Werkschau "Meret Oppenheim"Der Geist ist androgyn

Meret Oppenheim war im Paris der dreißiger Jahre ein junger Star der Surrealisten und wurde eine große Künstlerin. Zum 100. Geburtstag widmet ihr Berlin eine herrliche Werkschau. von 

Was weiß man von der Künstlerin Meret Oppenheim? Geboren 1913, vor 100 Jahren, in Berlin, gestorben 1985, in Basel. Und weiter? Versuch von Helmut Heißenbüttel, Schriftsteller: "Meret Oppenheim ist eine Geschichte Meret Oppenheim ist eine Geschichte die schon lange angefangen hat Meret Oppenheim ist eine Geschichte die in verschiedenen Richtungen erzählbar ist Meret Oppenheim ist eine Geschichte die nicht anders erzählbar ist als in den Bildern und Objekten von Meret Oppenheim ..."

Bilder also und Objekte. Collagen. Schmuck. Gedichte. Aufzeichnungen von Träumen, als eigene Gattung. Für die Retrospektive des großen Werkes von Meret Oppenheim, wie sie von dieser Woche an in Berlin gezeigt wird, gibt es viel Stoff. Nicht zu reden von den Fotografien, Meret Oppenheim als irisierende Silhouette einer jungen Schönheit, hochbelichtet von Man Ray, heute Postkartenmaterial.

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Ach, noch etwas: Sie ist die mit der Felltasse. Ja. Das kleine Objekt, das im Mai 1936, kaum zwei Wochen alt, von Alfred H. Barr, Direktor des New Yorker Museum of Modern Art, in einer Pariser Galerie aufgestöbert und weggekauft wurde und seitdem in Manhattan lebt, in einem Kasten aus Plexiglas, einsam bis auf die Gesellschaft kleiner weißer Mottenkugeln. Le déjeuner en fourrure. Porzellan, Gazellenfell. Ein frühes, neckisches Beispiel für Cross-Dressing, inkl. Teelöffel. Anspielung natürlich auf das Gemälde Le déjeuner sur l’herbe des Malers Édouard Manet, mit allen Konnotationen sexueller Verführung, inklusive der Vorstellung von Haaren auf der Zunge.

Unfassbar, welch Schatten eine kleine Tasse über ein Leben werfen kann, das mit allen Möglichkeiten gesegnet war. Meret Oppenheim, Tochter einer intellektuellen Arztfamilie, aufgewachsen im Jura, in Basel beschult. Sie ist 16 Jahre alt, als sie in der Kunsthalle Basel vor einem Ernst Klee steht und etwas passiert mit ihr. In ihr Schulheft malt sie: "X=Hase", den Hasen als Figur, orange mit Öhrchen, und wechselt so von Mathe ins Fach der Kunst. Sie geht, im Jahr 1932, mit einer Freundin nach Paris. Dort Freundschaft mit Giacometti, Hans Arp, natürlich André Breton, Leonora Carrington und Dora Maar, Picasso, also mit allen.

Ausstellung

Martin-Gropius-Bau Berlin – bis 1.12.2013

Katalog: Meret Oppenheim. Retrospektive; Hrsg. Heike Eipeldauer et al.; Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2013; 312 S., 25,– €

Es entstehen schnell Arbeiten, etwa das heitere Aquarell einer betrunken wirkenden weißen Fabelkuh, mit rotgesichtigen Kugeltiers, womöglich entstanden nach intensiver Nacht im Café de la Place, am Montparnasse. Auf der Terrasse des legendären Dôme, besagt ein von ihr nicht bestätigtes, aber doch geduldetes Gerücht, habe sie in einen Zylinder gepinkelt. Dann diese Tasse. Und sie, die der Autor Alain Jouffroy als "die freieste Frau, die je existierte", empfand – gefangen im eigenen Werk, für immer damit identifiziert.

Weshalb es eine hübsche Fußnote ist, dass die Felltasse in der Werkschau des Berliner Gropius-Baus, die am Freitag, dem 16. August eröffnet, nur als Imago vertreten ist. Pelztasse von Meret Oppenheim nach einem Foto von Man Ray, eine Erscheinung auf pinkigem Fond (1977), in Anspielung auf Andy Warhols Serie von überpräsentierten Bildern, Jackie Kennedy oder Mao. Mit Oppenheim gesagt: "Alle Gedanken, die je gedacht wurden, rollen um die Erde in der großen Geistkugel. Die Erde zerspringt, die Geistkugel zerplatzt, die Gedanken zerstreuen sich im Universum, wo sie auf anderen Sternen weiterleben."

Die Ausstellung führt als Erstes in einen Raum, den linker Hand zwei Ölgemälde dominieren. Späte Werke, eine Verbeugung vor den Romantikerinnen Karoline von Günderrode und Bettina von Arnim. Für Günderrode malt Oppenheim ein dunkles Boot, das über einen dunstigen Fluss steuert, für Arnim eine flirrende helle Oberfläche. Oppenheim öffnet so diese innigste Freundschaft der beiden Frauen zu einem Dreieck, indem sie sich hineinspiegelt mit eigenen Bezügen, etwa großformatigen Gemälden, die das Boot schwer beladen. In Arnim findet sie die Kraft und Genialität, die auch sie beflügelt, in Günderrode die Melancholie, die im Boot, das einen Fluss durchquert, zum Todesmotiv wird. Günderrode hatte sich im Juli 1806 am Rheinufer erstochen. Und Meret Oppenheim war 1937 nach fruchtbaren Jahren in Paris überstürzt abgereist, zurück nach Hause, in Jahre der Depression und künstlerischen Lähmung. 1949 Heirat mit dem Kaufmann Wolfgang La Roche. Sie unternehmen lange Ferienreisen auf einer Harley-Davidson, aber es hilft nicht.

Was also war in Paris passiert? Einmal die schnelle, spontane Explosion von Kreativität, gemäß ihrem Mentor C. G. Jung: "Die Erzeugung des Neuen besorgt nicht der Intellekt, sondern der Spieltrieb aus Nötigung." Oppenheim fesselt Stöckelschuhe und serviert sie, garniert mit Kreppmanschetten, wie kleine Schweinehaxen auf einem Silbertablett, Titel: Meine Kinderfrau. Ein Objet trouvé, ausgerissen aus der Zeitung, das sie an André Breton schickt, der es ausstellt, es zeigt einen Fahrradsattel, der von wimmelnden Bienen erobert ist. Hallo, welche Gefühle macht das denn? Und wo?

Leserkommentare
  1. einer großen Künstlerin!

  2. meret oppenheim's leben haben ihre arbeiten auf- und anregend gemacht. diese geile ausstellung macht ihren geist auch noch heute sichtbar.

    vergleicht meret oppenheim's leben mal mit dem leben von den langweiligen lärmern meese, schlingensief oder aiweiwei.

  3. Die Begegnung galt sicher der Kunst von Paul Klee!!!

  4. Kurz überflogen! Einen Lesekommentar von 3000 Zeichen kann ich geben, wenn ich die Ausstellung gesichtet habe. Lively meine ich!

  5. Hallo,
    Ich zitiere Ihren Satz: "Die Ausstellung führt als Erstes in einen Raum, den linker Hand zwei Ölgemälde dominieren." und verstehe auch den Satz. Allerdings empfinde ich diesen Satz völlig gestelzt.

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