Roman "Im Stein""Gebumst wird immer"

Clemens Meyer erfindet mit seinem Roman "Im Stein" den Wilden Osten. von Ronald Düker

Arnold Kraushaar hat eine Glatze. Und vergräbt seine Hände stets im offenen schwarzen Ledermantel, in dem er auch im Winter außergewöhnlich stark schwitzt. Sollte er einmal lächeln, dann bleiben seine blauen Augen leer. Die Mädchen vertrauen ihm aber. Für einen fairen Typen haben sie den sechsten Sinn. Hundert Euro Tagesmiete gehen an ihn, dafür arbeiten sie auf eigene Rechnung, fünf oder sechs Tage pro Woche, Vollzeit. Die Verträge, die Annoncen, der Papierkram, um all das wird er sich kümmern. Arnold Kraushaar hat einen guten Deal mit der Wäscherei, und bei 90 Grad verflüchtigen sich die Spuren auch noch der größten Sauereien. Man könnte ihn für einen Zuhälter halten. Doch davon kann in Clemens Meyers neuem Roman, in dem er eine zentrale Figur ist, keine Rede sein. Kraushaar macht in Immobilien, und er hält den Mädchen den Rücken frei.

Mit den anderen Nachtgestalten dieses Romans hat Kraushaar zumindest eines gemein: Er arbeitet, wenn andere schlafen. Und wenn er dann allein ist, im Büro da draußen im Gewerbegebiet, dann erblickt er manchmal sein Gesicht, das sich im Fenster spiegelt, und gießt sich Schnaps in schwarzen Kaffee. Die Angst kommt mit der Erinnerung an einen dunklen Moment, obwohl der ihn doch stärker, größer und vernünftiger gemacht hat, als er es je zuvor war. Er war unvorsichtig gewesen damals, jedenfalls nicht so vorsichtig wie sonst, und sie hatten auf ihn geschossen. Deshalb – und nicht weil er der Teufel ist – hinkt Kraushaar ein bisschen.

Anzeige

2006 erschien Clemens Meyers sofort unter Bekenntnis-Verdacht gestellter Debütroman: Als wir träumten handelt vom wilden Treiben einer Leipziger Jugendclique. Danach, im Zweijahrestakt, ein Erzählungsband und ein Tagebuch. Kehrt der Autor nun an den Ort des Verbrechens zurück? Von Leipzig ist in Im Stein, so der zentnerschwere Titel des neuen Epos, aber an keiner Stelle explizit die Rede, dafür von einem utopischen Taschenbuchroman aus DDR-Zeiten: Eden City. Die Stadt des Vergessens. Als hätte Meyer einen Stern am Nachthimmel so lange fixiert, bis er von der Netzhaut verschwunden ist, organisiert er die Handlung um einen blinden Fleck, der so leer ist wie Kraushaars blaue Augen. Im Zentrum dieses hyperexpliziten Romans steht die Sehnsucht nach etwas Unsagbarem.

In rasanten Zeitsprüngen und Perspektivwechseln entwickelt Meyer sein Pandämonium der ostdeutschen Nachwendezeit. Als 1998 in der Leipziger Lokalpresse tatsächlich von Schüssen auf einen Immobilienkönig zu lesen war, hatte der Wilde Osten seinen Crashkurs in Systemwechsel schon absolviert. "Lernen, lernen und nochmals lernen", witzeln die Investoren, die aus Städten wie Bielefeld kommen, denn der Satz stammt von Lenin. Die Moore, die es am Rand der Stadt noch gibt, werden von Bauunternehmern trockengelegt. Ein Bagger birgt darin aber auch die Leiche einer Justizsekretärin, die dem großen Monopoly zu neugierig geworden war. Und der Kommissar, den seine Lieblingsprostituierte zärtlich "Schimanski" nennt, ermittelt vergeblich. Wo sich die Geschäfte selbstständig gemacht haben, gibt es auch keinen Täter mehr. Arnold Kraushaar beherzigt die alte Mafia-Weisheit, nach der auf der Straße nur Kleingeld zu finden ist. Die Unterwelt ist überall und schließlich vor allem da zu Hause, wo es legal zugeht und alle ihre Steuern zahlen. Think big.

