BundeswahlleiterDer Herr der Stimmen

Roderich Egeler organisiert und überwacht die Bundestagswahl am 22. September – und wehe, er verliert den Überblick. von 

Wenn Roderich Egeler einen guten Job macht, taucht sein Name später in keinem Geschichtsbuch auf. Sollte ihm jedoch ein Fehler passieren, kann es sein, dass er sofort in allen Zeitungen steht, weit über Deutschland hinaus. Es ist das Schicksal eines Staatsdieners, der im Verborgenen Dinge bewegt, die große Bedeutung haben. Nur alle paar Jahre gerät er für einen Moment ins Blickfeld der Öffentlichkeit.

Roderich Egeler ist Bundeswahlleiter und steht damit an der Spitze einer Pyramide von Menschen, die die Bundestagswahl organisieren. In einem Monat ist es so weit. Am 22. September sollen etwa 630.000 Wahlhelfer in 80.000 Wahllokalen dafür sorgen, dass die Stimmabgabe reibungslos abläuft. "Ich hoffe, bei mir wird es ganz langweilig", sagt Egeler und lacht, als hätte er einen Witz gemacht, aber er meint es ernst. Egeler, 63, trägt eine randlose Brille, einen kurzen Bürstenhaarschnitt und einen sorgfältig gestutzten Bart. Er weiß, dass es in seinem Amt auf die letzte Kommastelle ankommt, dass er nichts falsch machen darf. Er weiß, dass die Wahl wiederholt werden müsste, wenn ihm vorher oder am Wahlabend ein Fehler unterlaufen und das Ergebnis im schlimmsten Fall nicht anerkannt werden würde.

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Noch sind es einige Wochen bis zum entscheidenden Termin. An einem Augusttag sitzt Egeler in seinem Büro in Wiesbaden, das Sakko hängt über dem Stuhl, es ist heiß. Seit 2008 ist er hier Präsident des Statistischen Bundesamts. Dass er neben diesem Amt auch die Bundestagswahl leitet, ist kein Zufall, sondern Tradition. Der Innenminister, der den Bundeswahlleiter ernennt, betraut immer den Präsidenten des Statistischen Bundesamts mit dieser Aufgabe. So war es bereits bei der Reichstagswahl in der Weimarer Republik. Die beiden Ämter würden sich gut ergänzen, meint Egeler. "Es müssen große Datenmengen technisch verarbeitet werden." Dabei gehe es vor allem darum, den Überblick zu behalten. Er tritt ans Fenster, sein Büro liegt in der zwölften Etage, unter ihm breitet sich die Stadt aus, am Horizont leuchtet die goldene Kuppel der russisch-orthodoxen Kirche.

"Das Amt lebt davon, dass ich als Person selbst im Hintergrund bleibe"

Den Wahlabend wird er 600 Kilometer entfernt von hier zusammen mit 60 Mitarbeitern in einem Lagezentrum in Berlin verbringen. Vor Stromausfall schützt ein Notstromaggregat, um Softwareprobleme bei der Übermittlung auszuschließen, gibt es mehrere Testläufe. Gehe doch etwas schief mit der IT, greife man notfalls zum Telefon. Doch nicht nur die Technik kann versagen. Einmal hat ein Bürgermeister die Wahlergebnisse seiner Gemeinde einfach mit nach Hause genommen, offenbar wusste er nicht, dass er sie noch am selben Abend weitergeben sollte. Eine Polizeistreife musste ihn wecken, das vorläufige amtliche Endergebnis konnte erst mit einiger Verzögerung bekanntgegeben werden.

Als Bundeswahlleiter stellt man weniger durch Agieren seine Qualitäten unter Beweis als durch Reagieren. "Das Amt lebt davon, dass ich als Person selbst im Hintergrund bleibe und die Prozesse unaufgeregt steuere", sagt Egeler. Vielen Menschen wäre das zu wenig, Egeler aber passt das ganz gut. Das war schon immer seine liebste Rolle. Bevor er Präsident des Statistischen Bundesamtes wurde, leitete Egeler das Beschaffungsamt des Bundesinnenministeriums.

"Mit dem Wählen ist es wie mit dem Fußballspiel. Nach der Wahl ist vor der Wahl", sagt Egeler. Schon Anfang vorletzten Jahres beugte er sich in zahlreichen Sitzungen über Deutschlandkarten, um die Wahlkreise der Bevölkerungsentwicklung anzupassen. Durchschnittlich 250.000 Menschen soll es pro Wahlkreis geben. Manchmal reicht es nicht aus, Wahlkreisen mit vielen zugewanderten Einwohnern Fläche wegzunehmen und sie benachbarten Kreisen zu geben, sondern es gibt größere Verschiebungen. Für die kommende Wahl etwa verlor Mecklenburg-Vorpommern einen Wahlkreis. Dafür bekam das stark gewachsene Hessen einen Zuschlag.

Was nach einer trockenen Angelegenheit klingt, erfordert besondere Feinfühligkeit. Denn formell betrachtet hat der Bundeswahlleiter keine Weisungsbefugnis. Das bedeutet: Keiner der 16 Landeswahlleiter, mit denen Egeler zusammen die Wahl organisiert, muss tun, was er sagt. Beschlüsse werden im Konsens gefasst. Wenn man sich nicht einig ist, muss Egeler so lange vermitteln, bis es eine Lösung gibt. Streng und unnachgiebig muss er sein, wenn es notwendig ist. Aber auch entspannt und locker, wenn er dadurch mehr erreichen kann. Egelers Lieblingskneipe in Berlin ist die Ständige Vertretung. Wenn man dort bei einem Kölsch zusammengesessen hat, wird man sich auch in Sitzungen und Gesprächen schneller einig. Egeler ist jovial, ohne anbiedernd zu wirken, er ist bestimmt, ohne Dominanz auszustrahlen. Korrekt ja, steif nein.

Leserkommentare
  1. Und eine gute Würdigung für die Menschen im Hintergrund, auf die es letztlich ankommt.

    Eine Leserempfehlung
  2. 2009 unter anderem die PARTEI nicht zur Bundestagswahl zuzulassen, war schlicht und einfach demokratiefeindlich. Wurde ja auch später dagegen geklagt - mittlerweile kann das Verfahren nicht mehr, wie 2009 bequem weit hinter den Wahltermin gelegt werden, um die Kläger vor vollendete Tatsachen zu stellen.
    Und beim Fall der Freien Un ion von Frau Pauli unterstelle ich ihm als CDU-Mann einfach mal eine gewisse Parteilichkeit - wer weiß ob deren Beteiligung 2009 nicht das Zünglein an der Waage gewesen wäre.

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