Daniel KehlmannSpiel der Dämonen

Vor acht Jahren erschien "Die Vermessung der Welt". Jetzt hat Daniel Kehlmann einen neuen großen Roman geschrieben: "F". Eine Begegnung mit dem Autor in Paris und Berlin. von 

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann, 38, vor einer Berliner Graffiti-Wand

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann, 38, vor einer Berliner Graffiti-Wand  |  © Julia Zimmermann/laif

1. Im Louvre

Um die Mittagszeit begann es heftig zu regnen, ohne dass dies vorhergesagt worden war, und die Touristen und einheimischen Passanten schoben sich in Häusereingänge, Cafés, Läden – und in Restaurants. Der Schriftsteller Daniel Kehlmann saß verabredungsgemäß in der Brasserie Vagenende auf dem Boulevard Saint-Germain und blätterte in der Speisekarte, als ich mich verspätet und durchnässt an seinen Tisch setzte. Allerlei Verzierungen schmückten den Art-nouveau-Saal, in den zahlreichen Spiegeln sah man sich beständig mehrmals. In einer Ecke standen zwei Kellner, die einander mit wichtigen Mienen etwas zutuschelten. Der eine löste sich schließlich mit herausgestellter Eile vom anderen und nahm die Bestellung auf.

Wir hatten uns verabredet, um zum ersten Mal über seinen neuen Roman zu sprechen, genauer: den meistdiskutierten Roman des Jahres 2013. Denn seit der Vermessung der Welt, dem 2005 erschienenen Weltbestseller, ist naturgemäß jeder neue Roman von Kehlmann der meistdiskutierte Roman des Jahres. Die Vermessung, die um das Leben des Naturforschers Alexander von Humboldt und des Mathematikers Carl Friedrich Gauß kreist, war 2006 das zweitmeistverkaufte literarische Werk der Welt. Allein in Deutschland hat es sich bislang beinahe drei Millionen Mal verkauft. Kehlmann schrieb zwischenzeitlich ein weiteres Buch, den kurzen, experimentellen Roman Ruhm, der – zu seinem Missfallen – etwas kontrovers aufgenommen wurde, er schrieb Theaterstücke und Essays, er arbeitete an Verfilmungen seiner Bücher mit. Jetzt aber, in einer Woche, erscheint der neue, beinahe 400-seitige Roman mit dem geheimnisvoll knappen Namen F.

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Man konnte den Roman, als wir uns im Frühjahr in Paris trafen, noch nicht lesen. Er war gerade wenige Tage zuvor fertig geworden. Kehlmann, danach befragt, ob er denn zufrieden mit dem Abgefassten sei, antwortete knapp und fröhlich: "Ja." Und überreichte dann einen Ausdruck, einen schweren Stapel Papier. Das sei für ein Porträt doch ein guter szenischer Moment.

Nein, über den Roman könne er eigentlich nicht sprechen, er habe vor einiger Zeit eine ihm einleuchtende Glosse in der ZEIT gelesen, in der über die ungute Mode von Schriftstellern räsoniert worden war, ihr eigenes Werk zu interpretieren (ZEIT Nr. 10/09). Das sei die Aufgabe von Kritikern. Im Übrigen: Es sei ein Familienroman. Natürlich sei er froh, dass er abgeschlossen sei, und natürlich, es habe Phasen gegeben, da habe er, Kehlmann, daran gezweifelt, ob er den Roman überhaupt vollenden könne. Und, ja, er habe durchaus ein klein wenig Druck verspürt. Die Vermessung sei schließlich Segen und Fluch zugleich, wobei, recht besehen, natürlich eher Segen als Fluch.

Das Einzige, fuhr Kehlmann heiter fort, was ihn heute ein wenig bedrücke, sei der Vortrag am Abend, den er leichtsinnigerweise zugesagt habe, im Louvre. So sei das immer, man sage zu, denn das Ereignis liege beruhigend weit in der Zukunft, und dann finde es – gegen alle Wahrscheinlichkeit – mit einem Mal tatsächlich statt. Es wurden mit höflicher Umständlichkeit ein Weißwein (ein Chablis), Hühnchenfleisch und ein Fischgericht gebracht.

