1. Im Louvre

Um die Mittagszeit begann es heftig zu regnen, ohne dass dies vorhergesagt worden war, und die Touristen und einheimischen Passanten schoben sich in Häusereingänge, Cafés, Läden – und in Restaurants. Der Schriftsteller Daniel Kehlmann saß verabredungsgemäß in der Brasserie Vagenende auf dem Boulevard Saint-Germain und blätterte in der Speisekarte, als ich mich verspätet und durchnässt an seinen Tisch setzte. Allerlei Verzierungen schmückten den Art-nouveau-Saal, in den zahlreichen Spiegeln sah man sich beständig mehrmals. In einer Ecke standen zwei Kellner, die einander mit wichtigen Mienen etwas zutuschelten. Der eine löste sich schließlich mit herausgestellter Eile vom anderen und nahm die Bestellung auf.

Wir hatten uns verabredet, um zum ersten Mal über seinen neuen Roman zu sprechen, genauer: den meistdiskutierten Roman des Jahres 2013. Denn seit der Vermessung der Welt, dem 2005 erschienenen Weltbestseller, ist naturgemäß jeder neue Roman von Kehlmann der meistdiskutierte Roman des Jahres. Die Vermessung, die um das Leben des Naturforschers Alexander von Humboldt und des Mathematikers Carl Friedrich Gauß kreist, war 2006 das zweitmeistverkaufte literarische Werk der Welt. Allein in Deutschland hat es sich bislang beinahe drei Millionen Mal verkauft. Kehlmann schrieb zwischenzeitlich ein weiteres Buch, den kurzen, experimentellen Roman Ruhm, der – zu seinem Missfallen – etwas kontrovers aufgenommen wurde, er schrieb Theaterstücke und Essays, er arbeitete an Verfilmungen seiner Bücher mit. Jetzt aber, in einer Woche, erscheint der neue, beinahe 400-seitige Roman mit dem geheimnisvoll knappen Namen F.

Man konnte den Roman, als wir uns im Frühjahr in Paris trafen, noch nicht lesen. Er war gerade wenige Tage zuvor fertig geworden. Kehlmann, danach befragt, ob er denn zufrieden mit dem Abgefassten sei, antwortete knapp und fröhlich: "Ja." Und überreichte dann einen Ausdruck, einen schweren Stapel Papier. Das sei für ein Porträt doch ein guter szenischer Moment.

Nein, über den Roman könne er eigentlich nicht sprechen, er habe vor einiger Zeit eine ihm einleuchtende Glosse in der ZEIT gelesen, in der über die ungute Mode von Schriftstellern räsoniert worden war, ihr eigenes Werk zu interpretieren (ZEIT Nr. 10/09). Das sei die Aufgabe von Kritikern. Im Übrigen: Es sei ein Familienroman. Natürlich sei er froh, dass er abgeschlossen sei, und natürlich, es habe Phasen gegeben, da habe er, Kehlmann, daran gezweifelt, ob er den Roman überhaupt vollenden könne. Und, ja, er habe durchaus ein klein wenig Druck verspürt. Die Vermessung sei schließlich Segen und Fluch zugleich, wobei, recht besehen, natürlich eher Segen als Fluch.

Das Einzige, fuhr Kehlmann heiter fort, was ihn heute ein wenig bedrücke, sei der Vortrag am Abend, den er leichtsinnigerweise zugesagt habe, im Louvre. So sei das immer, man sage zu, denn das Ereignis liege beruhigend weit in der Zukunft, und dann finde es – gegen alle Wahrscheinlichkeit – mit einem Mal tatsächlich statt. Es wurden mit höflicher Umständlichkeit ein Weißwein (ein Chablis), Hühnchenfleisch und ein Fischgericht gebracht.

Im Louvre wurde damals eine heftig diskutierte Ausstellung zur deutschen Kunst gezeigt (ZEIT Nr. 15/13), und Kehlmann sollte im Begleitprogramm eine Rede zum Humor der Deutschen halten. Ein schreckliches Thema, sagte Kehlmann heiter in der Brasserie, während er den Fisch zerlegte: Wenn man über Humor spreche, erwarteten alle, die Rede selbst sei humorvoll. Über Humor komisch zu sprechen sei aber albern, Humor sei nämlich ein ernster Gegenstand. Spreche man dagegen besonders ernst über Humor, mache man sich auch lächerlich.

Man muss sich Daniel Kehlmann als jemanden vorstellen, der eine große und gleichzeitig milde Freude an den Paradoxien und Unbeholfenheiten des Menschen hat und der darüber auch gerne spricht – mit menschenfreundlicher Freude an der Peinlichkeit eines jeden Menschen, die sich daraus speist, dass er sein reiches Innenleben nur unzureichend artikulieren kann. Man hat einen klugen Gedanken und stottert, man hat einen Einfall und errötet, weil man das Gegenüber begehrt, so ergeht es zahlreichen Figuren seines Werkes.