Gerhard Strate: Sie kommen ein bisschen spät, vor einer halben Stunde war Herr Mollath noch hier. Sie hätten ihm Guten Tag sagen können.

DIE ZEIT: Wir haben uns schon gefragt, ob wir ihn als Überraschungsgast treffen. Wir haben mit allem gerechnet.

Strate: Jetzt ist er mit einem Freund in sein Hotel gefahren. Ich weiß aber nicht, in welches.

ZEIT: Wir gehen nicht hin – keine Bange.

Strate: Er würde sich freuen, wenn Sie kommen!

ZEIT: Da sind wir sicher! Herr Strate, Sie sind ein Experte für scheinbar aussichtslose Fälle, für die Wiederaufnahme von Prozessen, in denen längst das Urteil gefallen ist, so wie im Fall Mollath. Sie haben einmal geschrieben, jeder Verteidiger müsse sich "klar sein, dass unser Rechtsstaat zwar viele Mängel hat, im Ergebnis jedoch überwiegend die Richtigen trifft. Die Wiederaufnahme hat ihr Feld allein in dem minimalen Prozentbereich, in welchem Dummheit, Vorurteil und Hochmut sich schicksalsträchtig vermischen." Ist der Fall Mollath so ein Fall?

Strate: Hier hat sich vieles schicksalsträchtig vermischt, ja. Es gab ein massives Vorurteil gegen Gustl Mollath aufseiten der Richter, was man daran erkennt, dass sie eine Vielzahl von Fakten nicht überprüft haben. Und es gab auch Hochmut – was die Bedingungen der Unterbringung von Mollath in der psychiatrischen Klinik anbelangt.

ZEIT: Das Hamburger Abendblatt hat dieser Tage geschrieben: "Wenn nichts mehr hilft, hilft Strate." Sehen Sie das auch so?

Strate: Quatsch!

ZEIT: Richtig, aufgehoben wurde das Urteil gegen Gustl Mollath ja nicht auf Ihren Wiederaufnahmeantrag hin. Erfolg hatte das Wiederaufnahmegesuch der Staatsanwaltschaft Nürnberg. Also wäre es auch ganz ohne Sie gegangen?

Strate: Natürlich.

ZEIT: Sie haben vorwiegend argumentiert, der Prozess gegen Mollath müsse wiederaufgenommen werden, weil die Richter das Recht gebeugt hätten, eine erhebliche Straftat.

Strate: Nicht allein, aber das war der Hauptteil.

ZEIT: Sie führen zehn Punkte auf, der wichtigste ist, dass Herr Mollath während des gesamten Verfahrens unverteidigt gewesen sei ...

Strate: Das ist der wichtigste Grund, mit Abstand, ja.

ZEIT: ... weil er seinen Pflichtverteidiger abgelehnt hat und auch der Pflichtverteidiger um Entbindung von diesem Mandat gebeten hat. Beides hat das Gericht ignoriert.

Strate: Es gab noch ein, zwei weitere Gründe, die ich für zentral halte. Ganz schlimm finde ich, dass sich das Gericht geweigert hat, Mollaths Beschwerden überhaupt zu prüfen. Herr Mollath hatte darauf bestanden, dass er von dem Gericht, das ihn in die Psychiatrie hat einweisen lassen, auch persönlich angehört wird. Er hat sich mit Eingaben dagegen gewehrt, dass ihm beim Hofgang nicht nur Handfesseln angelegt wurden, sondern auch Fußfesseln, die unendlich schmerzhaft sind. Doch all das ist nicht beschieden worden. Der Vorsitzende Richter Otto Brixner hat Mollaths sämtliche Beschwerden einfach liegen gelassen und ihm so das Recht genommen, zum Oberlandesgericht zu laufen, damit es den Sachverhalt überprüft. Das halte ich für eine gravierende Rechtsverweigerung.

Welche Rolle spielt in diesem Fall der öffentliche Druck?

ZEIT: In seinem Wiederaufnahmebeschluss sagt das Oberlandesgericht dazu aber nichts. Es stützt die Wiederaufnahme allein auf den Umstand, dass eine Unterschrift unter einem wichtigen ärztlichen Attest nicht korrekt sei. Jenes Attest bescheinigte die Verletzungen, die Mollath seiner damaligen Ehefrau zugefügt haben soll. Ein Arzt hatte das falsche Briefpapier verwendet – eine reine Formalie. Das Oberlandesgericht sagt keineswegs, dass Ihr Mandant unschuldig sei.

Strate: Stimmt.

ZEIT: Es sagt auch nicht, dass er geistig gesund sei.

Strate: Stimmt.

ZEIT: Es hat auch keinen Justizskandal irgendeiner Art ausgemacht.

Strate: Den hat noch nie ein Gericht in einem Urteil ausgemacht.

ZEIT: Das Gericht hat aber auch keine Rechtsbeugung gesehen.

Strate: Ist daraus herzuleiten, dass es sie nicht gibt?

ZEIT: Jedenfalls steht davon nichts in dem Beschluss – es geht bloß um das Attest.

Strate: Das ist richtig.

ZEIT: Welche Rolle spielt in diesem Fall der öffentliche Druck? Hätte sich ohne die kollektive Entrüstung irgendjemand für Mollath interessiert? Hätten Sie selbst sich für den Fall interessiert, wenn er nicht für solchen Wirbel gesorgt hätte?

Strate: Ohne eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit wäre ich in das Verfahren nicht reingekommen. Ich bin ja gefragt worden von einem Landtagsabgeordneten der Freien Wähler aus Bayern, ob ich ein Gutachten schreibe zu dem Fall. Ob die öffentliche Aufmerksamkeit mich motiviert hat, das ist eine andere Frage.

