PhilosophieRadikale Mitte

Der Philosoph Markus Gabriel erklärt, warum es die Welt nicht gibt. von Gregor Dotzauer

Nichts leichter, als sich für Markus Gabriels doppelte Abrechnung zu erwärmen. Endlich holt einer mal aus zum Schlag gegen den Brachialszientismus, mit dem der Evolutionsbiologe Richard Dawkins und seine neoatheistischen Freunde einen Gott aus den Himmeln vertreiben wollen, der dort nie zu Hause war. Und endlich stemmt sich einer mal gegen die kulturwissenschaftliche Versuchung, noch die letzte empirisch nachprüfbare Tatsache als wacklige soziale Konstruktion zu entlarven. Zwischen blindem Naturalismus und haltlosem Skeptizismus ist Gabriel, seit 2009 Inhaber des Lehrstuhls für Erkenntnistheorie an der Universität Bonn, ein Mann der radikalen Mitte. Denn sein Programm eines "Neuen Realismus" erledigt beide Gegner im Handstreich, und das in jargonfrei-prägnanten Sätzen. Wer ein Jahr im Elfenbeinturm forsche und dann nicht in der Lage sei, sein Thema verständlich zu erklären, sagt er, der könne es selbst nicht verstanden haben.

Ein rheinisches Gute-Laune-Wunder wider den Nihilismus

Entsprechend begierig wird ihm die Bühne bereitet. Hier parliert er bei Anke Engelke über das "Fernsehen als grundlegenden Modus der Weltaneignung", wie er in seinem bisher rund 20 000-mal verkauften Buch Warum es die Welt nicht gibt schreibt. Dort tingelt er durch die Rundfunkstudios oder gibt im Podcast (www.verdammtguterkuchen.de) ansteckend aufgekratzt Auskunft über seinen Weg. Seit Jüngstem hat ihn obendrein die FAS als Kolumnisten entdeckt. Mit 33 Jahren ist Markus Gabriel der Denker der Stunde, ein rheinisches Gute-Laune-Wunder wider den Nihilismus, besessen vom Traum, die deutsche Philosophie erneut zum "Weltmarktführer" zu machen und vom Ruf der "Depressionswissenschaft" zu erlösen: Heideggers "Sein zum Tode" leuchtet ihm nur als "Sein zur Freude" ein.

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In diesem Großprojekt bildet Warum es die Welt nicht gibt mit seinem Anspruch, voraussetzungslos lesbar zu sein, die populäre Vorhut und ist doch ein vollgültiger, theoretisch verästelter Beitrag zur "Einführung einer neuen Ontologie". Sie beruht auf der Lehre von objektiv getrennten Gegenstandsbereichen, deren Gegenstände in sogenannten Sinnfeldern erscheinen müssen, um zu existieren. So kann man sich auf den Mond als geologischen Himmelskörper beziehen, als Dichtungsmotiv bei Eichendorff oder als Hilfskalender. Die Zahl der Existenzweisen ist tendenziell unendlich, wobei man über jede klare Aussagen treffen kann: Den Mann im Mond zum Beispiel gibt es nur in Ludwig Bechsteins Märchen. Gabriel versucht auf diese Weise den Dualismus von Geist und Materie zugunsten eines Pluralismus der Substanzen zu überwinden. Begrenzt wird diese Perspektivenvielfalt von der Annahme des "Neuen Realismus", dass der Mensch Dinge und Tatsachen stets an sich erkenne, ohne dass ihm sein spezifischer Sinnesapparat einen Strich durch die Rechnung mache.

Es sei unbestreitbar, gibt Gabriel zu, "dass wir die Welt vom ›Standpunkt eines Menschen‹ sehen, wie Kant gesagt hat. Doch bedeutet dies nicht, dass wir sie damit nicht erkennen können, wie sie an sich ist. Wir erkennen eben vom Standpunkt eines Menschen, wie die Welt an sich ist." Kants "Ding an sich" war immer eine philosophische Fiktion. Doch wenn die Rede vom An-sich einen Sinn haben soll, muss es sich dann nicht vom Für-mich unterscheiden? Oder glaubt Gabriel, dass die Wahrnehmungs- und Ordnungsregistraturen des Menschen tatsächlich eins zu eins mit den zu erkennenden Weltstrukturen übereinstimmen?

