GuantánamoDie Angst vor der Freiheit

Seit elf Jahren ist Younous Chekkouri in Guantánamo inhaftiert. Nun wollen ihn die Amerikaner in seine Heimat nach Marokko schicken – dort aber droht ihm Folter. von 

Rechtsfreier Raum: Wachturm und Stacheldrahtzaun des US-Gefangenenlagers Guantanamo auf Kuba

Rechtsfreier Raum: Wachturm und Stacheldrahtzaun des US-Gefangenenlagers Guantanamo auf Kuba  |  © Reuters/Bob Strong

Ein Mann, der nach elf Jahren Haft in Guantánamo mit seiner Entlassung rechnen kann, müsste Freude und Erleichterung verspüren. Younous Chekkouri spürt Panik. "Ich kann nicht mehr atmen, mein Brustkorb zieht sich zusammen, in meinem Kopf dreht sich alles", sagte er vor einigen Tagen seiner amerikanischen Anwältin Cori Crider am Telefon. Kurz zuvor hatte das Weiße Haus bekannt gegeben, wieder Häftlinge in ausgewählte Heimatländer zu entlassen. Das sind zunächst offenbar Algerien – und Marokko. Dort aber, so Chekkouri, erwarte ihn kein neues Leben, sondern die Fortsetzung des Albtraums: Haft und Misshandlung. Der 45-Jährige will nach Deutschland. Chekkouri, über dessen Fall die ZEIT (Nr. 23/13) berichtete, hat deutsche Verwandte. Sein Onkel und seine Tante sind vor Jahrzehnten hier eingewandert, längst eingebürgert und bemühen sich um seine Freilassung. Vor wenigen Wochen appellierten sie an US-Senatoren, ihren Neffen endlich zu sich zu lassen.

Dass sich amerikanische Politiker überhaupt wieder mit dem US-Gefangenenlager auf Kuba befassen, ist dem Hungerstreik von über 100 Insassen zu verdanken. Auch Chekkouri hat Nahrung verweigert. Mehrere Dutzend Gefangene werden seit Monaten zwangsernährt und sind inzwischen extrem geschwächt. Die Angst vor den ersten Toten hat Washington aufgeschreckt.

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Das Weiße Haus will "ungefährliche" Häftlinge wieder in ihre Heimat lassen. Vorausgesetzt, sie stammen aus Ländern wie Algerien, Marokko oder Saudi-Arabien, die als zuverlässige US-Verbündete im "Krieg gegen den Terror" gelten. Zwei Algerier, deren Namen noch geheim gehalten werden, sollen schon Ende des Monats zurückkehren. Die algerischen Behörden, so ein Sprecher des Weißen Hauses, würden die beiden "human behandeln" und sicherstellen, dass sie "nicht wieder zum Sicherheitsrisiko werden".

Bloß ist Algerien nicht bekannt für einen rechtsstaatlichen Umgang mit Bürgern, die des Terrorismus verdächtigt werden, selbst dann, wenn es an Beweisen fehlt. Im Januar 2011 hatte sich der Guantánamo-Häftling Said Farhi buchstäblich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, nach Algerien gebracht zu werden. Seine Anwälte von der britisch-amerikanischen Menschenrechtsorganisation Reprieve wissen seitdem nicht, wo er sich befindet.

Marokko zählt ebenfalls zu Amerikas Verbündeten im Antiterrorkampf – so zuverlässig, dass die CIA während der Amtszeit von George W. Bush dort Verdächtige foltern ließ. Younous Chekkouri, inzwischen der einzige Marokkaner unter den noch 166 Insassen in Guantánamo, ist während seiner Haftzeit im Lager zweimal von marokkanischen Agenten verhört worden. Sie hätten, sagt er, auch seine Familienangehörigen mit Folter bedroht, falls er nicht kooperiere. Die Vorwürfe, er habe 2001 in Afghanistan einer Dschihadistenzelle mit Verbindung zu Al-Kaida angehört, streitet er bis heute ab. Offenbar halten auch die US-Behörden nicht mehr daran fest.

