EnergiewendeDer Ernstfall droht

Gefährdet die Energiewende die Stromversorgung? Nein, das ist Panikmache. Kraftwerke fehlen trotzdem. von 

Wenn in Deutschland irgendwo eine größere Stromfabrik eingeweiht wird, ist normalerweise die Politprominenz zur Stelle. Ein Bundesminister, ein Ministerpräsident, zuweilen sogar ein Regierungschef. Aber bei der Eröffnung des Gaskraftwerkes Knapsack II bei Köln vor zwei Monaten war Philipp Rösler nicht zu sehen, keine Spur von Hannelore Kraft, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel tauchte nicht auf. Die Einweihung war für Deutschlands oberste Energiewendepolitiker mehr als peinlich.

Ausgerechnet ein Gaskraftwerk. Nach der Katastrophe im japanischen Fukushima und der sofortigen Stilllegung von acht Atommeilern hoffte man, die umweltverträgliche Erdgasverstromung werde die Brückentechnologie zu einem neuen, grünen Energiezeitalter. Knapsack II hätte eigentlich ein tragender Pfeiler dieser Brückentechnologie werden müssen: Erstens wurde die von Siemens errichtete Anlage schneller als geplant fertig. Zweitens stößt die Stromfabrik pro Kilowattstunde so wenig klimaschädliches Kohlendioxid aus wie weltweit kaum ein zweites fossiles Kraftwerk. Und drittens lässt sie sich so schnell hoch- und wieder herunterfahren, dass sie eine ideale Ergänzung wäre, um die schwankende Stromerzeugung der Wind- und Solarparks auszugleichen.

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Hätte, wäre, könnte. Tatsächlich hat die 350 Millionen Euro teure Anlage nach ihrer offiziellen Einweihung kaum eine Kilowattstunde ins Stromnetz eingespeist. Der Grund: Ihrem Eigentümer, dem deutschen Ableger des norwegischen Energieversorgers Statkraft, bescherte der Betrieb meistens Verluste – weil Erdgas teuer ist, der Strom an der Börse aber nur zu Spottpreisen verkäuflich. "Sehr unbefriedigend" sei das, sagt der Statkraft-Manager Jürgen Tzschoppe.

Das Schicksal des Gaskraftwerks ärgert viele, auch die Manager des Elektrokonzerns Siemens, die gerne mehr Gaskraftwerke verkaufen würden. Zum Politikum wird die Angelegenheit allerdings, weil im rheinischen Grevenbroich-Neurath, unweit des unrentablen Statkraft-Kraftwerks, fünf aus den 1970er Jahren stammende Blöcke des RWE-Konzerns munter Braunkohle in Strom umwandeln – gewinnbringend, aber mit hässlichen Folgen für die Umwelt: Pro Kilowattstunde Strom entweichen den von Branchenkennern "Braunkohlebiester" genannten Anlagen bis zu 1300 Gramm Kohlendioxid, fast viermal so viel wie der Erdgasanlage von Statkraft.

Verkehrte Welt: Während die schwarz-gelbe Regierung den Klimaschutz zur obersten Maxime ihrer Energiepolitik erklärt, werden so viele Kilowattstunden aus klimaschädlicher Braunkohle erzeugt wie seit 1990 nicht mehr. Im vergangenen Jahr stiegen vor allem deshalb die CO₂-Emissionen wieder an – auch weil Union und FDP sich nicht darauf einigen können, den europäischen Emissionshandel wiederzubeleben. Die Bundesregierung ist deshalb bei der Reformdebatte in Brüssel regelrecht sprachlos.

Dazu gesellt sich im Wahlkampf noch die Furcht, demnächst gingen im Lande die Lichter aus. Auf kein anderes Thema sollte sich die Energiepolitik stärker fokussieren als auf das Problem Versorgungssicherheit – das glauben fast zwei Drittel der Energieexperten, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) regelmäßig befragt. Tatsächlich lässt inzwischen fast täglich ein Stromversorger wissen, dass er die Stilllegung von Kraftwerken zumindest in Erwägung zieht. EnBW kündigte an, in Marbach und Walheim vier Kraftwerke "zum gesetzlich nächstmöglichen Zeitpunkt" stillzulegen. Bei E.on geht es um zehn Kraftwerke, deren Betrieb womöglich nicht mehr lohnt. RWE hat Kraftwerke mit einer Leistung von mehr als 10.000 Megawatt "unter kritische Beobachtung" gestellt, ließ Konzernchef Peter Terium wissen.

