In dem Moment, in dem ein junger Afghane namens Salam mehrere Meter hoch in die Luft geschleudert wird, in dem sich einem Bauern aus Omar Chel die Hose ins Fleisch einbrennt und Menschen in lodernde Fackeln verwandelt werden, spiegelt sich im Gesicht des Mannes, der dafür verantwortlich ist: nichts. Keine Befriedigung, auch keine Ahnung, dass dieser Einsatz sich als katastrophale Fehlentscheidung erweisen wird und als "deutsche Schande", wie der Spiegel später schreiben wird.

So sieht es aus. Im Film.

Oberst Georg Klein, Befehlshaber im deutschen Feldlager Kundus, war der Mann, der vor vier Jahren zwei 500-Pfund-Bomben vom Typ GBU-38 auf zwei Tanklaster abwerfen ließ, die sich in einem Flussbett bei Kundus festgefahren hatten. Anderthalb Stunden lang rang Klein mit seinem Gewissen, den Einsatzregeln und der Vorstellung einer möglichen Bedrohung für seine Soldaten, bevor er den Befehl zum Abwurf gab. Dann ging der Oberst ins Bett. Über 100 Menschen starben, die genauen Opferzahlen schwanken bis heute.

So war es. Das weiß man aus den Akten.

Was Klein wirklich dachte in der Nacht zum 4. September 2009, bevor er den Befehl zum Bombardement gab, was seine Gründe waren und wie er aussah, das weiß die Öffentlichkeit nicht. Spiegel und ZEIT haben den Vorgang rekonstruiert. Oberst Klein aber verschwand hinter einer Wand aus bürokratischen Worten. Künftig wird er für die meisten wohl aussehen wie Matthias Brandt, der Mann, der Klein in dem NDR-Fernsehfilm Eine mörderische Entscheidung sein Gesicht gibt, ein Gesicht, das im folgenreichsten Moment seines Lebens unbewegt bleibt. Brandt ist einer der besten deutschen Schauspieler und der Sohn eines der beliebtesten deutschen Bundeskanzler. Meistens beharrt der 52-Jährige darauf, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun habe. In diesem Fall ist es womöglich ein bisschen anders.

Ein Minister musste wegen Kundus zurücktreten, Franz Josef Jung. Sein Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg kam ins Schleudern, weil er den Befehl "angemessen" nannte, obwohl das Ergebnis falsch sei. Man hätte denken können, dass Kundus für die Republik zu einem der einschneidendsten Ereignisse der vergangenen Jahre werden würde, zu einer Zäsur. Im Wahlkampf spielt es keine Rolle.

Der Regisseur Raymond Ley und sein Team haben den Fall für das Dokudrama wieder aufgerollt, Akten studiert, Zeitzeugen befragt, soweit möglich. Die meisten haben sich hinter Vorschriften verschanzt, so wie Klein im Untersuchungsausschuss. Der Oberst wollte nicht reden, die damals beteiligten Soldaten durften nicht. In einem Dokudrama schließt die Interpretation die Lücke zwischen Akten und Realität. In diesem Fall ist die Lücke besonders groß.

Café Einstein in der Berliner Kurfürstenstraße. Matthias Brandt, leichte Sommerbräune, leichter Schritt, Jeans und blaues Hemd, betritt den Raum. Kaum jemand erkennt ihn, Brandt ist einer, der sich im Film verwandelt. Den Klein hat er lange zurückgelassen, nicht nur optisch, Brandt arbeitet gerade am nächsten Polizeiruf, wo er den Kommissar von Meuffels spielt. Der Fall Kundus aber beschäftigt den Bürger Brandt immer noch.

Nicht das Psychologische, die Verwandlung des Matthias Brandt in Oberst Klein, die Lücke also zwischen ihm und Klein interessiert ihn. "Ich bin nicht der Badezimmerspiegel von Oberst Klein", sagt Brandt. Was ihn umtreibt: Wie kann es sein, dass ein Mensch, der sich in einem System bewegt, das wie kaum ein anderes auf festen Abläufen und Regeln beruht, im folgenreichsten Moment seines Lebens die Regeln nicht befolgt? Wie eine Katastrophe dadurch bewältigt wird, dass man sie zum Vorgang macht. Wie Tote verschwinden hinter roboterhaften Formulierungen in Kommissionen und Ausschüssen. "Damit komme ich schwer zurecht", sagt Brandt.