Christine Lieberknecht (CDU), die Ministerpräsidentin Thüringens, hat ein Problem mit ihrem Image. Besser gesagt: Sie ist in Schwierigkeiten geraten mit jenen Männern, die ihr Image verbessern sollten. Der eine, Regierungssprecher Peter Zimmermann, kam jüngstens ins Gerede. Unrühmlich verlief sein Abschied, als er in die Wirtschaft wechseln wollte, als gut bezahlter Chef eines großen Internetkonzerns. Lieberknecht versetzte ihn in den "einstweiligen Ruhestand" – statt ihn einfach zu entlassen. Das sicherte Zimmermann, mit 37 Jahren, den Anspruch auf lebenslange Rente – und auf sattes Geld vom Staat zusätzlich zum neuen Job. Der Volkszorn wurde riesig; nach Wochen revidierte Lieberknecht ihre Entscheidung schließlich. Ihr Ansehen hatte da schon heftig gelitten.

Die Krisenkommunikation im Fall Zimmermann übernahm dessen Nachfolger, Karl-Eckhard Hahn (CDU), Lieberknechts Vertrauter schon seit Anfang der 1990er Jahre. Der neue Regierungssprecher.

Jetzt ist auch er ins Gerede geraten. Für einen Spitzenbeamten im Bundesland, aus dem das Terrortrio des NSU stammt, hat der 53-Jährige eine problematische Vita.

Hahn, gebürtiger Hesse, gehörte im Jahr 1988 zu den Gründern einer Zeitschrift namens Etappe. Der Student der Geschichte schrieb damals in Göttingen an seiner Doktorarbeit. Die Etappe ist ein schwieriges Blatt: Sie hat den Ruf, weit im nationalen Lager zu stehen. Dabei ist dies kein Heft für grobschlächtige Neonazis – eher eines für feingeistige Rechtsausleger. Der Politologe Armin Pfahl-Traughber, Professor an der Brühler Fachhochschule des Bundes, an der der Verfassungsschutz seine Mitarbeiter ausbildet, bezeichnet die Zeitschrift als "Theorieorgan" der neuen Rechten. Einer "geistigen Strömung", so der Verfassungsschutz, "die sich um eine Intellektualisierung des Rechtsextremismus bemüht".

Anders als andere Rechtsaußenblätter, erklärt Pfahl-Traughber, changiere die Etappe nicht zwischen demokratischem Konservatismus und extremistischer Rechter, sondern vertrete eindeutig die Positionen Letzterer. Pfahl-Traughber steht gewiss nicht im Verdacht, ein Antifa-Vorkämpfer zu sein.

Hahn selbst schrieb 1988/89 einige Artikel für die Zeitschrift, darin ging es vor allem um die Deutschlandpolitik. Der Doktorand kritisierte etwa Helmut Kohl scharf von rechts, als zu wenig national – der Kanzler verfolge das "Ziel, die BRD auch ohne die DDR irreversibel in das europäische Omelette einzufügen, aus dem man dann keine nationalen Eier mehr machen kann". Hahn forderte, das Ziel der Wiedervereinigung nie aufzugeben, schrieb aber auch davon, dass dem deutschen Volke im Zuge der europäischen Einigung eine "ethnisch-kulturelle Assimilierung" drohe.

Nun stellen sich Fragen: Geht das? Kann jemand mit einer Vergangenheit in solch einem Milieu ein Bundesland repräsentieren, in dem die Behörden lange Zeit den Rechtsextremismus unterschätzten? Kann Karl-Eckhard Hahn für Thüringen sprechen, das Land, aus dem die Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds stammten, in dem sie sich radikalisierten? Zumal Christine Lieberknecht versprach, die Gefahren am rechten Rand künftig besonders scharf im Blick zu haben.

Manchem Politinsider in Thüringen war Hahns Vorgeschichte schon lange vor dessen Ernennung zum Regierungssprecher bekannt. Aber sie wurde kein großes Thema. Hahn gilt als unglaublich fleißiger Beamter, belesen, klug, diszipliniert, "ein Staatsdiener, wie man sich ihn wünscht", sagt jemand, der ihn aus der Fraktion kennt.

Das "macht mich fassungslos", sagt SPD-Minister Matthias Machnig

Seine Unterstützer preisen Hahn als loyal. Nichts habe er sich zuschulden kommen lassen, seit er 1992 anfing, Christine Lieberknecht in diversen Positionen zu dienen. Er machte an ihrer Seite Karriere im Erfurter Regierungsviertel. Erst als Grundsatzreferent, da war Lieberknecht noch Europaministerin. Dann als ihr Pressesprecher, als sie Präsidentin des Landtags und später Chefin der CDU-Landtagsfraktion geworden war.

Aber nun, als neuer Regierungssprecher, ist der fleißige, kluge Karl-Eckhard Hahn eben ein Mann von exponierter Bedeutung. Er spricht nun für ganz Thüringen. Und er spricht auch für Lieberknechts Koalitionspartner, für die Minister der SPD.

Ist Hahns Berufung im Sinne der Sozialdemokraten im Kabinett? Ein Anruf bei Matthias Machnig, Wirtschaftsminister in Erfurt – er hat von Hahns Geschichte gehört. "Das, was mir bislang zu Ohren gekommen ist, hat mich überrascht und macht mich fassungslos", sagt Machnig. "In Zeiten des NSU muss jeder politisch Verantwortliche und jeder politische Funktionsträger gerade in Thüringen hinsichtlich seines Verhältnisses zum Rechtsextremismus und zu rechtsextremer Ideologie über jeden Zweifel erhaben sein."

Ist Hahn über jeden Zweifel erhaben?

Man kann ihn selbst danach fragen, er sagt dann: "Bislang hat in Thüringen niemand daran Anstoß genommen, dass ich bin, wie ich bin. Das Kabinett hat mich meines Wissens einstimmig ernannt."