Wegen einer verlorenen Wette arbeitete Richard Branson (links) auf einem AirAsia-Flug als Stewardess. Rechts der Chef der Billigfluglinie, Tony Fernandes © Mohd Rasfan/AFP/Getty Images

Eine Frage der Weltgeschichte: Muss man außergewöhnlich sein, um Außergewöhnliches zu leisten? Und was heißt außergewöhnlich? Bloß wunderlich, ganz speziell intellektuell, mental auffällig oder sogar psychisch gestört? Da ist die Studie der Cass Business School in London, in der mehr als jeder dritte Firmengründer bekennt, Legastheniker zu sein. Die Lese- und Rechtschreibstörung tritt bei Unternehmenslenkern demnach achtmal häufiger auf als im Durchschnitt der Bevölkerung.

Oder ADHS. Studenten mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom, so haben Forscher der Erasmus-Universität Rotterdam beobachtet, werden später mit überdurchschnittlich großer Wahrscheinlichkeit ein Unternehmen gründen.

Es kann sogar ganz schlimm kommen: Konzernkarrieristen sind übermäßig häufig gefährliche Irre. In den Führungsetagen von Unternehmen finden sich dreieinhalbmal so viele Psychopathen wie im Durchschnitt der Bevölkerung, wie Robert Hare, Psychologe und Forensiker aus Vancouver, und der New Yorker Unternehmensberater Paul Babiak durch Hunderte von Interviews herausgefunden haben.

Zwischen Legasthenie und Psychopathie liegt eine gewaltige Spanne von mentalen Defiziten – sie reicht von der Rechenschwäche bis zum Narzissmus, von der Depression über die bipolare Störung bis hin zum Autismus. Mal sind die Leiden relativ harmlos, mal schwerwiegend. Und alle diese Verrücktheiten stehen in einer seltsamen Verbindung zum beruflichen Erfolg.

Selbst ins Fernsehen hat das Phänomen schon gefunden: Die CIA-Agentin Carrie Mathison jagt in der gefeierten US-Serie Homeland wie besessen Terroristen. Ihre Erkrankung, die manisch-depressive Störung, ist das Geheimnis ihres Erfolgs. Oder der von Phobien geplagte Superdetektiv Adrian Monk, der mit seiner absurden Logik jeden Fall löst. Auch im realen Leben sind Sonderlinge mit sozialen Defiziten oder mentalen Störungen auf einmal gefragt; Softwarefirmen umgarnen eigenbrötlerische Computerfreaks; Hedgefonds reißen sich um verschrobene Zahlen-Nerds; Politiker preisen exzentrische Firmengründer: Die Arbeitswelt hat sich zu einem Eldorado für Sonderlinge entwickelt.

Psychisch Auffällige sitzen tatsächlich bemerkenswert häufig in den Topetagen von Unternehmen, Kultureinrichtungen und Parteibüros. Dort, wo es auf besondere Fähigkeiten und Führungsqualitäten ankommt, trifft man Menschen mit Außenseiterhirnen. Zum Beispiel Mark Zuckerberg, Anfang 30: Der Chef des Milliardenunternehmens Facebook kann bis heute seinem Gegenüber kaum in die Augen schauen. Welche Rolle würde so jemand als junger Mensch heute auf dem Schulhof spielen? Wohl die des sozialen Sonderlings. Und dann definiert ausgerechnet so einer das Verständnis von Freundschaft und sozialer Beziehung neu. Und macht damit ein Vermögen. "Züge von Asperger-Autismus" attestiert ihm ein ehemaliger Facebook-Manager. Zuckerberg gebe "kaum aktives Feedback oder eine Rückmeldung, dass er dir zuhört", schrieb der einstige Mitarbeiter auf dem Internetportal Quora.

Oder Richard Branson. Der Flugliniengründer und Weltraumreise-Pionier pflegt als in die Jahre gekommener Milliardär noch pubertäre Gockeleien. Im Frührentenalter ließ er sich fotografieren, wie er beim Kitesurfen die Elemente bezwingt – umklammert von einem nackten Model. Wo verläuft hier die Grenze zwischen "normaler" Eitelkeit und einer ernsthaften narzisstischen Störung?

