Martin Roth © Rosie Hallam/Getty Images

Dass etwas richtig schiefgeht, kommt bei Martin Roth nicht oft vor. Neulich war es doch mal so weit. Ein wichtiger Herr hatte sich angesagt, wohl nicht abgeneigt, dem ebenso bedeutenden wie stets bedürftigen Victoria and Albert Museum kräftig unter die Arme zu greifen. Der Direktor und sein Gast plauderten über dies und das, zunächst das Thema Geld vermeidend – es lief nicht schlecht, glaubte Martin Roth. Bis unter dem geöffneten Fenster ein Rollcontainer übers Pflaster geschoben wurde. Ohrenbetäubend klappernd – genau in dem Augenblick, als der Gast die entscheidende Summe murmelte. So geriet die Zuwendung unter die Räder, denn Roths sonst zuverlässige Ohren hatten die entscheidende Zahl verpasst.

Nachfragen? Unmöglich. Mit dem Zaunpfahl winken und einen höflichen Brief hinterherschicken? Oh no! How awkward, wie peinlich, würden Briten hüsteln.

Martin Roth lacht. Künstlerpech. Vielleicht, überlegt er, wären Gummiräder für diesen Container eine kluge Investition? Hinter seinem Lachen steckt natürlich eine Botschaft: Macht nichts, es gibt genug andere Sponsoren.

Die Szene ist im Umbruch: Vitrinen entstauben reicht nicht mehr

Sein Schwäbisch sei schlimmer geworden, seit er so viel Englisch sprechen müsse, kokettiert er ein bisschen. Sein Englisch war bei der Berufung jedenfalls kein Hindernis. Die deutsche Herkunft angeblich auch nicht. Wenn man so will, hat das größte Museum der Welt für Kunstgewerbe und Design einen deutschen Ahnen, Prince Albert, den Mann an der Seite von Queen Victoria. "Victoria and Albert Museum" sagt kein Mensch. Es heißt "V&A", unter Museumsleuten, Kreativen und Kunsthistorikern ebenso wie unter den meisten der 3,3 Millionen Menschen, die den Palast mit seinen kilometerlangen Saalfluchten und Exponaten aus allen Epochen menschlicher Zivilisation im vergangenen Jahr aufsuchten. "Dass ich hier eingeladen wurde, ist eine Anerkennung, mit der ich nicht gerechnet habe, und das nehme ich in Demut an", sagt Martin Roth auf bescheidene Art, die nicht immer seine ist.

Zufall war es nicht, dass ein britischer Headhunter auf diesen promovierten Kulturwissenschaftler mit zwanzigjähriger Erfahrung und mehrfach bewiesener Tatkraft stieß. Die Museumsszene steckt mitten in einem Umbruch, in dem Generalisten alter Prägung Hören und Sehen vergeht. Es reicht nicht mehr, Vitrinen zu entstauben und Schätze vor den Pfoten tollpatschiger Massen zu schützen. Erst einmal gilt es, allgemeines Interesse zu wecken, wenn solch ein Museum nicht in Schönheit untergehen will. Mitzumischen im Ausstellungskorso bedeutet, sich zu profilieren, aktuelle Debatten aufzugreifen und angesichts langfristiger Vorbereitung Themen zu erahnen, die erst in drei, vier Jahren als Magnet funktionieren. Museales Management bedeutet zugleich, Exponate zu inszenieren und forschend, sammelnd, kuratierend den Blick auf das Zeitgenössische zu richten, worunter keinesfalls das akademische Profil leiden sollte – ohne den Etat aus dem Auge zu verlieren oder sich PR-geilen Sponsoren auszuliefern. All das muss gelingen, während allein der Unterhalt und die Personalkosten dieser Institutionen Unsummen verschlingen.

Das Kuratorium des V&A suchte also einen Multimanager mit intellektuellem Profil. Als Roths Freunde von dieser Sache da in London hörten, schüttelten sie den Kopf – als Stuttgarter Kleinbürgersohn in die Schatzhöhle des britischen Empire zu ziehen: Bist du wahnsinnig geworden? Aber in Dresden, als Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen mit zwölf Häusern, hatte Roth – nicht zuletzt als effizienter Reparateur der Flutschäden von 2002 – innerhalb von zehn Jahren mehr erreicht, als mancher ihm zugetraut hatte. Er fühlte sich reif für eine neue Herausforderung. Am 1. September 2011 bezog er dann das Büro im bordeauxrot gestrichenen Seitenflügel, nahm Platz am Schreibtisch des ersten V&A-Direktors, Sir Henry Cole, hängte als Kontrast seinen David Hockney und den von Anton Corbijn fotografierten Gerhard Richter auf. Später gesellte sich noch eine völlig unbrauchbare Alu-Bank von Thomas Heatherwick dazu. Eine raffinierte Melange der Epochen und Geschmäcker.

"Kommen Sie", ein Schlüsselbund klappert. Der 58-Jährige will zeigen, was er mit dem Haus noch vorhat, ein Projekt namens "FuturePlan". Im Marschtempo geht es vorbei an Canovas Drei Grazien und am Abguss der Trajanssäule, Shakespeares Folianten bleiben links liegen, unbeachtet wie Tipus Tiger, ein Liebling aller Kinder, keine Zeit auch für die Plateauschuhe von Vivienne Westwood. Kurz wird in der Foto-Galerie vor dem Stuhl von Arne Jacobsen gestoppt, auf dem Christine Keeler posierte, und ebenso kurz öffnet sich die Flügeltür zur Art Library, die der heutige Direktor schon als Student so schätzte.