ZEIT: Und?

Strate: Motiviert hat mich mein persönlicher Eindruck von Herrn Mollath.

ZEIT: Aber wäre diese Entscheidung des Oberlandesgerichts denkbar gewesen ohne den medialen Druck?

Strate: Ich denke schon, dass der Druck – die öffentliche Aufmerksamkeit, wir wollen es mal so sagen – bei der Justiz eine gewisse Atmosphäre der Interessiertheit erzeugt hat. Aber auch eine Atmosphäre der Bockigkeit.

ZEIT: Die Medien geißeln gerade empört die rigide Unterbringung im Maßregelvollzug. Dabei ist das Wirken der Medien selbst maßgeblich für die Missstände bei der Unterbringung psychisch gestörter Straftäter. Bis heute werden Sachverständige, die ihren Patienten etwas zutrauen und sie in die Freiheit entlassen, öffentlich gekreuzigt und beruflich ruiniert, wenn der Entlassene wieder was anstellt. Die Medien beklagen also einen Zustand, den sie selbst heraufbeschworen haben. Wie passt das zusammen?

Strate: Das passt nicht zusammen, da haben Sie völlig recht. Es gibt zahlreiche Fälle, in denen den Psychiatern kein Vorwurf zu machen ist. Deren Handwerkszeug ist begrenzt. Entscheidend sind die verantwortlichen Juristen bei den Gerichten und natürlich auch die Rechtsanwälte. Was mit Mollath passiert ist, war nicht allein die Schuld der beteiligten Psychiater und Justizjuristen, sein Verhängnis waren auch seine Anwälte.

ZEIT: Inwiefern?

Strate: In einer Nürnberger Zeitung hieß es, Mollath habe es seinen Anwälten nicht immer einfach gemacht. Ich würde mal zurückfragen, haben es die Anwälte Herrn Mollath leicht gemacht? Oder haben sie seinen Fall bloß leicht genommen?

ZEIT: Sie, Herr Strate, sind inzwischen selbst ein Teil der Kampagne. Sie haben Interviews gegeben, sind wiederholt im Fernsehen aufgetreten. Gehört ein Verteidiger in die Medien?

Strate: Es lässt sich nie vermeiden. Bei bestimmten Fällen von öffentlicher Aufmerksamkeit geben die Staatsanwaltschaften und die Gerichte ihre Informationen nach draußen. Auch die Polizeibehörden informieren Journalisten oft schon früh. Da ist es unumgänglich, dass auch der Anwalt, wenn es für seinen Mandanten um alles oder nichts geht, in der Öffentlichkeit auftritt.

ZEIT: Das klingt jetzt sehr reaktiv. Arbeiten Sie nicht auch von sich aus ziemlich aktiv mit den Medien?

Strate: Ich habe in den 33 Jahren meiner Existenz als Verteidiger, von zwei, drei Ausnahmen abgesehen, keinen Journalisten von mir aus angerufen.

ZEIT: Na, Ihre Saat ist jedenfalls aufgegangen. Wir haben natürlich auch die Talkrunde BR extra gesehen kurz nach Mollaths Entlassung aus der Psychiatrie. Das war so harmonisch, wir dachten, da singen jetzt alle gleich im Chor: "Der Rechtsstaat hat gesiegt." Sind Sie stolz auf Ihre Medienstrategie?

Strate: Ich weiß nicht, welche Strategie Sie da erkennen.

ZEIT: Es gibt keine?

Strate: Es gibt keine. Bei einer Sondersendung des Bayerischen Rundfunks muss ich natürlich erscheinen. Wer sich durchsetzen will, muss mit in der Runde sitzen. Da darf man sich nicht dazuschalten lassen, das wäre eine Katastrophe. Deshalb meine Entscheidung: Da fliegst du sofort runter. Aber ich wollte keine Szene haben, wo der Verteidiger Mollath aus dem Knast abholt. Das wäre mir absolut zuwider.

"Es ist Nonsens, die Abschaffung der Fernbegutachtung zu fordern"

ZEIT: Warum?

Strate: Es sieht albern aus. Ich bringe keine Mandanten persönlich in den Knast und hole keinen aus dem Knast ab. Hat es zwar auch vereinzelt gegeben, aber ich hatte kein gutes Gefühl dabei.

ZEIT: Auch der ARD-Talksendung Beckmann hat Mollath eine prima Quote beschert. Die Sendung hat erheblich von Ihrem Mandanten profitiert, und allzu kritische Fragen mussten Sie und Herr Mollath nicht fürchten – im Gegenteil. Zum Beispiel wurde die ganze Zeit unwidersprochen suggeriert, Herr Mollath sei lediglich von solchen forensischen Psychiatern für krank und gefährlich befunden worden, die ihn nicht kennengelernt und bloß nach Aktenlage entschieden hätten. Das ist, Sie wissen es besser als wir, schlicht falsch. Der letzte Sachverständige Professor Friedemann Pfäfflin beispielsweise hat sich lange mit Ihrem Mandanten unterhalten und dann die Verlängerung der Unterbringung für erforderlich gehalten. Ihr Mandant hat der Begutachtung durch diesen als liberal und fair geltenden Sachverständigen dezidiert zugestimmt.

Strate: Ich habe ausdrücklich in der Sendung gesagt, dass diese Information falsch ist und es einen weiteren Gutachter, Herrn Pfäfflin, gab, der Herrn Mollath sehr wohl untersucht hat. Die Aufnahme hatte acht Minuten Überlänge. Offenbar ist das herausgeschnitten worden.