Als Urvater eines Konstruktivismus, der Wahrheit grundsätzlich als menschliche Hervorbringung betrachtet, ist ihm Kant so suspekt wie die Metaphysik als Theorie eines vollständig erfassbaren Ganzen, in dem alles mit allem zusammenhängt. Gabriels spektakulär inszenierte, aber hochgradig unspektakuläre Behauptung, dass es die Welt nicht gibt, meint genau das, will sich aber auch nicht auf Kants Vorschlag einer "regulativen Idee" einlassen. Die Welt existiert tatsächlich immer nur als Ausschnitt, also im Plural. Im Universum als Gegenstandsbereich der Physik kann sie nicht aufgehen, und wollte man eine Liste anlegen, die auch sämtliche Gedanken, Träume und künstlerischen Reflexionen beinhaltet, bliebe sie notwendig Fragment. Deshalb, argumentiert Gabriel mit Recht, müsse man sich auch von der Weltformel verabschieden.

Nur: Wer außer Stephen Hawking, dem er wunderbar eins mitgibt, vertraut noch darauf? Nicht einmal die verhassten Neurowissenschaftler. Durch seine Begriffsdefinitionen treibt Gabriel auch ein gutes Stück Sandkastenphilosophie mit imaginären Gegnern. Wer sind die Metaphysiker, die die ganze Welt umarmen? Wer sind die Konstruktivisten, die nichts als Projektionen wittern? Der linke Pragmatist Richard Rorty, den er kürzlich einen "elend schlechten Philosophen" nannte? Der Dekonstruktivist Jacques Derrida, dessen Theorien er für "groben Quatsch" hält? Und hat sich Jürgen Habermas schon jemals vorhalten lassen müssen, er habe sich von den Naturwissenschaften "einschüchtern lassen"?

Leserkommentare
  1. Nicht seit 1999, sondern seit 2009 ist er Professor, trotzdem noch sehr jung.

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    Redaktion

    Lieber Leser,

    Sie haben Recht, Markus Gabriel ist erst seit 2009 am Lehrstuhl der Universität Bonn. Wir haben es im Text entsprechend geändert.

    Beste Grüße, die Redaktion

    Ihr Einwand trifft zu. Da habe ich das Richtige gemeint und das Falsche geschrieben. Sonst wäre Markus Gabriel tatsächlich der jüngste deutsche Philosophieprofessor aller Zeiten - ein Titel, den ihm aber auch so offenbar nur der Mann streitig macht, über den er seine Dissertation schrieb: Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Der trat 1803, im Alter von 28 Jahren, seine erste ordentliche Professur in Würzburg an, lehrte zuvor allerdings schon als außerordentlicher Professor in Jena.

  2. ... dass die Berufsbezeichnung "Philosoph" den Menschen heute bestenfalls ein wohlwollendes, aber unverständiges Lächeln entlocken.
    Von den schlimmsten Fällen mal ganz zu schweigen.
    Ich schäme mich für diese neue "informative" Philosophie.
    Die allgemeine Tendenz, alles kurz und umgehend verständlich zu machen, ist in vielen Disziplinen gut und sinnvoll. Auch schätze ich die absichtlich um den (möglicherweise nicht vorhandenen) Sinn herummäandrierender Philosophen nicht sehr.
    Vereinfachung entstellt allerdings dann den Sinn, wenn es sich schlichtweg um komplizierte philosophische Sachverhalte handelt. Die muss dann auch nicht jeder verstehen können. Es würde niemand auf die Idee kommen, so etwas von zB Physikern zu fordern.
    Auch die Philosophie hat eine Fachterminologie, die ich hier aufs Gröbste ridikülisiert sehe. Nur weil es sich bei unseren "Formeln" zufällig um Worte handelt, kann trotzdem eben nicht gleich jeder mitreden.
    Ich finde es sehr bedauerlich, dass das Ideal einer klaren und deutlichen Sprache (die ich als analytischer Philosoph ebenfalls gern und viel einfordere ;-)) hier zugunsten der Verflachung des Gedanken mißbraucht wird.