Oder Steve Jobs. Zu seinen Lebzeiten galt der Chef von Apple als Charismatiker und Choleriker. Vor allem aber galt er als jemand, der in die Zukunft sah. Er verlieh Dingen Gestalt, die andere noch nicht einmal erkennen konnten. Er war schwerer Legastheniker, erfolgloser Student – aber ein Visionär.

Man hat die Geschichten vieler großer Persönlichkeiten immer als Erfolgsgeschichten herausragender Talente erzählt. Aber womöglich sind es zugleich Krankengeschichten. Dann müsste man sich zwei Fragen stellen: Ist Genie und Wahnsinn doch ein und dasselbe? Muss man ein Abweichler sein, um Besonderes zu leisten?

"Depressive sehen die Welt tendenziell klarer, mehr so, wie sie ist"

Aus einem psychisch Kranken wird womöglich der Manager des Jahres

Durchaus möglich, meint Nassir Ghaemi, Psychiatrieprofessor in Boston, der erstaunliche "Zusammenhänge zwischen psychischen Störungen und Führungsfähigkeiten" entdeckt hat. Der Wissenschaftler glaubt, dass die Karrieren etlicher großer Männer aus Politik, Militär und Wirtschaft ohne ihre Krankheitsschübe anders verlaufen wären. "Wenn Frieden herrscht, und das Staatsschiff nur auf Kurs bleiben muss, eignen sich geistig gesunde Führer. Wenn unsere Welt aber in Aufruhr gerät, eignen sich geistig kranke Führer am besten", behauptet Ghaemi in seinem Buch A first-rate madness ("Erstklassiger Wahnsinn"). Er nennt seine Theorie the inverse law of sanity, das umgekehrte Gesetz der Vernunft, was zur alten Psychiater-Weisheit passt: "In guten Zeiten behandeln wir sie, in schlechten regieren sie uns."

Das Problem, vor dem Forscher wie Ghaemi stehen: Geistige Leiden sind schwer zu beweisen, die Grenzen zwischen Normalsein und Wahnsinn oft fließend. Präzise Diagnosen sind aus der Ferne kaum möglich. Die Betroffenen müssten schon bereit sein, sich untersuchen zu lassen. Doch wer erfolgreich und gesellschaftlich anerkannt ist, legt sich freiwillig kaum auf die Couch oder in die Röhre. Seine Krankheit geht als Spleen durch. Und aus einem Fall für den Therapeuten wird jemand, der Grenzen überwindet und Wunder vollbringt. Aus einem psychisch Kranken wird womöglich der Manager des Jahres.

Nassir Ghaemi hat sich deshalb einen Kniff einfallen lassen: Er erforscht die psychischen Leiden von Verstorbenen. Dafür wälzt er Biografien, studiert Krankenakten, spricht mit Zeitzeugen. Dem britischen Staatsmann Winston Churchill zum Beispiel bescheinigt Ghaemi schwere Depressionen. Er, der sein Land durch den Zweiten Weltkrieg navigierte und darüber hinaus den Literaturnobelpreis gewann, bezeichnete seine Krankheit als seinen "schwarzen Hund", der ihn treu begleite, bis ins hohe Alter. Weil Churchill Angst hatte, sich während eines Krankheitsschubs das Leben zu nehmen, mied er zeitlebens Felsvorsprünge und Bahnsteigkanten. Er fürchtete: "Eine spontane Aktion würde alles beenden."