ZEIT: In der Sendung war nichts von einer persönlichen Begutachtung durch einen forensischen Psychiater zu hören, und wir haben besonders darauf geachtet, weil das einer der immer wiederkehrenden Vorwürfe des lautstarken Unterstützerkreises von Herrn Mollath ist. Angeblich habe es nie eine Begutachtung zur Frage der Unterbringung gegeben, bei der Sachverständige mit Herrn Mollath gesprochen haben. Das ist falsch.

Strate: Ja, das ist falsch. Über Fakten müssen wir uns nicht streiten. Aber ich habe es in der Aufzeichnung klar gesagt, das kann ich Ihnen versichern.

ZEIT: Bei Beckmann trat auch eine Psychiaterin auf, die erklärte, der Erkenntnisgewinn eines Sachverständigen, der nicht mit dem Probanden gesprochen hat, sei mit dem eines Gynäkologen zu vergleichen, der seiner Patientin aus mehreren Metern Entfernung in die Vagina blicke. Was soll das? Sollen gestörte Straftäter ihre Unterbringung künftig dadurch verhindern können, dass sie bei der Begutachtung nichts sagen? Ist das im Sinne der Allgemeinheit?

Strate: Das ist natürlich nicht im Sinne der Allgemeinheit. Es wäre auch nicht richtig. Der Bundesgerichtshof hat immer wieder betont, dass ein Beschuldigter sich einer Beurteilung seines psychischen Zustandes nicht dadurch entziehen kann, dass er sich schlicht der Exploration durch einen Gutachter verweigert. Es gibt verschiedene Hilfsmittel. Das probateste ist die Beobachtung des Angeklagten durch einen Fachmann in der Hauptverhandlung. Und wenn die sich über etwa 20 Tage hinzieht, kann ein erfahrener Psychiater sicherlich aus dem Verhalten und den Zeugenaussagen eine ganze Reihe von Anhaltspunkten gewinnen. Da besteht kein Zweifel. Es ist Nonsens, die Abschaffung der Fernbegutachtung zu fordern.

ZEIT: Aber auch das ist ein zentraler Punkt der Mollath-Unterstützer.

Strate: Ja, das ist ein großer Kreis.

ZEIT: Viele machen auf uns einen unseriösen Eindruck. Sie bedrohen und beschimpfen Journalisten, die den Fall Mollath kritisch hinterfragen. Gegen die Gerichtsreporterin des Spiegels findet im Internet eine regelrechte Rufmordkampagne statt. Einer der beteiligten Sachverständigen hat sich geweigert, sich weiter mit Mollath zu beschäftigen, weil er von Mollath-Anhängern in übelster Weise als Verbrecher beschimpft wird, und der Chefarzt der Forensischen Psychiatrie in Bayreuth soll zeitweilig unter Polizeischutz gestanden haben. Wissen Sie davon?

Strate: Dass er unter Polizeischutz gestanden haben soll, ist mir unbekannt. Aber es mag sein, dass es zeitweise angezeigt erschien, ihn etwa in seiner Privatwohnung zu bewachen. Bei einer medialen Entwicklung, wie sie um Herrn Mollath entstanden ist, bleibt es nicht aus, dass eine Vielzahl von durchgeknallten Trittbrettfahrern ihr eigenes Spielchen treiben. Das kommt immer wieder vor, ist immer wieder zu bedauern, dem ist immer wieder entgegenzutreten. Das habe ich auch getan.

ZEIT: Sie sind dem entgegengetreten? Sie haben sich schriftlich bedankt – bei "allen Unterstützern" für ihren, so wörtlich, "unermesslichen Einsatz".

Strate: Diese waren nicht gemeint, natürlich nicht.

ZEIT: Sie haben geschrieben, wir danken "allen" Unterstützern.

Strate: Machen Sie keine Wort-Exegese! Ich meine natürlich nicht die Durchgeknallten.

ZEIT: Aber die fühlen sich doch durch Sie ermutigt.

Strate: Denken Sie ernsthaft, dass ich mit "unermesslichem Einsatz" Drohungen gegenüber Journalisten und Psychiatern meine?

ZEIT: Auch wir sind wegen unserer Artikel ja Telefonterror ausgesetzt gewesen. Einige Anrufer pöbelten, andere versuchten uns davon zu überzeugen, dass Mollath ein neuer Mahatma Gandhi sei, ein Nelson Mandela, der die Welt verändern werde.

Strate: (lacht) Na, ist ja wunderbar! Also, was glauben Sie, welche Belastung bei mir zustande kommt? Meine Sekretärin nimmt seit Mitte Dezember täglich Dutzende solcher Anrufe entgegen.

"Ich bin im Moment umgeben von unendlich vielen unschuldigen Mollaths"

ZEIT: Aber Sie werden nicht bedroht…

Strate: Es ist auch eine Belästigung, glauben Sie mir. Und ich bin im Moment umgeben von unendlich vielen unschuldigen Mollaths. Wer sich in solch eine Auseinandersetzung begibt, sollte die Nerven behalten. Und wenn es richtig Verrückte sind, kann man sich dagegen schützen. Der Kreis der Unterstützer ist völlig disparat. Es gibt etwa die Leute, die das Blog der Staatsanwältin Gabriele Wolff mit Beiträgen bedienen. Das ist ein absolut seriöser Kreis.

ZEIT: Wie viele Unterstützer sind es insgesamt?

Strate: Ich weiß es nicht. Das wechselt, da gibt es auch immer wieder Ausschlüsse und Streit untereinander, das ist manchmal wie im Kleingärtnerverein. Öffentlichkeitswirksam dürfte auch gewesen sein, dass ich seit Januar sämtliche Dokumente, auch alle Dokumente der Staatsanwaltschaften und auch die Beschlüsse der Gerichte, auf meine Website stelle, und zwar so weit wie möglich ungeschwärzt.

