"Ob der Heeschen da wohl drinnen ist?", fragt eine Frau im Regencape einen Mitdemonstranten und zeigt auf ein mit Zäunen, Kameras und Wachmännern gesichertes Werksgelände im baden-württembergischen Oberndorf.

"Nee, der lebt doch in London", sagt ihr graubärtiger Begleiter. Die beiden sind wie rund 300 andere Demonstranten gekommen, um gegen die Geschäfte von Heckler & Koch und den Mann im Hintergrund zu demonstrieren. Das Unternehmen zählt zu den größten Kleinwaffenproduzenten Europas. Es stellt Sturmgewehre, Maschinenpistolen und Granatwerfer her.

Über Andreas Heeschen, den 52-jährigen Finanzinvestor und Mehrheitsgesellschafter der Heckler & Koch Beteiligungsgesellschaft, wird an diesem Samstagmorgen Anfang Juni viel gesprochen unter den Friedensaktivisten. Verantwortlich dafür ist der Rüstungsgegner und Buchautor Jürgen Grässlin. Er hat vor der Demonstration über Heeschen und die Geschäfte von Heckler & Koch auf einem Antiwaffenkongress in der Nachbarstadt Villingen-Schwenningen informiert. Grässlin nennt Heeschen einen "Manager der Mortalität".

Es ist nicht schwierig für Grässlin, sich mit derlei starken Bildern durchzusetzen im Kampf um Aufmerksamkeit, denn obwohl Heeschen seit Jahren als Mehrheitsgesellschafter der Heckler & Koch Beteiligungsgesellschaft den Kurs von Deutschlands größtem Kleinwaffenhersteller mitbestimmt, ist kaum etwas über ihn bekannt. Öffentliche Termine meidet er. "Die öffentliche Zurückhaltung dient dem Schutz meiner Person und meiner Familie", teilt Heeschen der ZEIT über seine Anwälte mit. "Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund, dass militante Rüstungsgegner bereits öffentlich dazu aufgerufen haben, mich zu töten."

In den vergangenen Jahren ist Heeschen nur einmal öffentlich aufgetreten, auf einem Pressetermin im Bundestagswahlkampf 2009. In der Heckler-&-Koch-Zentrale in Oberndorf begrüßte er Volker Kauder, den Chef der Unions-Bundestagsfraktion, und den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Rechts von Heeschen saßen die Gäste aus Berlin. Links von ihm stand ein Maschinengewehr. Bei dem Besuch entstand das einzige öffentliche Foto von Heeschen aus den vergangenen Jahren.

Damals gab Heeschen noch selbst Auskunft über die Geschäfte der Firma: "Ich kann Ihnen sagen, dass die Mehrheit des Umsatzes heute exportorientiert ist." Nun lässt er seine Anwälte erklären: "Es besteht keinesfalls eine strategische Vorgabe einer aggressiven Ausweitung der Exportpolitik des Unternehmens." Die defensive Haltung mag auch daher rühren, dass das Unternehmen mehrfach öffentlich in der Kritik stand, weil seine Waffen in Ländern auftauchten, in die sie qua Gesetz nicht verkauft werden dürfen.

Das sind dann jene schmutzigen kleinen Geschichten, die auch Teil des deutschen Exportwunders sind. Jüngsten Berechnungen der Nichtregierungsorganisation Small Arms Survey zufolge ist die Bundesrepublik nach den Vereinigten Staaten nämlich weltweit der größte Exporteur von Kleinwaffen. Die Bundesregierung beziffert das Exportvolumen von Maschinengewehren, Pistolen und Granatwerfern für das Jahr 2012 auf 76 Millionen Euro. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich dieser Wert verdoppelt. Ein großer Teil der exportierten Kleinwaffen stammt von Heckler & Koch.

Auf Interviewanfragen an Heeschen gibt es schnell Antwort – von Anwälten

Seit mehreren Jahrzehnten rüstet die Waffenfirma Nato-Staaten aus, das ist bekannt, sie kommuniziert das auch. Über Geschäfte mit Ägypten, Jordanien, Mexiko, Saudi-Arabien und Indien, alles keine Nato-Partner, redet der Gewehrbauer deutlich weniger gern.

Andreas Heeschen gilt als besonders öffentlichkeitsscheu

Doch dass Waffen von Heckler & Koch auch in diesen Ländern auftauchen, trägt dazu bei, dass der Friedensaktivist und Autor Jürgen Grässlin den Investor Heeschen auf Platz 1 seiner "Täterliste" der deutschen Rüstungsindustrie führt. Er und andere Kritiker der Branche behaupten, dass die Geschäfte des Oberndorfer Gewehrbauers immer globaler werden, seitdem der Mann dort als Hauptinvestor aktiv ist – und dass diese Entwicklung unkontrollierte Waffenverkäufe in Gegenden begünstige, in die Waffen aus Deutschland nicht gelangen dürften. Natürlich erhöhe es "den Druck auf das Unternehmen, noch hemmungsloser überallhin zu verkaufen, wenn ein Finanzhai Geld aus dem Unternehmen zieht", sagt etwa Jan van Aken, Bundestagsabgeordneter und Rüstungsexperte der Linkspartei. Das Unternehmen selbst spricht von "einem kontinuierlichen Ausbau der internationalen Ausrichtung". Im Jahr 2012 lag der Exportanteil bei 80 Prozent.