Gerade depressive Phasen, argumentiert Ghaemi, hätten Churchill geholfen, herausragende Führungsqualitäten zu entwickeln. Die bewies er in der schwersten Krise des vergangenen Jahrhunderts. 1930, weit vor allen anderen, warnte er vor den Nazis und drang auf eine militärische Aufrüstung. Als Arthur Neville Chamberlain das Münchner Abkommen mit Hitler unterzeichnet hatte, verweigerten nur Churchill und eine Handvoll Abgeordnete dem Premier den Applaus und blieben demonstrativ auf den Parlamentsbänken sitzen. Sie wurden ausgebuht – und hatten doch recht. "Depressive sehen die Welt tendenziell klarer, mehr so, wie sie ist", schreibt Ghaemi. Wer kein Vertrauen ins Leben und in die Zukunft hat, lässt sich nicht täuschen. Auch bei Willy Brandt gingen finstere Tage mit einer klarsichtigen Politik einher.

John F. Kennedy steht für ein anderes Extrem. Ghaemi attestiert dem jungen amerikanischen Präsidenten manische Züge, die sich oft in völlig übersteigertem Tatendrang äußerten. Obwohl Kennedy körperlich sehr angeschlagen war, arbeitete er wie ein Besessener. Er las Manuskripte im Gehen, diktierte ohne Unterlass Briefe und Memos, konnte Hände und Füße kaum still halten. Was andere Präsidenten in einem Jahr an Regierungserklärungen und Gesetzesanträgen bewältigten, erledigte Kennedy in gerade mal zwei Monaten. Zwei Stühle verschliss der umtriebige Präsident im Weißen Haus durch permanentes Wippen und Aufspringen. Seine Besessenheit und, damit verbunden, die Begeisterungsausbrüche eines Manikers trugen viel zum glänzenden Image bei, das Kennedy bis heute anhaftet.

Je nach Umgebung gelangen sehr unterschiedliche Abnormitäten und psychische Auffälligkeiten zu ihrer Blüte. Andy Grove, einer der Gründer des Chipkonzerns Intel, hat in den neunziger Jahren ein Buch mit einem prophetischen Titel geschrieben: Nur die Paranoiden überleben. Man hat Grove damals ironisch verstanden, aber der Mann dürfte es todernst gemeint haben. Paranoia äußert sich oft als Verfolgungswahn und ist eigentlich eine behandlungsbedürftige Krankheit – kann aber in einer wettbewerbsintensiven Branche zum entscheidenden Plus werden.

Denn wer überall Verfolger und Verräter wittert, tut alles, um Wettbewerber früh aus dem Weg zu räumen. So wie Gina Rinehart, die mächtige australische Bergbauunternehmerin, eine der reichsten Frauen der Welt. Rineharts Kosmos besteht aus zwei Lagern: aus Verbündeten und aus Feinden, die sie ums Erbe bringen wollen. Über Jahre zerrte die eisenharte Lady ihre Stiefmutter vor Gericht und bezichtigte sie des Mordes an ihrem Vater. Sie setzte Privatdetektive auf sie an, bestach Zeugen, die ihre Widersacherin mit Falschaussagen belasten sollten, und bewirkte schließlich eine Autopsie ihres Vaters. Diese ergab, dass der 82-Jährige eines natürlichen Todes gestorben war. Ihre eigenen Kinder zwang Rinehart, Schweigeabkommen zu unterzeichnen, die es ihnen verbieten, schlecht über die Mutter zu reden.

Restlos geklärt ist sie nicht, die Frage, wie psychische Leiden und beruflicher Erfolg zusammenhängen, aber es gibt Erklärungsversuche. Zum Beispiel bei der Lese- und Rechtschreibstörung. So lernen Legastheniker schon in der Schule, Arbeit abzugeben, indem sie Mitschüler oder Mütter dazu bringen, die Hausaufgaben für sie zu machen. Die Fähigkeit, Aufgaben zu delegieren, die anderen die Kleinarbeit machen zu lassen und sich derweil ums Große und Ganze zu kümmern, zeichnet Führungskräfte aus. Die Erklärung mag sich simpel anhören, aber fest steht, dass viele prominente Legastheniker ökonomische Weltreiche erschaffen haben. Dazu zählen neben Steve Jobs auch die Gründer von Konzernen wie Ford, General Electric, IBM und Ikea. Auch Charles Schwab (der Gründer des gleichnamigen Finanzmaklerunternehmens), John Chambers (der Chef von Cisco) und Ferdinand Piëch (VW) kämpften mit dem Gewimmel der Buchstaben.