Im Louvre wurde damals eine heftig diskutierte Ausstellung zur deutschen Kunst gezeigt (ZEIT Nr. 15/13), und Kehlmann sollte im Begleitprogramm eine Rede zum Humor der Deutschen halten. Ein schreckliches Thema, sagte Kehlmann heiter in der Brasserie, während er den Fisch zerlegte: Wenn man über Humor spreche, erwarteten alle, die Rede selbst sei humorvoll. Über Humor komisch zu sprechen sei aber albern, Humor sei nämlich ein ernster Gegenstand. Spreche man dagegen besonders ernst über Humor, mache man sich auch lächerlich.

Man muss sich Daniel Kehlmann als jemanden vorstellen, der eine große und gleichzeitig milde Freude an den Paradoxien und Unbeholfenheiten des Menschen hat und der darüber auch gerne spricht – mit menschenfreundlicher Freude an der Peinlichkeit eines jeden Menschen, die sich daraus speist, dass er sein reiches Innenleben nur unzureichend artikulieren kann. Man hat einen klugen Gedanken und stottert, man hat einen Einfall und errötet, weil man das Gegenüber begehrt, so ergeht es zahlreichen Figuren seines Werkes.

Leserkommentare
  1. dass zwar die Geschmacklosigkeit einer Uhr, nicht aber die Geschmacklosigkeit von Sätzen wie den folgenden erkannt wird: "Das Ringen der Individuen um einen wie auch immer gearteten Anker(...) ist zwar Kennzeichen der in die Jahre gekommenen Moderne, die nur das nackte Leben kennt, das Überleben, den rein weltlichen Ehrgeiz. Bei Kehlmann aber fällt selbst Letzterer weg."
    Anker, um die gerungen wird, rein weltlicher Ehrgeiz, der wegfällt: die bunte Welt aus falschen Wörtern, die hier errichtet wird und in der es irgendwie auch um den "naturgemäß (...) meistdiskutierten Roman des Jahres" geht, belustigt ebenso wie sie verstört: "Kehlmanns F zu lesen bedeutet (...), nach und nach seine Struktur zu erfassen." Bei welchem Roman wäre das nicht der Fall? Und für wie weltfremd muss ein Autor, der erklärt, dass es sich bei Chablis um Weißwein handelt, seine Leser halten? Fehlt da nicht noch die Information, dass Paris die Hauptstadt von Frankreich ist?

    2 Leserempfehlungen
    • Mikoss
    • 24. August 2013 15:12 Uhr

    ...ist dieser Artikel bestimmt nicht.
    Irgendetwas stört mich.
    Ich fürchte, da hat sich ein egalitäres Missverständnis eingeschlichen.
    Bei großen Romanen glaubt man nicht, dass sie von Menschenhand stammen. Sie sind zu groß, zu viel, zu selten, zu gewaltig für die kleine Seele, welche da liest.
    Jetzt kommen, zeitgemäß relativiert, vergleichbare Werke also von Leuten, die ganz und gar nahbar sind, sympathisch unaufgeregt. Leute wie Du und ich, wenn Du Schauspieler und ich Regisseur, Du Kulturjournalist und ich Galeriebetreiber sind.
    Und das sollen wir glauben?!
    Ihr braucht es nur zu sagen, aber sagt es bitte deutlich!
    Schreibt: Daniel Kehlmann ist eine großer Autor, wie Dostojewskij, Melville oder Proust; er hat schon 10 Romane veröffentlicht, lebt in Paris und Berlin, ist immer Mensch geblieben, die Redaktion trifft sich regelmäßig mit ihm.
    SCHRIFTLICH und mit NAMEN, bitteschön.
    Falls ihr das mit viel UNDERSTATEMENT andeuten wolltet.

    Eine Leserempfehlung
  2. hatte auf älteren Reisen mitunter das Bedürfnis, diverse Arbeitsstätten der großen „Unnahbaren“ aufzusuchen.
    Zum Beispiel legendäre Arbeitshütte am Rand von Svendborg, das erste Exil vom großen B.B., jeden Moment konnte ein deutsches U-Boot am Ufer auftauchen.
    Oder ich teilte mit dem „weisen Fritz“ den gewaltigen Blick hoch über Neuchâtel, herablassend gegenüber den massigen Viertausendern, weil ja die Sterne viel bedeutender sind.

    Kaum wird man in fünfzig Jahren DEN Laptop von Daniel Kehlmann oder Clemens Meyer in Marbach etwa direkt neben der Nobelpreis-Urkunde von Hermann Hesse bewundern wollen und können ... oder das Neo-Suffragetten-Kostüm von Charlotte Roche.

