Genau 845 Euro. Als die hässliche Zahl zum ersten Mal ausgesprochen wird, ist es für einen Moment ganz still. Dabei ist hier, in den hellen Räumen der Düsseldorfer Kita Pitsche-Patsche-Händchen alles auf lärmende, spielende Kinder zugeschnitten: Auf dem Boden liegt buntes Holzspielzeug neben weichen Teppichen, an die Wände haben die Erzieherinnen Luftballons und zwei Autos gemalt.

Aber an diesem Donnerstagmittag schlafen die Kinder, die Sandkiste im Garten ist leer, und Nils-Tim Müller-Forte und seine Frau Meike sitzen auf einem schwarzen Sofa und rechnen angestrengt. Ergebnis: 845 Euro müssten sie pro Monat bezahlen, um von November an ihren dann einjährigen Sohn hier unterzubringen – und das in einer öffentlich geförderten, von der Stadt Düsseldorf vermittelten Einrichtung. "Für uns stimmt hier eigentlich alles, die Nähe zum Büro meiner Frau, die Öffnungszeiten, die netten Betreuerinnen, das angebotene Essen – alles ist bestens außer dem Preis", sagt Müller-Forte, ein Lehrer, dessen Elternzeit in wenigen Wochen endet. Die kleine Familie wohnt in einem Dorf im benachbarten Landkreis Viersen, die zuständige Gemeinde verlangt 575 Euro von dem gut verdienenden Paar für den Betreuungsplatz. Die Tagesstätte darf zusätzlich noch 270 Euro fordern, weil sie mit einer Größe von maximal neun Kindern eine Mischung aus Kita und Tagesmutterbetreuung anbietet. Als das Paar sich verabschiedet, hat es beschlossen, andere Möglichkeiten zu suchen. Einfach ist das nicht.

Vor einigen Jahren feierten es viele berufstätige Eltern noch wie einen Lottogewinn, wenn sie überhaupt einen Platz in einer Kita oder bei einer Tagesmutter fanden. Heute aber wächst das Angebot schnell, und seit Anfang des Monats können auch Eltern von Kindern unter drei Jahren notfalls vor Gericht einen Platz einklagen.

Glückssache ist es aber, wie viel Eltern dafür bezahlen müssen – und deshalb wird die Höhe der Gebühren nach dem Streit um Betreuungsgeld und Krippenplätze womöglich das zentrale familienpolitische Thema der kommenden Jahre. Momentan hängt die Höhe der Gebühren nicht nur vom Betreuungsumfang und den Einkommen der Eltern ab, sondern vor allem vom Wohnort. Einige Kommunen verlangen von Gutverdienenden mehrere Tausend Euro im Jahr, andere nichts. Selbst Experten durchschauen dieses Kostenchaos nicht. Es gibt keine zentrale Statistik, keinen Experten, auch keine Bundesbehörde mit einer Antwort auf die Frage, welche Gruppe in Deutschland wie viel für die Betreuung kleiner Kinder zahle.

Entscheidend sind die Finanzlage der Stadt oder Gemeinde sowie der Ehrgeiz der Kommunalpolitiker, die Gebühren nach Einkommen der Eltern zu staffeln. Auf diese Weise wird in manchen Städten über die Kitagebühren längst stärker zwischen Arm und Reich umverteilt als im Steuersystem.

Die Stadt Gelsenkirchen beispielsweise ist stolz darauf, dass sie trotz angespannter Haushaltslage für etwa die Hälfte aller öffentlich betreuten Kleinkinder unter drei Jahren überhaupt keine Gebühren verlangt. In den meisten Fällen liegt das am niedrigen Einkommen der Eltern, hinzu kommen Kinder mit älteren Geschwistern in derselben Kita. Dafür müssen Gutverdienende mit einem Familieneinkommen ab 125.000 Euro im Jahr, einem Kind unter zwei Jahren und mit großem Betreuungsbedarf 770 Euro monatlich bezahlen.

In Münster werden von Eltern bis zu 661 Euro monatlich verlangt, in Recklinghausen maximal 659 Euro. Werden solche Beträge nicht nur für die ganz Kleinen, sondern wie in Münster über mehrere Lebensjahre hinweg verlangt, kommt für Doppelverdiener mit guten Gehältern schnell ein Betrag zusammen, der für den Kauf eines Kleinwagens reichte.

Auch für Zwillingseltern wird es schnell sehr teuer – in Berlin kommt ein gut verdienendes Paar mit zwei gleichaltrigen kleinen Kindern schnell auf 7.000 Euro Belastung im Jahr. Ein Teil davon kann von der Steuer abgesetzt werden. Aber ist es wirklich sinnvoll, dass der Staat erst Geld für Kitas einsammelt und es anschließend wieder erstattet?

Momentan weiß niemand, wie viele Eltern in Deutschland tatsächlich solche besonders hohen Gebühren bezahlen. Sicher ist nur: Das System ist undurchschaubar und oft ungerecht. Ausgerechnet finanziell schwache Städte mit vielen sozialen Problemen verlangen oft besonders hohe Gebühren. Ein Teufelskreis. Diesen Zusammenhang haben auch die Sozialwissenschaftler Achim Goerres und Markus Tepe in einer Untersuchung über die Festsetzung von Kitagebühren ermittelt. Auch der Anteil der Frauen im Gemeinderat spielt demnach eine Rolle – je höher, desto niedriger die Zahlung. "Dass die Kitagebühren so unterschiedlich sind, passt nicht zum Anspruch des Staates, durch öffentlich finanzierte Bildung im ganzen Land gleiche Lebenschancen für seine Bürger zu schaffen", schimpft Katharina Spiess, Bildungsexpertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.