Das war meine Rettung"Ich wies die Leute auf Schwyzerdütsch in die Schranken"

Sunnyi Melles wuchs als Kind einer staatenlosen Emigrantin auf. Durch alle Schwierigkeiten rettete sie der Humor. von Louis Lewitan

ZEITmagazin: Frau Melles, als Schauspielerin glänzen Sie auf der Bühne und im Film. Ist Ihnen der Erfolg in den Schoß gefallen?

Sunnyi Melles

54, besuchte die Otto-Falckenberg-Schauspielschule, 1980 wurde sie ins Ensemble der Münchner Kammerspiele aufgenommen. Von September an ist sie am Wiener Burgtheater zu sehen, am 26. August führt sie bei den Salzburger Festspielen mit Alexander Pereira durch "Die Entführung aus dem Serail". Melles ist mit Peter Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Sayn verheiratet, sie lebt in München

Sunnyi Melles: Ja, das denken viele, ich wirkte wohl schon immer verwöhnt – man glaubt, als Prinzessin wohne ich in einem Schloss, aber ein Schloss besitze ich nur an meiner Tür. Man sieht nicht die viele Disziplin und Arbeit, die der Beruf des Schauspielers abverlangt. Verwöhnt wurde ich nur durch die Liebe meiner Mutter, die mich noch heute erfüllt, und durch meine Familie. Das ist mein Rettungsanker. Jeder sollte einen solchen Anker für sich finden, ich kann nicht immer erwarten, gerettet zu werden.

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ZEITmagazin: Wo sind Ihre familiären Wurzeln?

Melles: Obwohl meine Eltern und mein Bruder nicht mehr am Leben sind, liegen meine Wurzeln in Ungarn. Alle drei flohen 1956 aus Budapest. Mein Vater war Dirigent, meine Mutter Schauspielerin. Mein Vater hatte aufgrund seiner jüdischen Herkunft sehr viel Leid erfahren müssen. Meine Mutter wollte nicht in einem Land leben, wo sie hätte Leute denunzieren müssen. In ihrer politischen Haltung bleibt sie für mich ein Vorbild. Ich kam in Luxemburg zur Welt, nach der Scheidung meiner Eltern sind mein Bruder und ich mit meiner Mutter in die Schweiz gegangen. Schlimm war, dass meine Mutter aufgrund ihrer Flucht staatenlos wurde, wir besaßen fünfzehn Jahre lang keinen Pass. Heute fast unvorstellbar. Das tägliche Überleben war uns immer vor Augen. Damals war Humor unser Rettungsanker.

ZEITmagazin: Wie war es als Staatenlose und Tochter einer alleinstehenden Emigrantin, in der Schweiz aufzuwachsen?

Melles: Die Ausländerfeindlichkeit haben wir öfters am eigenen Leib erfahren. Immer wieder sagte meine Mutter, verschiedene Sprachen zu sprechen sei das Tor zur Welt. Als Schauspielerin musste sie zunächst Deutsch lernen. Wenn meine Mutter in Basel in einem Geschäft mit ungarischem Akzent auf Hochdeutsch etwas bestellte, hörte ich manchmal abfällige Kommentare. Um nicht aufzufallen, sprachen wir oft Französisch miteinander. Um meine Mami zu beschützen, wies ich die Leute auf Schwyzerdütsch in die Schranken, denn das kann ich perfekt. Was uns stärkte, waren ihre Erzählungen über ihre Liebe zu ihren Eltern und zu meinem Vater. Immer wieder wollte ich ihre Erlebnisse erzählt bekommen, obwohl ich sie schon tausend Mal gehört hatte, und heute erzähle ich sie meinen Kindern. Das Erzählen gibt mir eine innere Kraft.

ZEITmagazin: Nach der Schule wollten Sie in Deutschland Schauspiel studieren.

Liebeskolumne
Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer

Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer  |  © Neophoto/Photocase

Melles: Als ich am Telefon erfuhr, dass ich in München aufgenommen wurde, wollte ich es gar nicht glauben: "Aber ich heiße Sunnyi Melles!" – "Ja, ja, Sie sind aufgenommen. " Meine Mutter und ich haben uns so gefreut. Erst später wurde mir klar, was sie mir ermöglicht hatte. Obwohl ihre Angehörigen über die ganze Welt verstreut waren, blieb sie in einem fremden Land zurück und ließ mich ziehen. Dafür bin ich ihr ewig dankbar.

ZEITmagazin: Sie sind eine großartige Schauspielerin, aber Sie gelten auch als schwierig.

Melles: Ich hoffe doch. Im Leben wie in der Kunst kann ein falsches Harmoniebedürfnis fatal sein. Dieses Nichtwidersprechen, keine Meinungsverschiedenheit zulassen, kein Andersdenken und Andersfühlen ... In der Kunst ist es wie im Leben: Bei aller Findung der Wahrhaftigkeit, die nicht immer einfach zu leben ist, stößt man oft an Grenzen und muss dafür nicht nur kämpfen, sondern auch verlieren können. Wichtig sind gegenseitiger Respekt, Humor und Vertrauen. Diese Eigenschaften sind nicht immer gegeben. Man muss sie sich erarbeiten, zusammen mit dem Gegenüber. Wenn ich das geschafft habe, weiß ich, dass das "Schwierig-Sein" sich immer wieder lohnt.