Auch die kommunalen Versorger, die sich von der schwarz-gelben Kehrtwende in Sachen Atompolitik florierende Geschäfte versprochen hatten, stöhnen inzwischen. Die Stadtwerke Iserlohn, die sich vor zwei Jahren mit einer Investition in Höhe von zwölf Millionen Euro am Bau eines hocheffizienten Gaskraftwerks in Bremen beteiligt hatten, bilden jetzt notgedrungen Rückstellungen. Grund: Die noch nicht einmal fertige Stromfabrik wird wohl von Anfang an ökonomisch schwächeln.

An der Börse ist der Strom so billig, dass viele Kraftwerke unrentabel sind

Der Branche werde regelrecht "der Boden unter den Füßen weggezogen", sagt Sven Becker, Chef des Stadtwerkeverbundes Trianel. Und nach Auskunft von Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Kommunaler Unternehmen, hat sich seit 2011 bei fast drei Vierteln der Mitglieder die Wirtschaftlichkeit der Anlagen verschlechtert; mehr als 50 Prozent hätten ihre Pläne für Kraftwerksneubauten zurückgestellt oder ganz aufgegeben. Von fehlendem Strom ist die Rede, von einer Kraftwerkslücke.

Leserkommentare
  1. Wir sollten wieder auf Atomstrom umsteigen, so wie alle unsere Nachbarländer.

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    ... Deutschland beweist, das es möglich ist, die Industrie grüner zu gestalten, ohne dass der Strom bald alle ist.

    Noch mehr Überproduktionen erzeugen?

    Im übrigen, wenn sie nicht nur polemisieren würden sondern sich auch informieren würden, hätten sie gemerkt, das die Schwarz/Gelbe Regierung den Verkauf der erneuerbaren Energien an der Börse gesetzlich erzwungen hat.

    Alleine diese Dummheit kostet den Bürger mehr als die gesamte Energiewende, denn wie 2006 von Schwarz/Rot festgelegt wurde gilt die Differenz zwischen mittleren Börsenpreis und mittleren Einspeisevergütung als EEG Umlage.

    Wieso werden die zukünftigen Kosten und der daraus entstehende Energie und Umweltverbrauch bei der Kernenergie ausgeblendet. Kalkulieren Sie bitte Wartung und Instandhaltung nebst der notwendigen Überwachung von Endlagern, dem Abwracken von radioaktiv belasteten Anlagen und die verstrahlten Brachflächen in den Abbaugebieten in Australien und Afrika für die nächsten 100.000 Jahre und stellen Sie das dem anfallenden CO2 Ausstoß gegenüber, bis Deutschland den Sprung in eine komplett regenerative Energiepolitik geschafft hat. Das ist genau das Problem. Endlich versucht die Politik langfristig zu denken und der mündige Bürger denkt kurzfristig.

    Was fehlt ist eine Reform zur adäquaten Deckelung der Kosten. Herr Altmaier wollte doch schon seit Amtsantritt liefern. Passiert ist nichts. Bedanken Sie sich bei Ihm.

  2. ... Deutschland beweist, das es möglich ist, die Industrie grüner zu gestalten, ohne dass der Strom bald alle ist.

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  3. zeigt doch vor allem, daß die Energiewende viel zu kurzfristig angelegt und von Anfang an nicht durchdacht war. Das ist das Ergebnis der deutschen Fukushimahysterie, von der sich die Politik aufgrund Wahlen in einigen Bundesländern anstecken ließ.
    Schade, eine gut durchdachte und dazu erfolgreiche Energiewende hätte Vorbildfunktion für andere Länder haben können. Wenn es so weitergeht erreicht man allerdings genau das Gegenteil.

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    • Simon_M
    • 23. August 2013 13:36 Uhr

    Ist jetzt der billige Strom schuld?
    Wenn Gas zu teuer ist, dass man GuD Kraftwerke betreibt, dann könnte man ja auch die Subventionen von Atomstrom streichen?

    Sollte das so stimmen, dann ist doch nicht die Energiewende gescheitert, man hätte sie einfach nicht gebraucht.

