Helge SchneiderSich total anstrengen ist totaler Quatsch

Helge Schneiders neue Platte steht auf Platz 1 der Charts. Ein neuer Film kommt im Herbst. Moritz von Uslar hat den verrücktesten Popstar der Deutschen besucht. von Moritz von Uslar

Der Multiinstrumentalist und Unterhalter Helge Schneider

Der Multiinstrumentalist und Unterhalter Helge Schneider  |  © PR

Wir sind hier hinter einem großen Holztor, bei ihm Zuhause, irgendwo auf Pferdekoppeln zwischen Essen und Mülheim, wo der Künstler sich als ganz jemand anderes herausstellen könnte als der, der er auf der Bühne, in seinen CDs, Büchern und Filmen ist, aber das ist ja Quatsch – es gibt natürlich nur den einen Helge Schneider, und der ist jetzt gerade, auf rührend aufwendige und umständliche Weise, damit beschäftigt, dieses Interview zu torpedieren. Er setzt sich an den Küchentisch, steht auf, setzt sich wieder hin. Er hantiert noch mal an der sehr gut und teuer aussehenden Espressomaschine herum. Er wischt den Lampenschirm mit einem feuchten Lappen ab. Er hält einem die Fünfziger-Jahre-Biografie von Grock, dem König der Clowns, hin ("Hier, guter Mann"), dann guckt er einen Emaillekerzenhalter schief von der Seite an und sagt den so schönen wie gänzlich sinnfreien Satz: "Wenn jemand mal nachts auf Toilette muss, die Kerze ist leider alle."

Dieser Helge Schneider hat einen Journalisten und einen Fotografen zu sich nach Hause eingeladen und ist jetzt offenbar nicht sicher, ob das eine so gute Idee war. Ansprache aus diesem so beeindruckend ernst, offen und freundlich guckenden Helge-Schneider-Gesicht: "Hey! Habe ich euch etwa eingeladen? Das ist ja verrückt!" Er sitzt jetzt wieder, legt die Hände auf den Küchentisch, sagt die Sätze, die kluge Künstler schon oft gesagt haben: "Der Künstler spricht, weißte? Finde ich doof. Die Leute meinen immer, sie müssten einen privat kennenlernen, und dann wissen sie auch, warum man welche Kunst macht. Das stimmt aber nicht. Das Private hat mit der Kunst nur bedingt etwas zu tun."

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Zu Besuch bei ihm, dem großen Helge, genialen Alleskönner und – Hoppla – Gesamtkunstwerk, dem Jazzvirtuosen, Autorenfilmer, Schriftsteller, dem Wurstbonbonkoch, der singenden Herrentorte, dem König der deutschen Clowns oder, ganz einfach, dem mittlerweile vielleicht beliebtesten deutschen Popstar: Vor zwanzig Jahren hatte er mit dem Gaga-Song Katzeklo den Durchbruch; heute ist er längst eine Art Superliebling der Deutschen. Hieß es früher "Mit dem Helge Schneider kann man entweder gar nichts anfangen, oder man liebt ihn", so müsste es heute heißen: "Den Helge haben einfach alle gerne." Neulich saß der Popstar bei einer Talkshow mit dem FDP-Gesundheitsminister und der Schauspielerin Uschi Glas. Dem Gesundheitsminister erklärte Helge, dass er gegen Darmspiegelung zur Krebsfrüherkennung nichts einzuwenden habe, sich der Untersuchung persönlich aber lieber nicht unterziehen wolle; stattdessen verzichte er seit Jahren auf das Tragen von Strümpfen ("Alle sind krank, nur ich nicht, weil ich barfuß laufe"). Selten spürte man ein Saalpublikum einem deutschen Star so viel Sympathie, Zustimmung, Wohlwollen entgegenbringen. Uschi Glas richtete dem Popstar die Grüße ihrer Kinder aus: "Die lieben dich."

Helge Schneider

Jazz und Kabarett

1955 in Mülheim/Ruhr geboren, begann Schneider mit Jazz (auch ernsthaftem) und Kabarett-Songs. Katzeklo (1993) und Fitze Fitze Fatze (1997) machten ihn berühmt.

Film und Satire

Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem (1993) war der erste seiner dadaistischen Kinofilme; diesen Herbst folgt mit 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse der fünfte. In ihrem absurden Humor ähneln sie den Kriminalromanen (zum Beispiel Das scharlachrote Kampfhuhn, 1995).

