Chiles MilitärregimePinochets stille Berater

Chile zur Zeit der Militärdiktatur: Während Ebert- und Adenauer-Stiftung die Opposition unterstützten, kümmerte sich die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung sehr intensiv um das Regime. von Jeanette Erazo Heufelder

Es war der andere 11. September, der 11. September 1973. An jenem Tag vor 40 Jahren stürzte die chilenische Armee mithilfe der USA die demokratisch gewählte Regierung des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Die Diktatur währte anderthalb Jahrzehnte, über 3.000 Menschen wurden von dem Regime umgebracht, an die 30.000 verhaftet und gefoltert, Hunderttausende ins Exil getrieben.

Erst im Herbst vor 25 Jahren ging die Schreckenszeit zu Ende. Am 5. Oktober 1988 sollte ein Plebiszit die weitere Herrschaft von General Augusto Pinochet legitimieren. Überzeugt davon, dass die Chilenen die Segnungen der Diktatur begriffen hätten, stellte sie der 73-jährige Junta-Chef vor die Wahl: ich oder das Chaos. Vor der Volksabstimmung ließ er noch Renten aufstocken, den sozialen Wohnungsbau fördern und die Zölle für Fernseher senken. Trotzdem stimmte die Mehrheit der Chilenen bei überwältigender Wahlbeteiligung gegen ihn.

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An die zum Zerreißen gespannte Stille jener Abstimmungsnacht erinnert sich Dieter Oberndörfer noch heute. Der langjährige Direktor des Freiburger Arnold-Bergstraesser-Instituts, der vor dem Plebiszit eine Meinungsumfrage betreut hatte, wartete an diesem Abend in der deutschen Botschaft in Santiago auf das Wahlergebnis. "Der Botschafter hatte Außenminister Genscher Pinochets Niederlage prognostiziert, ich einem Kabinettsmitglied. Trotz unserer Umfragedaten war uns beiden dann doch mulmig zumute. Dazu die Totenstille in Santiago und die sich widersprechenden Radiomeldungen der Regierung und der Christdemokratischen Partei Chiles über den Ausgang des Plebiszits."

Noch Stunden nach Schließung der Abstimmungslokale wurden Pinochet von seinem Staatssekretär gefälschte Hochrechnungen präsentiert, die ihn im Amt bestätigten. Die Opposition, welche die Stimmen parallel auszählte, um Wahlbetrug zu verhindern, informierte die Junta-Mitglieder über den tatsächlichen Zwischenstand, bei dem sich ein klares Nein zu Pinochet abzeichnete. Bis dem Diktator in der Nacht endlich die richtigen Zahlen vorgelegt wurden, war es zu spät, das Plebiszit für ungültig erklären zu lassen, da Luftwaffenchef Fernando Matthei vor der Presse bereits den Sieg der Opposition eingeräumt hatte. Der Weg war offen für freie Wahlen im darauffolgenden Jahr.

Hanns Seidel Stiftung

Die Stiftung wurde 1966 gegründet. Seidel (CSU) war Ende der fünfziger Jahre bayerischer Ministerpräsident.

Der Opposition war es gelungen, das Regime nach seinen eigenen Spielregeln zu schlagen. Unterstützt wurde sie dabei von zwei großen bundesdeutschen politischen Stiftungen, die seit den sechziger Jahren in Chile tätig waren: der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Letztere hatte wegen ihrer Nähe zu den Gewerkschaften nach dem Putsch ihr sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut nach Ecuador verlagern müssen und war erst seit 1981 wieder mit einem Büro in Santiago de Chile vertreten. Die Adenauer-Stiftung konnte bleiben und setzte ihre Zusammenarbeit mit der chilenischen Christdemokratie unter der Diktatur fort. Wie auch die Ebert-Stiftung verfolgte sie dabei das Ziel, über ihre Partnerorganisationen den Dialog mit anderen Oppositionsgruppierungen zu fördern.

