computer und Patientendaten der vergangenen zwei Jahrzehnte. So lange berät Sonja Börner* Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Die Sozialpädagogin begleitet sie auf dem strapaziösen Weg der künstlichen Befruchtung, organisiert Selbsthilfegruppen und coacht Reproduktionsmediziner im Umgang mit ihren Patienten.

In jüngerer Zeit häuften sich bei Börner Anfragen verzweifelter Frauen, denen eine konventionelle In-vitro-Zeugung (IVF) nicht mehr helfen konnte. Patientinnen mit vorzeitig einsetzenden Wechseljahren, Krebskranke, denen eine Chemotherapie die Ovarien zerstört hatte, Frauen, die zu spät mit dem Kinderkriegen begonnen hatten – lauter Kinderlose, die nur noch mithilfe fremder Eizellen auf eine Schwangerschaft hoffen durften. Dass Börner auch die betroffenen Paare nicht abwies, könnte ihr nun zum Verhängnis werden.

In den meisten Ländern Europas sind Eizellspenden erlaubt; in Deutschland sind sie verboten. "Verstoß gegen das Embryonenschutzgesetz" stand auf dem Schriftstück, das ein Beamter Börner vor der Hausdurchsuchung entgegenhielt.

Die Kinderwunschberaterin ist nicht die Einzige, die wegen dieses Vorwurfs Besuch von der Staatsanwaltschaft bekam. Seit rund vier Jahren ermitteln die Strafverfolgungsbehörden in München und Augsburg gegen mehr als hundert Gynäkologen und Fertilitätsmediziner. Mehrere Krankenkassen wurden durchsucht, Hunderte von Patientinnen auf Polizeiwachen bestellt und zu intimsten Dingen befragt. Es ist der bislang größte Zugriff der Justiz in der Geschichte der deutschen Fortpflanzungsmedizin.

Und er könnte sich ausweiten, denn neben der Unterstützung der Eizellspende wird Frauenärzten noch Beihilfe zur Embryonenauswahl im Ausland vorgeworfen. Und das ist im Großteil der deutschen Kinderwunschzentren seit Jahren in ähnlicher Weise medizinische Praxis. Am Ende könnten es erneut Richter sein, die übernehmen müssen, wozu die Politik sich als unfähig erwiesen hat: das völlig veraltete Embryonenschutzgesetz zu korrigieren. So, wie es vor drei Jahren geschah, als der Bundesgerichtshof die Präimplantationsdiagnostik (PID) für erlaubt erklärte und den Bundestag zwang, ein entsprechendes Gesetz zu erlassen.

Das rigide Regelwerk zum Schutz von Embryonen stammt aus dem Jahr 1991, gleichsam aus dem Mittelalter der Fortpflanzungsmedizin. Viele Techniken, wie etwa die PID, gab es damals noch nicht. Veraltete Moralvorstellungen führten dazu, dass die Befruchtung mit fremdem Samen in Deutschland erlaubt blieb, eine Eizellspende jedoch verboten wurde. Die Vorschrift sollte eine "gespaltene Mutterschaft" verhindern – also gewährleisten, dass die genetische und biologische Mutter ein und dieselbe Person ist. Sonst sei die "eindeutige Identität" des Kindes gefährdet.

Tausende deutscher Paare suchen Hilfe und gespendete Eizellen im Ausland

Die Erfahrungen mit der Eizellspende im Ausland stützen diese Befürchtungen jedoch keineswegs. Die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sind in der Regel eng und liebevoll. Bei der Eizellspende ist die Bindung zwischen Kind und unfruchtbarem Elternteil sogar noch stärker als bei der Samenspende. Als "äußerst dürftig" bezeichnet der Mannheimer Rechtsprofessor Jochen Taupitz in seinem Kommentar zum Embryonenschutzgesetz deshalb die Gründe für das Verbot der Eizellspende.

