Wenn es nach den Investmentgesellschaften geht, dann müssten die Zahlen noch schneller wachsen als Unkraut – für die Investitionen in nachhaltige Geldanlagen. Es sei das Gebot der Stunde, in ökologisch und sozial wirtschaftende Unternehmen zu investieren, sagen derzeit viele Vermögensverwalter. Institutionelle Anleger tun das auch bereits. Immer mehr Versicherungen und Pensionsfonds etwa bekennen sich dazu, das Geld ihrer Kunden bevorzugt in Unternehmen und Fonds anzulegen, die Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Sie schließen bestimmte Branchen – etwa Hersteller von Tabak oder Alkoholika, Betreiber von Atomkraftwerken und die Glücksspiel- oder Rüstungsindustrie – bei Investitionen aus oder untersagen die Anlage in Unternehmen, die der Kinderarbeit verdächtig sind oder mit Tierversuche arbeiten. Weltweit, so schätzen Studien der amerikanischen Global Sustainable Investment Alliance, werden bereits 13,6 Billionen Dollar nach den sogenannten ESG-Kriterien verwaltet, sie fließen also in Unternehmen, die bestimmten ethischen, ökologischen und moralischen Standards entsprechen. Aber Hand aufs Herz: Welcher Privatsparer hat solche Papiere im Depot?

Dabei sind die Europäer sogar führend: Zwei Drittel des "nachhaltigen" Kapitals liegt auf Konten im Euro-Raum. Um den Faktor zehn habe sich die Summe "guter" Geldanlagen in den vergangenen zehn Jahren vermehrt, sagt eine Studie der Deutschen Bank. Das Forum Nachhaltige Geldanlage (FNG) macht aktuell einen Zuwachs von 16 Prozent pro Jahr aus. "Mittlerweile ist das Thema Nachhaltigkeit bei der Geldanlage nicht mehr wegzudiskutieren", sagt Robert Haßler, Vorstand und Mitgründer der Rating-Agentur Oekom Research. Auch Claudia Tober, Geschäftsführerin der FNG, pflichtet dem bei: Das vormalige Nischenprodukt gehe mehr und mehr in den Mainstream über. Zumindest bei den Großinvestoren.

Warum die neuerdings so viel Geld in dem Sektor anlegen wollen, ist schnell erklärt: Unternehmen, die sich Auflagen in Sachen Umweltschutz, Arbeitsbedingungen und Unternehmensführung machen, arbeiten langfristig erfolgreicher und steigern ihren Wert – auch an der Börse. Das haben Wissenschaftler herausgefunden. Sie setzten ihre Ressourcen effizienter ein und hätten motiviertere Mitarbeiter, sagt Alexander Bassen, Wirtschaftsprofessor an der Universität Harburg. Andreas Hoepner vom Centre for Responsible Banking and Finance im britischen St. Andrews ermittelte, dass die global nachhaltigsten Firmen, die jährlich beim Weltwirtschaftsforum in Davos vorgestellt werden, ihre Branchenkonkurrenten bei wirtschaftlichen Kennzahlen regelmäßig abhängen. Und eine Studie der Universität Maastricht bescheinigt den "guten" Unternehmen bessere Noten bei der Bonität und weniger Schulden.

Für die Investoren heißt das: Wer auf solche Firmen setzt, begrenzt sein eigenes Risiko. Und wenn nachhaltige Unternehmen im Schnitt erfolgreicher sind, müsste ein Investment in sie auch einen höheren Gewinn versprechen. Genau das bezweifelten Investoren lange. Sie mutmaßten: Wer sich beim Anlegen auf Firmen mit Nachhaltigkeitsgedanken beschränke, enge das Anlageuniversum unnötig ein und müsse Renditeabschläge in Kauf nehmen. Da lagen sie offenbar schief.

Eine Metastudie der Steinbeis-Hochschule wertete 195 weltweite Untersuchungen aus: 61 Studien bescheinigen nachhaltigen Geldanlagen eine bessere Wertentwicklung als herkömmlichen Anlagen. 62 sagen, sie seien genauso gut. Nur 14 stellen fest, dass sie schlechter gelaufen seien. Großanlegern reicht all das, um nachhaltiger zu investieren. Dazu bekennen sich unter anderem die Investmentgesellschaften DWS, First State, ING Diba, die Allianz oder die Pensionsfonds von MetallRente und den Sparkassen.