    Eine Leserempfehlung
    • wadel
    • 28. August 2013 19:29 Uhr
    4. Logik?

    Mit der Logik hat es der Rezensent wohl nicht so.
    Er trifft sich mit dem Autor in einem Lokal in Paris, um, wie er sicher weiß, über "den meist diskutierten Roman des Jahres 2013" zu sprechen, der aber erst in einer Woche veröffentlicht wird, wobei das Treffen tatsächlich schon im Frühjahr statt fand, als man den Roman überhaupt noch nicht lesen konnte.
    Geht's eigentlich noch dämlicher in der ZEIT?

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    @wadel: Das ist nicht dämlich von der ZEIT. Der Autor wird ein frühes Rezensionsexemplar für die Presse erhalten haben, mit dessen Lektüre er im Frühjahr bereits vetraut war.

    Und dass es das meist diskutierte Buch dieses Jahres sein wird (vergessen Sie mal das wirklich dämliche "Shades of Grey"), mutmaße ich auch. Es handelt sich um einen deutschsprachigen internationalen Bestesellerautoren, dessen neuer Roman (von dem man zurecht erwarten wird, es solle sein bester sein) Ende August erscheint. Das Jahr dauert doch ein wenig und die Buchmesse steht bevor.

    Es wird stimmen.

  3. @wadel: Das ist nicht dämlich von der ZEIT. Der Autor wird ein frühes Rezensionsexemplar für die Presse erhalten haben, mit dessen Lektüre er im Frühjahr bereits vetraut war.

    Und dass es das meist diskutierte Buch dieses Jahres sein wird (vergessen Sie mal das wirklich dämliche "Shades of Grey"), mutmaße ich auch. Es handelt sich um einen deutschsprachigen internationalen Bestesellerautoren, dessen neuer Roman (von dem man zurecht erwarten wird, es solle sein bester sein) Ende August erscheint. Das Jahr dauert doch ein wenig und die Buchmesse steht bevor.

    Es wird stimmen.

    Antwort auf "Logik?"
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    • wadel
    • 30. August 2013 19:28 Uhr

    Der Roman war im Frühjahr noch nicht fertig! Und "meistdiskutiert" ist eine quantitative Aussage - und wer "diskutiert" denn da?

  4. 6. Bieder

    Kehlmanns Romane sind für die Literatur so wichtig wie DIE ZEIT für die journalistische Öffentlichkeit. Bitte nicht missverstehen. Es erfüllt wirklich seinen Zweck, ist unterhaltsam, man spielt gerne mit Analogien und Meta, und es liest sich gut nebenher. Nur: Die Öffentlichkeit wird wo anders gemacht, und damit auch die Gesellschaft. In der FR wurde Kehlmanns letzter Roman einst nicht zu unberechtigt des Kitsches und Biedermeierei bezichtigt.

    • wadel
    • 30. August 2013 19:28 Uhr
    7. Replik

    Der Roman war im Frühjahr noch nicht fertig! Und "meistdiskutiert" ist eine quantitative Aussage - und wer "diskutiert" denn da?

  5. die Zeit mit ihrer Home- pardon: Awaystory nicht allein steht, hat die FAZ Frau von Lovenberg nach London geschickt, um dort Kehlmann zu treffen: "Es passt, dass Kehlmann die Woche vor Erscheinen seines neuen Romans, der am Freitag in die Buchhandlungen kommt, entspannt in London verbringt. Nicht nur, weil er ohnehin viel unterwegs ist und man ihn in Wien oder New York ebenso antreffen kann wie in Berlin, sondern es passt auch, weil sich dieses Kosmopolitentum in seiner Literatur spiegelt." Der kosmopolitische Autor bekennt, dass er eigentlich keine Struktur benötige („Es war das erste Mal, dass sich vieles einfach so ereignet hat und die Figuren mehr als je zuvor ein Eigenleben hatten.“) und die Journalistin beobachtet, dass er doppelte Böden auffächert: "Nie zuvor aber hat der Schriftsteller die doppelten Böden so lässig aufgefächert wie jetzt in „F“."
    Gibt es eigentlich schon Kehlmannbegegnungsreportagen aus Wien, New York oder Zürich?

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