Immer mehr Frauen wollen sich mit dieser offensichtlichen Diskriminierung nicht mehr abfinden. Mindestens zweitausend deutsche Paare pilgerten jedes Jahr für eine Fruchtbarkeitsbehandlung ins Ausland, schätzt die Europäische Gesellschaft für Reproduktion und Embryologie (ESHRE) in einer Expertise. Der Hauptreisegrund für den Fortpflanzungstourismus ist die Eizellspende; Tschechien und Spanien sind dabei die beliebtesten Destinationen. Allein in Prag bietet ein Dutzend Zentren ausländischen Paaren seinen Service an – mit deutschsprachigem Personal und angeschlossenen Hotels.

Der austrogermanische Fertilitätsstreit

Doch die medizinischen Standards der Kliniken sind nicht immer gut. "Zu mindestens einem Drittel der Zentren würde ich nicht gehen", sagt Kinderwunschberaterin Sonja Börner. Einigen Kliniken fehlt die Erfahrung, andere locken mit falschen Versprechen. Zwar sind die Erfolgsraten mit der Eizellspende hoch, weil die Spenderinnen jung und deren Keimzellen gesund sind. Dennoch endet jeder zweite Besuch im Ausland ohne Schwangerschaft; und die Paare in Deutschland sind unsicher: Welches Zentrum ist seriös? Wo werden die Spenderinnen ausgesucht? Und sind 10.000 Euro pro Behandlungsversuch angemessen?

Mit solchen Fragen wird auch Börner häufig konfrontiert. Deshalb sammelte sie die Erfahrungen von Patientinnen, recherchierte im In- und Ausland und stellte die Informationen über die Kliniken samt Tipps auf einer Internetseite zusammen. Vermittlungsprovisionen habe sie nie erhalten, versichert sie. Sie habe lediglich das Für und Wider einer Eizellspende in persönlichen Gesprächen erörtert. "Viele Frauen haben einen jahrelangen Leidensweg hinter sich und sind traumatisiert", sagt Börner. "Sie haben ein Recht auf Beratung."

Klaudia Paik* haderte zwei Jahre lang mit der Entscheidung, für ein Kind ins Ausland zu gehen, nachdem sie erfahren hatte, dass sie wegen einer vorzeitigen Menopause nicht schwanger werden kann. Endlose Stunden recherchierte sie im Internet. Sogar im Beichtstuhl suchte sich die gläubige Mittdreißigerin Rat. Die meisten Gedanken machte sich Paik über die Spenderin: Wer wird die fremde Frau sein, deren Eizelle ich bekomme? Spendet Sie ihre Keimzellen, um anderen Frauen zu helfen? Oder nur wegen des Geldes? Zwischen 500 und 1.000 Euro erhalten Spenderinnen in Europa, je nach Land und Klinik, für die Strapaze, zwei Wochen lang Hormone zu nehmen und sich dann unter Narkose Eizellen absaugen zu lassen.

Beantwortet wurden Klaudia Paiks Fragen nach der Spenderin nicht. Denn gerade in Spanien, wo sie schließlich schwanger wurde, herrscht strikte Anonymität. Noch heute treibt es ihr die Tränen in die Augen, dass sie der Spenderin nicht danken kann, welche es möglich machte, dass sie heute eine zwei Jahre alte Tochter hat. "Diese Frau hat mir das größte Geschenk meines Lebens gemacht", sagt Paik. Doch mehr als die Blutgruppe, die Haarfarbe und den Geburtstag der genetischen Mutter wird sie ihrem Kind niemals mitteilen können. Ein offensichtlicher Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention, die jedem Kind das Recht auf Kenntnis seiner genetischen Herkunft gibt.

Geradezu empört berichtet Paik über ihre Vernehmung auf einem Münchner Kommissariat. Knapp eine Stunde lang befragte man sie über medizinische Untersuchungen und Empfängnismethoden. Der Beamte – "ein Herr im mittleren Alter" – wollte wissen, wie viel Geld sie an wen bezahlt hätte und ob Sonja Börner oder deutsche Ärzte ihr bei der Eizellspende geholfen hätten. "Warum muss ich das alles erzählen?", fragt Paik. Sie weiß, dass sie als Betroffene laut Gesetz keine Straftat begangen hat. Dennoch fühlt sie sich "in eine Grauzone gedrängt".