ZEITmagazin: Welches Gefühl beschleicht Sie, wenn Sie auf der Bühne oder vor der Kamera stehen?

Melles: Wenn alle Augen auf Sie gerichtet sind, sind Sie automatisch Kritik ausgesetzt. Mal sind Sie fantastisch, mal sind Sie grauenhaft, mal zu alt, zu jung, zu dünn, zu dick, zu blöd, zu kompliziert, zu blond. Kritik gehört zu meinem Beruf, auch darum liebe ich ihn. Ich fühle mich immer nackt, wenn ich spiele, weil ich meine Seele entblöße. Wenn ich eine schlechte Kritik bekomme, geniere ich mich, am nächsten Tag in ein Geschäft zu gehen, weil ich verwundet bin. Ich bemale meine Lippen, um etwas anzuhaben. Trotzdem lese ich jede Kritik. Als Erstes schaue ich, wer sie geschrieben hat. Ich brauche das Gegenüber.

Louis Lewitan

gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Lara Fritzsche und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe. Der Psychologe und Coach lebt und arbeitet in München

ZEITmagazin: Gibt es einen Leitsatz, der Sie durchs Leben führt?

Melles: Ich höre immer den Satz meiner Mutter: "Ich werde dir immer die Wahrheit sagen, weil ich dich uneigennützig liebe." Diesen Satz sage ich auch jetzt immer wieder meinen Kindern, meinem Mann und versuche, diese Haltung auch anderen zuzumuten: Bleib wahrhaftig!

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Leserkommentare
    • Lamures
    • 24. August 2013 16:20 Uhr

    Sehr schönes Interview, eine starke Meinung eines starken Menschen.

    4 Leserempfehlungen
  1. Aber aufgrund dieses Interviews finde ich sie irgendwie extrem unsympathisch.

    5 Leserempfehlungen
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    ist sie unsympatisch?

    Ich habe versehentlich Ihren Kommentar (Nr.2) positiv beurteilt, weil ich ihn hastig las und annahm Sie schrieben, dass Fr. Melles Ihnen sympathisch wäre. dies nur zur Richtigstellung für eine Positivbewertung zuviel.

    Warum können Sie wohl nicht genauer sagen??

  2. Eine sehr schöne Frau mit klarer Meinung

    2 Leserempfehlungen
  3. 4. Warum

    ist sie unsympatisch?

    3 Leserempfehlungen
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    "Die Ausländerfeindlichkeit haben wir öfters am eigenen Leib erfahren. [...] Um meine Mami zu beschützen, wies ich die Leute auf Schwyzerdütsch in die Schranken, denn das kann ich perfekt. "

    Manchen Leuten passen "aufmüpfige" Fremde einfach nicht in den Kram.

    "Ich kenne diesen Menschen nicht, aber aufgrund des Akzents ist er mir unsympathisch" hört sich doch ähnlich wie die Überschrift des Kommentators an, oder?

  4. "Die Ausländerfeindlichkeit haben wir öfters am eigenen Leib erfahren. [...] Um meine Mami zu beschützen, wies ich die Leute auf Schwyzerdütsch in die Schranken, denn das kann ich perfekt. "

    Manchen Leuten passen "aufmüpfige" Fremde einfach nicht in den Kram.

    "Ich kenne diesen Menschen nicht, aber aufgrund des Akzents ist er mir unsympathisch" hört sich doch ähnlich wie die Überschrift des Kommentators an, oder?

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Warum"
    • tb
    • 24. August 2013 18:55 Uhr

    ich kann der Neunjährigen Hanna nicht die Wahrheit darüber sagen, was ich wirklich von ihrem Geigenspiel halte.

    Zumindest noch nicht.

    Eine Leserempfehlung
  5. ... die Schweizer eigentlich verbrochen, das dies nun schon der 3. Artikel ist, in dem versucht der Schweiz den Stempel „Fremdenfeindlich" aufzudrücken??

    Ich erinnere an den Artikel "Apfelschnitz für den Sohn, Handschellen für den Vater" aus der vergangenen Woche.

    Ist das die geballte Schlagkraft der "G" bzw.Generation, als Schelle für das Minarettverbot in der Schweiz, oder wie habe ich das zu verstehen??

    7 Leserempfehlungen
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    Nicht nur ZON hat sichtbare Tendenzen in der Kommentierung der Realität, das machen alle Medien.

    Fremdenfeindlichkeit gibt es in jedem Land der Welt und in allen Kulturen; nur bei uns hier wird so ein Theater darum gemacht.

    In den USA ist sogar schon jeder des anderen Feind.............