Über 80 Prozent der Insassen – so eine Studie der Rechtsfakultät der amerikanischen Universität Seton Hall – wurden nach 9/11 und dem Afghanistankrieg nicht von amerikanischen Truppen festgenommen, sondern von pakistanischen und afghanischen Sicherheitskräften. Man könnte auch sagen: von Kopfgeldjägern. 5.000 Dollar Prämie hatten die USA damals auf "Al-Kaida- und Taliban-Mörder" ausgesetzt – ein Vermögen in dieser Region. Besonders gefragt waren Ausländer aus arabischen Ländern. "Im Prinzip", so erklärte später ein amerikanischer Geheimdienstler, "konnte sich jeder Araber, den wir erwischten, auf eine Reise nach Kuba gefasst machen." Genau so kam Younous Chekkouri nach Guantánamo. Und der 34-jährige Algerier Nabil Hadjarab.

Hadjarab war 2002 in einem Krankenhaus in Afghanistan verhaftet worden – und ist womöglich das Opfer einer Namensverwechslung. Nun, nach jahrelanger Haft, soll er nach Algerien gebracht werden. Er hat dort vermutlich nichts zu befürchten, aber auch auf Hilfe kann er nicht hoffen. Hadjarab ist in Frankreich aufgewachsen, seine Verwandten leben dort, und sie bitten darum, ihn in seine Heimat Frankreich zurückzulassen.

"Die Schlimmsten der Schlimmen" – so hatte Vizepräsident Dick Cheney die Insassen in Guantánamo 2002 bezeichnet, während seine Administration das Camp zügig in einen rechtsfreien Raum ohne Folterschutz, Rechtsbeistand und Genfer Konventionen verwandelte. Doch schon Monate später begann das Pentagon, Dutzende Häftlinge wieder in ihre Heimatländer zurückzubringen. Die Mehrheit, so räumte 2004 der stellvertretende Kommandant des Gefangenenlagers ein, "hat nie gekämpft. Die waren auf der Flucht."

Leserkommentare
  1. "Nun wollen ihn die Amerikaner in seine Heimat nach Marokko schicken – dort aber droht ihm Folter."

    Das wird ja dann wohl keine große Umgewöhnung für ihn sein.

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  2. 11 Jahre Haft ohne Anklage - Freilassung und als ungefährlich eingestuft.

    Beschämend

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    Er kann dann ja in Freiheit lesen das die Mentschen die damals keine andre Möglichkeit ahen als die Gefährlichen wegzusperren, heute wieder die Kriegstrommeln gegen Syrien schlagen, und auch dort dann wieder "gefährliche" terroristen fangen werden die man ja irgentwohin stecken muss.

    Oh und das den selben Leuten heute immer noch geglaubt wird wenn sie über Chemiewaffen reden und niehman sie mehr nach den Irak oder Afganistan fragt wenn es um ihre Beweise geht.

    Warum sollten eigentlich Drittländer für den Fehler von Amerika grade stehen und den Mentschen wird aus Entschuldigung kein Leben in den USA ermöglicht, wo sie dann neu anfengan könnten und heilfe der Behörden erhalten könnten ?

    Auch hier zeigt sich das man Unschuldig sein kann, aber ebend nicht so unschuldig das man wieder in die USA gelassen wird. Man könnte sich ja inzwischen den extremisten zugewand haben. Und dann sollen doch bitter andere Länder dafür grade stehen und die Folgen tragen.

    • Mika B
    • 24. August 2013 11:00 Uhr

    Inhaftierter sollte nicht als dem Folterlager Guantánamo entlassen werden weil im in seiner Heimat angeblich Folter droht ......

    Ist denn die "Zeit" nun auch schon eine Satire Zeitschrift und will der Titanic Konkurrenz machen?

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  3. Merken diese "Journalisten" über Haupt noch was sie schreiben?! Ein Meisterstück in kognitiver Dissonanz.