ZEIT: Ist Ihr Eindruck, dass all das, was jetzt um Mollath herum passiert – Beckmann, die Unterstützer –, Ihren Mandanten eher stabilisiert oder eher destabilisiert?

Strate: Also, in die Psyche dieses Mannes kann ich nicht reinschauen. Ich halte ihn aber für sehr stabil, sonst hätte er sieben Jahre in der Psychiatrie nicht überstanden.

ZEIT: Machen ihm Fernsehauftritte Spaß?

Strate: Nein, ich habe nicht den Eindruck.

ZEIT: Strengt es ihn an?

Strate: Ich habe den Eindruck, dass er eine Verpflichtung sieht, über manches zu berichten.

ZEIT: Eine Mission?

Strate: Ach was, Mission! Er will die Öffentlichkeit über das, was er erlebt hat, informieren.

ZEIT: Wo lebt Herr Mollath jetzt?

Strate: Er ist im Moment in der Nähe eines Freundes untergebracht. Längerfristig wird er sich sicherlich wieder in Süddeutschland aufhalten.

ZEIT: Er sagte, er wolle zurück nach Nürnberg.

Strate: Mollath ist ein echter Franke. Mal ganz unabhängig von der psychischen Beurteilung, es gibt viele knorrige, manchmal auch skurrile Charaktere in dieser Gegend. Diese Heimatverbundenheit mit Nürnberg, die ist unglaublich: Mollath kann Ihnen alles Mögliche erzählen, welche Hexen da hingerichtet worden sind, wer für die Freiheit gekämpft hat, auch gegen die Unterdrückung durch die Bayern. Zu jedem Stein in der Stadt kann er etwas sagen.

ZEIT: Wie oft haben Sie Kontakt zu ihm?

Strate: Im Moment täglich. Wir telefonieren. Heute haben wir uns zwei Stunden gesehen.

ZEIT: Helfen Sie ihm, sich zurechtzufinden, oder müssen das andere machen?

Strate: Das ist nicht meine Aufgabe. Ich bin nach wie vor Anwalt.

ZEIT: Haben Sie Herrn Mollath beraten, wie er sich in Freiheit verhalten soll? Haben Sie ihn auf die Beckmann-Sendung vorbereitet? Auch sein erster Auftritt mit dem Blumentopf vor der Psychiatrie kam uns inszeniert vor.

Strate: Nein, das war alles seine Sache. Mollath hat schon einen natürlichen Charme, auch Witz.

ZEIT: Warum beschweren Sie sich dann über die Anzeige des Autovermieters Sixt? Der hatte gleich nach Mollaths Freilassung mit dessen Bild geworben, dazu die Zeile "Wenn hier jemand verrückt ist, dann der Sixt mit seinen Preisen". Das dürfte Sie nicht wundern, Sie haben ja selbst dazu beigetragen, dass Mollath zu einer Ikone wird, zu einem Märtyrer.

Strate: Werbefachleute sind clever. Die haben erst mal gedacht, das ist ein absoluter Knaller, jetzt mit einem Foto von Mollath, als Sympathieträger, auf den Sixt-Autoverleih hinzuweisen. Ungehörig und unsauber war, dass das Ganze präsentiert wurde als wörtliches Zitat von Mollath.

ZEIT: Wir dachten auch, er sei dafür bezahlt worden.

Strate: Exakt das ist der Punkt. Da steht als Quelle drunter: Gustl Mollath. Das suggeriert: Mollath ist draußen, und schon hat er mit Sixt eine Vereinbarung über 60.000 Euro.

ZEIT: Hat er?

Strate: Natürlich nicht. Wir haben peinlichst darauf geachtet, keine Interviews zu geben, wo auch nur ein Cent Honorar gezahlt wird. Bei Beckmann ließ es sich nicht vermeiden. Die haben eine Aufwandsentschädigung von 1.000 Euro bezahlt, aber wir haben sonst keinerlei Vereinbarung getroffen. Auch für die nächste Zeit nicht.

ZEIT: Auch der stern hat nichts gezahlt?

Strate: Keinen Cent. Längerfristig ist es aber schon so, dass Herr Mollath an seine Existenz denken muss, auch müssen gewaltige Kosten beglichen werden, die bisher unbezahlt geblieben sind. Natürlich für die Verteidigung, aber auch für Unterstützer, die unter großem zeitlichem Einsatz gearbeitet haben. Sie alle will Mollath entschädigen. Da denken wir an Buch- oder Filmrechte.

"Im Moment mache ich es pro bono"

ZEIT: Gibt es schon Anfragen zu Buch und Film?

Strate: Massenweise. Aber ich habe noch gar keine Zeit gehabt, Gespräche zu führen. Bavaria, Constantin, sie haben sich alle gemeldet.

ZEIT: Sie würden sich darum auch noch kümmern?

Strate: Das würde ich eventuell machen.

ZEIT: Das bezahlt am Ende auch Ihre Rechnung.

Strate: Das bezahlt auch meine Rechnung, völlig klar.

ZEIT: Sie werden nicht von den Freien Wählern bezahlt?

Strate: (lacht) Nein. Die könnten mich gar nicht bezahlen.

ZEIT: Bezahlt Sie überhaupt jemand?

Strate: Nein.

ZEIT: Sie machen das pro bono?

Strate: Im Moment mache ich es pro bono.