    ... die sollten dringend in die friedliebende Europäische Union geholt werden !
    Zur Zeit herrscht ja ein erbitterter Streit wegen der Zuständigkeit des Europäischen Gerichtshofes in Bezug Schweiz und die EU-Verdrossenheit ist auch in der Schweiz spürbar. Was eignet sich besser als die Nazikeule ?

    • Timi100
    • 24. August 2013 20:44 Uhr

    ich lebe als Ausländer seit 1981 in der Schweiz und habe niemals fremdenfeindliche Erlebnisse gehabt (trotz Akzent und Name). Die Flüchtlinge aus Ungarn wurden übrigens gut empfangen, und landeten überdurchschnittlich häufig in guten Stellen (auch beim Staat). Im Vergleich zu Deutschland ist die Schweiz m.E. äusserst tolerant und anständig. Wo wurden in den letzten Jahren eigentlich Türken ermordet, Häuser von Ausländern niedergebrannt, Juden verprügelt usw usw? Das war, glaube ich mich zu erinnern, bei Ihnen!
    Bei Ihnen in Deutschland werden einfach ständig Kampagnen geführt, sei es gegen Griechenland, die Schweiz oder Israel.
    Ich denke, dass das eigene Versagen - oder negative Reaktionen auf Selbstüberschätzung und die berühmt-berüchtigte grosse Klappe - häufig (als Schutzbehauptung) als "Fremdenfeindlichkeit" gedeutet wird.

    In der Schweiz scheinen Animositäten gegenüber Fremden momentan en vogue zu sein. Im Moment betrifft es eben die deutsche Ausländergruppe in der Schweiz. Damit sind nicht Touristen gemeint, sondern solche, die sich dort niedergelassen haben. Und das bekommt man nun eben auch langsam in der Bundesrepublik mit. Deshalb wird hier wohl darüber berichtet. Ich finde: zurecht. In der Aussenwirkung bislang Heidi-Idyll, sickern doch mehr und mehr unangenehme Informationen in das benachbarte Ausland, die so gar nicht zum Alpen- und Ferienidyll passen möchten. "Anti-Minarett"-Initiative, Kampagne "Deutscher Filz" an Universitäten, Sperrzonen für Asylsuchenden in diversen Gemeinden, "Täschligate" mit Oprah... Selbstverständlich gibt es in anderen Nationen ebenfalls fremden"kritische" Tendenzen oder Dinge, die man kritisieren kann. Aber das passte bislang eben nicht in das Bild der friedliebenden Schweiz aus deutscher Sicht.

  6. Nicht nur ZON hat sichtbare Tendenzen in der Kommentierung der Realität, das machen alle Medien.

    Fremdenfeindlichkeit gibt es in jedem Land der Welt und in allen Kulturen; nur bei uns hier wird so ein Theater darum gemacht.

    In den USA ist sogar schon jeder des anderen Feind.............

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Was haben..."
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    "Fremdenfeindlichkeit gibt es in jedem Land der Welt und in allen Kulturen; nur bei uns hier wird so ein Theater darum gemacht."

    Begeben wir uns doch alle auf das gleiche Niveau. Und wenn es das unterste ist.

    "Fremdenfeindlichkeit gibt es in jedem Land der Welt und in allen Kulturen; nur bei uns hier wird so ein Theater darum gemacht."

    Leider hört sich Ihr Kommentar sehr ignorant an. Vielleicht sollten einige so etwas mal am eigenen Leib erleben, um zu verstehen warum bei uns "so ein Theater" darum gemacht wird. Vor allem Kinder könne diese Arte des seelischen Angriffs meist schwer verarbeiten. Deutschland hat ein GG und eine Geschichte, die uns dazu motivieren (sollten) "so ein Theater" darum zu machen.
    Natürlich, Pauschal-Urteile sind falsch, doch das macht keiner der genannten Artikel. Aber darüber zu reden ist ja wohl besser als es zu ignorieren und sofort wieder einen Anlass zu suchen die eigene Bequemlichkeit in Schutz zu nehmen!

    Die USA haben auch eine Verfassung die jeden schützt und dennoch werden nachweislich mehr farbige und Menschen mit südamerikanischer Abstammung z.B inhaftiert.

    "Deutschland hat ein GG und eine Geschichte, die uns dazu motivieren (sollten) "so ein Theater" darum zu machen."

    JEDES Land hat eine Geschichte die motivieren soillte und wenn ich jetzt alle aufzählen würde, dann gehen die Buchstaben aus.

    Belgien hat im 19 Jhd. z.B. 10.000.000 Kongolesen versklavt und ermordet und hat heute noch stolz ein Museum, welches der Verbrecher dazu gebaut hat.......

    Spanien hat eine ganze Kultur vernichtet; Japan Millionen Chinesen zum Teil sogar vergast; die USA 2 Millionen Zivilisten in Vietnam ermordet usw usw.

    JEDES Land hat die Verpflichtung seine Bürger zu schützen, egal wo sie herkommen, aber nirgendwo ist das aufgesetzte Geschrei so groß wie bei uns...............

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