Edgar Selge : "Irgendwann stehe ich auf und bin ein anderer"

Inspiriert von dem türkischen Aktivisten Erdem Gündüz erforscht Schauspieler Edgar Selge seinen Körper. Er träumt vom Widerstand und will sich völlig neu erfinden.
Edgar Selge

65, wurde als Sohn eines Gefängnisdirektors in Brilon im Sauerland geboren. Nach seinem Studium (erst Klavier, dann Philosophie und Germanistik) und einer Schauspielerausbildung gehörte er viele Jahre zum Ensemble der Münchner Kammerspiele. Von 1998 an glänzte er als einarmiger Kommissar Tauber in der Krimireihe "Polizeiruf 110". Im Kino ist Selge vom 22. August an in der Literaturverfilmung "Feuchtgebiete" zu sehen

Ich liege auf dem Rücken, Arme und Beine etwas abgewinkelt, die Augen geschlossen, den Mund leicht geöffnet, und lade die Luft ein, meine Lungen zu füllen; ohne den Rhythmus des Atmens mit meinem Willen zu bestimmen, ohne vorher zu wissen, wie sich der Atem anfühlen wird, ohne die Wege schon zu kennen, auf denen er strömt und sich ausbreitet und wieder davonzieht, ohne Erinnern daran, wie sich das immer anfühlte, sondern: alles neu und unbekannt. Ich lasse die Angst, ohne Luft zu sein, hinter mir, bis sie kleiner und kleiner wird, bis nur noch Wahrnehmung da ist, nur Traum vom Körper, meinem Körper. Ich träume mich hinein in seine Muskeln, Sehnen und Gelenke, in seine Nerven, sein Gewicht, in sein Zittern und Kribbeln, in seine ewige Ungeduld, endlich losgelassen zu werden von meinen Gedanken und Ängsten, losgelassen zu werden von der Verpflichtung zu funktionieren. Ich träume mich hinein in seine große Freiheit, nichts falsch machen zu können. Irgendwann entspannt sich sogar der Hals, der sich sonst immer so kampfbereit und neugierig vorreckt. Jetzt gibt er nach und winkt den eindringenden Sauerstoff lässig zum Schädel durch. Überhaupt, dieser Kopf: Wo ist er eigentlich? Leer und leicht wie ein Ballon scheint er da oben zu schweben, ein vergessener Raum mit offenen Türen, verlassen von seinen vielen Bewohnern. Hin und wieder pfeift der Atem durch die Zahnlücken. Das bin ich schon gar nicht mehr. Eher eine Landschaft im Wind.

Dann sterbe ich oder auch nicht. Oder ich schlafe ein oder auch nicht. Oder ich träume Bilder, die aus meinem Körper gemacht sind wie Eva aus Adams Rippe.

Irgendwann stehe ich auf und bin ein anderer. Ich gehe nicht zielstrebig da- oder dorthin, der Körper hat plötzlich eigene Vorstellungen. Wiegt sich in den Hüften, redet mit den Armen in der Luft, stößt unübersetzbare Laute aus, agiert eine Choreografie aus, die ich nicht kenne. Ich frage mich, was war denn vorher?

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Richtig, ich habe in der Zeitung von Erdem Gündüz gelesen, dem stehenden Tänzer, dem duran adam. Demonstriert der jetzt oder nicht?, haben sich die Istanbuler Polizisten gefragt, als sie den einsamen Mann stundenlang auf dem Taksim-Platz stehen sahen, den Blick reglos auf die türkischen Fahnen des Atatürk-Kulturzentrums gerichtet.

Und dann haben sie eingegriffen, die ratlosen Polizisten. Aber da hatte Erdem seine Aktion schon abgebrochen und gesagt, er wolle nicht, dass seinetwegen Menschen verletzt würden. Und zu denen, die ihn imitierten, hat er gesagt, dies sei eine Aktion für einen allein.

Das kann nur ein Tänzer erfinden, habe ich gedacht. Man muss wissen, habe ich gedacht, dass man im Innersten ein Tänzer ist, um diese Form des Widerstands zu finden. Wer die Welt anhalten will, muss die Bewegung anhalten, wer vom Widerstand träumt, muss sich neu erfinden.

Dann lege ich mich auf den Boden und versuche alles zu vergessen, was ich weiß.

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