Die moderne Hochleistungskuh hat kein schönes Leben. Eingezwängt zwischen Artgenossinnen im Betonbodenstall und beinahe dauerschwanger fristet sie ihr Dasein – zum Nutzen der Konsumenten. Früher diente die Milchproduktion des Tieres in freier Natur der Aufzucht eines Kalbs. Der domestizierende Mensch aber hat in diesen Prozess eingegriffen: Heute werden Milchkühe befruchtet, um den Milchausstoß hoch zu halten.

Der leistungsoptimierten Turbokuh reicht Grünzeug als Nahrung längst nicht mehr. Kraftfutter hilft ihr dabei, pro Stunde zwei Liter Milch zu produzieren. Mit einem Trick, dem Spitzensport entlehnt, lässt sich der Ertrag noch steigern: Kühe kann man dopen. Nicht offiziell, es handelt sich um eine Nebenwirkung. Ein neues Präparat des Pharmakonzerns Eli Lilly, ursprünglich als Medikament gegen eine Kuhkrankheit entwickelt, sorgt bei der gesunden Kuh eingesetzt dafür, dass das Tier mehr Milch gibt. Die ersten Veterinäre schlagen nun Alarm: Sie warnen vor der flächendeckenden Einführung von Doping durch die Hintertür.

Eine Hochleistungskuh bringt es heute auf bis zu 15.000 Liter pro Jahr. Das ist dreimal so viel wie vor 60 Jahren. Diese Leistung geht dem Tier an die Substanz, denn um täglich 50 Liter Milch im Euter zu sammeln, pumpt sie umgerechnet einen Tanklastzug voll Blut durch ihren Organismus: 30.000 Liter. Jeden Tag. Solche Kühe werden statt eines Vierteljahrhunderts durchschnittlich gerade mal fünf Jahre alt.

Die Erträge sind nicht einfach zu erwirtschaften. Milchbauern müssen die Tiere ausgeklügelt "managen" – Weidegänge sind da zu ineffizient. Die Tiere fressen hochenergetisches, einweißhaltiges Kraftfutter (oft aus Sojaschrot), gemixt mit Zusätzen aus dem Chemiebaukasten: Glycerinpropylenglykol, saure Salze und Harnstoff.

Das führt zu Überlastungssymptomen. "Entsprechende Erkrankungen der Tiere sind angesichts solcher Leistung an der Tagesordnung. Wir haben das gut dokumentiert", sagt der emeritierte Professor Holger Martens. Der langjährige Vorsitzende der Deutschen Veterinärmedizinischen Forschungsgesellschaft beobachtet, dass Entzündungskrankheiten an Uterus, Klauen und Euter vermehrt auftreten.

Hinzu kommt, dass der Übergang von der Zeit, in der Kühe keine Milch geben (das sogenannte Trockenstehen sechs Wochen vor der Kalbung) und den ersten Monaten der Laktation für viele Hochleistungskühe eine lebensgefährliche Phase sein kann. Trotz hoher Kraftfuttergaben und ausgeklügelten Futtermanagements geraten diese Kühe in ein lebensgefährliches Energiedefizit. Beim Abbau von körpereigenem Fett fallen große Mengen an Ketonkörpern an – zu viel für die Leber, das Entgiftungsorgan des Tiers. Die Folge kann eine Ketose sein, ein Risiko, das bei der Zucht moderner Hochleistungskühe in Kauf genommen wird.

Abhilfe bietet das Medikament Kexxtone. Es sorgt dafür, dass die Symptome nicht mehr auftreten – und gereicht dem Produzenten zum wirtschaftlichen Vorteil. Dank der Arznei gibt das Tier jährlich eine halbe Tonne mehr Milch. Darum verabreicht mancher Milchproduzent das Medikament sechs Wochen vor der Kalbung vorbeugend – zu einem Zeitpunkt also, an dem die Krankheit noch gar nicht eindeutig diagnostizierbar ist. Kexxtone wird über eine Art Druckluftpistole durch den Schlund "in die Kuh gebracht". Doping auf einfachste Art.

Der Nebeneffekt von mehr Milch rechnet sich

Die Verantwortung liegt letztlich beim Tierarzt, der dem Bauern das Medikament verkauft. Einer, der dieses Geschäft nicht mitmachen will, ist der Veterinär Rupert Ebner aus Ingolstadt. Er riskiert allerdings, dass er seine Milchbauernkunden teilweise an Kollegen verliert, die bereitwillig (und völlig legal) Kexxtone verordnen. Eine Einmalbehandlung kostet knapp 30 Euro, der Wirkstoff bleibt 95 Tage lang in der Kuh aktiv.

Der Nebeneffekt von bis zu 3,5 Litern Milch mehr pro Tag rechnet sich. 100 Euro zusätzlicher Gewinn pro Kuh und Jahr lassen sich damit herausholen. Eli Lilly hat einen günstigen Zeitpunkt für die Markteinführung von Kexxtone gewählt: 2015 wird EU-weit die Milchquote abgeschafft. Viele kleinere Bauern bereiten sich schon jetzt auf einen harten Wettbewerb mit rasant verfallenden Milchpreisen vor und stocken ihre Herde auf.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit erklärt auf schriftliche Nachfrage, kein Missbrauchspotenzial bei dem Medikament zu sehen. Eine Vertreterin des Bundesamts hat als Abgesandte an den Konferenzen auf EU-Ebene teilgenommen und der Einführung von Kexxtone zugestimmt. Der Einsatz sei unbedenklich, hieß es damals.

Diese Einschätzung hat eine Vorgeschichte. Die Herstellerfirma Eli Lilly hatte vor Einführung von Kexxtone eine deutliche Anhebung der Rückstandshöchstmengen in Leber und Niere der Milchkühe für den darin enthaltenen Wirkstoff Monensin beantragt – und überraschenderweise genehmigt bekommen. Das war im Jahr 2006 noch anders: Damals hatte die EU Monensin als Futterzusatz verboten, weil es sich um einen problematischen Wachstumsstoff handelt.

Die Menge des Wirkstoffs in dem neuen Medikament Kexxtone ist nahezu identisch mit jener Menge, die bis 2006 mit dem Futter verabreicht wurde. Wegen unnatürlicher Wachstumsförderung hatte man diesen Inhaltsstoff zusammen mit anderen Antibiotika seinerzeit verboten. Dank des neuen Grenzwerts aber kommt der bedenkliche Wirkstoff wieder durch die Hintertür zum Einsatz. Angeblich risikofrei – zumindest von Amts wegen.