Helene Hegemann ist eine ernsthafte Schriftstellerin. Ihr neuer Roman wird viele Freunde gewinnen. Er fordert manche Einwände heraus, aber seine Schwächen sind superinteressant. Sie charakterisieren das Buch mindestens so sehr wie das Lob seiner starken Seiten.

Der Roman erzählt vom Geld. Das Geld vermehrt sich in diesem Kunstbesitzer- und Kunstmacher-Milieu wie eine Seuche und muss sofort in symbolisches Kapital transformiert werden: in Vorzeigearchitektur, in Design oder in einen "runtergerockten Porsche", wobei "runtergerockt" wichtig ist, weil Understatement zum Snobismus gehört. Kai und Cecile leben in dieser Welt, durchschauen sie, leiden unter ihr, sind aber auch fasziniert von ihr. Ständig werden irrsinnige Preise genannt, die dieses oder jenes Bild gekostet hat. Weshalb der Roman manchmal etwas Angeberisches hat, als sage die Autorin: Klar finde ich dieses ganze Geld scheiße, aber irgendwie ist es auch ziemlich cool, was ich euch aus dieser durchgeknallten Welt zu erzählen weiß! Kritisch rummäkeln, aber jeden Kaviarempfang mitnehmen. Die Ihr-seid-so-was-von-kaputt-Pose bekommt da etwas Kokettes. Eine Art Sündenstolz, der die eigene Abgefucktheit in literarisches Kapital verwandelt.

Immerzu geht es um Distinktion: Nur durch erfolgreiche subtile Absetzung kann man sich oben auf der Gesellschaftspyramide halten. Und Hegemann ist eine brillante Beobachterin von Distinktionsverhalten. Nur fragt man sich manchmal, warum sie ihre Figuren partout in dieses reiche Kunstmilieu-Gefängnis einsperrt. Man müsste nur einen Schritt zur Seite treten, die Vernissage durch einen Spaziergang im Oderbruch ersetzen, schon wäre man den Psychosozialstress dieser Welt los.

Es gibt noch einen anderen blinden Fleck, den Hegemann nicht wirklich zu Ende reflektiert hat: Die Hölle – das sind die Älteren. Natürlich ist es herrlich erfrischend, wenn Kai in die Gesichter der Erwachsenen schaut, "die alt wie Scheiße waren", und die Erkenntnis, dass "sie früher sterben würden als er selbst", ihn tief befriedigt. Dass Hegemanns Junghelden den Verblendungszusammenhang der Erwachsenen so gut durchschauen, das kommt aber der trivialen Einsicht "Kindermund tut Wahrheit kund" manchmal gefährlich nahe.

Jage zwei Tiger ist rich kid-Literatur in der Nachfolge von Christian Krachts Roman Faserland. Ein klassisches Beispiel für Luxusverwahrlosung. Aber unter den Luxusverwahrlosten gibt es nicht selten Hochbegabte – zu denen wir Kai und Cecile ebenso zählen wollen wie ihre eigensinnige Schöpferin. Natürlich hat die Kombination aus hohem IQ, pubertärer Rebellion und gutem Elternhaus manchmal etwas Überhebliches. Doch Überheblichkeit kann eine der vielen Türen zur Wahrheit sein.

Auf Kais Schultoilette steht: "ficken fetzt". Das kann natürlich nicht das letzte Wort sein. Am Ende werden Kai und Cecile ein zartes, ein leidgeprüft-weises Paar. Sie heiraten. Vorher hatte Detlev Kai bereits erklärt: "Katholizismus ist künstlerische Kommunikation, Größenwahn, eine Art Oper, letztlich die einzige wirklich geile Religion (...) – guck dir an, wie Hedi Slimane letztes Jahr Marilyn Manson und Lindsay Lohan für die neue Saint-Laurent-Kampagne gecastet hat, das hätte er ohne das Bewusstsein, dass Jesus bereits für ihn gestorben ist, definitiv nicht hingekriegt."

Kai und Cecile treten also tatsächlich vor einen katholischen Traualtar. Wo alles zerbricht, hilft nur noch die älteste Institution der Welt. So rasant wie Helene Hegemann hat noch keiner die Kurve gekratzt vom Berghain in den Feuilletonkatholizismus. Chapeau!