Diese Stadt ist einfach nicht kaputtzukriegen. Da können wir uns noch so sehr anstrengen. Dresdens Schönheit ist legendär und nicht mit einem Brückenschlag zerstörbar. Jetzt, da die Brücke eröffnet wird, müssen wir es eingestehen. Die Schönheit hat sich festgesetzt in den Köpfen und Herzen, in den Prachtgemälden und sentimentalen Gedichten, sie lässt sich nicht zubetonieren. Wie es im berühmten Vers über die Elbauen heißt: "Sanft wie Tiere gehen die Berge neben dem Fluß."

Die Dresdenliebe kommt aus dem Dresdenverlust, hat der Dichter Thomas Rosenlöcher gesagt. Und tatsächlich sah man ihn vor ein paar Jahren an einen dicken Dresdner Baum gekettet, um mit den anderen Welterbeschützern das Kettensägenmassaker zu verhindern. Die Sägen siegten trotzdem. Die Bäume fielen. Und ein paar Tausend Tonnen Stahl wurden über die breiteste Stelle der Elbwiesen geschlagen. Eins der umstrittensten Bauprojekte der Republik wurde wahr, die so harmlos klingende "Waldschlößchenbrücke".

Und jetzt? Die Dresdenliebe hat ja den Bombenkrieg und den Plattenbauwahn überlebt – wieso nicht auch die Schnellstraßeneuphorie? Deren politische Repräsentanten wie Ingolf Roßberg und Jan Mücke (beide FDP) haben die Betonschneise durchgesetzt, das stadtplanerische Hässlichkeitsideal aus den 1970er Jahren. Dafür werden sie in die Geschichte eingehen als Welterbevernichter und Dresdner Taliban, die dem Beton zum Durchbruch verhalfen, weil sie seinen entscheidenden Nachteil gegenüber dem Sandsteinbarock nicht sahen: Beton altert nicht, Beton verrottet.

Nur die Dresdenliebe bleibt. Wenn man jetzt das Elbtal besichtigt, dann erschrickt man, wie schön es immer noch ist. Ach, dieses Grün! Ach, diese Hänge, mit Schlössern dekoriert! Da fällt die graue Brücke, die typische Investorenarchitektur kaum auf. Mit den Worten der Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU), nachdem die Unesco den Welterbetitel kassiert hatte: Wir sind sowieso Welterbe! Da sprach aus der ehemaligen Krippen-Erzieherin der kindische Trotz nach verübter Missetat: Dresden ist dermaßen toll, dass wir uns mal was Hässliches leisten können!

Ja, wirklich. Es ist Freitagmorgen, eine Woche vor Einweihung der Brücke, und wir wollen probelaufen. Der Baubürgermeister wird uns den Bauzaun aufschließen. Wir schwingen uns also morgens um neun auf ein Stadtrad namens Pegasus und rollen aus dem historischen Erlweinspeicher, der heute Hotel Maritim heißt, auf den Elbuferweg. Herrlich! Wie die barocke Stadt vor unseren Augen aus dem Fluss steigt. In alter Frische – da versteht man erst, was das heißt. Zwinger, Hofkirche, Brühlsche Terrasse, der Engel auf dem gläsernen Dach der Kunstakademie und, über allem schwebend, die Kuppel der Frauenkirche.

Wir radeln fröhlich auf das Canalettopanorama zu, unter der Augustusbrücke hindurch, unter der Carolabrücke, schon versinkt die Stadt wieder hinter uns, und Landschaft breitet sich aus. Schnell noch die Albertbrücke unterqueren (für unsere Leser in Ulm: Ja, Dresden hat bereits acht Brücken!), dann sind wir draußen im Freien, wo es still ist und sonnig – Wiese, so weit das Auge reicht. Darin besteht die Dresdner Eigenart, dass Kultur und Natur harmonisch ineinander übergehen. Erich Kästner schreibt darüber in seinen Lebenserinnerungen: "Wenn es zutreffen sollte, daß ich nicht nur weiß, was schlimm und häßlich, sondern auch, was schön ist, so verdanke ich diese Gabe dem Glück, in Dresden aufgewachsen zu sein. Ich mußte, was schön sei, nicht erst aus Büchern lernen. Nicht in der Schule, und nicht auf der Universität. Ich durfte die Schönheit einatmen wie Försterkinder die Waldluft."