Lange hatte sich Ylva Lafrenz auf diesen Moment gefreut. Mit ihrer Schultüte im Arm stand die Fünfjährige vor ein paar Tagen auf dem Schulhof der Karl-Weise-Schule in Berlin inmitten vieler unbekannter Kinder. Nur wenige waren so blond wie sie. Es war Ylvas erster Schultag.

Gerade mal fünf Minuten braucht die Erstklässlerin von ihrem Zuhause bis in die neue Schule. Viel näher kann man es in einer Großstadt wie Berlin nicht haben. Dass Ylva nun direkt um die Ecke eingeschult wurde, ist alles andere als selbstverständlich, denn sie wohnt in Neukölln. In der Karl-Weise-Schule lernen 285 Schüler, die meisten kommen aus türkischen und arabischen Familien. Insgesamt haben 80 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, an anderen Grundschulen im Bezirk sind die Zahlen ähnlich hoch.

Spätestens seitdem im Jahr 2006 die Lehrer der Rütli-Schule öffentlich um Hilfe riefen und ihre Schule so deutschlandweit in die Schlagzeilen brachten, steht der Stadtteil Neukölln für ein Umfeld, in dem Eltern sich ihr Kind lieber nicht vorstellen möchten. Das Schlagwort, das ihre Ängste konzentriert, lautet: Brennpunktschule.

Nun stehen viele dieser Brennpunktschulen ausgerechnet dort, wo junge Eltern mittlerweile gerne wohnen. Dieses Dilemma gibt es in den meisten Großstädten, aber nirgendwo ist es so ausgeprägt wie in Berlin. Kreuzberg ist so ein Viertel, aber auch Neukölln, ein Stadtteil im Süden Berlins, so groß wie Bielefeld, als Problembezirk bekannt und lange als Ausländerhochburg und Hartz-IV-Ghetto verschrien. Dann zogen die niedrigen Mieten immer mehr Künstler und Studenten an, Galerien und Bars wurden eröffnet, und plötzlich war Neukölln ein hippes Multikulti-Viertel, in dem man gerne wohnt. Bis das erste Kind in die Schule kommt.

Lilia Kleemann, 33 Jahre alt, Designerin, entschied sich gegen die Schule vor der Haustür. Es ist viertel vor acht, als sie mit ihrem sechsjährigen Sohn Liou an der U-Bahn-Haltestelle ankommt, wo schon andere Mütter und Väter stehen. Großes Hallo, Umarmungen. Dann läuft Kleemann mit sechs Kindern zur Rolltreppe, die anderen Eltern eilen zurück zu ihren Autos und Fahrrädern. Sie wohnen in Kreuzberg und Neukölln, aber ihre Kinder gehen in Tempelhof auf eine Privatschule. Zwei U-Bahn-Stationen mit der U6, umsteigen, sieben Stationen mit der U7, noch mal fünf Minuten Fußweg. Gute 40 Minuten Schulweg, morgens hin, nachmittags zurück. Die Eltern haben eine Fahrgemeinschaft gegründet, jeder ist einmal die Woche mit Hinbringen und Abholen dran.

Es gebe Schulen in Berlin, in denen kein einziges deutsches Kind aus dem Einzugsgebiet komme, schimpft Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky in seinem Buch Neukölln ist überall. Schulflucht nennt er es, wenn Eltern ihre Kinder außerhalb ihrer Wohnbezirke einschulen, und kritisiert das scharf. Wer gerne in einer günstigen Gründerzeitwohnung in Neukölln lebe, der möge doch bitte auch sein Kind dort in die Schule schicken. So wie Buschkowsky denkt auch Petra Lafrenz, die Mutter der Erstklässlerin Ylva, obwohl sie Buschkowskys Buch nie gelesen hat. "Eltern, die ihre Kinder außerhalb einschulen, verhindern die Integration", sagt sie. Ihre Tochter Ylva geht deshalb nun in die Karl-Weise-Schule gleich um die Ecke. Zusammen mit anderen Eltern hat Lafrenz die Initiative "Kiezschule für alle" gegründet, eine Art Gegenprogramm zur Schulflucht.

Lafrenz wohnt schon seit 30 Jahren in Neukölln, sie hat erlebt, wie Jugendgangs durch die Straßen zogen und auf Spielplätzen die Geräte brannten. Dort, wo sie wohnt, sieht Neukölln auch heute noch aus wie sein Klischee: Call-Shops neben Ein-Euro-Läden, auf den Straßen sind mehr Frauen mit Kopftüchern unterwegs als Hipster mit Röhrenjeans und Jutebeutel. Lafrenz, eine späte Mutter, ist Informatikerin, aber je länger man mit ihr redet, desto eher hält man sie für eine Sozialpädagogin, gutgläubig und immer auf der Seite derer, die im Nachteil sind. Schon vor Ylvas Geburt beteiligte sie sich an der Quartiersarbeit im Viertel, gab Töpferkurse an der Schule, in die jetzt ihre Tochter geht. Dass so viele Menschen in Neukölln von Sozialhilfe leben müssen, bedauert sie, schließlich könnten sie aufgrund ihrer fehlenden Ausbildung keinen Job finden. Dass manche das auch gar nicht wollen, das mag Lafrenz sich nicht so recht vorstellen. Und wenn schon: "Deren Kinder muss man mitziehen, damit sie später auf eigenen Füßen stehen!" Mitziehen, das sagt Lafrenz gerne.

Ihre Kiezschulen-Initiative setzt sich dafür ein, dass bald auch die sogenannten bildungsnahen Eltern ihre Kinder im Viertel einschulen, anstatt sie in andere Bezirke zu fahren oder gar wegzuziehen. "Viele Eltern gucken sich die Schulen in ihrem Viertel nicht mal an." Lafrenz wirbt deshalb für die Schule vor ihrer Haustür. An den Tagen der offenen Tür verteilt sie dort Flyer, genauso wie in Kitas und Bars. Einmal im Monat gibt es ein Info-Treffen für interessierte Eltern, nicht immer kommt jemand. Aber davon lässt sich Lafrenz nicht aufhalten, sie spricht auch mal Eltern mit Kind auf der Straße an, sie hat jetzt eine Mission.

In der Karl-Weise-Schule wird jahrgangsübergreifend gelernt, Erzieher unterstützen die Lehrer bei der Betreuung, es gibt AGs, in denen die Schüler kochen, gärtnern oder Theater spielen. Die Schule beteiligt sich am Kiezfest, um ihre Arbeit vorzustellen, interessierte Eltern können mit ihren Kindern stundenweise am Unterricht teilnehmen. Bisher vergeblich. Es gebe noch keinen Zuwachs bei den Anmeldungen deutscher Eltern, sagt Andrea Schwenn, die Leiterin der Karl-Weise-Schule. "Aber zum Tag der offenen Tür kommen mittlerweile schon mehr deutsche Eltern als früher."