In der harten Phase der Repression hatte die Ebert-Stiftung vor allem Überlebenshilfe in Form von Stipendien und Solidaritätsbekundungen geleistet. 1982 begann sie parteienübergreifend die "Gruppe der 24" zu unterstützen. So nannte sich der Bund namhafter chilenischer Juristen, dem auch die späteren Präsidenten Ricardo Lagos und Patricio Aylwin angehörten. In ihren Reihen wurde die Idee einer "Regierung der nationalen Einheit" geboren.

Für einen Sieg beim Plebiszit und damit für das Ende der Diktatur hatten die beiden deutschen Stiftungen der Opposition ihr gesamtes technisches und beratendes Know-how zur Verfügung gestellt. Nicht dabei war allerdings eine dritte deutsche Stiftung: die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung, die seit 1983 ebenfalls mit einem Mitarbeiter in Chile vertreten war. Sie lehnte die Strategie der Opposition ab. Stattdessen setzte sie auf Partnerschaften im rechtskonservativen Lager – ohne sich selbst allzu offensichtlich zu kompromittieren und finanziell an der Kampagne für das Ja zu Pinochet zu beteiligen.

Leserkommentare
  1. ??

    Anm. d. Red.: Eine kleine Laune der Technik ließ heute morgen unter diversen Artikeln den Kommentarbereich verschwinden. Der Fehler ist mittlerweile behoben, die fehlenden Kommentarbereiche werden gerade wieder eingepflegt. Die Redaktion/at

  2. http://www.arte.tv/guide/...
    Eine sehr berührende Dokumentation.
    Meine politische Bewusstwerdung begann vorsichtig mit Studentenbewegung und dem Vietnamkrieg, da war es vor allem eine Antikriegs-Einstellung.
    Mit dem chilenischen Putsch des Verbrechers Pinochet bekam ich das Gefühl für die tatsächlich stattfindenden Klassenkämpfe und die Skrupellosigkeit der reichen Klasse, auch demokratische Wahlergebnisse zu ignorieren und in Blut zu ertränken.
    Als sehr junge Frau war ich bei vielen Chile-Demonstrationen, bei vielen Solidaritätsveranstaltungen, ich hörte die Musik von Victor Jara, von Quilapyun, Inti Illimani. Nun erst begriff ich auch, wie skrupellos CIA und die USA reaktionäre brutale Regime installierten und unterstützten.
    Verbindet man die durch Snowden offengelegten NSA-Aktivitäten mit den Erfahrungen der immer wieder geschehenden Putsche und auf Lügen basierenden Kriege, dann muss man wissen, dass diese Daten genau dazu gesammelt werden, wozu sie schon in Chile gedient haben: zur Ausschaltung von Opposition gegen eine herrschende Klasse aus Wirtschaft, Großgrundbesitzern, Finanzindustrie, Militärindustrie und Politik.

    19 Leserempfehlungen
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    http://www.arte.tv/guide/...
    Chile und Diktatur des freien Marktes.

  3. http://www.arte.tv/guide/...
    Chile und Diktatur des freien Marktes.

    5 Leserempfehlungen
  4. haben die USA ihre - blutigen Finger - im Spiel.

    Und es macht mich zunehmend fassungslos, was für eine abgründige, unheilvolle Rolle in dieser Zeit, und in fast allen Konflikten (Vietnam, Chile, Argentinien, etc.) der amerik. Aussenminister Henry Kissinger spielte!

    Da hat man einen der schlimmsten Kriegsverbrecher seiner Zeit auch noch zum Friedensnobelpreisträger gemacht...

    Absolut sehenswerte Doku: Henry Kissinger, Kriegsverbrecher und Nobelpreisträger
    http://www.youtube.com/wa...

    9 Leserempfehlungen
    • Ersti
    • 11. September 2013 13:51 Uhr

    feststellen zu müssen, dass vor seiner Wahl massiv vom KGB unterstützt wurde (mit weit höheren Summen als sein Herausforderer durch die CIA) und sich später von Moskaus aushalten ließ?

    Eine Leserempfehlung
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    • michati
    • 12. Dezember 2013 22:09 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Danke, die Redaktion/jp

    • michati
    • 12. Dezember 2013 22:27 Uhr

    schämen Sie sich !