Beim Guten-Tag-Sagen ("Tach, ich bin der Helge") ist dann auch gleich klar, dass man es mit jenem lockeren, unprätentiösen, rundherum angenehmen Menschen zu tun hat, den man erwartet hat. Dieser Helge, bald 58, ist ein schlanker, mittelgroßer, gut aussehender Mann: die merkwürdig zu großen Augen im schmalen Gesicht. Er trägt irgendwas, zu dem man schwer etwas sagen kann (oben Blau, unten Blau, beides weit) und braune Crocks, die Plastiksandale des deutschen Prekariats. Sein gekonnter Penner-Stil (ein bisschen muss Helge aufpassen, dass er mit dem Vollbart und den langen Haaren auf seine alten Tage nicht plötzlich wie die Hipster in den Berliner Kaffeebars aussieht). Die angenehm tiefe Stimme. Er fängt die Sätze gerne mit den Floskeln "Keine Ahnung" und "Nö, versteh ich nicht" an. Wir sind auch deshalb bei ihm zu Besuch, weil vor einigen Wochen Helge Schneiders neue CD Sommer, Sonne, Kaktus! erschienen ist (die Platte kletterte diese Woche auf Platz eins der deutschen Albumcharts), im Oktober kommt dann der neue Film 00 Schneider – im Wendekreis der Eidechse in die Kinos.

Es sind die erste Helge-Schneider-CD und der erste Helge-Schneider-Film seit sieben Jahren – es gäbe also viel zu besprechen, herauszufinden und gemeinsam zu entschlüsseln im merkwürdig verspulten Kunstkosmos des Helge Schneider: Hört er, wie nervtötend und quälend schlecht seine neue Single Sommer, Sonne, Kaktus! klingt? Oder hat er diesen doch irgendwie herrlichen Ohrwurm mit dem selbst für Helge-Schneider-Verhältnisse selten dämlichen und schlampigen Text ("Never never go to work/ Lieber plantschen und sich anziehen fein / Look the girls on the Po/ By the tolle sunshine") extra als Albumöffner und erste Single festgelegt, um die Latte für den Rest des Albums tief zu legen und die immer viel zu schnell begeisterten Kritiker zu ärgern? Nächste Frage: Ist ihm klar, dass ihm mit seiner Version von Judy Garlands Somewhere Over the Rainbow etwas Großes, mit seiner Fassung von Sammy Davis Jr.’s Mr. Bojangles aber einer der schmerzhaft schönsten und berührendsten Songs der, keine Ahnung, letzten dreißig Jahre gelungen ist? Wie schätzt er das ein – ist ihm mit dem neuen 00 Schneider- Film einmal ein einfach guter oder, was ja auch allerhand wäre, wieder ein gekonnt schlechter Film gelungen? Helge guckt. Grinst. Winkt ab. Spricht: "Pass auf, ich sage dir da später was zu. Okay?" Okay, natürlich.

Leserkommentare
  1. ein wirklich netter Artikel!

    3 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 01. September 2013 11:43 Uhr

    Die Autosammler beklagen, dass sich alles nur ums Geld dreht, dass es nicht mehr so schön ist wie früher, als hinge eins nicht auch ein wenig mit dem anderen zuammen. Das stört mich an ihm und an anderen, gerade auch deutschen Künstlern.

    Soll er doch seinen Mustang fahren wie Mick Jagger seinen Rolls Royce, die Gesellschaft gerne mit den Mitteln der Kunst und Musik kritisieren und die Interpretation dem gemeinen Publikum überlassen. Sonst bekommt man den Eindruck, als würde ein weiterer Wein Trinker und Wasser Prediger die Szene bevölkern.

  2. >> "Wenn jemand mal nachts auf Toilette muss, die Kerze ist leider alle." <<

    ... sinnlose Sätze kann nur Helge Schneider. Schade, dass er keine Zeit mehr hat. War wohl nicht so sein Ding, dieses Talkshow-Format. Dabei waren die Sendungen für meinen Geschmack großartig, ich hätte tagelang zusehen können.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • armin91
    • 01. September 2013 16:23 Uhr

    Im Japanischen nennt man solche Wortfolgen Haiku's.

  3. schade dass die zeit als überschrift solch eine primitive überschrift wählt und damit den genius des schneider`schen dadaismus diffamiert und den intellekt der leser beleidigt.

    "deutschland verückteste(r) ..." ist eine headline die sie getrost der regenbogenpresse überlassen können, liebe zeit......

    3 Leserempfehlungen
    • rc101
    • 01. September 2013 13:50 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/jk

    2 Leserempfehlungen
  4. !!! :-)
    ein Lichtblick an einem Tag, an dem das GRAUEN des

    BRABBEL- und SABBEL Ferrnsehens in das Zentrum des
    deutschen Resthirns gebeamt wird.

    Künstler an die Macht! Mutti und (Hirn)stein: Shut your big Lips!

    Helge hören oder sehen - erine gute Alternative.

    Eine Leserempfehlung
  5. Nix gegen Helge, aber drei Seiten mit heißer Luft zu füllen, ist etwas, nun ja, Helge-mäßig aber zuviel des Guten.

    Und: seine Talkshow lief im WDR - das hätte man wissen dürfen.

    2 Leserempfehlungen
  6. "(wir sind ja angeblich die ersten Journalisten, die sich bei ihm zu Hause umgucken dürfen, aufregend)"

    genau, und der NDR war auch schon da..

    http://www.youtube.com/wa...

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  • Schlagworte Comedy | Film | Album | Helge Schneider
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