Held des Kaiserreichs: Graf Zeppelin hat alles im Blick © Städtische Museen Konstanz

Im Januar 1901 kam erstmals ein Lob Seiner Majestät. Ein halbes Jahr nach den ersten Steigversuchen des neuen Zeppelin-Luftschiffes schickte Kaiser Wilhelm II. dem schwäbischen Grafen den Roten Adlerorden: "Nachdem Mir über die Aufstiege mit dem von Ihnen erfundenen Luftschiff berichtet worden ist, gereicht es Mir zur Freude, Ihnen Meine Anerkennung für die Ausdauer und Mühen auszusprechen."

Nicht lange zuvor hatte der Monarch den eigensinnigen Grafen vom Bodensee noch als den "Dümmsten aller Süddeutschen" bezeichnet. Doch allmählich wurde auch S. M. von der Zeppelin-Hysterie erfasst; 1908 schon pries Wilhelm den Luftschiffer als den "größten Deutschen des Jahrhunderts". Zeppelins Erfindung galt Volk und Kaiser nun als "ein in der ganzen Weltgeschichte bis dahin unerhörtes Werk", wie das Zeppelinbuch für die deutsche Jugend 1910 schwärmte.

Zeppelins Erfindung? Das nun nicht. Schon die besonneneren seiner Zeitgenossen wussten, dass der Württemberger nur ein Luftschiffer von vielen war, allerdings ein erfolgreicher. "An der Hand geeigneter Experimente muss immer auf den Fortschritten der Vordermänner aufbauend das lenkbare Luftschiff berechnet werden", heißt es in einem frühen Fachbuch. Seit dem späten 18. Jahrhundert, als die französischen Papierfabrikanten Joseph und Étienne Montgolfier unter einem papierbespannten Ballon feuchtes Stroh und zerhackte Wolle verbrannt hatten und das rauchgasgefüllte Gebilde daraufhin in den blauen Himmel über Annonay entschwunden war, bestimmte das lebensgefährliche Prinzip von Versuch und Irrtum die Anfänge der "Aviatik".

Auf die Montgolfière folgten die mit Wasserstoffgas gefüllte, nach ihrem Erbauer benannte Charlière und weitere Versuchs-Ballone. Und doch trat die Entwicklung auf der Stelle, blieb die frühe Luftfahrt eher ein Jahrmarktsvergnügen. Das lag nicht zuletzt an den Kosten: Bau und Betrieb der fragilen Fluggeräte fraßen sehr viel Geld. Seriöse Finanziers waren kaum bereit, besessenen Visionären Kapital zur Verfügung zu stellen.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wandten sich vor allem in Frankreich und England wieder seriöse Wissenschaftler dem Thema zu. Spätestens seit dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, als Nachrichten und Personen mithilfe von Ballonen aus dem besetzten Paris herausgebracht wurden, interessierte sich auch das Militär für "lenkbare Ballone". In Meudon bei Paris wurde die erste Militärluftschifferschule Europas eingerichtet. Das Berliner Kriegsministerium eröffnete 1886 eine "Luftschifferabteilung". Überall entstanden Vereine zur Förderung der Luftfahrt, dazu neue Zeitschriften, und die technischen Fakultäten der Hochschulen widmeten sich der Verbesserung der Temperatur- und Höhenmessung sowie der Wetterkunde.

Schon gab es die ersten Experimente mit Motoren. Die Luftfahrt profitierte von den Fortschritten im Automobilbau. Der Deutsche Paul Haenlein baute 1870 ein Luftgefährt mit Gasmotor. Die französischen Hauptleute Renard und Krebs statteten das ihre 1884 mit einem Elektromotor aus und nannten es La France. Allerdings gingen die Batterien arg schnell zur Neige, und die lahme La France wurde kein Erfolg. 1888 gelang dem Leipziger Friedrich Hermann Wölfert mit der Ballonkonstruktion Deutschland, angetrieben durch Gottlieb Daimlers Benzinmotor, von Cannstatt aus ein Flug über 15 Kilometer. Einige Jahre später kam Wölfert bei einem Absturz ums Leben.

1878 richtete der Generaloberst und württembergische Gesandte in Berlin, Ferdinand Graf von Zeppelin, eine Denkschrift an seinen König in Stuttgart über die Notwendigkeit der Lenkballone. Zeppelin war Berufsmilitär. In der kollektiven Erinnerung von heute sind seine Luftschiffe friedliche Giganten, die seit den zwanziger Jahren – bis zur Hindenburg-Katastrophe 1937 in Lakehurst – die Kontinente miteinander verbunden haben. Zeppelin selber hingegen hatte vor allem die militärische Nutzung im Blick. Kurz vor seinem Tod 1917 noch forderte der greise Graf den Abwurf einer 1.000-Kilogramm-Bombe über London, um den Krieg zu verkürzen.