ZEIT: Und was passiert, wenn Gustl Mollath – wieder? – eine Straftat begeht? Immerhin haben Sie einem Mann mit Gefährlichkeitsprognose in die Freiheit verholfen. Denken Sie an den Fall des Psychiatriepatienten Sabasch, der 2002 auch auf öffentlichen Druck der Zeitschrift stern aus dem Maßregelvollzug geholt wurde. Da gab es ähnlichen Freilassungsjubel, ein ganzer Pulk von Journalisten erwartete den Entlassenen vor der forensischen Klinik. Drei Monate später vergewaltigte er eine junge Frau stundenlang.

Strate: Das ist mir natürlich bekannt. Ich habe schon viel erlebt und will nie etwas ausschließen. Ich halte es aber für höchst unwahrscheinlich, dass Mollath eine Straftat begeht. Was die ihm vorgeworfenen Reifenstechereien anbelangt, die halte ich für nicht nachgewiesen, noch nicht einmal für plausibel.

ZEIT: Nun gut, wenn wir nächste Woche zerstochene Reifen haben, kommen wir zu Ihnen.

Strate: Ich kann sie Ihnen nicht reparieren. Und was diese körperlichen Auseinandersetzungen mit der Ehefrau anbelangt: Ich glaube, Herr Mollath wird so schnell nicht wieder heiraten.

ZEIT: Angeklagt waren ganz erhebliche körperliche Angriffe: Schlagen, Würgen bis zur Bewusstlosigkeit, und nicht nur in einem Fall.

Strate: Also, die ganze Sache wird als Rosenkrieg deklariert. Herr Mollath ist jedenfalls die ersten 46 Jahre seines Lebens tadelfrei durch alle Strafregister gelaufen.

ZEIT: Sie haben es eben selbst erwähnt, auch Ihnen ist schon allerhand passiert. Sie haben zum Beispiel 1987 durch eine Wiederaufnahme den wegen Kindsmordes verurteilten Holger Gensmer herausgekämpft, er wurde im neuen Verfahren freigesprochen. Nach dem Freispruch hat er ein Kind missbraucht, unter gespenstischen Umständen.

Strate: Gensmer war wegen erwiesener Unschuld freigesprochen worden. Wir hatten damals sehr detailliert die Beweisaufnahme betrieben.

ZEIT: Der spätere Missbrauch fand unter Umständen statt, die der Entführungssituation, für die er angeklagt und verurteilt worden war, sehr ähnlich war.

Strate: Das weiß ich nicht. Er hat den Mord nicht begangen, er konnte es nicht gewesen sein.

"Das kann ich mir schwer vorstellen, dass ich so was gesagt habe"

ZEIT: Weil er ein Alibi hatte.

Strate: Ja, ein eindeutiges.

ZEIT: Sie haben damals gesagt, dass Sie von Herrn Gensmer "zutiefst enttäuscht" seien.

Strate: Wo steht das denn?

ZEIT: Mit dieser Äußerung wurden Sie damals in der Bild zitiert.

Strate: Das kann ich mir schwer vorstellen, dass ich so was gesagt habe.

ZEIT: Auch im Fall der Monika Weimar haben Sie 1995 eine viel bejubelte Wiederaufnahme erwirkt. Nach dem anschließenden Freispruch aber wurde die Frau erneut verurteilt, wieder zu lebenslanger Freiheitsstrafe wegen Mordes an ihren beiden kleinen Töchtern. Dabei haben Sie öffentlich gesagt: Meine Mandantin ist unschuldig. Macht Sie das nicht nachdenklich?

Strate: Das war wieder ein Fehlurteil.

ZEIT: Zwei Fehlurteile bei ein und derselben Person?

Strate: Der Vorsitzende Richter des Schwurgerichts in Frankfurt war ein kluger Mann. Aber die Beweisaufnahme war darauf angelegt, meine Mandantin ein zweites Mal zu überführen. Insofern habe ich schon Gründe, weiterhin von einem Fehlurteil zu sprechen. Aber ich will nicht darauf beharren. Wir sind erfolglos in Revision gegangen, und dann war auch Schluss. Ich kann nicht lebenslang der Monika-Weimar-Anwalt bleiben.

ZEIT: Dass Gustl Mollath Unrecht geschehen ist, glauben wir auch, über ihn wurde hinwegprozessiert. Aber geht es bei der ganzen Sache eigentlich noch um ihn, oder geht es um den Landtagswahlkampf in Bayern?

Strate: Ich habe sechs Veranstaltungen zum Fall Mollath mitgemacht, die Martin Runge, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag, initiiert hat. Die Säle waren gerammelt voll. Ich war in Bamberg dabei, es war ein geschlossener Saal, 33 Grad draußen, und da waren trotzdem 400 Leute, die blieben zweieinhalb Stunden. Genauso am Vortag in Erlangen, da waren auch 450 Leute in einem großen Saal, bei gleicher Temperatur. Es herrscht eine breite Unruhe in der Bevölkerung wegen Mollath. Bei einfachen, braven Bürgern.

ZEIT: Worauf führen Sie das zurück?

Strate: Es wird ja von den Urängsten gesprochen, die jeder hat, dass er von einem Tag auf den anderen in der Klapse landet. Das mag eine Urangst sein. Ich habe sie nicht. Aber ich teile eine erhebliche rechtsstaatliche Empörung darüber, dass es dann doch recht schnell gehen kann, wenn man sich dumm verhält.

ZEIT: Hat sich Mollath dumm verhalten?

Strate: Jedenfalls naiv.

ZEIT: Manches hat er provoziert, seine Festnahme, als er Beamte als Nazi-Polizei titulierte.

Strate: Das steht im Polizeibericht, er berichtet es anders. Er habe zunächst die Polizeibeamten angesprochen, ob gegen ihn was vorliege, aber die hätten nicht reagiert. Und dann habe er sie beschimpft, weil er das provozieren wollte. So seine Darstellung. Ich war nicht dabei.