Zwischen Genie und Wahnsinn liegt ein schmaler Grat

Beim "Zappelphilipp-Syndrom" ADHS, das ebenfalls bei zahlreichen Firmengründern zu finden ist, geht die Vermutung in eine andere Richtung: Jemand, der sich nicht lange auf eine Sache konzentrieren kann und sich schnell langweilt, ist vielleicht ein Chaot, aber eben auch ein Quell immer neuer Ideen. Er ist kreativer und risikofreudiger als andere.

Eines sollte dabei aber nicht vergessen werden: Psychische Leiden und mentale Störungen jeder Art sind kein Glück für den Betroffenen. Im Normalfall ist eine Krankheit auch kein Karrierebeschleuniger. Oft zerstört die Diagnose nicht nur das Leben der Betroffenen, sondern auch das ihrer Familie und Freunde. Das wohl prominenteste Beispiel ist die Geschichte des genialen Mathematikers und Spieltheoretikers John Forbes Nash, die unter dem Titel A Beautiful Mind ein Massenpublikum im Kino begeisterte. Nash litt unter Schizophrenie und gewann den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Vor einiger Zeit verblüffte der ebenso kauzige wie geniale Mathematiker Grigori Perelman die Öffentlichkeit, als er für die Lösung eines mathematischen Jahrhunderträtsels die Fields-Medaille, eine Art Mathematik-Nobelpreis, sowie eine Million Dollar Preisgeld ablehnte. Er hätte zur Verleihung nach Madrid reisen müssen. Nach Medienberichten verlässt der akademische Eremit äußerst ungern seine Dreizimmerwohnung, in der er mit seiner Mutter am Rande von St. Petersburg lebt.

Schon vor 2.500 Jahren brachte Aristoteles Genie und Wahnsinn in einen Zusammenhang. Doch erst im 19. Jahrhundert entwickelte der italienische Psychiater Cesare Lombroso daraus eine bekannte Theorie. Diese wurde wiederum Anfang des 20. Jahrhunderts stark angezweifelt, etwa von dem britischen Naturforscher Francis Galton. Dieser war überzeugt, dass Genialität nur einem gesunden Geist entspringen könne. "Seither gab es diverse Phasen, in denen wir psychiatrischen Erkrankungen mal mehr und mal weniger aufgeschlossen gegenüberstanden. Derzeit befinden wir uns in einer toleranten Phase", sagt der Neuropsychologe Niels Birbaumer von der Universität Tübingen.

Zwischen Genie und Wahnsinn liegt ein schmaler Grat, der mitunter in den Abgrund führen kann. Vor allem dann, wenn Kontext, Krankheit und Karriere auf unheilvolle Weise zusammenwirken. Dann hat auch das Böse seinen Platz auf der Karriereleiter.

"Schlangen in Anzügen", so nennen der Psychologe Robert Hare und der Unternehmensberater Paul Babiak die psychisch gestörten Aufsteiger, die auf ihrem Weg an die Spitze erst die anderen, dann dem ganzen Unternehmen und letztlich auch sich selbst schaden. Der Tübinger Psychologe Birbaumer würde ihnen gerne eine echte klinische Diagnose stellen, kommt aber nicht nah genug an sie heran: "Ich bin sicher, dass ein erheblicher Teil der Topmanager erfolgreiche Psychopathen sind, aber ich kann es nicht beweisen. Dafür müsste ich sie in den Kernspintomografen stecken", sagt er. So könnte er die aktiven und die abgeschalteten Hirnregionen erkennen und beobachten.

