Alle erfolgreichen Rapper sind böse, aber dieser Rapper ist böser. Baba Brinkman ist kein Apostel des großen Geldes und des schnellen Sex, sondern provoziert das bibeltreue Amerika mit Atheismus. Sein Lieblingsthema ist Darwin, seine jüngste Show heißt "Rap Guide to Evolution" und erklärt den Evangelikalen, dass es auch ohne Gott geht. Da ist er furchtloser als die Rapstars Rick Ross, Lil Wayne und 50 Cent, die zwar gern blasphemische Sprüche machen, aber doch religiös sind. Während Kanye West mit seinem aktuellen Album "Yeezus" und The Game mit "Jesus Piece" die Charts beherrschen, macht Brinkman ironischen Evolutionsrap – und lässt die Alphatiere des Genres fromm aussehen.

DIE ZEIT: Mister Brinkman, wann haben Sie das letzte Mal gebetet?

Baba Brinkman: Mit 13 beim Schwimmen im Meer. Mit meinen beiden jüngeren Geschwistern geriet ich in eine heftige Strömung und musste ihnen helfen, damit sie es an Land schaffen. Da habe ich gebetet: Bitte, Gott, lass sie überleben!

ZEIT: Damals glaubten Sie noch an den Gott der Christen?

Brinkman: Klar. Zumindest an ein höheres Wesen, das über uns wacht. Meine Eltern waren nicht religiös, eher spirituell. Sie glaubten an Energiefelder, Transzendentale Meditation und gingen in den Aschram zum Yogi. Daher auch mein Name: Baba heißt Guru. Mein Vater war überzeugt, dass ich die Reinkarnation eines Avatars oder eines Dalai Lama bin.

ZEIT: Heute touren Sie als religionskritische Volkshochschule durch die USA. Woran glauben Sie?

Brinkman: Als Atheist glaube ich an menschliche Fähigkeiten wie Mitleid, Liebe, Respekt. Man könnte mich als philosophischen Naturalisten bezeichnen, der findet, alles hat eine faktische Ursache. Mein Religionsprofessor an der Uni erklärte es so: Es gibt Atheisten, die nicht glauben; es gibt Theisten, die glauben; dazwischen sind die Agnostiker, warme und kalte. Die kalten sagen: Keine Ahnung, ob Gott existiert, es ist mir auch egal. Die warmen sagen: Keine Ahnung, ob es ihn gibt, aber ich hoffe es. Lange war ich ein warmer Agnostiker.

ZEIT: Was hat Sie umgestimmt?

Brinkman: Darwins Theorie war einfach am überzeugendsten, weil sie schlüssige Gründe für unser Verhalten findet. Sie kann sogar begründen, warum wir an unglaubliche Dinge glauben: um das Leben zu meistern. Die Biologen nennen die Religion deshalb auch adaptive fiction – eine verinnerlichte Fiktion: unwahr, aber hilfreich.

ZEIT: Liebe ist auch eine Fiktion. Warum glauben Sie ausgerechnet daran?

Brinkman: Liebe beweist sich im Handeln. Man kann sie zwar simulieren, deshalb wünschen wir uns Liebesbeweise. Aber letzten Endes existiert sie dadurch, dass wir an sie glauben. Liebendes Verhalten hat übrigens fließende Grenzen. Aus evolutionärer Sicht ist es entstanden, um unsere Reproduktion zu sichern.

ZEIT: Im Ernst? Das glauben Sie? Dafür hätte doch der Fortpflanzungstrieb genügt.

Brinkman: Aber das Gefühl der Liebe befähigt die Menschen, sich für ihre Nachkommen in Gefahr zu begeben oder sogar zu opfern.

ZEIT: Mal abgesehen davon, dass Tiere so etwas auch tun: Was ist gewonnen, wenn wir die menschliche Existenz als vollkommen zweckrational beschreiben?

Brinkman: Dass unsere Existenz zweckgebunden ist, heißt ja nicht, dass alle Gefühle einen Zweck erfüllen. Leidenschaft kann echt sein und doch evolutionär motiviert. Darum geht es mir in meinen Shows: verschiedene Theorien über die menschliche Natur zu vergleichen. Die einen sagen, sie sei gottgegeben, andere sagen, sie sei sozial und kulturell gewachsen, wieder andere, sie sei rein genetisch. Ich persönlich finde das alles unbefriedigend im Vergleich zur Evolutionstheorie. Darauf baue ich meine Pointen.

ZEIT: Sie spielen in Ihrer Show mit big data und bringen lustige Statistiken, warum Männer Sex suchen und Frauen Liebe. Klingt nach der ältesten Männerfantasie des Abendlandes: Frauen mögen keinen Sex.

Brinkman: Nein! Nein! Nein! Ich sage nur, dass von einem evolutionären Standpunkt für die Frau der schnelle Sex mit einem Idioten riskanter ist, denn sie kann schwanger werden. Dann muss sie sich um den Nachwuchs kümmern, der Typ haut einfach ab. Deshalb ist sie von Natur aus wählerischer.