Im Anfang war Adam Smith. Geboren 1723 zu Kirkcaldy in Schottland, Autor des Werks Wohlstand der Nationen, Schöpfer der Volkswirtschaftslehre, gestorben und begraben 1790 zu Edinburgh. Sein Werk lebt weiter, hinausgetragen in die Welt von Jüngern wie Gregory Mankiw, Autor des Lehrbuchs Principles of Economics, der Bibel von Erstsemestern rund um den Globus. Erstes Kapitel: "Smith erläutert, wie die ›unsichtbare Hand des Markts‹ den Egoismus des Einzelnen in wachsenden Wohlstand für die Allgemeinheit transformiert." Amen.

Doch seit in der jüngsten Wirtschaftskrise der Wohlstand für die Allgemeinheit schrumpft, steht derlei orthodoxe Exegese des Smithschen Schaffens unter Rechtfertigungsdruck. Laut melden sich Häretiker zu Wort: linke Ökonomen, die dem Markt misstrauen und mehr Staat fordern. Sie wollen den Vater der Volkswirtschaftslehre in ihrem Sinne uminterpretieren.

Deutschlands bekanntester Häretiker ist der Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger. In die Neuauflage seines Lehrbuchs Grundzüge der Volkswirtschaftslehre hat er nach der Finanzkrise eine Passage eingefügt, die man als Kampfansage an die Orthodoxen verstehen kann. Darin schreibt Bofinger, Smith habe gar nicht behauptet, dass Egoismus immer Wohlstand hervorbringe – sondern dass er dies nur dann tue, wenn das eigennützige Verhalten langfristig ausgerichtet sei. Kurzfristige Gewinnmaximierung wie vor der Finanzkrise führe hingegen zu "selbstzerstörerischen Effekten".

Das Ringen um die Smith-Exegese ist so alt wie Smiths Werk

Zu den Häretikern zählt auch der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman. In seinem Blog für die New York Times forderte er einmal eine stärkere Bankenregulierung – und begründete das mit einem Zitat von Adam Smith, wonach Regulierung durch Gesetze zwar individuelle Freiheit beschränkt, manchmal aber nötig ist, falls anderweitig Einzelne die Sicherheit der ganzen Gesellschaft gefährden, wenn sie tun, was sie wollen.

Die Verfechter der Orthodoxie schossen im Internet zurück: Krugman habe das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen. Der Mann ist ohnehin ein Lieblingsgegner kämpferischer Marktenthusiasten. Als die BBC im vergangenen Jahr eine ausführliche Debatte mit Krugman ausstrahlte, schrieb der Politikdirektor einer Londoner Denkfabrik, die sich Adam Smith Institute nennt, eine Beschwerde an den Sender: Die BBC habe Krugmans linken Ansichten zu viel Platz eingeräumt und damit ihre Verpflichtung zur Unparteilichkeit verletzt.

Der Streit um die Deutungshoheit über Adam Smiths Werk trägt bisweilen unterhaltsame Züge, aber dessen Tiefen durchdringen sie nicht. Diese Tiefen loten, von der Öffentlichkeit unbemerkt, Forscher aus, die sich tatsächlich intensiv mit diesen Werken beschäftigen. Emma Rothschild etwa, die Professorin ist an den Universitäten Cambridge und Harvard, kennt Adam Smiths Werke so gut wie kaum jemand sonst. Doch sie schreibt kein Blog und auch keine Beschwerdebriefe an Fernsehsender, sondern Aufsätze für Fachzeitschriften. Auf Fragen antwortet sie nach fünfsekündigen Denkpausen mit einer leisen, langen Antwort. Das ist nicht öffentlichkeitswirksam, doch was Rothschild sagt, öffnet einen neuen Blick auf den Vater der Volkswirtschaftslehre – eine Perspektive, die über den alten Links-rechts-Streit hinausgeht.

Wie ist das zum Beispiel mit der unsichtbaren Hand? Generationen von Volkswirten haben dazu dieselbe Passage aus dem Wohlstand der Nationen zitiert. Irgendwann wirkte es, als sei das Konzept der Dreh- und Angelpunkt in Smiths Denken. Als Rothschild aber im Wohlstand der Nationen nachzählte, fand sie, dass Smith die Formulierung auf 1097 Seiten nur ein einziges Mal verwendete. Anders als oft behauptet, hatte er die unsichtbare Hand auch nicht erfunden. Als die Professorin Hunderte Bücher und Flugschriften aus Smiths Zeit wälzte, fand sie den Begriff immer wieder. Oft benutzten ihn Prediger, um Gottes Wirken in der Welt zu beschreiben. Warum sollte Smith, ein ausgesprochener Kirchenkritiker, so eine Formulierung übernommen haben? Rothschild glaubt: Das kann er nur ironisch gemeint haben.