ZEIT: Das ist nicht nur naiv.

Strate: Das war im Januar 2006. Naiv war er, als er im September 2003 dem Gericht einen gut gefüllten Aktenordner überreichte. In der Hoffnung, wenn er sieben Seiten über sich selber schreibe und dann noch aus seinem Leben unterschiedlichste Dokumente zusammenstelle, werde das gelesen. Gelesen hat das dann aber erst später der Psychiatrieprofessor Hans-Ludwig Kröber. Der hat natürlich sofort freudig die Symptome eines Paranoiden erkannt.

ZEIT: Halten Sie Herrn Mollath für psychisch gesund?

Strate: Also, ich habe wirklich Verrückte kennengelernt, davon gibt es sehr viele in dieser Gesellschaft. Die Idiotendichte ist groß. Mollath würde ich nicht dazu zählen. Ich halte ihn für eine skurrile, knorrige Persönlichkeit mit Angewohnheiten, die nicht jeder hat.

ZEIT: Zum Beispiel?

Strate: Zum Beispiel schreibt er unter die Daten seiner Briefe noch Hinweise auf bestimmte historische Ereignisse, die zum gleichen Datum stattgefunden haben, wie die Landung der Alliierten in Frankreich. Ich habe das übernommen und habe ihm etwa am 20. März zurückgeschrieben: "Einen Tag vor dem 100. Geburtstag meiner Mutter". In meinem Büro dachten alle, jetzt hat der Strate einen Knall. Aber Mollath fand das gut.

ZEIT: Es gab ja eine ganze Flut Briefe, die Mollath vor sechs Jahren geschrieben hat – an die unmöglichsten Adressaten wie Kofi Annan, den damaligen UN-Generalsekretär.

Strate: Zunächst hat Mollath nur an Banken geschrieben und diese gebeten, auf seine Ehefrau einzuwirken, dass deren Mitwirkung an Geldverschiebegeschäften unterbleibt. Er hat seine Ehefrau dann, als die Sache eskalierte, auch angezeigt. Seine Post ging zunächst an die Polizei, dann ging sie, weil nie eine Reaktion kam, an die Staatsanwaltschaft. Die hat geantwortet: keine Anhaltspunkte. Dann schrieb Mollath an den Generalstaatsanwalt, dann dem Amtsgerichtspräsidenten, dem Landgerichtspräsidenten, dem Generalbundesanwalt. Zum Schluss dem Bundespräsidenten. Das ist alles nachvollziehbar für jemanden, dem jedes Gehör verweigert wird.

"Das Kofi-Annan-Schreiben und ein Brief an den Papst, das waren private Schreiben"

ZEIT: Jeder kann sich einen Anwalt nehmen und seine Anliegen in geordneter Form zu Gehör bringen. Warum setzt einer sich stattdessen hin und schreibt Konvolute, in denen er Verschwörungstheorien ausbreitet, die einen absurden Bogen von Idi Amin bis zur Nürnberger Waffenfirma Diehl schlagen?

Strate: Ich weiß nicht, an welche Konvolute Sie denken, ich habe diese Papiere nicht vor Augen. Nur das, was er beschrieben hat mit den Geldverschiebegeschäften, und da kann man absolut nachvollziehen, dass er sich damit an immer höhere Adressen gerichtet hat. Das Kofi-Annan-Schreiben und ein Brief an den Papst, das waren private Schreiben.

ZEIT: Privat vielleicht, aber auch stark verwunderlich.

Strate: Ich würde nicht an Kofi Annan schreiben, aber trotzdem kann man das machen. Daraus leite ich keine Verrücktheit her.

ZEIT: Wir können immer noch nicht den größten Schwarzgeldskandal aller Zeiten ausmachen, den Mollath angeblich aufgedeckt haben will. Und zu den wirren Briefen kam auch ein menschlich ungewöhnliches Verhalten. Mollath hat sich in seinem Haus hinter heruntergelassenen Rollläden verschanzt, er ist mit einer Zahnbürste als Einstecktuch im Prozess erschienen.

Strate: Lassen Sie uns erst mal bei dem Aktenordner mit den Papieren bleiben, über die sich später die Gutachter hergemacht haben. Den Ordner hat er vor Gericht überreicht in einer Verhandlung, wo er ohne Anwalt war. Von einem Anwalt hatte er sich vorher getrennt. Ich weiß nicht, warum, ich habe ihn dazu nicht befragt. Ich komme mit ihm klar, und wenn andere Anwälte mit ihm nicht klargekommen sind, dann interessiert mich das nicht. Im September 2003 kam er in diese Hauptverhandlung und brachte den Aktenordner mit. Auf den sieben Seiten stellte er sein Leben und den Konflikt mit seiner Ehefrau dar. Da gibt es auch eine Äußerung zu den körperlichen Auseinandersetzungen, dass er sich gewehrt hat, als sie ihn angegriffen hat. Das hatte alles Sachbezug zur Anklage. Aber er hatte offenbar gedacht, wenn sich ein Amtsgericht schon mit so einem Vorfall befasst, befasst es sich auch mit seiner Persönlichkeit. Und dazu hat er diesen Ordner verfasst, der ausführt, welche Schicksalsschläge er erlitten hat. Man muss Geduld haben, um sich das durchzulesen. Es sind Dokumente dabei, die wunderlich erscheinen. Man kann auch wirr sagen. Aber ich urteile nicht über Menschen, indem ich sie gleich für verrückt erkläre, bloß weil sie ein Mitteilungsbedürfnis gegenüber dem falschen Adressaten haben.