Kevin Dutton hat eine andere Methode gewählt, um sich Psychopathen anzunähern: Er ist selbst einer geworden. Der britische Psychologe unterzog sich einem "psychopathischen Umstyling". Dafür ließ er sich auf einem speziell präparierten Zahnarztstuhl festschnallen, seinen Kopf mit einem Geschirr fixieren und setzte diesen einem elektromagnetischen Feld aus. Dabei wurde – vereinfacht ausgedrückt – jener erdnussgroße Bereich seines Gehirns, der dafür verantwortlich ist, wie wir Dinge empfinden, deaktiviert. Für eine halbe Stunde fühlte Dutton wie ein Psychopath. Und erschrak über sich selbst: Beim Anblick von Fotos von Verstümmelten, Gefolterten und Hingerichteten, auf die er zuvor im Gehirnscan noch heftig reagiert hatte, zeigte er nun keinerlei Regung. Sein Puls blieb ruhig, die Gehirnströme glitten in sanften Wellen dahin. Hätte er sich vorher beim Anblick der Bilder noch fast übergeben, sagte er jetzt: "Um ehrlich zu sein, fällt es mir schwer, ein Lächeln zu unterdrücken."

Zum ersten Mal spürte Dutton am eigenen Leib, was allen Psychopathen fehlt: die Fähigkeit zur Empathie. Mit Entsetzen stellte der Gelehrte fest, dass es sich in dieser Gefühlskälte wunderbar leben lässt. "Ich fühlte mich großartig! Es war ein bisschen, wie betrunken zu sein, aber ohne die Trägheit und Müdigkeit von Alkohol. Ich war enorm fokussiert und platzte vor Selbstvertrauen."

Dutton trägt eine auffällige Hornbrille, das nach hinten gekämmte Haar fällt auf ein rosafarbenes Hemd mit Blümchenmuster. Er empfängt im altehrwürdigen Magdalen College der Oxford-Universität, das sich rühmt, sieben Nobelpreisträger hervorgebracht zu haben. Dutton führt durch den von Efeu umrankten Innenhof mit den spitzen Türmchen und den hohen Fenstern, umrundet den perfekt getrimmten Rasen, der so aussieht, als hätte ihn noch nie jemand betreten. Sein Büro liegt im neueren Teil des Colleges, wobei in Oxford als neu gilt, was nicht älter als 300 Jahre ist. Wo einst der Literaturwissenschaftler C. S. Lewis, der Verfasser der Chroniken von Narnia, sein Arbeitszimmer hatte, serviert Dutton Tee mit Zitrone, entschuldigt sich für die fehlenden Biskuits und versinkt in einem Polstersessel.

Auf dem Tisch liegt Duttons neuestes Werk, das vor wenigen Monaten auf Deutsch erschienen ist: Psychopathen: Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann. Man fragt sich natürlich, ob man überhaupt etwas von ihnen lernen will. Sind Psychopathen nicht diese blutrünstigen Serienkiller, die Frauen verstümmeln und Kinder verscharren? "Das sind nur die extremsten Vertreter, die früher oder später im Gefängnis landen." Für Dutton sind das die erfolglosen Psychopathen – die weitaus größere Zahl, glaubt Dutton, laufe frei herum und sei im Job sogar überaus erfolgreich. Denn Psychopathen verfügen über Eigenschaften, die im Beruf sehr nützlich sein können: Sie halten sich für grandios, können extrem charmant sein, kennen weder Skrupel noch Reue oder Angst, scheuen kein Risiko und wissen, wie man andere geschickt für seine Zwecke einsetzt. Sie sind Meister der Manipulation.

Es kommt aber auch darauf an, was eine Gesellschaft für "normal" hält

Wohl niemand beherrschte das besser als Adolf Hitler, der vielleicht schlimmste Irre der Weltgeschichte, der die Psychopathie gewissermaßen zur Staatsform erhob.

Dutton wollte nicht nur wissen, was Psychopathen erfolgreich macht, sondern auch, in welchen Berufen sie häufig anzutreffen sind. In einer groß angelegten Studie setzte er britischen Berufstätigen einen Persönlichkeitstest vor, mit dem er psychopathische Merkmale abfragte. Die Berufe mit dem höchsten Anteil an Psychopathen waren – in dieser Reihenfolge – Vorstandsvorsitzende, Anwälte, Rundfunkjournalisten, Verkäufer, Chirurgen. Auch Geistliche und Beamte waren unter den Top Ten.

