Wegen einer verlorenen Wette arbeitete Richard Branson (links) auf einem AirAsia-Flug als Stewardess. Rechts der Chef der Billigfluglinie, Tony Fernandes © Mohd Rasfan/AFP/Getty Images

Eine Frage der Weltgeschichte: Muss man außergewöhnlich sein, um Außergewöhnliches zu leisten? Und was heißt außergewöhnlich? Bloß wunderlich, ganz speziell intellektuell, mental auffällig oder sogar psychisch gestört? Da ist die Studie der Cass Business School in London, in der mehr als jeder dritte Firmengründer bekennt, Legastheniker zu sein. Die Lese- und Rechtschreibstörung tritt bei Unternehmenslenkern demnach achtmal häufiger auf als im Durchschnitt der Bevölkerung.

Oder ADHS. Studenten mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom, so haben Forscher der Erasmus-Universität Rotterdam beobachtet, werden später mit überdurchschnittlich großer Wahrscheinlichkeit ein Unternehmen gründen.

Es kann sogar ganz schlimm kommen: Konzernkarrieristen sind übermäßig häufig gefährliche Irre. In den Führungsetagen von Unternehmen finden sich dreieinhalbmal so viele Psychopathen wie im Durchschnitt der Bevölkerung, wie Robert Hare, Psychologe und Forensiker aus Vancouver, und der New Yorker Unternehmensberater Paul Babiak durch Hunderte von Interviews herausgefunden haben.

Zwischen Legasthenie und Psychopathie liegt eine gewaltige Spanne von mentalen Defiziten – sie reicht von der Rechenschwäche bis zum Narzissmus, von der Depression über die bipolare Störung bis hin zum Autismus. Mal sind die Leiden relativ harmlos, mal schwerwiegend. Und alle diese Verrücktheiten stehen in einer seltsamen Verbindung zum beruflichen Erfolg.

Selbst ins Fernsehen hat das Phänomen schon gefunden: Die CIA-Agentin Carrie Mathison jagt in der gefeierten US-Serie Homeland wie besessen Terroristen. Ihre Erkrankung, die manisch-depressive Störung, ist das Geheimnis ihres Erfolgs. Oder der von Phobien geplagte Superdetektiv Adrian Monk, der mit seiner absurden Logik jeden Fall löst. Auch im realen Leben sind Sonderlinge mit sozialen Defiziten oder mentalen Störungen auf einmal gefragt; Softwarefirmen umgarnen eigenbrötlerische Computerfreaks; Hedgefonds reißen sich um verschrobene Zahlen-Nerds; Politiker preisen exzentrische Firmengründer: Die Arbeitswelt hat sich zu einem Eldorado für Sonderlinge entwickelt.

Psychisch Auffällige sitzen tatsächlich bemerkenswert häufig in den Topetagen von Unternehmen, Kultureinrichtungen und Parteibüros. Dort, wo es auf besondere Fähigkeiten und Führungsqualitäten ankommt, trifft man Menschen mit Außenseiterhirnen. Zum Beispiel Mark Zuckerberg, Anfang 30: Der Chef des Milliardenunternehmens Facebook kann bis heute seinem Gegenüber kaum in die Augen schauen. Welche Rolle würde so jemand als junger Mensch heute auf dem Schulhof spielen? Wohl die des sozialen Sonderlings. Und dann definiert ausgerechnet so einer das Verständnis von Freundschaft und sozialer Beziehung neu. Und macht damit ein Vermögen. "Züge von Asperger-Autismus" attestiert ihm ein ehemaliger Facebook-Manager. Zuckerberg gebe "kaum aktives Feedback oder eine Rückmeldung, dass er dir zuhört", schrieb der einstige Mitarbeiter auf dem Internetportal Quora.

Oder Richard Branson. Der Flugliniengründer und Weltraumreise-Pionier pflegt als in die Jahre gekommener Milliardär noch pubertäre Gockeleien. Im Frührentenalter ließ er sich fotografieren, wie er beim Kitesurfen die Elemente bezwingt – umklammert von einem nackten Model. Wo verläuft hier die Grenze zwischen "normaler" Eitelkeit und einer ernsthaften narzisstischen Störung?

Oder Steve Jobs. Zu seinen Lebzeiten galt der Chef von Apple als Charismatiker und Choleriker. Vor allem aber galt er als jemand, der in die Zukunft sah. Er verlieh Dingen Gestalt, die andere noch nicht einmal erkennen konnten. Er war schwerer Legastheniker, erfolgloser Student – aber ein Visionär.

Man hat die Geschichten vieler großer Persönlichkeiten immer als Erfolgsgeschichten herausragender Talente erzählt. Aber womöglich sind es zugleich Krankengeschichten. Dann müsste man sich zwei Fragen stellen: Ist Genie und Wahnsinn doch ein und dasselbe? Muss man ein Abweichler sein, um Besonderes zu leisten?