ZEIT: Aber alles zusammen: die Gesamterscheinung, seine Briefe, sein Auftreten, die Zahnbürste als Einstecktuch, schuf schon den Eindruck, da könnte einer nicht alle Tassen im Schrank haben.

Strate: Was sind die Quellen für die Zahnbürste? Es wurde auch behauptet, Mollath habe irgendwelche Texte aus Protokollen der Nürnberger Prozesse vorgetragen. Was ist die Quelle dafür?

ZEIT: Sein damaliger Anwalt.

Strate: Ich wüsste nichts davon, aus dem Gerichtsprotokoll kann ich dazu nichts entnehmen.

ZEIT: Wir entnehmen es dem Interview in der Nürnberger Zeitung, das dieser Anwalt vor einigen Monaten gegeben hat.

Strate: Mollath bestreitet, dass es eine derartige Verlesung gegeben hat.

ZEIT: "Ich trete aus dem Rechtsstaat aus", dieser Mollath-Satz steht im Gerichtsprotokoll.

Strate: Auch das hat er nicht gesagt, es steht aber tatsächlich im Protokoll.

ZEIT: Es gibt also eine große Verschwörung, alle haben sich geirrt, bloß Herr Mollath nicht.

Strate: Wenn Sie sich diese Protokolle anschauen von Amtsgerichtsverhandlungen, sie sind absolut liederlich oder sehr verkürzend. Wenn da drinsteht: "Ich trete aus dem Rechtsstaat aus", dann mag das eine Zusammenfassung dessen sein, was er gesagt hat. Er bestreitet aber, das so gesagt zu haben.

ZEIT: Dasselbe mit der Festnahme, als er die Beamten als Nazi-Polizei beschimpfte.

Strate: Das ist Beweiswürdigung beschriebenen Papiers. Der Beamte ist vor Gericht nicht gehört worden.

ZEIT: Im Protokoll steht: "Ich trete aus dem Rechtsstaat aus" – kann sein, dass es eine Verkürzung ist, kann auch anders sein. In dem Bericht der beiden Wachtmeister steht: "Das ist eine Nazi-Polizei." Kann sein, dass die sich das ausgedacht haben, kann aber auch sein, dass die Worte so gefallen sind. Im Protokoll seiner Abholung steht, er habe sich hinter heruntergelassenen Rollläden verschanzt und im Zwischenboden seines Hauses versteckt. Kann wiederum sein, dass das einfach reingeschrieben wurde, kann aber auch wahr sein. Es kommt schon einiges zusammen, finden Sie nicht?

Strate: Selbst wenn es so wäre, selbst wenn er die Beamten als Nazi-Polizei bezeichnet hat, dann sind das Ausfälle, aber keine Verrücktheit.

"Die Psychiater haben doch überwiegend voneinander abgeschrieben"

ZEIT: Und dann kommen eine ganze Reihe von Psychiatern, die ziemlich lange mit ihm zu tun haben und alle zu bestimmten Schlüssen gelangen, und die irren sich samt und sonders?

Strate: Die Psychiater haben doch überwiegend voneinander abgeschrieben. Es gibt nur einen, der eine eigenständige Exploration gemacht hat, das ist Herr Pfäfflin.

ZEIT: Auch der kommt zu dem Schluss, Mollath sei gefährlich.

Strate: Aber alles baut auf dem auf, was Klaus Leipziger, der Chef der Forensik in Bayreuth, ganz zu Anfang beobachtet hat.

ZEIT: Die Beobachtungen mögen rechtswidrig zustande gekommen sein, aber sie wurden gemacht.

Strate: Das ist für mich kein Herangehen. Das sind Beobachtungen in der Situation des Zwanges, den der Betreffende ablehnt. Diese Beobachtungen hat das Bundesverfassungsgericht 2001 für verfassungswidrig erklärt. Und außerdem: Ich weiß nicht, in welcher Weise die Psychiatrie überhaupt zu gesicherten Erkenntnissen kommt, wenn ein Mensch unter Zwang agiert. Die Erkenntnisgewinnung dieses Gutachtens ist von einer solchen Unfairness, dass ich es nie und nimmer als Grundlage nehmen könnte. Und alle anderen Gutachten bauen darauf auf.

ZEIT: Auch die vielen Briefe und Eingaben, die Mollath selbst geschrieben hat, waren Teil der Beurteilung.

Strate: Ja, die haben Professor Kröber große Freude bereitet.

ZEIT: Aber die Briefe gibt es ja nun mal. Und daraus kann man Schlüsse ziehen.

Strate: In welcher Weise hat er denn Schlüsse gezogen?

ZEIT: Kröber hat Mollath für schizophren und wahnkrank gehalten.

Strate: Ja, aber das ist doch nicht ansatzweise näher analysiert. Er hat nicht die gesamte Akte gehabt und hat die Fälschungen des Nürnberger Urteils übernommen. Ohne Kenntnis der vollständigen Akte kann man nicht die Fortdauer der Unterbringung befürworten. Das geht nicht.

ZEIT: Wird der Fall Mollath Folgen haben für die Unterbringung in einer psychiatrischen Krankenanstalt?

Strate: Ich glaube schon, dass Gerichte künftig vorsichtiger mit der Unterbringungsentscheidung sein werden.

ZEIT: Sie erhoffen das?

Strate: Ich hoffe, dass die Eingangsvoraussetzungen für die Unterbringung geändert werden. Es kann nicht angehen, dass quasi jede Straftat, sofern deren Wiederholung droht, schon die Unterbringung rechtfertigt.

ZEIT: Sie halten Herrn Mollath ja nicht nur für gesund, sondern auch für unschuldig.

Strate: Unschuldig im Sinne des Gesetzes. Bei der Auseinandersetzung zwischen Herrn und Frau Mollath war ich nicht dabei. Aber ich habe keinen Anlass, meinem Mandanten zu misstrauen.

