Autismus ist eine unheilbare Entwicklungsstörung, bei der Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen beeinträchtigt sind. Viele Autisten sind arbeitsunfähig und können ihren Alltag ohne Hilfe nicht meistern. Aber gerade diejenigen mit Asperger-Syndrom, einer milden Ausprägung von Autismus, unterscheiden sich in Intelligenz und Sprachvermögen nicht von anderen Menschen. Nur tun sie sich mit den einfachen Dingen im Leben enorm schwer. Der Kinofilm Rain Man, in dem Dustin Hoffman einen genialen Autisten spielt, der mit seinem Bruder (Tom Cruise) durch Amerika tourt, hat das Leiden Millionen Menschen zum ersten Mal nähergebracht. Autisten haben Probleme, soziale Situationen richtig einzuschätzen und mit anderen Menschen zu kommunizieren. Jede Mimik, jede Geste ist für sie ein Code, den sie mühsam knacken müssen. Sie lernen Gesichter zu lesen wie andere chinesische Schriftzeichen. Menschliche Begegnungen bedeuten für sie Stress. Sie vermeiden Blickkontakt, Smalltalk empfinden sie als Qual, was ihre Routine stört, bringt sie aus der Fassung. Schon ein Blumentopf, der nicht an seinem gewohnten Platz steht, kann eine Krise auslösen.

Etwa ein Prozent der Bevölkerung lebt mit einer Form von autistischer Störung. Der Softwaregigant SAP hat sich nun verpflichtet, diese Quote auch bei seinen Angestellten zu erreichen. SAP hat weltweit 66.000 Mitarbeiter, Hunderten von Autisten winkt nun also ein Arbeitsplatz. Diese Aktion ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung, denn SAP glaubt, dass Autisten in der Welt der Computerprogramme Spitzenleistungen vollbringen können.

Viele Autisten sind sehr geschickt im Umgang mit Zahlen, Daten, Formeln. Ihr Blick für Details und ihre Vorliebe für Regeln sind ideale Voraussetzungen für die Arbeit mit Algorithmen. Computer funktionieren nach binären Regeln, sie haben eine klare Struktur und eine logische Sprache und müssen nicht erst mühsam entschlüsselt werden. Maschinen sind berechenbarer als Menschen.

"Wir bekommen unglaublich viele Bewerbungen, seit wir unseren Plan publik gemacht haben", sagt Anka Wittenberg, Chief Diversity Officer bei SAP und verantwortlich für das Autismus-Programm. In den Büros im indischen Bangalore habe der Konzern schon einige Erfahrung gesammelt. Dort arbeiten Autisten seit zwei Jahren, "sie sind so weit integriert, dass sie mittlerweile selbstständig zur Arbeit kommen können, ohne dass sie von Familienmitgliedern begleitet werden müssen. Stellen Sie sich diesen Freiheitsgewinn vor", sagt Wittenberg.

SAP profitiert von den Neuen, weil Autisten oft "ein fotografisches Gedächtnis haben und Fehler sehr schnell erkennen", sagt die Managerin. Zum Beispiel entdecken sie kleinste Fehler in seitenlangen Programmcodes besser als andere. Autisten üben auch solche Tätigkeiten überdurchschnittlich gut aus, die sich sehr oft wiederholen. Außerdem habe sich das Betriebsklima gewandelt. "Menschen mit Autismus verstehen keine Ironie und keinen Sarkasmus, sie benötigen eine klare Kommunikation. Dies kommt allen Mitarbeitern zugute. Seit die Teams gemischt sind, geht man höflicher und ehrlicher miteinander um", sagt Wittenberg.

Demnächst soll das Programm auch in den SAP-Büros in Palo Alto im Silicon Valley starten. Die Gegend südlich von San Francisco wird von Firmen wie Google, Facebook und Apple beherrscht, sie gilt als Brutstätte des Nerds, jenes sozialen Sonderlings, der in analogen Dingen zwar ein Problemfall ist, im digitalen Kosmos aber ein Held. Mit komplizierten Programmcodes und Formeln jonglierend, wurde er zum Leitbild einer ganzen Generation. In der Fernsehserie Big Bang Theory wird dem Nerd ein Denkmal gesetzt.

Im Silicon Valley scheint Asperger schon fast zum Gencode eines erfolgreichen Unternehmers zu gehören. The Geek Syndrome nannte das Technologiemagazin Wired den Asperger-Autismus einmal, das Computerfreak-Syndrom. Microsoft-Gründer Bill Gates werden autistische Züge zugeschrieben. Craig Newmark, der Gründer des erfolgreichen Kleinanzeigenportals Craigslist, hat einmal gesagt, die Symptome kämen ihm "auf unbehagliche Weise vertraut" vor. Peter Thiel, einer der frühen Investoren in Facebook, erzählte vor zwei Jahren im New Yorker von den besonderen Menschen im Tal der digitalen Wunder: "Sehen Sie sich all die Internetunternehmen der vergangenen zehn Jahre an", sagt er. "Deren Führungskräfte sind alle auf irgendeine Art und Weise autistisch." Im Valley kursiert der Witz, das ganze Internet sei von Autisten für Autisten erfunden worden.

Tatsächlich gibt es in der Region überdurchschnittlich viele Menschen mit autistischen Symptomen. Die Diagnose trifft eines von 88 Kindern. Kein Zufall. Der Autismusforscher Simon Baron-Cohen hat herausgefunden, dass Cambridge-Studenten, die Mathematik, Physik oder Ingenieurwesen studieren, mit größerer Wahrscheinlichkeit autistische Verwandte haben als etwa Literaturstudenten.

Gerade der Umgang mit dem Asperger-Syndrom zeigt, wie produktiv es sein kann, die Definitionen des Normalen zu allen Zeiten infrage zu stellen. Vielleicht brauchen neue Zeiten neue Menschen. Es könnte ja sein, dass Erfindungen und unerwartete Entwicklungen der Arbeitswelt die Stärken der Schwachen zutage treten lassen. Dass das Anderssein sich plötzlich als evolutionärer Vorteil entpuppt. Dass als genial entdeckt wird, was eben noch als krank galt. Und dass die Verlierer von gestern die Gewinner von morgen sind.