"Nur auf der Privatanlegerseite kommt das Thema noch nicht wirklich voran", beobachtet Martin Faust, Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance & Management. Er sieht vor allem zwei Gründe für das Zögern: "Nicht alle Sparer sind bereit, sich mit ihren Geldanlagen zu beschäftigen. Nachhaltiges Investieren setzt aber gerade das voraus." Faust schätzt, dass nur jeder Fünfte Interesse für das Thema aufbringt. Zudem gebe es viel zu wenig Aufklärung vonseiten der Banken. "Die Beratung ist deutlich aufwendiger, wenn Sie einen nachhaltigen Fonds verkaufen wollen, die Vergütung ist dagegen genauso hoch wie bei jedem anderen", sagt er.

Viele Berater werden schlicht nicht geschult, um solche Papiere an die Kunden zu bringen – oder sie scheuen die Diskussionen bei den Verkaufsgesprächen: Was ist denn ökologisch? Sind Solaranlagen und Elektroautos wirklich die Lösung? "Mit so was kann ein Berater nur den Kunden verprellen, wenn er eine andere Meinung hat", weiß Claudia Tober, die selbst lange als Angestellte bei einer Großbank gearbeitet hat.

Das Hauptproblem der Branche ist aber: Selbst Kunden, die sich wirklich dafür interessieren, blicken im Dschungel der Grünanlagen nicht durch. Über 300 Fonds für Privatanleger gibt es hierzulande und fast so viele Arten, Geld nachhaltig anzulegen, wie Blumen oder Baumsorten im Botaniklexikon. Experte Faust spottet: "Mittlerweile ist es schwieriger, die beste Öko-Anlage zu finden als das beste Öko-Ei."

Jahrelang verkauften Banken vor allem Themenfonds, die sich gut erklären ließen, weil sie in Windkraft, Wasser oder Solaranlagen investierten. Doch viele Produkte floppten, weil Solarfirmen pleitegingen oder Windanlagen auf hoher See es nicht ans Netz schafften. "Deshalb sagen viele Anleger jetzt: Mit solchen Fonds kann man ja kein Geld verdienen, die sind hochspekulativ", hört Faust oft.

Ohnehin raten Finanzexperten, das Geld auch bei der nachhaltigen Anlage möglichst breit zu streuen, über Firmen, Branchen und Länder hinweg. Genau das tun die Schwergewichte unter den Öko-Fonds. Nach nachhaltigen Indexfonds für Privatleute sucht man eher vergebens. Die zehn größten deutschen Öko-Fonds setzen auf insgesamt 731 Unternehmen. Bezeichnend aber ist: Nur drei Aktien tauchen gleich in sechs Fonds auf. Zwei Drittel dagegen stecken nur in einem Portfolio. Einen Konsens unter den Fondsmanagern gibt es also nicht.

Im Gegenteil definiert jede Investmentgesellschaft selbst, wann sie ein Unternehmen als nachhaltig klassifiziert. Manche schließen den Bereich Kernenergie komplett aus. Anderen genügt es, wenn eine Firma nicht mehr als fünf Prozent ihres Umsatzes mit Kernkraft erwirtschaftet. Ähnlich ist es beim Thema Rüstung. In neun der zehn größten Öko-Fonds fanden sich laut einer Studie im Auftrag der Grünen Aktien von Rüstungsunternehmen wie EADS oder Tognum, das Panzermotoren baut.

Wer es genau wissen will, muss den Fonds und all seine Aktien im Detail durchkämmen. Doch wenn es schon bei einfachen Ausschlusskriterien schwer ist, exakt zu trennen, wie soll das dann gelingen, wenn es um Kinderarbeit oder um Korruption geht? Zumal etliche Fonds ihre Auswahlkriterien als Geheimnis hüten. Für Kleinanleger sei das schwer zu überblicken, sagt Robert Haßler von Oekom Research, zumal "ein Fonds, der nur ein Kriterium bei der Anlage einhält, genauso als Öko-Fonds gilt wie einer, der von einem Unternehmen die Einhaltung von Dutzenden von Standards erwartet und darüber notfalls mit dem Management diskutiert". Kritiker sagen es drastischer: Unter dem Begriff Nachhaltigkeit kann man alles verkaufen.

Deshalb fordern selbst die Anbieter jetzt ein Gütesiegel. Das soll gewährleisten, dass alle Fonds bestimmte Mindestkriterien einhalten, wenn sie investieren. Der Branchenverband FNG ringt darum, welche Kriterien das sein könnten und wer das Prozedere später einmal überwachen soll. Spricht man mit Sabine Pex, Koordinatorin der Arbeitsgruppe für dieses Öko-Label, ahnt man: Es wird noch sehr lange dauern, bis die Beteiligten einen Weg in den Dschungel der Grünanlagen geschlagen haben, dem alle folgen wollen. Doch irgendwann werde das Label kommen, sagt sie. Grün ist eben die Farbe der Hoffnung.