Hunderte von Frauen wurden so vernommen, in der Regel von männlichen Polizisten. Die meisten der Betroffenen wussten gar nicht, warum sie überhaupt aussagen mussten. Sie waren niemals für eine Eizellspende im Ausland gewesen, sondern hatten eine konventionelle künstliche Befruchtung in Deutschland in Anspruch genommen. Doch auch sie standen in den von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmten Patientenakten und wurden vorgeladen.

Der Tipp an die Behörden kam aus dem Ausland. Das jedenfalls vermuten die Beschuldigten in Deutschland. Seit vielen Jahren tobt eine Art Grenzkrieg zwischen deutschen und österreichischen Reproduktionsmedizinern um Pfründen und Reputation. Die Fertilitätsdoktoren sind eine eigene Spezies von Heilkünstlern. Viele von ihnen verstehen sich als Mediziner, die nicht nur Leben bewahren, sondern neues Leben schaffen. Entsprechend hoch ist ihr Geltungsbedürfnis. Auch die Gewinnmargen des Gewerbes sind ansehnlich. Ein fruchtbarer Boden für Konkurrenz und Neid.

Hintergrund des austrogermanischen Fertilitätsstreits ist erneut das Embryonenschutzgesetz. Danach dürfen deutsche Ärzte nur drei Eizellen einer Frau im Labor befruchten und ihr später wieder einsetzen. In Österreich gilt diese Beschränkung nicht. Hier können die Mediziner mehr Embryonen wachsen lassen und diejenigen mit dem besten Entwicklungspotenzial auswählen. Entsprechend höher sind die Schwangerschaftsraten.

Besonders eine Großpraxis im grenznahen Bregenz, das Zentrum des IVF-Mediziners Herbert Zech, macht sich diesen Umstand zunutze und wirbt seit Jahren offensiv mit der Überlegenheit der österreichischen Methode. Zur Eskalation kam es, als Zech im bayerischen Ottobrunn eine Informationsstelle eröffnete und von dort aus ein bundesweites Netzwerk deutscher Gynäkologen aufbaute, die Patientinnen mit unerfülltem Kinderwunsch an den deutschen IVF-Zentren vorbei nach Österreich überweisen sollten. 2009 wurde Zech wegen seiner offensiven Kundenakquise angezeigt. Ein Eigentor.

Da dem Österreicher Zech nichts Gravierendes vorzuwerfen war, konzentrierte sich die Staatsanwaltschaft auf seine deutschen Helfer. Vor allem die Gynäkologen gerieten ins Visier, weil sie die Frauen untersucht und ihnen Hormone verschrieben hatten, bevor diese sich nach Bregenz aufmachten. Gegen rund hundert Ärzte wurde seitdem bundesweit ermittelt. In den meisten Fällen erklärten die Ärzte ihre Schuld und zahlten Geldbußen zwischen 2.000 und 10.000 Euro. Wer dazu nicht bereit war, muss jetzt mit einem Gerichtsverfahren rechnen.

Embryonen sollen gespendet werden, die es eigentlich gar nicht geben darf

Wie die Prozesse ausgehen, ist völlig offen. Denn in den vergangenen Jahren sind auch deutsche Reproduktionsmediziner dazu übergegangen, mehr als drei Embryonen zu befruchten, um sie dann einer Qualitätsprüfung zu unterziehen (ZEIT Nr. 30/09). Sie stützen sich dabei vor allem auf die liberale Auslegung des Embryonenschutzgesetzes der Kieler Strafrechtlerin Monika Frommel. Unumstritten ist deren Interpretation nicht. Denn ein Ziel des Embryonenschutzgesetzes war immer klar: Es sollten keine überzähligen Embryonen entstehen – was unvermeidlich ist, wenn man mehr Embryonen produziert, als man einsetzt.

Genau das ist anscheinend in deutschen IVF-Praxen geschehen. Eine mindestens vierstellige Zahl von nicht verpflanzten Embryonen dürfte derzeit in Deutschland auf Eis liegen. Ein Hinweis darauf, dass diese wirklich existieren, ist ein neuer Verein deutscher Reproduktionsmediziner, der diese Woche in München gegründet wurde. Dieser will solche Embryonen erfassen und die Spende an kinderlose Paare ermöglichen.

*Namen der Betroffenen geändert