ZEITmagazin: Frau Melles, als Schauspielerin glänzen Sie auf der Bühne und im Film. Ist Ihnen der Erfolg in den Schoß gefallen?

Sunnyi Melles: Ja, das denken viele, ich wirkte wohl schon immer verwöhnt – man glaubt, als Prinzessin wohne ich in einem Schloss, aber ein Schloss besitze ich nur an meiner Tür. Man sieht nicht die viele Disziplin und Arbeit, die der Beruf des Schauspielers abverlangt. Verwöhnt wurde ich nur durch die Liebe meiner Mutter, die mich noch heute erfüllt, und durch meine Familie. Das ist mein Rettungsanker. Jeder sollte einen solchen Anker für sich finden, ich kann nicht immer erwarten, gerettet zu werden.

ZEITmagazin: Wo sind Ihre familiären Wurzeln?

Melles: Obwohl meine Eltern und mein Bruder nicht mehr am Leben sind, liegen meine Wurzeln in Ungarn. Alle drei flohen 1956 aus Budapest. Mein Vater war Dirigent, meine Mutter Schauspielerin. Mein Vater hatte aufgrund seiner jüdischen Herkunft sehr viel Leid erfahren müssen. Meine Mutter wollte nicht in einem Land leben, wo sie hätte Leute denunzieren müssen. In ihrer politischen Haltung bleibt sie für mich ein Vorbild. Ich kam in Luxemburg zur Welt, nach der Scheidung meiner Eltern sind mein Bruder und ich mit meiner Mutter in die Schweiz gegangen. Schlimm war, dass meine Mutter aufgrund ihrer Flucht staatenlos wurde, wir besaßen fünfzehn Jahre lang keinen Pass. Heute fast unvorstellbar. Das tägliche Überleben war uns immer vor Augen. Damals war Humor unser Rettungsanker.

ZEITmagazin: Wie war es als Staatenlose und Tochter einer alleinstehenden Emigrantin, in der Schweiz aufzuwachsen?

Melles: Die Ausländerfeindlichkeit haben wir öfters am eigenen Leib erfahren. Immer wieder sagte meine Mutter, verschiedene Sprachen zu sprechen sei das Tor zur Welt. Als Schauspielerin musste sie zunächst Deutsch lernen. Wenn meine Mutter in Basel in einem Geschäft mit ungarischem Akzent auf Hochdeutsch etwas bestellte, hörte ich manchmal abfällige Kommentare. Um nicht aufzufallen, sprachen wir oft Französisch miteinander. Um meine Mami zu beschützen, wies ich die Leute auf Schwyzerdütsch in die Schranken, denn das kann ich perfekt. Was uns stärkte, waren ihre Erzählungen über ihre Liebe zu ihren Eltern und zu meinem Vater. Immer wieder wollte ich ihre Erlebnisse erzählt bekommen, obwohl ich sie schon tausend Mal gehört hatte, und heute erzähle ich sie meinen Kindern. Das Erzählen gibt mir eine innere Kraft.

ZEITmagazin: Nach der Schule wollten Sie in Deutschland Schauspiel studieren.

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Melles: Als ich am Telefon erfuhr, dass ich in München aufgenommen wurde, wollte ich es gar nicht glauben: "Aber ich heiße Sunnyi Melles!" – "Ja, ja, Sie sind aufgenommen. " Meine Mutter und ich haben uns so gefreut. Erst später wurde mir klar, was sie mir ermöglicht hatte. Obwohl ihre Angehörigen über die ganze Welt verstreut waren, blieb sie in einem fremden Land zurück und ließ mich ziehen. Dafür bin ich ihr ewig dankbar.

ZEITmagazin: Sie sind eine großartige Schauspielerin, aber Sie gelten auch als schwierig.

Melles: Ich hoffe doch. Im Leben wie in der Kunst kann ein falsches Harmoniebedürfnis fatal sein. Dieses Nichtwidersprechen, keine Meinungsverschiedenheit zulassen, kein Andersdenken und Andersfühlen ... In der Kunst ist es wie im Leben: Bei aller Findung der Wahrhaftigkeit, die nicht immer einfach zu leben ist, stößt man oft an Grenzen und muss dafür nicht nur kämpfen, sondern auch verlieren können. Wichtig sind gegenseitiger Respekt, Humor und Vertrauen. Diese Eigenschaften sind nicht immer gegeben. Man muss sie sich erarbeiten, zusammen mit dem Gegenüber. Wenn ich das geschafft habe, weiß ich, dass das "Schwierig-Sein" sich immer wieder lohnt.

ZEITmagazin: Welches Gefühl beschleicht Sie, wenn Sie auf der Bühne oder vor der Kamera stehen?

Melles: Wenn alle Augen auf Sie gerichtet sind, sind Sie automatisch Kritik ausgesetzt. Mal sind Sie fantastisch, mal sind Sie grauenhaft, mal zu alt, zu jung, zu dünn, zu dick, zu blöd, zu kompliziert, zu blond. Kritik gehört zu meinem Beruf, auch darum liebe ich ihn. Ich fühle mich immer nackt, wenn ich spiele, weil ich meine Seele entblöße. Wenn ich eine schlechte Kritik bekomme, geniere ich mich, am nächsten Tag in ein Geschäft zu gehen, weil ich verwundet bin. Ich bemale meine Lippen, um etwas anzuhaben. Trotzdem lese ich jede Kritik. Als Erstes schaue ich, wer sie geschrieben hat. Ich brauche das Gegenüber.

ZEITmagazin: Gibt es einen Leitsatz, der Sie durchs Leben führt?

Melles: Ich höre immer den Satz meiner Mutter: "Ich werde dir immer die Wahrheit sagen, weil ich dich uneigennützig liebe." Diesen Satz sage ich auch jetzt immer wieder meinen Kindern, meinem Mann und versuche, diese Haltung auch anderen zuzumuten: Bleib wahrhaftig!