DänemarkAus reiner Thorheit

In einem Museumsdorf im dänischen Ribe stellen Freiwillige den Alltag der Wikinger nach. Sie schmieden, schnitzen und fachsimpeln über authentische Ziernähte. Was sind das für Leute, die ihren Urlaub im Mittelalter verbringen? Unser Autor hat sich einer Sippe angeschlossen. von Holger Fröhlich

Unser Autor (links) geht Jens, dem Schmied, in seiner Werkstatt zur Hand.

Unser Autor (links) geht Jens, dem Schmied, in seiner Werkstatt zur Hand.  |  © Kathrin Spirk

Wir schreiben das Jahr 900 nach Christus. Dänemark ist von Wikingern bevölkert. Die Sonne steht wie ein glühender Schild am Himmel und versengt das Gras auf den Weiden. Selbst im Schatten würden die Menschen mehr als 30 Grad messen, wenn sie es schon könnten.

An Arbeit ist nicht zu denken. Der Glasperlenmacher hat seine Glut erkalten lassen; die Weberin lässt das Teppichschiffchen ruhen. Nur dem Schmied scheint die Hitze nichts anzuhaben. In seiner dunklen Lehmhütte formt er beharrlich das Eisen. Seine Viertelschläge geben der Stille einen monotonen Rhythmus. Auf seiner Brust, zwischen den schwarzen Haaren, die wie Ruß an seiner Haut kleben, hängt der Hammer Thors. Während dem Schmied der Schweiß von den Brauen auf die Lederschürze tropft, sieht er versunken aus. Beinahe entspannt.

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Das sollte er auch – schließlich hat er Urlaub. Zusammen mit hundert anderen Männern, Frauen und Kindern verbringt er seine Sommerferien im Mittelalter. Um Wikinger zu spielen. Die Zeitreise hat ihn nach Ribe geführt, eine Autostunde von der deutschen Grenze entfernt, ins größte Wikingercenter des Landes. Auf vier Quadratkilometern stellt das Museumsdorf den Alltag der mittelalterlichen Landbevölkerung nach. Mit Feldern, Koppeln, Marktplatz und Wohnsiedlung. Neben den Angestellten sind es vor allem die Freiwilligen, die den Ort zum Leben erwecken.

Wer eine Tracht besitzt und den Urlaub ohne Handy, Strom und Plastik verbringen möchte, kann sich in Ribe als Wikinger auf Zeit bewerben. Ob er im Dorf aufgenommen wird, hängt von seinem Ruf in der Szene ab. Das Museum lebt von der Integrität seiner Bewohner. Die Hobbywikinger müssen nicht nur echt aussehen, sie müssen sich auch so verhalten – und den Fragen der Besucher standhalten. Dafür dürfen sie abends bleiben, wenn die Gäste das Gelände verlassen und das Museum seine Tore schließt.

Die Sippe schläft im Reetdachhaus. Der Autor im Zelt.

Die Sippe schläft im Reetdachhaus. Der Autor im Zelt.   |  © Kathrin Spirk

Was sind das für Leute, die freiwillig im Mittelalter leben und ihre weiche Kleidung gegen den Komfort eines Kartoffelsacks tauschen? Und was treiben sie nach Museumsschluss? Um das zu ergründen, muss ich ihresgleichen werden. Weil ich keine Tracht besitze, führt mich Bjarne, Gründer und Leiter des Zentrums, in die Garderobe der Angestellten: ein Dachboden voller Holzknopf-Lodenmäntel, geflochtener Hanfgürtel und grober Lederschuhe.

Ich wähle eine Leinenhose, die so schmutzig ist, dass sie als Ausgrabungsfund durchgehen könnte. Das Baumwollhemd ist sauber, fühlt sich aber an, als wäre es aus Brennnesseln gewebt. Bjarne ahnt mein Unbehagen: "Das kratzt ein bisschen, ja? Aber da drunter darfst du kein T-Shirt anziehen." Menschen mit großen Füßen gab es im Mittelalter offensichtlich nicht, also mache ich mich barfuß auf den Weg zu der Sippe, unter deren Obhut mich Bjarne für die nächsten Tage gestellt hat. "Eine tolle Gruppe", sagt er und zwinkert mir zu, ohne sich weiter zu erklären.

Wir verlassen das Haupthaus. Eine geschwungene Holzbrücke quert ein Bächlein, an dessen Böschung Rainfarn und Blutweiderich blühen. Hinter dem Graben beginnt das Mittelalter. Über die Trampelpfade und Holzstege des Marktplatzes laufen wir vorbei an den weißen Zelten der Weberinnen, Färber und Drechsler, bis Bjarne vor einer dunklen Lehmhütte stehen bleibt und mir Jens, den Schmied und Kopf meiner zukünftigen Sippe Vargr, vorstellt.

