IbizaGefällt mir?

Wer im Ushuaia Ibiza Beach Hotel feiert, möchte, dass die Welt davon erfährt. Per Fingerabdruck kann sich der Gast mit seinen Facebook-Freunden vernetzen. von Ronald Düker

Partygäste im Ushuaïa Beach Hotel

Partygäste im Ushuaïa Beach Hotel  |  © Ian Gavan/Getty Images for Diageo

Knapper geht es nicht. Die nur mit Sonnenbrille, Plateauschuhen und einem Hauch von Bikini bekleidete junge Frau gleitet in den Schalensessel an der Hotelbar. Sie schlägt ihre Beine übereinander, wirft den Kopf zurück und gibt das übliche Signal. Gestreckter Zeige- und Mittelfinger: V = Victory? Der Barmann nickt und nimmt ihre Bestellung auf. Wenig später serviert er einen Red Bull mit Wodka, Eis und Strohhalm – und ein kleines Gerät, auf dessen Monitor die Frau ihre eben noch zum Siegeszeichen erhobenen Finger legt. Daten schießen über eine kabellose Verbindung ins Netz. Per Fingerabdruck hat die Frau gerade ihre Kreditkarte belastet.

Draußen am Hotelpool steht ein Totempfahl. Er sieht anders aus als jene Holzskulpturen, in die die Indianer Nordamerikas vor Jahrhunderten ihre Familienembleme schnitzten, um sich ihrer Herkunft und Stammeszugehörigkeit zu vergewissern. Aber er hat dieselbe Funktion. Das "Facebook Totem" ist eine weiße Metallsäule mit Monitor und Kamera, das Stammesemblem ein weißes f auf blauem Grund. "Make all your friends jealous", steht darunter. Ein junger Mann in Bermudashorts hebt die Hand zum Siegeszeichen, berührt den Touchscreen und aktiviert dadurch seinen Facebook-Account. Ein Countdown zählt die Sekunden herunter. Drei, zwei, eins – gerade genug Zeit, den Cocktail in die Hand und die beiden Begleiterinnen in den Arm zu nehmen. Klick: Der Totempfahl schießt ein Bild ins Netz. In ein paar Sekunden wird auf dem Facebook-Profil des Mannes ein Foto erscheinen, das drei glückliche Menschen vor einer Poollandschaft zeigt. Wie neidisch seine Freunde tatsächlich sind, wird er später anhand ihrer Kommentare überprüfen.

Anzeige

Wer im Ushuaia Beach Hotel auf Ibiza eincheckt, der checkt zugleich auch wieder aus. Er ist an- und abwesend, in einem Schwebezustand zwischen realem und virtuellem Raum. Die greifbare Wirklichkeit ist ein Fünf-Sterne-Hotel, in dessen Innenhof ein Techno-DJ jeden Tag zwischen fünf Uhr nachmittags und Mitternacht von einer riesigen Bühne aus die große Party befeuert. Die Gäste des Ushuaia sollen einander aber nicht nur auf der Tanzfläche nahekommen, sie sollen mit der ganzen Welt verbunden sein können, ungeachtet der räumlichen Distanzen. Sie machen Urlaub in der Daten-Cloud.

Der digitale Totempfahl am Pool beamt sie in eine Zukunftsvision von Marshall McLuhan aus den 1960er Jahren. Der Philosoph sah die Welt auf dem Weg zum globalen Dorf. Die Medien? Für McLuhan nichts anderes als die Stammestrommeln archaischer Gesellschaften. Im Ushuaia kommt die Welt durch ein Handauflegen zusammen. Per Siegeszeichen wird kommuniziert und konsumiert.

Fast schulterzuckend nimmt man da zur Kenntnis, wenn sich im Foyer des Hotels ein Turnschuh frei schwebend in der Luft dreht – die Werbeaktion eines Sportartikelherstellers funktioniert dank einfacher Magneten und mit freundlichen Grüßen aus der analogen Steinzeit. Guillermo Rodriguez lächelt darüber beinahe entschuldigend. Er ist der Social-Media-Manager des Hotels, das zur spanischen Palladium-Gruppe gehört, die noch 46 weitere Häuser in sechs Ländern betreibt. Das Unternehmen hat sich die Einführung digitaler Medien in der Hotellerie zum Ziel gemacht. Das Ushuaia ist dabei so etwas wie das Zukunftslabor. Das sogenannte Pay-Touch-System wurde eigens für die Bedürfnisse des Ushuaia weiterentwickelt: Wer sich bei der Anreise mit seinen Kreditkartendaten registriert und seine Fingerabdrücke scannen lässt, kann so in allen Geschäften, Restaurants und Bars des Hotels bezahlen. Und sich über Facebook mit aller Welt vernetzen.

Leserkommentare
  1. Das UB ist übrigens ein kinderfreies Partyhotel (quelle: www.urlaub-ohne-kinder.info). Da machen solche - für die Zielguppe - durchaus interessanten Gimmicks durchaus Sinn!

    Natülich werden jetzt wieder viele "Neuländer" fragen, ob das wirklich sein muss. Für das Partyvolk ist das aber zeitgemäß...

  2. ist der Nihilismus schon Wirklichkeit.

  3. "Hoffentlich wird's nie so schlimm, wie's jetzt schon ist."

    Vor allem wenn etwas "Sinn macht", ist eh der geistige Ofen schon lange aus.

    2 Leserempfehlungen
    • snoek
    • 05. September 2013 13:27 Uhr
    4. .....

    Wenn ich im Urlaub bin und nicht glückliche Fotos von mir und attraktiven Partygästen auf Facebook verbreite, bin ich dann überhaupt dort? Bin ich glücklich? Wenigstens ist der Kater noch echt, den man bekommt, wenn man zu viele verschiedene Cocktails trinkt. Und wer auf den rechteckigen Tisch in der Ecke kotzt, der eigentlich ein riesiger Touchscreen ist, erhält die Zusammensetzung der Extasypillen der letzen Nacht.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Ibiza | Soziale Netzwerke | Facebook | Inselurlaub
Service