"Psychopathen lieben Machtstrukturen, die sie manipulieren und kontrollieren können. Manche Berufe bieten dafür ein ideales Umfeld", sagt Dutton. Ein Manager, der unter großem Druck harte Entscheidungen treffen und andere ausstechen kann, ist erfolgreicher als einer, der sich in Selbstzweifeln ergeht. Ein Strafverteidiger, der seinen Mandanten rücksichtslos vertritt, bringt es weiter als einer, der Mitleid mit dem Opfer hat. Ein Chirurg, der sich von seinem Patienten emotional ganz und gar distanziert, operiert womöglich präziser. So argumentiert Dutton.

Erfolgreiche Business-Psychopathen sind dabei nicht unbedingt weniger gestört als inhaftierte Gewaltverbrecher. Das zeigt eine Studie der beiden Psychologinnen Belinda Board und Katarina Fritzon aus dem Jahr 2005, die die Wesenszüge von 39 britischen Firmenchefs mit denen von über tausend Insassen der englischen Hochsicherheitsklinik Broadmoor verglichen. Das Ergebnis: Die Wirtschaftsführer übertrafen die verhaltensgestörten Kriminellen sogar in manchen Eigenschaften, die Psychopathen zugeschrieben werden. Sie traten noch herrischer auf, zeigten noch weniger Mitgefühl und waren noch besser darin, andere zu manipulieren.

Das bedeutet: Die Kombination aus mangelnder Empathie und fehlender Angst vor den Folgen des eigenen Handelns kann einen Menschen je nach Umstand zu einem blutrünstigen Ted Bundy machen oder zu einem smarten James Bond.

Auch in Richard Fuld, einstiger Chef der Pleite-Bank Lehman Brothers, deren Zusammenbruch den Ausbruch der globalen Finanzkrise markiert, erkennen manche einen Paradepsychopathen. Fuld, auch bekannt unter dem Spitznamen Gorilla, drohte in einem internen Firmenvideo Widersachern an, ihnen das Herz bei lebendigem Leibe herauszureißen und es zu verschlingen. Das US-Magazin Time wählte Fuld unter die "25 Menschen, die die Finanzkrise verschuldet haben".

Darüber, ob die Finanzkrise das Werk von Psychopathen ist, lässt sich nur spekulieren. Aber es ist plausibel, dass in einer kompetitiven und auf kurzfristige Gewinne ausgerichteten Geschäftswelt Psychopathen leichter nach oben gelangen.

Dutton glaubt sogar, dass unsere Gesellschaft insgesamt psychopathischer wird. Eine Meta-Analyse der US-Psychologin Sara Konrath mit mehr als 13.000 amerikanischen Collegestudenten zeigt, dass die Empathiewerte zwischen 1979 und 2009 kontinuierlich abnahmen, am deutlichsten war der Abfall nach dem Jahr 2000. Die Studenten zeigten immer weniger Anteilnahme für Menschen, denen es nicht so gut ging wie ihnen. "Gleichzeitig hat der Narzissmus in dieser Zeit zugenommen mit dem stärksten Anstieg in den vergangenen zehn Jahren", sagt Dutton.

Die Folgen können gewaltig sein, wenn einflussreiche Narzissten zerstörerisch wirken. "Wir mussten den Mann schließlich rausnehmen, weil die ganze Organisation nach und nach in Schockstarre verfiel", erzählt der ehemalige Personalchef einer international operierenden Großbank über den Ex-Vorstandsvorsitzenden einer nationalen Tochter. "Der CEO hatte alle Anzeichen einer narzisstischen Störung und glaubte, besser zu sein als alle anderen. Dann begann er, ausschließlich Menschen um sich zu versammeln, die ihm bedingungslos zustimmten. Wer ihn kritisierte, flog raus."