ZEIT: Und wenn Sie Anlass hätten, ihm zu misstrauen, würden Sie uns das bestimmt nicht sagen.

Strate: Wenn ich Anlass hätte, ihm zu misstrauen, er mir aber sympathisch ist, würde ich mir trotzdem überlegen, wie bringe ich ihn glaubwürdig durch.

ZEIT: Ist Mollath Ihnen sympathisch?

Strate: Absolut. Überdies hat sich alles, was Mollath mir erzählt hat, auch was aus den Akten hervorgeht, bisher bewahrheitet. Es gibt keinen Punkt, wo ich irgendwo ein Fabulieren entdeckt hätte.

ZEIT: Das Urteil scheint auf problematische Weise zustande gekommen zu sein, es wird nun von vielen mit Entrüstung als Schandurteil bezeichnet und ist doch das normale Urteil eines deutschen Gerichts. Auf den Schwingen der freien Beweiswürdigung setzt man sich über Sachverhaltslücken hinweg. Das ist doch nicht unüblich. Gibt es viele Mollaths?

Strate: Ich fürchte fast, dass dieses Urteil kein Einzelfall ist. Ob es nun viele Mollaths gibt, wage ich nicht zu behaupten.

ZEIT: Wenn es mehrere Mollaths gibt, warum gibt es dann nur eine Aufregung?

Strate: Ich könnte im Moment nicht mehrere Mollaths betreuen. Der eine beansprucht schon 60 Prozent meiner Arbeitskraft. Wenn andere Verteidiger sich noch um andere Mollaths kümmern wollen, dann mögen sie das tun. Ich begnüge mich im Moment mit dem einen.

ZEIT: Wenn Sie Kapazitäten für mehr derartige Mandanten hätten, gäbe es mehr Aufregung um andere Fälle?

Strate: Meine Zeit ist begrenzt.

ZEIT: Dürfen wir das so verstehen, dass sich Verteidiger nicht gern mit mühsamen und unwirtschaftlichen Fällen wie Mollath belasten?

"Die Zahl der Einweisungen ist in Bayern besonders hoch"

Strate: Ich würde mir wünschen, dass meine Kollegen sich stärker auch für vergessene Untergebrachte engagieren. Wir müssen alle unser Geld verdienen, aber was ich im Moment erlebe, ist wenig erfreulich. Viele der älteren Kollegen, die als junge Rechtsanwälte durch die Stahlbäder der Schwurgerichtsprozesse gegangen sind, verdienen ihr Geld nun mit lukrativen Wirtschaftsstrafsachen. Die jüngeren Kollegen, wenn sie halbwegs intelligent sind, was machen die als Erstes? Sie drucken Visitenkarten, wo draufsteht "Wirtschaftsstrafrecht". Die Botschaft lautet: Bitte verschon mich mit Mandaten, die kein Geld bringen. Ich kenne noch ein paar Kollegen, die sich engagieren, aber das Gefühl dafür, dass man auch die erste Silbe in der Berufsbezeichnung, Rechts-Anwalt, ernst nehmen muss, ist leider nicht mehr sehr verbreitet. Dabei gäbe es einiges zu tun, um Licht in die Dunkelkammern der psychiatrischen Kliniken zu tragen.

ZEIT: Hat der Fall Mollath auch etwas mit Bayern zu tun – außer dass er da zufällig spielt?

Strate: Kann schon sein. Die Zahl der Einweisungen ist in Bayern besonders hoch, sie liegt erheblich über dem Bundesdurchschnitt.

ZEIT: Und die Zahl der Urteilsaufhebungen durch den Bundesgerichtshof ist besonders gering.

Strate: Das noch zusätzlich. Aber auch die Aufregung ist typisch für Bayern. Was ich jetzt dort erlebt habe, war begeisternd. Die Bayern leisten Widerstand. Die Mollath-Geschichte hat viel aufgerührt, weil gerade die Bayern sich furchtbar über so was aufregen können.

ZEIT: Die bayerischen Verteidiger sollen ja eher schüchtern sein.

Strate: Die Mehrzahl von ihnen ist freundlich bis zur Servilität. Mannhaften Widerstand bei Gericht habe ich dort lange nicht mehr erlebt.

ZEIT: Vielleicht bringt er ja auch nichts.

Strate: Er bringt nichts, weil die Richter nicht gefordert werden. Man muss Richter aber herausfordern, dann werden sie gut. Und das tun die bayerischen Kollegen zu selten.

ZEIT: Wie beurteilen Sie Mollaths Aussichten in der neuen Hauptverhandlung? Wird er freigesprochen werden?

Strate: Das kann ich nicht sicher sagen. Ich erwarte allerdings, dass in einem rechtsstaatlichen Verfahren von dem alten Urteil nichts übrig bleibt. Es wird letztlich Aussage gegen Aussage stehen, und das Gericht wird auch die Motive von Aussagen sorgfältig prüfen.

ZEIT: Frau Mollath dürfte in der erneuerten Hauptverhandlung bei ihrer belastenden Aussage bleiben, die Frage ist nur, ob sie sich trauen wird, vor Gericht aufzutreten, wenn da schon der Gustl-Fanclub sitzt. Freuen Sie sich darüber?

Strate: Ach was! Ich würde mir verbitten, dass ein tobendes Publikum sich in einem Saal befindet, in dem ich verteidige – egal auf wessen Seite es steht. Wenn das passiert, verlasse ich den Raum. Ich erwarte das aber nicht. Ich gehe jedoch davon aus, dass Frau Mollath von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen wird. Das ist der einfachste Weg.