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    • fx56
    • 24. August 2013 13:36 Uhr

    Der Sinn Ihres Kommentars erschließt sich mir nicht. Es gibt schonmal nicht "die Philosophie". Und was Sie da sonst so schreiben ist mehr Wichtigtuerei als es irgendein gesellschaftliches Gewicht hat.

    > Nur weil es sich bei unseren "Formeln" zufällig um Worte handelt, kann
    > trotzdem eben nicht gleich jeder mitreden.

  3. Handelt es sich hierbei also wieder um ein solches populärwissenschaftliches Werk? Solche erkennt man dieser Tage bereits sehr gut an ihren Titeln: Sie sind immer schneidige Behauptungen, die mit dem "Warum es..." beginnen. Es fehlt nur noch irgendeine Unterbringung des "wir" um möglichst alle anzusprechen. Ein Ritt auf nicht einmal 300 Seiten durch Ontologie und Konstruktivismus, in schneidiger Sprache?
    Ich bin wirklich kein Experte der analytischen Philosophie, und ich will das Werk hier auch nicht Konsorten wie Herrn Precht zuordnen. Doch soweit ich mitbekommen habe, ist gerade eines der Probleme der dominierenden analytischen Philosophie, dass sie es sich mit ihren vermeintlich vernünftigen, logischen, sprachlichen Postulaten oft sehr, sehr einfach machen. In der analytischen Philosophie erscheint mir vieles erstaunlich selbstherrlisch als Neuentdeckung vorgetragen, wo schon viele Griechen Probleme behandelt haben - ich denke da an die Willensfreiheit-Problematik.
    Insofern bin ich auch bei diesem Buch skeptisch wenn man die vermeintliche "Lockerheit" der analytischen Philosophie jetzt hier zackig verkaufen will. Generell halte ich absolut nichts davon diese großen Themen so zu verpacken. Eine gut geschriebene Einführung wäre sinnvoller.

    Ansonsten erscheinen mir viele Thesen schlichtweg überhaupt nicht neu, sondern eben nur massentauglich und verkürzt zusammengeschustert.

    8 Leserempfehlungen
  4. Aktivität, also ein sehr kleiner Teil unserer Existens. Deswegen gab es bei den alten Germanen noch so wenig philosophisches, im Gegensatz zu den Griechen.
    Und Wirklichkeit.., du siehst was du bist.
    Philosophie ist jedenfalls nicht so arrogant wie Naturwissenschaften den Totalitätsanspruch zu erheben.
    Vielleicht ist Nihilsmus auch nur Glaubenssache?

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    ich kenne niemanden der zB einen "totalen Wahrheitsanspruch" für das fundamentale Standardmodell der Physik erhebt; man merkt bloß dass es die beobachtete Wirklichkeit sehr gut abbildet, was in irgendeiner absoluten Wirklichkeit vielleicht passiert, darüber wird einfach keine Aussage gemacht.

  5. Gute Laune Philosoph?

    Kann sein.

    Ist aber doch schon ein sprachliches Kunstwerk so zu reihen wie es Gabriel in dieser Vorlesung tut, da reimt sich Mondkrater auf Merkel.

    Und die Gegenstandsbereiche der Physik/Naturwissenschaften werden klar von denen der Menschen (Gespräch mit der Nachbarin) abgegrenzt.

    Das ganze endet dann mit einem Gedicht von Rilke.

    Diese Vorlesung hat sehr wenig mit rheinischem Frohsinn zu tun. Sie ist Ausdruck gegenüber den Verführungen menschliche Bereiche zu überformen nach naturwissenschaftlichen oder ökonomischen Prinzipien:

    der Euro ist eben nicht ein Anordnung in einem chemischen Labor, sowenig wie Minijobber Partikel in einem Teilchenbeschleuninger sind.