  4. bis Ideologen und der Staat in die Energieversorgung eingegriffen haben.

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    Redaktion

    Das Umweltbundesamt gibt die Umweltkosten des Strommixes Deutschland für das Jahr 2010 mit 7,8 Cent pro Kilowattstunde an. Das müsste doch zu den üblichen Kosten addieren, oder?

  5. 1) geringe Strompreise an den Börsen
    was hat der Verbrauer davon? Die Preisminderung wird mit nichts an den Verbaucher weitergereicht.
    2) hätten unsere Schwarzen und Gelben nicht die letzten 4Jahre mit nichts tun geglänzt und die CO2-Certifikate wieder teurer gemacht, hätten die Gas-Kraftwerke bessere Vergütungsmöglichkeiten.
    3) Es bedarf nur eine Verordnung, dass pro Kwh erzeugtem Strom max. so und soviel CO2 freigesetzt werden darf. Damit wären die Braunkohlekraftwerke mit teurer Filternachrüstung konfrontiert, was die Dinger wahrscheinlich und unwirtschaftlich werden ließe --> höhere Börsenpreise
    4) alle Subventionen für AKW's fallen lassen. Auch indirekte wie Transportkosten und Entsorgung den Betreibern berechnen. --> höhere Börsenpreise

    Man muss nur wollen. Leider wollen die scharzgelben garnicht. Und heucheln uns nur was vor, weil Sie Angst haben Wahlen zu verlieren. Später, wenn Sie die Energiewende versaubeutelt haben, können Sie sagen, "Wir haben's den Grünen doch gleich gesagt, dass der Quatsch nicht funktioniert"

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    ...Kohlendioxid (CO2) us Abgasströmen herauszufiltern. Eine Spaltung des CO2-Moleküls in seine Atome (eine theoretische Alternative) erfordert einen höheren Energieaufwand, als bei der Verbrennung fossiler Energieträger freigesetzt wird.

    • det-c
    • 23. August 2013 15:37 Uhr

    Diese Atomsubventionen existieren doch nur in den Köpfen von Öko-Aktivisten:

    - Forschung im Nuklearbereich-> Subvention, ganz böse
    - Forschung bei erneuerbaren Energien, gut und richtig

    - Rücklagen für Abbau der KKWs viel zu niedrig
    - Rücklagen sollen besteuert werden sonst Subvention

    - Entsorgung durch politische Ränkespiele gekippt
    - fehlende Entsorgung ist Subvention

    -im Wendtland fleissig geschottert
    -Kosten dafür sind Subvention für AKWs

    - keine Haftpflicht für SuperGAU
    - die fehlende Versicherung für etwas, was es nicht gibt, ist Subvention

    • Dr.Um
    • 23. August 2013 13:55 Uhr

    Ich fürchte, dass Windenergieanlagen, Biogasanlagen und Solaranlagen in Deutschland nicht der Stromversorgung, sondern vielmehr als Gelddruckmaschine dienen. Für den Fall, dass man mit diesen sogenannten regenerativen Energien, die im Tages- und Jahresgang schwankend vorliegen, seine Versorgung sicherstellen will, wird man auch die Verbrauchsseite „managen“ müssen. (Wäschewaschen nur bei Sonnenschein :) )
    Wenn die Windkraftanlagen so wirtschaftlich arbeiten, weil Wind ja kostenlos ist, warum werden dann die immensen Kosten für den Netzausbau auf die Verbraucher umgelegt und warum sind die hohen Einspeisevergütungen nötig? Wirtschaftlich ist das nur für den Betreiber, nicht für die Stromkunden.

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    also NICHT schwankend.

    Ansonsten haben sie recht mit der Gelddruckmaschine.

    Zum Artikel selbst: "Trotzdem, an all dem Ungemach, werden die Gegner des Projekts behaupten, sei nur eines schuld: die Energiewende."

    Was sonst, bitte?

    Die Vergütung für Windkraft liegt unter 10 Cent je KWh. Und das auch nur 5 Jahre lang. Danach gibt es gerade mal etwas mehr als 5 Cent.

    Die großflächigen Einspeisungen von Photovoltaikanlagen werden dieses Jahr unter den Preis von neuen Anlagen für Kernenergie fallen.

    Also Gelddruckmaschine finde ich jetzt masslos übertrieben.

