Dänemark : Aus reiner Thorheit

In einem Museumsdorf im dänischen Ribe stellen Freiwillige den Alltag der Wikinger nach. Sie schmieden, schnitzen und fachsimpeln über authentische Ziernähte. Was sind das für Leute, die ihren Urlaub im Mittelalter verbringen? Unser Autor hat sich einer Sippe angeschlossen.
Unser Autor (links) geht Jens, dem Schmied, in seiner Werkstatt zur Hand.

Wir schreiben das Jahr 900 nach Christus. Dänemark ist von Wikingern bevölkert. Die Sonne steht wie ein glühender Schild am Himmel und versengt das Gras auf den Weiden. Selbst im Schatten würden die Menschen mehr als 30 Grad messen, wenn sie es schon könnten.

An Arbeit ist nicht zu denken. Der Glasperlenmacher hat seine Glut erkalten lassen; die Weberin lässt das Teppichschiffchen ruhen. Nur dem Schmied scheint die Hitze nichts anzuhaben. In seiner dunklen Lehmhütte formt er beharrlich das Eisen. Seine Viertelschläge geben der Stille einen monotonen Rhythmus. Auf seiner Brust, zwischen den schwarzen Haaren, die wie Ruß an seiner Haut kleben, hängt der Hammer Thors. Während dem Schmied der Schweiß von den Brauen auf die Lederschürze tropft, sieht er versunken aus. Beinahe entspannt.

Das sollte er auch – schließlich hat er Urlaub. Zusammen mit hundert anderen Männern, Frauen und Kindern verbringt er seine Sommerferien im Mittelalter. Um Wikinger zu spielen. Die Zeitreise hat ihn nach Ribe geführt, eine Autostunde von der deutschen Grenze entfernt, ins größte Wikingercenter des Landes. Auf vier Quadratkilometern stellt das Museumsdorf den Alltag der mittelalterlichen Landbevölkerung nach. Mit Feldern, Koppeln, Marktplatz und Wohnsiedlung. Neben den Angestellten sind es vor allem die Freiwilligen, die den Ort zum Leben erwecken.

Wer eine Tracht besitzt und den Urlaub ohne Handy, Strom und Plastik verbringen möchte, kann sich in Ribe als Wikinger auf Zeit bewerben. Ob er im Dorf aufgenommen wird, hängt von seinem Ruf in der Szene ab. Das Museum lebt von der Integrität seiner Bewohner. Die Hobbywikinger müssen nicht nur echt aussehen, sie müssen sich auch so verhalten – und den Fragen der Besucher standhalten. Dafür dürfen sie abends bleiben, wenn die Gäste das Gelände verlassen und das Museum seine Tore schließt.

Die Sippe schläft im Reetdachhaus. Der Autor im Zelt.

Was sind das für Leute, die freiwillig im Mittelalter leben und ihre weiche Kleidung gegen den Komfort eines Kartoffelsacks tauschen? Und was treiben sie nach Museumsschluss? Um das zu ergründen, muss ich ihresgleichen werden. Weil ich keine Tracht besitze, führt mich Bjarne, Gründer und Leiter des Zentrums, in die Garderobe der Angestellten: ein Dachboden voller Holzknopf-Lodenmäntel, geflochtener Hanfgürtel und grober Lederschuhe.

Ich wähle eine Leinenhose, die so schmutzig ist, dass sie als Ausgrabungsfund durchgehen könnte. Das Baumwollhemd ist sauber, fühlt sich aber an, als wäre es aus Brennnesseln gewebt. Bjarne ahnt mein Unbehagen: "Das kratzt ein bisschen, ja? Aber da drunter darfst du kein T-Shirt anziehen." Menschen mit großen Füßen gab es im Mittelalter offensichtlich nicht, also mache ich mich barfuß auf den Weg zu der Sippe, unter deren Obhut mich Bjarne für die nächsten Tage gestellt hat. "Eine tolle Gruppe", sagt er und zwinkert mir zu, ohne sich weiter zu erklären.

Wir verlassen das Haupthaus. Eine geschwungene Holzbrücke quert ein Bächlein, an dessen Böschung Rainfarn und Blutweiderich blühen. Hinter dem Graben beginnt das Mittelalter. Über die Trampelpfade und Holzstege des Marktplatzes laufen wir vorbei an den weißen Zelten der Weberinnen, Färber und Drechsler, bis Bjarne vor einer dunklen Lehmhütte stehen bleibt und mir Jens, den Schmied und Kopf meiner zukünftigen Sippe Vargr, vorstellt.

Der Schmied bricht mir bei der Begrüßung mit seiner rußigen Pranke fast die Hand und zeigt auf meine Sonnenbrille: "Kannst du auch ohne die hören?" Es ist ihm ernst: Sonnenbrillen sind nicht authentisch, und was nicht authentisch ist, hat im Center nichts zu suchen. Die Regeln für Wikinger sind einfach und streng – zumindest während der Öffnungszeiten. Ich nehme die Brille ab und stolpere mit zusammengekniffenen Augen zum Lagerplatz. Die elf Männer, drei Frauen und zwei Kinder meiner Gruppe schlafen in einem reetgedeckten Haus am Rande des Dorfes. Sie nennen es ihr "dänisches Bettenlager". Eigentlich ist die Sippe ein Freundeskreis aus der Region Koblenz, Menschen, die zum Teil schon seit 20 Jahren ihren Urlaub im Mittelalter verbringen. Als Neuling soll ich in einem Zelt neben ihnen schlafen. Das freut mich, denn ein Blick in die überwiegend bärtige Runde lässt vermuten, dass auch Schnarchen authentisch und damit erlaubt ist.

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