Mit dokumentaristischem Fleiß und hohem Tempotreibt Meyer seinen mit Prostituierten, Zuhältern, Polizisten und Investoren besetzten Betroffenenchor vor sich her. Die inneren Monologe und Bewusstseinsströme münden dabei stets in denselben Refrain, der zugleich die salonfähig gewordene Grundannahme des krisensicheren Geschäfts ist: "Gebumst wird immer." "Gebumst" wurde aber auch schon, bevor das überhaupt zum Geschäft wurde, also im Osten. "Keine Huren, kein Business." Und weil sich Meyers Protagonisten noch gut an die warmherzigeren Zeiten erinnern können, macht sich zuweilen Wehmut breit. Der sammelfleißige Autor indessen präsentiert stolz das aktuelle Nachtmenü: "EL. FO. KB. GB. HE. AD. FS. TS. H&H. (Eierlecken, Französisch ohne, Körperbesamung, Gesichtsbesamung, Handentspannung, Analdehnung, Facesitting, Transsexuell, Haus und Hotel.)" Das ist der Kapitalismus. Wie in der Betriebswirtschaft oder der Architektur aus Glas gelten nun auch für die Lust die Verhaltensregeln der Kälte. Und das wird manchmal selbst einem Zuhälter zu viel: "Da draußen herrschen Pest und Cholera. Die Drecksäue lassen sich echt in den Hals scheißen." Nur die "Mädels" – die haben "Herzen wie Diamanten".

Und Meyers Typen? Die haben dann eben doch noch ihren Anstand bewahrt und ihre Melancholie, und ein Herz haben sie auch. So wie der alte Jockey, der einmal im Rennen abgeworfen wurde und ansehen musste, wie sein Pferd mit gebrochenem und nur noch von der Haut zusammengehaltenem Vorderlauf in Richtung Ziel humpelte. Und der nun schon seit einer Ewigkeit durch die Stadt irrt, auf der Suche nach seiner längst in der Unterwelt verschollenen Tochter. Oder wie "Schimanski": Der drückt zärtlich ein funkelndes Drogenkristall zwischen die üppigen Brüste seiner Lieblingsprostituierten und verliert sich in diesem Anblick. Clemens Meyer liebt Jörg Fauser, Hubert Fichte und William S. Burroughs. Und spekuliert um wirklich jeden Preis auf den Effekt der schnellen, atemlosen und krassen Geschichte. Meyer liebt auch die Desperados. Über diese Sehnsucht tappt er aber in eine Falle, die vielleicht der blinde Fleck und ganz sicher das Problem dieses Romans ist. Die ledrig-gutherzigen Typen, Meyers harte Jungs, wirken wie aus dem Kostümverleih. Sie mögen in die hard-boiled novel oder den Tatort vergangener Jahrzehnte passen. Aber nicht zum neuesten Umbau eines Systems, von dem der Autor hier eigentlich in einem großen Gesellschaftsroman erzählen wollte.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Der - m.E. keineswegs besonders populäre, aber vielleicht ja zum Thema des Buches passende - Roman "Eden City - Die Stadt des Vergessens" ist im Text mit einem Link unterlegt, der aber keineswegs zu einer erläuternden Seite sondern zu einer Rezension von "Im Stein" führt. Ist vermutlich ein Versehen ?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir haben die irreführenden Links entfernt.

    Mit bestem Gruß aus der Redaktion
    DH

  2. Redaktion
    2. Links

    Vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir haben die irreführenden Links entfernt.

    Mit bestem Gruß aus der Redaktion
    DH

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service