Als am letzten Donnerstag die Bulldozer, die Panzer und die Sniper in Kairo zuschlugen, waren die beiden Diplomaten schon abgezogen. Voll finsterer Vorahnungen hatten die Vertreter des Westens Ägypten verlassen. William Burns, der amerikanische Vizeaußenminister, und Bernardino Léon, der europäische Sondergesandte, hatten wochenlang hinter den Kulissen versucht, zwischen der Putsch-Regierung des Generals Abdel-Fattah al-Sissi und den Muslimbrüdern zu vermitteln, um ein drohendes Blutbad zu verhindern. Sie hatten die Islamisten für ihren Vermittlungsplan gewonnen – freiwillige Verkleinerung der Protestlager und Verurteilung von Gewalt gegen politische Beteiligung und Freilassung von Gefangenen. Auch die Regierung signalisierte Einverständnis. Doch dann erklärte sie über Nacht die Diplomatie für gescheitert und kündigte an, für alles Kommende trügen die Muslimbrüder die Verantwortung.

Das Massaker von Kairo mit seiner Vorgeschichte von Politikversagen, Verrat und Täuschung ist eine dreifache Zäsur: Das Experiment der demokratischen Zähmung des politischen Islams ist abgebrochen worden. Das politische Bündnis zwischen dem Westen und dem wichtigsten arabischen Land steht auf der Kippe. Und die Einflusssphären im Nahen Osten werden neu aufgeteilt.

Die westlichen Diplomaten wurden von den ägyptischen Verbündeten getäuscht. Ihr Scheitern war gewollt, der Misserfolg lieferte den Vorwand für die Gewalt der Sicherheitskräfte. Das ägyptische Militär hat seine westlichen Partner hereingelegt und sie dadurch zu unfreiwilligen Komplizen eines Massakers gemacht.

Der Schock darüber sitzt tief in Berlin, Brüssel und Washington. Jetzt streitet man sich über den richtigen Umgang mit dem Regime in Ägypten: Braucht man nach dem Scheitern der Diplomatie nicht endlich eine klare Sprache? Oder beraubt man sich dadurch des letzten Einflusses? Mit welchem Regime hat es der Westen zu tun? Was ist zu sagen, wenn liberale und säkulare Kräfte der Vernichtung des politischen Gegners applaudieren, Islamisten Kirchen anzünden, Generäle auf das eigene Volk schießen lassen?

Während man sich in westlichen Staatskanzleien konsterniert diese Fragen stellt, rutscht Ägypten in einen Dauerkonflikt ab, Tag für Tag ein bisschen mehr. Sicherheitskräfte schießen auf Demonstranten. Dschihadisten überfallen Militär- und Polizeiposten auf der Sinaihalbinsel, Kirchen gehen in Flammen auf. Über tausend Tote sind allein seit der vergangenen Woche zu beklagen.

In der Nacht zum Dienstag wurde der Chef der Muslimbrüder verhaftet. Der Bewegung soll die Spitze genommen werden, fast alle Führer der Bruderschaft und der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei sitzen mittlerweile in Haft. Mohammed Badie, dem Chef der Muslimbrüder, wird Anstiftung zum Mord vorgeworfen. Der Übergangsministerpräsident Hasim al-Beblawi hat angeregt, die ganze Bewegung zu verbieten. Aber kann man ein Viertel der Ägypter, Unterstützer und Wähler, gleich mit verbieten?

Immerhin stellten die Muslimbrüder bis vor sechs Wochen die größte Partei und den gewählten Präsidenten des Landes. Und noch nirgendwo hat es auf Dauer funktioniert, den politischen Islam allein mit Gewalt in den Griff zu kriegen. Das hat sich schon in der kemalistischen Türkei und im Persien des Schahs gezeigt. Ohne politische Integration droht der Umsturz oder ein permanenter Krieg mit Abertausenden von Toten.

Kein Zweifel, die Muslimbrüder haben ihre Chance vertan. Mohammed Mursi erwies sich in einem Jahr an der Macht als ein unfähiger Präsident, der in der Wirtschafts- und Versorgungskrise versagte, die staatlichen Apparate mit eigenen Leuten durchsetzte und sich ansonsten auf die Durchsetzung schariakonformer öffentlicher Sittlichkeit konzentrierte. Dafür hätte er eine krachende Abwahl verdient gehabt, aber keinen Militärputsch. Die Millionen-Demonstrationen Ende Juni wären ein guter Anlass für vorgezogene Wahlen gewesen. Stattdessen nutzte sie General Al-Sissi als demokratisches Vorspiel für die quasi-diktatorische Machtübernahme.

Die westlichen Regierungen tun sich schwer, diesen Vorgang korrekt zu benennen: als Putsch. So heißt es nun einmal, wenn das Militär einen demokratisch gewählten Präsidenten abräumt und ins Gefängnis steckt, egal, ob man den prominenten Häftling schätzt oder nicht. Es ist ein Putsch nicht nur gegen die Muslimbrüder, sondern gegen die demokratische Revolution und die Freiheit der Ägypter. Die Generäle haben sich entschlossen, das Demokratie-Experiment abzubrechen – paradoxerweise unter großem Applaus eines erheblichen Teils der Bevölkerung.

In den Ministerien und Behörden erwachen nun die Schläfer des alten Regimes, die Revolution und Muslimbruderherrschaft still überstanden hatten. Sie ziehen Listen mit politisch Verdächtigen aus den Aktenschränken, die jetzt Anwärter auf eine Gefängniszelle sind. Zugleich wird der alte Herrscher Hosni Mubarak diese Woche auf freien Fuß gesetzt, das sagen zumindest seine Anwälte. Seine treuen Gouverneure sind in 27 Regionen bereits wieder im Amt. Die revolutionären Verhältnisse werden auf den Kopf gestellt. Die Konterrevolution ist in vollem Gange.

Während unter Mursi – wenn auch zu seinem Verdruss – in Ägypten eine bunte und kritische Medienlandschaft herrschte, ist die Presse jetzt innerhalb kürzester Zeit gleichgeschaltet worden. Die Muslimbrüder werden schlichtweg zu "Terroristen" abgestempelt. Gegen westliche Berichterstatter hat der Generalstab eine Hasskampagne losgetreten.

Eine Welle des Nationalismus und des Antiwestlertums geht durch Ägypten. Die liberale Organisation Tamarrod, Kern der Anti-Mursi-Bewegung, hat dazu aufgerufen, die Beziehungen zu Amerika zu überprüfen und einzufrieren. In Kairo überschlagen sich säkulare Publizisten und Politiker mit ätzender Kritik an Amerika und Europa. Der Westen wird als naiv gescholten oder als anti-ägyptisch, als Freund der Terroristen und Feinde Ägyptens, womit die Muslimbrüder gemeint sind.

Das Militärregime lässt Kritik abprallen mit Verweis auf die vielen Ägypter, die hinter ihm stehen. General Sissi ist zum Nationalhelden geworden. Verlässliche Umfragen gibt es derzeit nicht: Doch auch wenn eine Mehrheit der Ägypter Sissi schätzt, wird noch keine Demokratie daraus. Denn die braucht Wahlen, friedlichen Machtwechsel und den politischen und physischen Schutz der Verlierer eines Machtkampfes. Das Gegenteil ist derzeit in Ägypten zu beobachten.