    Im übrigen sind die Kosten des Netzausbaus niemals vorgesehen gewesen, da die ursprüngliche Energiewende dezentrale Versorgungen vorgesehen hat.

    Aber das könnten sie sich alles selbst zusammen reimen, wenn sie sich mal informieren würden, wem die Off.Shore Anlagen gehören und wem die Netzbetreiber gehören. Am Ende werden sie auf bekannte Namen stoßen, die in den letzten Wochen/Monaten ständig über ihre Verluste jammern.

  6. Wo ich lebe gibt es fast täglich Stromausfälle. Es ist immer die stressfreiste Zeit des Tages. Ich habe den Notstand mittlerweile zu schätzen und sogar zu lieben gelernt. Zudem kann ich heute viele Tätigkeiten ohne Strom verrichten und habe dadurch auch erst ein Gefühl für diese Energieform bekommen.

    Ist natürlich undenkbar in einer sooo wichtigen Industrienation wie Deutschland. Aber, unter uns, es ist nicht immer dramatisch, was als Drama kommuniziert wird.

    In Deutschland fiel mir, nur mal am Rande, auf, dass dieses Thema oder Horrorszenario meist vor Strompreiserhöhungen in der Medienlandschaft erscheint.

    Meinen Stromverbrauch habe ich im Übrigen innerhalb der letzten 2 Jahre um ca. 85% reduziert. Not macht erfinderisch.

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    • Dr.Um
    • 23. August 2013 14:15 Uhr

    Wahrscheinlich liegen Sie völlig richtig. Die Begründungen liefert der vorliegende Artikel ja schon mit. Man muss die Leistungsbereitstellung zukünftig besser vergüten. Das heißt doch im Klartext, dass man schon nach einem Namen für die nächste Umlage sucht. Es ist ein Jammer. Dann zahlt der Verbraucher nicht mehr nur Entschädigungen an die Windenergieanlagenbetreiber falls Strom nicht abgenommen werden kann, sondern auch an Betreiber von Gaskraftwerken für die laufenden Kosten ungenutzter Kraftwerke. Einen Regelleistungs-/energiemarkt gibt es ja schon heute, aber muss man gleich einen Kraftwerkspark vorhalten?

    • TDU
    • 23. August 2013 14:53 Uhr

    Und ? wo leben Sie? Da wo ein Stromausfall im Winter wegen der nicht benötigten Heizung völlig egal ist? Man kann die Dinge auch schön reden und knappe Güter preisen - wenn man nicht drauf angewiesen ist.

    Und bei der Degenhard`schen, gesungenen, Weisheit, "wer immer Puddingtörtchen ist, weiss bald gar nicht mehr wie Puddingtörtchen schmeckt", müssen Sie immer mit Widerspruch rechnen in einem Forum, wo Foristen sind, die mit solcherart Weisheiten aufgewachsen sind. Und beileibe nicht nur bezogen auf Strom. Wobei unter denen es natürlich welche gibt, die Ihren Wohlstand beklagen aber irgendwie nicht davon lassen können.

    Schätzen, weil man etwas wenig hat. So einen, mit Verlaub Quark, nutzen sogar Diktatoren. Fragen Sie doch die angeblich über 1 Milliarde Mneschen,d die noch keinen Zugang zu Strom haben. Fragen Sie nach deren Möglichkeiten und deren Bildung.

    Und vor der großen Strompreiserhöhung der Konzerne, ich glaube um das Jahr 2010 war von Knappheit überhaupt nicht die Rede. Und man achte im Artikel auf die Feinheiten: "wenn die Winrdäder und Solaranlagen..." Tja, wenn das Wörtchen wenn nicht wär. Bis dahin gilt für mich: Aus weniger wird nicht mehr, es sei denn es gibt technische Entwicklungen statt Subventionen. Sowie bei der Zylinderabschaltung in der neuen S Klasse.

    Nichts ist böse gemeint. Wenn Sie die stromfreien Zeiten geniessen, tun sie es ruhig weiterhin.

    Nur leider würde ich in dieser zeit nix verdienen. Das macht irgendwann auch dann auch Stress.

    Könnte mich vllt. umstellen auf Socken stricken oder Körbe flechten, ggfs auch Bürsten knüpfen. Soll bei Übung auch im Dunklen gehen.

    Himmel, A... und Zwirn..

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