Lange sei die Entwicklung unbemerkt geblieben, erinnert sich der Personaler. Und selbst als das Verhalten auffiel, habe sich die Bank nur schwer von dem Chef trennen können. Denn auf dem Papier waren die Ergebnisse des Topmanagers prächtig, an den Umsätzen und Gewinnen der von ihm gelenkten Tochtergesellschaft war nichts auszusetzen. Zudem konnte er gegenüber seinen eigenen Vorgesetzten äußerst charmant und überzeugend auftreten. Dass ihn seine narzisstische Störung schließlich doch den Job kostete, lag daran, dass es kaum ein Mitarbeiter bei ihm aushielt. "Er feuerte viele Leute, die besten gingen freiwillig, weil sie so nicht mehr weiterarbeiten wollten", erzählt der ehemalige Personalchef. "Die Bank verlor auf diese Weise viel wertvolles Know-how. Lange wäre das nicht mehr gut gegangen."

Mit Entwicklungsstörungen und psychischen Leiden ist es wie mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Psychopathen oder Narzissten können ein Unternehmen zum Erfolg führen oder es zugrunde richten. Oder beides – in dieser Reihenfolge. Ein manischer Manager kann ungeahnte Kreativität freisetzen oder seine Mitarbeiter in den Wahnsinn treiben. Ein depressiver Chef kann Weitsicht entwickeln oder in Tatenlosigkeit verfallen. Es kommt also sehr darauf an, in welche Richtung eine Krankheit ausschlägt. Und wie die Umgebung reagiert – ob sie die Störung auffängt oder sie noch verstärkt.

Es kommt aber auch darauf an, was eine Gesellschaft für "normal" hält.

Der deutsche Softwarekonzern SAP hat diese Definition als eines der ersten Unternehmen erweitert. Vor wenigen Wochen kündigte die Firma an, gezielt auch Autisten einzustellen.

Viele Autisten sind sehr geschickt im Umgang mit Zahlen, Daten, Formeln

Autismus ist eine unheilbare Entwicklungsstörung, bei der Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen beeinträchtigt sind. Viele Autisten sind arbeitsunfähig und können ihren Alltag ohne Hilfe nicht meistern. Aber gerade diejenigen mit Asperger-Syndrom, einer milden Ausprägung von Autismus, unterscheiden sich in Intelligenz und Sprachvermögen nicht von anderen Menschen. Nur tun sie sich mit den einfachen Dingen im Leben enorm schwer. Der Kinofilm Rain Man, in dem Dustin Hoffman einen genialen Autisten spielt, der mit seinem Bruder (Tom Cruise) durch Amerika tourt, hat das Leiden Millionen Menschen zum ersten Mal nähergebracht. Autisten haben Probleme, soziale Situationen richtig einzuschätzen und mit anderen Menschen zu kommunizieren. Jede Mimik, jede Geste ist für sie ein Code, den sie mühsam knacken müssen. Sie lernen Gesichter zu lesen wie andere chinesische Schriftzeichen. Menschliche Begegnungen bedeuten für sie Stress. Sie vermeiden Blickkontakt, Smalltalk empfinden sie als Qual, was ihre Routine stört, bringt sie aus der Fassung. Schon ein Blumentopf, der nicht an seinem gewohnten Platz steht, kann eine Krise auslösen.

Etwa ein Prozent der Bevölkerung lebt mit einer Form von autistischer Störung. Der Softwaregigant SAP hat sich nun verpflichtet, diese Quote auch bei seinen Angestellten zu erreichen. SAP hat weltweit 66.000 Mitarbeiter, Hunderten von Autisten winkt nun also ein Arbeitsplatz. Diese Aktion ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung, denn SAP glaubt, dass Autisten in der Welt der Computerprogramme Spitzenleistungen vollbringen können.

Viele Autisten sind sehr geschickt im Umgang mit Zahlen, Daten, Formeln. Ihr Blick für Details und ihre Vorliebe für Regeln sind ideale Voraussetzungen für die Arbeit mit Algorithmen. Computer funktionieren nach binären Regeln, sie haben eine klare Struktur und eine logische Sprache und müssen nicht erst mühsam entschlüsselt werden. Maschinen sind berechenbarer als Menschen.

