Noch ist es ruhig entlang der Neuen Donau. Nahe am Ufer schwimmt eine Entenfamilie, bei der Brigittenauer Brücke stecken zwei Schwäne den Kopf ins Wasser. In der Bucht nebenan werfen Männer mit kurzen Hosen und stattlichen Bäuchen die ersten Fleischspieße auf den Grill. Bis zum Abend werden sich mehr als 3.000 Menschen in der schmalen Brigittenauer Bucht drängen, Einweggrill an Einweggrill. Der scharfe Duft ihrer Gaumenfreuden wird noch auf der gegenüberliegenden Donauinsel zu riechen sein.

Auch der gebürtige Türke Yasin Sahin hat seinen Grill angeworfen. Darauf kocht aber nur das Wasser für seinen Tee in einer kleinen Kanne. Sahin, 40 Jahre, verspiegelte Sonnenbrille, schwarzes Haar, trägt eine grüne Warnweste mit der Aufschrift "Grillplatzmeister" – eine Profession, die es nur dank der Innovationsfreude des Wiener Magistrats gibt. Über die Tasse hinweg bahnt sich sein Blick schon einen Weg durch grillende Kroaten, grillende Türken, grillende Studenten, grillende Thailänder, grillende Polen. "Die ganze Welt ist hier", sagt Sahin und lächelt. Der Grillplatzmeister Sahin ist hier, um den Frieden dieser kleinen Welt zu sichern.

Hätte Armutszuwanderung einen Geruch, es wäre wohl jener von Grillfleisch. Mit dem rauchigen Duft verbreitet sich zugleich ein schwelender Konflikt. Denn so beliebt das Grillen auf öffentlichen Flächen vorwiegend bei östlichen Zuwanderern ist, so wenig Verständnis zeigen Einheimische oft für verstopfte Gehwege und vermüllte Wiesen. Manche Städte haben vor dem Problem längst kapituliert. Nachdem Berlin das Müll- und Geruchsproblem durch die Griller im Tiergarten nicht in den Griff bekommen hatte, wurde 2011 kurzerhand der gesamte Bezirk Mitte bis auf den Monbijoupark zur Grillverbotszone erklärt. Damit wurde das Problem aber lediglich verlagert: Mittlerweile stöhnen die Außenbezirke über den Müll in den Parkanlagen. In den Monbijoupark wagen sich die Mitarbeiter des Ordnungsamts indessen nur noch mit Polizeischutz, so aufgeheizt ist die Stimmung.

Auch in Wien kochen die Emotionen gelegentlich über. Bis zu 10 000 Menschen drängen sich an Spitzentagen in den beiden Grillzonen entlang der Neuen Donau. Grillkrieg titelten vor zwei Jahren die Boulevardzeitungen, als sich zwei rumänische Großfamilien eine Schlägerei lieferten. Erst vor Kurzem habe es Probleme mit Tschetschenen gegeben, berichtet der Magistrat. Statt auf Blaulicht setzt Wien an Wochenenden und Feiertagen aber lieber auf 21 Grillplatzmeister. Aus Exjugoslawien, der Türkei und Polen kommen die meisten von ihnen. Durch diesen Migrationshintergrund sollen sie den grillenden Zuwanderern auf Augenhöhe begegnen.

Es ist kurz nach Mittag, die Sonne knallt vom Himmel, und Sahin dreht eine Kontrollrunde in der Brigittenauer Bucht. Er winkt nach links, lächelt nach rechts, lässt den Blick auf einem Kind ruhen, bis dessen Eltern auftauchen. "Es ist eine große Familie", sagt Sahin. Das Wort Familie wird er neben super noch oft gebrauchen. Bei Sahin ist alles super, auch wenn es nicht super ist. "Das ist ein super Platz, nur Grillen ist hier verboten", sagt er zum Oberhaupt einer zwanzigköpfigen philippinischen Familie. Sahin spricht sanft. Die Worte rollen über seine Lippen, als wollte er den deutschen Lauten ein wenig von ihrer Härte nehmen. Vielleicht sind seine Aufforderungen deshalb so effektiv. Sofort trottet die Großfamilie hinter die Begrenzungspfosten, außerhalb derer kein Feuer brennen darf. Ein junges Pärchen schiebt den Grill an Sahin vorbei zurück in die Grillzone. "Danke für den Hinweis", sagt der Bursche.