Die Italiener verlieren Kriege, als wären es Fußballspiele, und Fußballspiele wie einen Krieg. Winston Churchill soll das gesagt haben, und Antonio Conte, der Feldmarschall am Spielfeldrand des italienischen Rekordmeisters Juventus Turin, von seinen Fans liebevoll auch "La vecchia Signora" genannt, macht dem Scharfblick des britischen Kriegspremiers selbst beim unwichtigsten aller unwichtigen Duelle wieder einmal alle Ehre.

Die Augustsonne prallt auf Villar Perosa, eine Gemeinde mit gut 4000 Einwohnern im Piemont. Ein Fischteich zwischen hohen Pinien und nebenan ein kleiner Sportplatz für die Amateurkicker aus dem Dorf, das ist es denn auch. Vor über 150 Jahren begann hier, im entlegenen Nordwesten Italiens, mit einer Seidenraupenzucht der Aufstieg der Agnellis zu einer der bedeutendsten Unternehmerfamilien des Landes. Vor genau 90 Jahren hat ein Sohn des legendären Fiat-Gründers Giovanni Agnelli das Imperium um den Juventus FC, einen Fußballklub in der Regionalhauptstadt Turin, erweitert, und fast ebenso lange besteht der Familienclan nun darauf, dass sich die Spielerstars eine Woche vor Beginn der Fußballsaison in "ihrem" Bergtal gegen den eigenen Nachwuchs präsentieren. Bierzeltstimmung ohne Sponsoren und Merchandising, unmittelbarer Fankontakt mit den Halbgöttern im Trikot, Traditionsbeschwörung und Lächeln für die Kameras lautet das Pflichtprogramm.

Aber Antonio Conte, bekannt für die Losung "Ich will den Sieg", will und kann auch während dieser Zeitreise weit weg vom modernen Fußballuniversum nicht vergessen, dass er gerade Krieg zu führen hat. Den Blick so dunkel wie der Sommerteint, flüchtet der 44-jährige Trainer nach Abpfiff des nebensächlichen Matches zornig in den Mannschaftsbus. Keinen Umweg über die Spielerkabinen, keinen Nerv für die kreischenden Fans, kein Wort zu den wartenden Journalisten.

Denn die, und mit ihnen ganz Fußballitalien, wollen vor allem wissen: Warum hat Juventus in allen Testspielen der soeben abgeschlossenen USA-Tour versagt? Um die nationale Brisanz dieser an den Juventus-Coach gerichteten Frage zu verstehen, muss man etwas vorausschicken: Fußball, das mag in Italien ein ewiger, ein noch so verbitterter Meinungskrieg sein. Und der calcio in crisi ist keineswegs eine Wortschöpfung der jüngsten Tage. Aber gerade in der seit Jahren schwelenden Debatte über Ursachen und Auswege aus der Fußballkrise sind sich nahezu alle noch so verfeindeten Lager einig: Juventus macht richtig, was andere falsch machen. Juventus ist nach der Wiederauferstehung aus den Tiefen des Calciopoli-Skandals von 2006 der Lichtblick einer ganzen großen Fußballnation, deren internationale Vorreiterstellung Geschichte ist. Schon im Jahr 2000 musste Italien den ersten Platz im Uefa-Ranking an die Spanier abgeben. Vier Jahre später überholten die britische Premiere League, 2008 schließlich die deutsche Bundesliga die italienische Serie A, die sich in diesem Sommer gerade noch einmal davor retten konnte, auch von der portugiesischen Liga ins Abseits gespielt zu werden.

Ciao Juve, Italia kaputt, titelte die meistgelesene Tageszeitung des Landes, die Gazzetta dello Sport, im Frühjahr, als im Champions-League-Drama gegen die übermächtigen Bayern mit Juventus auch die letzte italienische Mannschaft sang- und klanglos aus den europäischen Pokalwettbewerben ausscheiden musste. "Keine Chance für einen italienischen Sieg in der Champions League auf viele Jahre", lautete damals auch Antonio Contes Erstanalyse. Wenig später allerdings machte er ebenso unmittelbar klar, dass er dennoch genau diesen Triumph will, diesen größten, wichtigsten Pokal im Klubfußball. Und keineswegs irgendwann, versteht sich. "Verstärkt das Team, oder ich bin weg", lässt sich Contes Message vom Frühsommer zusammenfassen.

Juventus ist den Wünschen des Erfolgstrainers ein wenig entgegengekommen. Auch Carlos Tevez, der Matador unter den Neuzugängen, läuft also auf in Villar Perosa und badet mehr oder weniger wohlwollend in der schweißnassen Fanmenge. Der Starkult im italienischen Fußball ist ungebrochen, Spieler wie Milan-Jungstar Stephan El Shaarawy sind in Umfragen weit bekannter als der italienische Premier Enrico Letta. Und die Tifosi, die Trainer und die Journalisten wollen mehr, warten auf die Retter mit den großen Namen, die das Land wieder an die Weltspitze kicken sollen.

Dabei ist gerade die Tradition der milliardenschweren Verpflichtungen eine wesentliche Mitursache für die Fußballkrise. Die Serie A, das ist ein gigantisches Verlustgeschäft. Ein Minus von 282 Millionen Euro schrieb die Liga allein in der Saison 2011/12, vor allem aber lastet auf den Klubs ein 2,9 Milliarden schwerer Schuldenberg.

"Die Krise im italienischen Fußball ist selbst im Vergleich zur Krise des Landes erschreckend." Als Wirtschaftsexperte an der Mailänder Bocconi-Universität kümmert sich Tito Boeri neben der Volkswirtschaft immer wieder auch um das Finanzsystem des Profifußballes. Seine Prognose fällt düster aus: "Lange Zeit haben die Vereine gehandelt, als gäbe es keine finanziellen Grenzen. Derzeit versuchen sie zwar, ihre Bilanzen in Ordnung zu bringen. Aber ich habe nicht den Eindruck, als stünden wir vor einer Lösung der Probleme." Boeri erwähnt die Lohnkosten, die gut drei Viertel der italienischen Vereinseinnahmen verschlingen, vor allem aber die enorme Abhängigkeit der Vereine von den TV-Einnahmen und ihre äußerst geringen Erlöse aus Stadien und Merchandising.

Es wäre Aufgabe des Federcalcio, des Dachverbandes des italienischen Fußballs, das Verhältnis von Aktiva und Passiva wieder in Ordnung zu bringen. Den Ton gibt dort allerdings die feudalistische Lega Calcio an, in der sich die Familienclans und Vereinspatriarchen vorrangig mit Machtkämpfen aufhalten. Zum illustren Kreis der italienischen Fußballfürsten von heute zählt neben den Agnelli-Erben bekanntlich auch der Präsident des AC Mailand. Dabei macht die jüngste Verurteilung von Silvio Berlusconi dem Verein weit weniger Sorgen als die prekäre Finanzlage, die bereits vor zwei Jahren zu rigorosen Sparmaßnahmen und zum rasanten Abstieg aus der Spitzengruppe geführt hat.