"Wir bekommen unglaublich viele Bewerbungen, seit wir unseren Plan publik gemacht haben", sagt Anka Wittenberg, Chief Diversity Officer bei SAP und verantwortlich für das Autismus-Programm. In den Büros im indischen Bangalore habe der Konzern schon einige Erfahrung gesammelt. Dort arbeiten Autisten seit zwei Jahren, "sie sind so weit integriert, dass sie mittlerweile selbstständig zur Arbeit kommen können, ohne dass sie von Familienmitgliedern begleitet werden müssen. Stellen Sie sich diesen Freiheitsgewinn vor", sagt Wittenberg.

SAP profitiert von den Neuen, weil Autisten oft "ein fotografisches Gedächtnis haben und Fehler sehr schnell erkennen", sagt die Managerin. Zum Beispiel entdecken sie kleinste Fehler in seitenlangen Programmcodes besser als andere. Autisten üben auch solche Tätigkeiten überdurchschnittlich gut aus, die sich sehr oft wiederholen. Außerdem habe sich das Betriebsklima gewandelt. "Menschen mit Autismus verstehen keine Ironie und keinen Sarkasmus, sie benötigen eine klare Kommunikation. Dies kommt allen Mitarbeitern zugute. Seit die Teams gemischt sind, geht man höflicher und ehrlicher miteinander um", sagt Wittenberg.

Demnächst soll das Programm auch in den SAP-Büros in Palo Alto im Silicon Valley starten. Die Gegend südlich von San Francisco wird von Firmen wie Google, Facebook und Apple beherrscht, sie gilt als Brutstätte des Nerds, jenes sozialen Sonderlings, der in analogen Dingen zwar ein Problemfall ist, im digitalen Kosmos aber ein Held. Mit komplizierten Programmcodes und Formeln jonglierend, wurde er zum Leitbild einer ganzen Generation. In der Fernsehserie Big Bang Theory wird dem Nerd ein Denkmal gesetzt.

Im Silicon Valley scheint Asperger schon fast zum Gencode eines erfolgreichen Unternehmers zu gehören. The Geek Syndrome nannte das Technologiemagazin Wired den Asperger-Autismus einmal, das Computerfreak-Syndrom. Microsoft-Gründer Bill Gates werden autistische Züge zugeschrieben. Craig Newmark, der Gründer des erfolgreichen Kleinanzeigenportals Craigslist, hat einmal gesagt, die Symptome kämen ihm "auf unbehagliche Weise vertraut" vor. Peter Thiel, einer der frühen Investoren in Facebook, erzählte vor zwei Jahren im New Yorker von den besonderen Menschen im Tal der digitalen Wunder: "Sehen Sie sich all die Internetunternehmen der vergangenen zehn Jahre an", sagt er. "Deren Führungskräfte sind alle auf irgendeine Art und Weise autistisch." Im Valley kursiert der Witz, das ganze Internet sei von Autisten für Autisten erfunden worden.

Tatsächlich gibt es in der Region überdurchschnittlich viele Menschen mit autistischen Symptomen. Die Diagnose trifft eines von 88 Kindern. Kein Zufall. Der Autismusforscher Simon Baron-Cohen hat herausgefunden, dass Cambridge-Studenten, die Mathematik, Physik oder Ingenieurwesen studieren, mit größerer Wahrscheinlichkeit autistische Verwandte haben als etwa Literaturstudenten.

Gerade der Umgang mit dem Asperger-Syndrom zeigt, wie produktiv es sein kann, die Definitionen des Normalen zu allen Zeiten infrage zu stellen. Vielleicht brauchen neue Zeiten neue Menschen. Es könnte ja sein, dass Erfindungen und unerwartete Entwicklungen der Arbeitswelt die Stärken der Schwachen zutage treten lassen. Dass das Anderssein sich plötzlich als evolutionärer Vorteil entpuppt. Dass als genial entdeckt wird, was eben noch als krank galt. Und dass die Verlierer von gestern die Gewinner von morgen sind.