Das Gegenteil von Sicherheit ist Gefahr. Unsere Welt ist voll von Gefahren, nicht nur für Leib und Leben, sondern auch für Eigentum, Vermögen, Selbstbestimmung. Je unermesslicher die Großgefahren für den Planeten, desto sensibler werden wir für die Bedrohungen unserer Rechtsgüter. Ihnen drohen Gefahren vor allem vom Mitbürger. Wir verstehen ihn, denn er will, was wir wollen. Strafe ist daher Korrektur: Ausgrenzung, Vergeltung, Abschreckung. Aber auch Absolution.

Zwischen dem Wahnsinn und der Straftat hat man lange nicht unterschieden. Vom 17. Jahrhundert an entstanden "Zucht- und Tollhäuser", in welche man Verbrecher und Irre, Bettler, Dirnen und Außenseiter sperrte, auf dass sie zur Vernunft kämen: durch Arbeit, Einsamkeit und allerlei Therapie, die sich von Folter nicht unterschied. Wer nicht vernünftig werden wollte, blieb eben bis zum Tode.

Dass Wahnsinn und Schuld nicht dasselbe seien, ist eine Idee vom Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie setzt ein Bild des Menschen voraus, das wesentlich auf das Postulat der Entscheidungsfreiheit gestützt ist: Straftäter entscheiden sich frei für oder gegen ihre Tat. "Wahnsinnige" können dies nicht: Sie begehen Taten, weil sie "verrückt" sind. Den Menschen in seiner Würde anzuerkennen setzt voraus, ihn für vernünftig zu halten. In diesem Konzept sind die Ursachen der Regelabweichung streng geschieden, deshalb müssen es auch die Folgen sein.

Schuld muss man bestrafen. Wahnsinn kann man nicht bestrafen, seine Folgen sind Schicksal. Die Gefährlichkeit des Schuldigen bekämpft man, indem man seine Handlungsmotive korrigiert, die des Wahnsinnigen, indem man ihm die Möglichkeit selbstbestimmter Handlungsmotivation verschafft. Dies ist der Grundgedanke der sogenannten Zweispurigkeit des Strafrechts, deren aus dem 19. Jahrhundert stammende Idee in Deutschland 1933 im Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher umgesetzt wurde.

Dem totalitären Staatsverständnis dieser Jahre kam die Vorstellung einer von bestimmbarer "Schuld" freien Gefahrenbekämpfung durch "Besserung und/oder Sicherung" sehr entgegen. Denn Therapie kennt – wie die Krankheit, die sie heilen soll – aus sich selbst heraus keine Grenzen. Sie ist angewandte Naturwissenschaft, daher von Natur aus totalitär. Sie will – wenn man sie lässt – den Menschen stets ganz und gar: verstehen, rationalisieren, heilen. Soll sie begrenzt werden, kann dies nur von außen, durch rechtliche Regeln und Kontrolle, geschehen.

Dies ist, vereinfacht, der Hintergrund der Anordnung von "Maßregeln", namentlich solchen, die mit Freiheitsentziehung verbunden sind: Unterbringung in einer Entziehungsanstalt, in einem psychiatrischen Krankenhaus und in der Sicherungsverwahrung. Maßregeln sind konzeptionell das Gegenteil von Strafe: Sie setzen nicht Schuld voraus, sondern (nur) Gefahr. Wer vom rechtsstaatlich-strafrechtlichen Denken herkommt – Strafrichter, Staatsanwälte und Strafverteidiger –, tut sich schwer damit, das Übel solcher Maßnahmen zu erkennen: Wo keine "Schuld" ist, beginnt in diesem Denken der blaue Himmel der puren Wohltat.

Ein Sonderfall ist die Sicherungsverwahrung. Über sie ist in den letzten Jahren viel diskutiert, geschrieben, entschieden worden. Kürzlich hat der Gesetzgeber sie wiederum neu konzipiert. Sie ist der dunkle Keller des rechtsstaatlichen Strafrechts. Sie gründet auf der Idee, dem Menschen könne ein "Hang" zu Straftaten innewohnen wie eine Krankheit. Man muss nicht schuldig sein, um in die (grundsätzlich lebenslange) Sicherungsverwahrung eingewiesen zu werden – bloß gefährlich. Als unter der Gürtner/Freisler-Kommission im Jahre 1935 das zukünftige NS-Strafrecht konzipiert wurde, war man sich einig, dass es – schon immer – Menschen gebe, die einen solchen Hang haben. Die deutschen Richter aber, so meinte man damals, würden sich (leider) nicht bewegen lassen, wegen Bagatelltaten endlose Strafen zu verhängen. Deshalb (!) erfand man den "Hang" als angeblich schuldunabhängige Persönlichkeitskonstellation. Von nun an wurden die Gewohnheitstäter nicht mehr bestraft, sondern im Interesse der allgemeinen Sicherheit verwahrt, bis sich ihr "Hang" durch Abstumpfung und Alter "besserte". Oder bis sie starben.