Der Schmied bricht mir bei der Begrüßung mit seiner rußigen Pranke fast die Hand und zeigt auf meine Sonnenbrille: "Kannst du auch ohne die hören?" Es ist ihm ernst: Sonnenbrillen sind nicht authentisch, und was nicht authentisch ist, hat im Center nichts zu suchen. Die Regeln für Wikinger sind einfach und streng – zumindest während der Öffnungszeiten. Ich nehme die Brille ab und stolpere mit zusammengekniffenen Augen zum Lagerplatz. Die elf Männer, drei Frauen und zwei Kinder meiner Gruppe schlafen in einem reetgedeckten Haus am Rande des Dorfes. Sie nennen es ihr "dänisches Bettenlager". Eigentlich ist die Sippe ein Freundeskreis aus der Region Koblenz, Menschen, die zum Teil schon seit 20 Jahren ihren Urlaub im Mittelalter verbringen. Als Neuling soll ich in einem Zelt neben ihnen schlafen. Das freut mich, denn ein Blick in die überwiegend bärtige Runde lässt vermuten, dass auch Schnarchen authentisch und damit erlaubt ist.

Leserkommentare
  1. Der Druck, so ziemlich den ganzen Tag zu schindern, um zu überleben.
    So ist es doch nur ein Spiel, auch ohne Sonnebrille und mit Kratzehemd.
    Für Besucher allerdings sehr nett zu erleben, insbesondere mit Kindern.

    • Snorrt
    • 02. September 2013 10:10 Uhr
    2. Danke

    Sehr interessanter Artikel, lustig geschrieben. Man bekommt fast ein bisschen Lust, dort mal Urlaub zu machen. Was mich interessieren würde: Sprechen die dort deutsch, oder englisch oder dänisch? Oder alles? :-)

  2. Authentizität ist natürlich nicht möglich, Mittelalter war ja mal. Aber es ist schön, dass man es nachgestalten und nachempfinden kann unter Aspekten des Handwerks und der Nähe zur Natur. Idealisiert, aber warum auch nicht. Es ist eine sehr fremde Zeit, sehr exotisch für uns heute. Kopf aus, Hammer an(setzen) - darin liegt wohl die Wohltat. Im Alltag wird man ja genug getrieben.

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  3. Redaktion

    Sehr geehrte/r Snorrt,

    vielen Dank für Ihren netten Kommentar. Im Vikingecenter wird Dänisch, Englisch, Holländisch und Deutsch gesprochen. Die im Text erwähnten Freiwilligen stammen zum Beispiel aus Koblenz. Wenn Sie also eine Führung möchten oder ins Gespräch kommen wollen, gibt es sicher jemanden, der Ihnen weiterhelfen kann.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

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  4. "Wir schreiben das Jahr 900 nach Christus. Dänemark ist von Wikingern bevölkert. Die Sonne steht wie ein glühender Schild am Himmel und versengt das Gras auf den Weiden. Selbst im Schatten würden die Menschen mehr als 30 Grad messen, wenn sie es schon könnten."
    Das war der Treibhauseffekt, den die Wikinger mit ihren verbrauchsintensiven SUVs und der ewigen Fliegerei nach Grönland und zu Leif Ericsson nach Labrador ausgelöst hatten. Ich hab's ja schon immer gewußt: Wir werden alle sterben!

    2 Leserempfehlungen
  5. Zunächst einmal, herzlichen Danke für diesen wundervollen Beitrag.
    Ich selber habe sechs Jahre lang meinen "Urlaub" im Ribe VikingeCenter verbracht und hatte mit jedem weitern Satz den Duft der Lagerfeuer in der Nase.
    Wer unter den Mitwirkenden sich verkleidet fühlt, lebt die Zeit nicht nach und wird auch von den Besuchern nicht ernst genommen. Sobald ich in die Gewandung schlüpfte, bin eine Frau aus der Wikingerzeit und habe auch keine Hemmungen so durch die Innenstadt von Ribe zu laufen. Für mich war es immer ein Privileg Ehrenamtlicher Wikinger zu sei.

    @Snorre, es wird auch polnisch, russisch, schwedisch und norwegisch gesprochen. Im Allgemeinen verständigen wir uns auf englisch, wenn mehrer Nationalitäten aufeinander treffen.

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