    Natürlich grenzt sich Gabriel von Heideggers mysthischem Schwarzwaldvokabular ab, das durchaus seine Faziniation haben kann, jedoch nicht zum rheinischen Frohsinn oder preussischer Aufklärung passt.

    Ob die Wunschträume von Gabriel bezüglich deutscher Philosophie in der Weltöffentlichkeit in Erfüllung gehen, bleibt der Zukunft überlassen.

    Das jedoch das Land NRW an der Uni Bonn, die Philosophie finanziell unterstützt,

    kann Deutschland nur gut tun.

    Berlin liegt nämlich ausreichend entfernt auf der anderen Seite des Rheins.

  6. "Gabriel hat gerade vorgetragen, dass es die Aufgabe der Philosophie sei, jedes Mal wieder von vorne anzufangen. 'Fangen wir also von vorne an! Was soll das Ganze? Dies ist die philosophische Grundfrage schlechthin.' "

    Das menschliche Sinnbedürfnis als solches ist, so weit wage ich mich aus dem Fenster zu lehnen, universal und keinem historischen Wandel unterworfen. Mit jedem menschlichen Leben stellen sich die Sinnfragen damit 'von vorn'. Was aber durchaus wandelbar ist, ist der kulturelle Kontext, in dem sie sich stellen. Wir haben heute durch eine gewaltige Dichte an Bildung und unmittelbarer medialer Verfügbakeit von Wissen ein ausgeprägteres, aber vages Bewusstsein für das bereits Gedachte und Gesagte und seine Alternativen; dem gegenüber stehen in ihrem Sinnbedürfnis autonomere, aber zugleich überforderte Individuen, die radikaler fragen, denen aber Zeit, Vorbildung und Umfeld für eine allzu intensive Beschäftigung mit der Materie fehlt. Das schafft einen Markt für Vereinfachung und Wiederverwertung. Nur gehört zu einem Markt die Illusion der Innovation. Populär"wissenschaftliche" Philosophie gehört durch die ihr inhärente Halbaufrichtigkeit damit zu den meinem Empfinden nach unsympathischsten Nutznießern dieses Marktes - verhindern wird man sie aber leider nicht können.

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  7. Warum fragen Menschen sich, ob es sie/die Welt gibt? Welchen Unterschied macht es?
    Ist doch Definitionssache: "es gibt die Welt" hängt doch nur davon ab, wie ich "es gibt" und "die Welt" definiere -> die Diskussion darüber ist ewige Wortklauberei?
    Schlussendlich eine naïve Laienfrage: welchen neuen Ansatz/Erkenntnis bringt das Buch überhaupt?

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    Ist es nicht erstaunlich, dass es überhaupt irgend etwas gibt?

    nebenbei, auch falls unzählige Nichtse vorkommen sollten, so beinhalteten diese Nichtse doch nichts was ihre Nichtigkeit erkennen könnte.
    warum bräuchte es für Existenz einen Grund, jedoch nicht für Nicht-Existenz?
    Anstatt die Welt dadurch zu beschreiben, was es alles gibt, könnte man sie ja auch dadurch beschreiben was es alles nicht gibt..und wäre dies nicht viel mehr? Wenn es Nichts gäbe, bräuchte es nicht für jede einzelne Nicht-Existenz eine Begründung; wenn es nichts gäbe, so gäbe es ja auch nichts was etwas an seiner Existenz hindern könnte?

    so, jetzt hatte ich meine 5 Minuten :) sorry für den wirrwarr :)

  8. ich kenne niemanden der zB einen "totalen Wahrheitsanspruch" für das fundamentale Standardmodell der Physik erhebt; man merkt bloß dass es die beobachtete Wirklichkeit sehr gut abbildet, was in irgendeiner absoluten Wirklichkeit vielleicht passiert, darüber wird einfach keine Aussage gemacht.

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