Apotheken : Gläserner Patient

Der Handel mit Apothekendaten erleichtert Pharmafirmen das Marketing. Versorgungsforscher Gerd Glaeske erklärt, wie das geht.

DIE ZEIT: Herr Glaeske, werden in Deutschland Daten von Patienten an Pharmafirmen verkauft?

Gerd Glaeske: Ja, und zwar schon lange – allerdings ohne den Namen der Patienten.

ZEIT: Was fängt man mit den Daten an?

Man kann sehen, wie viele Männer eine Praxis besuchen, wie viele Frauen, wie alt die Patienten sind und was sie verordnet bekommen
Gerd Glaeske

Glaeske: Man kann über die Daten, die Rechenzentren erfassen, anonymisiert erkennen, welche Patienten von welchem Arzt welches Medikament verschrieben bekommen. Man kann sehen, wie viele Männer eine Praxis besuchen, wie viele Frauen, wie alt die Patienten sind und was sie verordnet bekommen. Man sieht regionale Unterschiede; etwa dass im Osten mehr Medikamente verschrieben werden.

ZEIT: Wer hat Interesse an solchen Daten?

Glaeske: Die Pharmaindustrie, die Krankenkassen und die Forschung.

ZEIT: Beginnen wir mit den Pharmafirmen.

Glaeske: Pharmareferenten sollen Ärzte dazu bringen, die Präparate ihrer Firma zu verordnen. Sie haben ein großes Interesse daran, festzustellen, welcher Arzt was verschreibt. Wenn sie weiße Flecken sehen, können sie gezielt diesen Ärzten einschlägige Studien geben, sie zu Fortbildungen einladen, auf denen von ihnen bezahlte Professoren sprechen, und auf Selbsthilfegruppen in der Region zugehen.

ZEIT: Strippenzieher bei der Weitergabe der Daten sind die Rechenzentren, an die die Apotheken ihre Rezepte übermitteln.

Glaeske: Diese Zentren erhalten die Originalrezepte und rechnen für die einzelnen Apotheken aus, wie viel Geld sie von jeder Kasse bekommen – die Rezepte nahmen irgendwann einfach überhand und konnten von den einzelnen Apotheken nicht mehr alleine abgerechnet werden. Daher bezahlen die Apotheken die Rechenzentren für die Abrechnung.

ZEIT: Wo beginnt das Problem?

Glaeske: Die Rechenzentren sind private Unternehmen ohne öffentliche Kontrolle. Sie suchen nach weiteren Geldquellen – und arbeiten mit Datenbrokern wie IMS Health und Insight Health zusammen.

ZEIT: Welche Daten bekommen diese Unternehmen von den Rechenzentren?

Glaeske: Alles, womit man von jedem Patienten – allerdings verschlüsselt in einer Nummer – eine lückenlose Versorgungsdatei erstellen kann.

ZEIT: Lässt sich auch der Name des Patienten herausfinden?

Glaeske: Grundsätzlich nicht, es sei denn, die Rechenzentren hätten eigene Pseudonymisierungsdateien angelegt und weitergegeben. Ich hoffe, dass sie das nicht getan haben.

ZEIT: Ist der Datenskandal vielleicht noch größer als bisher bekannt?

Glaeske: Ja. Von IMS Health kann man auch Daten erhalten, die von Ärzten kommen, über die Durchschriften von Rezepten. Die Datenfirmen haben private Deals mit einzelnen Ärzten und Apotheken. Auf den anonymisierten Durchschriften steht manchmal auch die Diagnose.

ZEIT: Ist es überhaupt sinnvoll, die Patientendaten zu erzeugen und zu speichern?

Glaeske: Ja, solange der Datenschutz strikt beachtet wird, um zu erfahren, ob Medikamente richtig eingesetzt werden. Wir konnten zum Beispiel feststellen, dass 40 Prozent der Kinder in Deutschland unnötig Antibiotika bekommen und dass in und um Würzburg zu viel Ritalin verordnet wird.

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