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  4. Betrachten wir die Sache doch mal ganz nüchtern: Der Drops ist bei allen inhaftierten längst gelutscht. Welche Informationen sollen die den in Algerien oder Marokko oder Saudi-Arabien noch von sich geben, welche die Amis und ihre Verbündeten nicht schon längst wissen? Die Sachen sind doch schon über 10 Jahre alt.

    Eigentlich wäre es das Mindeste, dass die Amis den unschuldig Verurteilten die amerikanische Staatsbürgerschaft anbieten und diese angemessen entschädigen. Damit könnten die sich dann auch eine Existenz aufbauen. Warum sollen eigentlich wir Europäer jetzt wieder die Scherben wegwischen?

    Für die anderen Gefangenen ist es auch höchste Zeit, diese wie Menschen zu behandeln und deren ordentlich einen Prozess zu machen. Damit die USA wieder zu Menschenrechten und Humanismus zurückfinden.

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    "... die Amis den unschuldig Verurteilten die amerikanische Staatsbürgerschaft anbieten..."

    Außerdem sind die Insassen von Guantanamo keine verurteilten Unschuldige, sondern internierte Verdächtige, deren Schuld nach westlichen Maßstäben nicht nachgewiesen werden kann.

  5. ...sondern um Lobbyarbeit, nur ist es eben nicht evident, dass ihm in Marrokko Folter oder Gefängnis droht ("07.06.2013 um 9:46 Uhr 53. Folter und Haft?
    Warum drohen Mahjub eigentlich Folter und Haft in Marokko?") schrieb schon ein Mitforist bei zo vor zwei Monaten.

    Seine Verwandten sind im wesentlichen, wie zo berichtete, ein Rentner von 66 Jahren.

    Daraus ergibt sich folgendes:

    1. Wenn der Verwandte keine Verpflchtungserklärung abgeben kann, zB wegen fehelndem Wohnraum oder fehlenden ausreichenden Einkünften, für seinen Neffen, dann wäre es ungerecht gegenüber allen, die aus Drittstaaten nach Deutschland kommen wollen, und deren Verwandte eine Verpflichtungserklärung abgeben müssen.

    2. Wenn es aber nicht evident ist, dass ihm als gebürtigen Marokkaner Folter in Marokko droht, dann ist es ebenfalls nicht gerecht, ihn ohne weiteres aufzunehmen, denn dann bevorzugt man ihn gegenüber allen, die aktuelle Asylgründe haben und dies nachweisen müssen.

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  6. Wo ist der Unterschied?
    11 Jahre Guantanamo
    7Jahre Psychatrie
    35 jahre Gefängnis wegen Blossstellung der US-Regierung.

    Man darf nie den falschen Leuen auf die Füsse treten.
    In unseren ach so vorbildlichen Rechtsstaaten gibt es verschieden Rchtsauffassungen. Die der jenigen, die die Macht haben und die derjenigen, die machtlos sind.

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  7. Die "unschuldigen" z.B. marokkanischen, algerischen Insassen von Guantanamo sind nicht in ihren Heimatländern verhaftet worden, sondern in Afghanistan oder Pakistan. Waren sie etwa auf der "turistischen" Durchreise dort?

    Vor kurzem konnte man - wenn ich mich recht erinnere hier bei ZON - über einen anderen Unschuldslamm lesen, der mit NULL Finanzmitteln eine "Turistenreise" in beiden Ländern unternahm.

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    Darf man kein Urlaub in Pakistan/ Afghanistan machen?

    Dazu empfiehlt sich der Film "Road to Guantanamo" - 3 pakistanische Jungs, die zur einer Hochzeit in Pakistan eingeladen waren - Einer von ihnen wurde getötet, die anderen Beiden wurden in Guantanamo gefoltert und nach einigen Jahren freigelassen.

    Alleine die Ursache, dass die Inhaftierten ohne Anklage und ohne Prozess in Guantanamo gefoltert werden, zeigt, dass Terrorismus auch von demokratischen Industrienationen durchgeführt werden kann.

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