Martin Luther King während seiner berühmten Rede "I have a dream" vor 50 Jahren © AFP/dpa

Sie tragen ihre besten Kleider. Sie sind angereist in 30 freedom trains und 2.000 Bussen. Müde sind sie von der Fahrt, aber hochgestimmt. Sie ziehen durch Washingtons Straßen, sie singen ihre Lieder. Sie sind schwarz, sie sind braun, sie sind weiß. Und sie sind viele. Es ist Sommer, ein strahlender Tag, Mittwoch, der 28. August 1963. Am Mittag erreicht die Menge ihr Ziel: den Platz vor dem Lincoln Memorial.

Hier ist die Tribüne aufgebaut. Hier sprechen die schwarzen Bürgerrechtler, als Erster der Erfinder des March on Washington, A. Philip Randolph von der traditionsreichen National Association for the Advancement of Colored People (NAACP). Hier spricht auch der aus Deutschland stammende Rabbi Joachim Prinz, der die Kundgebung mit vielen anderen ins Leben gerufen hat. Mahalia Jackson und Bob Dylan treten auf, Joan Baez singt Oh Freedom!. Und schließlich spricht der Mann, der mit diesem Tag für alle Welt zum Gesicht der Bürgerrechtsbewegung wird, ein Pfarrer aus Atlanta in Georgia, elegant gekleidet und mit schmalem Oberlippenbart: Martin Luther King.

Als er hinter das Mikrofon tritt, blickt er über ein Meer von Menschen. 250.000 sind gekommen, 60.000 davon Weiße. Marlon Brando und andere Hollywood-Stars stehen in der Menge und 150 Kongressmitglieder – versammelt unter dem Denkmal jenes Mannes, der vor damals 100 Jahren gleiche Rechte für alle versprochen hat.

Die halbe Nacht hat King am Manuskript gefeilt, nun hält er sich nur vage daran. "Uns allen war", erinnerte sich später seine Frau Coretta Scott King, "als kämen seine Worte aus einer höheren Region."


Seine Rede
ist die vielleicht bedeutendste in der US-Geschichte des 20. Jahrhunderts – wobei vor allem eine Passage in Erinnerung geblieben ist, die mit den Worten anhebt: "Heute sage ich, meine Freunde: Trotz der Schwierigkeiten von heute und morgen habe ich einen Traum." Zu einer so vertrauten Wendung sind diese Worte geworden, dass man vergisst, wie oft der Mann für seinen Traum geschlagen und verhaftet wurde. King träumte mit offenen Augen – zu einer Zeit, als dies lebensgefährlich war. "Ich habe einen Traum", ruft er der Menge zu, "dass sich eines Tages die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenbesitzern auf den roten Hügeln von Georgia am Tisch der Brüderlichkeit gemeinsam niedersetzen können. [...] Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden."

So gut wie vergessen ist ein anderes, ein fordernderes Bild, das King benutzte: die Metapher vom Scheck über den Gleichheitsanspruch, den einzulösen Amerika seinen nichtweißen Bürgern nach wie vor verweigere. "Statt seine heiligen Verpflichtungen zu erfüllen", prangert King an, "hat Amerika den Negern einen Scheck gegeben, der mit dem Vermerk zurückgekommen ist: 'Keine Deckung vorhanden'."

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Der Beifall, der über den weiten Platz rauscht, klingt, als habe er nicht von einem Traum gesprochen, sondern schon verkündet, dass er wahr geworden sei. Das Ziel scheint zum Greifen nah. Und noch keiner ahnt, welch brutale Gegengewalt schon wenig später über das Land hereinbrechen wird. "Free at last", endlich frei, beendet King, einen alten Gospelgesang zitierend, seine Ansprache: "Allmächtiger Gott, wir sind endlich frei!"

Die Kirche, der Glaube an Erlösung und Gemeinschaft, hat Martin Luther King geprägt wie Millionen Schwarze in den USA vor und nach ihm. Am 15. Januar 1929 kommt er in Atlanta zur Welt, als zweites Kind der Familie. Sein Vater, Martin Luther King senior, ist Pfarrer der Baptistengemeinde, ein stolzer Mann, der es zu bescheidenem Wohlstand gebracht hat. Seine drei Kinder wachsen geborgen und abgesichert auf. Und er lehrt sie, sich zu wehren, ohne zu hassen: "Nichts, was der Mensch tut, erniedrigt ihn so sehr, wie wenn er derart tief sinkt, dass er einen anderen hasst." Dieser Satz wird für Martin Luther King zum Leitspruch in seinem Kampf gegen das, was man in den USA kurz Jim Crow nennt.