  5. Wir richten eine Professur für Internationale Beziehungen und Völkerrechtsordnung (!) für Pinochets guten Freund Henry Kissinger ein. Der gute Mann soll als der Friedenspolitiker der er ja war geehrt werden. Friedens- und Sicherheitspolitik im Namen Kissingers soll gefördert werden: Also ein hoch auf den Friedenspolitiker Kissinger, welcher für den Putsch in Chile, die Bombardierung des neutralen Kambodschas, der Invasion Osttimors durch Indonesien, die Massaker in Ostpakistan und viele andere Friedensakte mitverantwortlich ist, welche nach geltendem Internationalen Recht Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen darstellen.

    http://de.wikipedia.org/w...
    http://www.auswaertiges-a...
    http://www.general-anzeig...
    http://www.imi-online.de/...

    3 Leserempfehlungen
  6. Am 12. September 1973 schrieb "Bild": " Drei Jahre Marxismus - und Chile war kaputt. ... Jetzt hat die Armee endlich nicht mehr stillgehalten".
    "Die Welt" ergänzte am 2. Oktober 1973: "Die Menschen fühlen eine Befreiung von dem Alpdruck, den Allende und, mehr noch, seine Trabanten für sie bedeutet haben".
    Wären diese Einsichten - bezogen auf die eigenen roten Diktatoren - seinerzeit auch schon zwischen Marienborn und Wladiwostok tragendes Gemeingut gewesen, wären uns allen wenigstens 16 überflüssige sozialistische/kommunistische Jahre (von 1973 bis 1989) erspart geblieben.

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    Danke dass Sie an dieser Stelle darauf hinweisen, dass auch die geistig-moralischen Nachfolger des "Stürmer" und des "Völkischen Beobachters" als Presseaussscheidungsorgane das Foltern und Morden des Pinochet-Regimes von Anfang an bejubelt haben.

    Die chilenischen Richter haben sich inzwischen wenigstens für ihre Unterstützung des Diktators entschuldigt.
    Von den rechtsbraunen deutschen Jubelpersern Pinochets in Presse und "christlichen" Parteien ist das bestimmt zuviel verlangt.

    In diesen Zusammenhang passt, dass unser "christlich-demokratischer" Verkehrsminister Ramsauer noch Anfang 2011 Syriens Diktator Assad besucht und beschleimt hat:
    http://www.ftd.de/politik...

    Die Liebe zu Diktatoren und ihren Methoden und die Verachtung für Menschenrechte, hat gerade in den "christlichen" Parteien eine lange und ungebrochene Tradition seit der Zeit, als deren Vertreter freudig das Ermächtigungsgesetz beklatschten.
    Aber nicht nur dort, denn die spezialdemokratische Lichtgestalt Helmut Schmidt vertritt dieselbe Ideologie.

    Das werden auch wir in Deutschland noch zu spüren bekommen: wenn Menschenrechte schon nicht auf Syrer "übertragbar" sind wie Ramsauer so nett formulierte, warum sollten sie dann auf deutsche Regimekritiker, Demonstranten und Oppositionelle übertragbar sein?

    Eigentlich gelten Menschenrechte nur rein virtuell für diejenigen, die nicht die Frechheit besitzen sie tatsächlich einzufordern.

    • michati
    • 12. Dezember 2013 22:16 Uhr

    "Am 12. September 1973 schrieb "Bild": " Drei Jahre Marxismus - und Chile war kaputt. ... Jetzt hat die Armee endlich nicht mehr stillgehalten".
    "Die Welt" ergänzte am 2. Oktober 1973: "Die Menschen fühlen eine Befreiung von dem Alpdruck, den Allende und, mehr noch, seine Trabanten für sie bedeutet haben".
    Na

  7. Hier ist eine gute Zusammenfassung aller Militärregime und kladistinen Aktionen, die die USA in Südamerika durchgeführt haben. Die 3.000 Toten sind nämlich völlig untertrieben. Schon allein durch die neoloberalen Wirtschaftssanktionen sind zehntausende verhungert. In anderen Ländern wie Kolumbien oder Argentien oder gar Nicaragua sind Hunderttausende durch direkte Beihilfe der USA ermordert worden.

    http://de.wikipedia.org/w...

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