Was sich genau verändert hat bei Heckler & Koch, seit Andreas Heeschen dessen Mehrheitsgesellschafter ist, und auch was diesen Mann treibt, lässt sich nur rekonstruieren aus Berichten über die wenigen Gelegenheiten, in denen er aus dem Schatten trat – und über Spuren, die seine Arbeit hinterlassen hat. Denn in der ohnehin verschwiegenen Rüstungsbranche gilt Heeschen als besonders öffentlichkeitsscheu. Fragen an ihn beantwortet die Berliner Anwaltskanzlei Bub, Gauweiler & Partner, deren Juristen auf die Interviewanfrage der ZEIT gleich einmal "umfassende rechtliche Schritte" ankündigen, sollten der Privatsphärenschutz und die persönliche Sicherheit ihres Mandanten oder seiner Angehörigen durch Medienberichte beeinträchtigt werden. Ein Interview gibt es natürlich nicht.

Wer also ist dieser Andreas Heeschen, der über seinen Lebenslauf beharrlich schweigt und in Deckung geht, sobald ihn jemand danach fragt?

Sicher ist: Er besuchte das Elite-Internat Schloss Neubeuern in Bayern und ist der Schule bis heute verbunden – sein Name findet sich auf deren Spendenlisten, und er bot Schülern Praktikumsplätze in seinem Büro in London an. Sicher ist auch, dass ihm als Geschäftsführer der Heckler & Koch Beteiligungsgesellschaft sein Studium der Rechtswissenschaft und der Betriebswirtschaft heute wohl nutzt. Das Geld, um Anteile an Heckler & Koch und anderen Firmen zu erwerben, soll Heeschen, so schrieb das Handelsblatt, als Investmentbanker verdient haben. Seine Geschäfte führt er von London aus. Im Brief seiner Anwälte an die ZEIT beschreibt er sich als einen Unternehmer, der dem "deutschen Mittelstand" verpflichtet sei.

Zur Geschichte zwischen Heeschen und dem deutschen Mittelständler Heckler & Koch sind die öffentlich zugänglichen Informationen ähnlich fragmentarisch wie zur Person Heeschen. Sicher ist: Der Investor stieg vor mehr als zehn Jahren bei Heckler & Koch ein. Am 6. Dezember 2002 kamen er, sein britischer Partner Keith Halsey und Vertreter des Verkäufers Royal Ordnance, einer Tochter des britischen Rüstungsriesen BAE Systems, bei einem Notar in Basel zusammen, um den Kauf von Heckler & Koch abzuschließen. Der Preis ist nicht bekannt. Auf jeden Fall scheinen alle Beteiligten großen Wert auf Diskretion zu legen. In dem Vertrag halten sie fest: "Weder Käufer noch Verkäufer sollen die in dieser Vereinbarung getroffenen Geschäfte in irgendeiner Form der Öffentlichkeit oder dem Personal von H&K bekannt geben". Doch nach dem Kauf gab es immer wieder Berichte, die ein Schlaglicht auf diese Schattenwelt warfen. Sie führten bisweilen dazu, dass dem Unternehmen die Kontrolle über die gefürchtete Öffentlichkeit entglitt. So tauchten Sturmgewehre vom Typ G36 in mexikanischen Provinzen auf, für die keine Exportgenehmigungen der Bundesregierung vorlagen. Georgische Soldaten setzten die Waffe 2006 im Krieg gegen Russland ein. Libysche Rebellen feuerten damit 2011 auf Kämpfer des Diktators Gaddafi. Auch in diese Staaten hatte die Bundesregierung keine Waffenausfuhren genehmigt.

In der Folge nahmen Zollkriminalamt und Polizeibehörden Heckler & Koch ins Visier. "Die Staatsanwaltschaft Stuttgart führt derzeit zwei Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontroll- und Außenwirtschaftsgesetz – zum einen in Bezug auf Mexiko, zum anderen in Bezug auf Libyen", teilt die Behörde mit. "Ein drittes Verfahren wird wegen des Verdachts der Bestechung ausländischer und inländischer Amtsträger geführt." Ermittler haben bereits die Heckler-&-Koch-Zentrale sowie mehrere Häuser von ehemaligen und aktiven Entscheidungsträgern durchsucht.

Heckler & Koch und Heeschen haben stets bestritten, illegal Waffen nach Mexiko und in andere Staaten geliefert zu haben. Der ZEIT erklärt das Unternehmen: "Alle Exporte von Heckler & Koch folgen sicherheits- und verteidigungspolitischen Vorgaben der Bundesregierung. Die Einhaltung geltender Gesetze und unternehmerische Integrität sind gleichzeitig existentielle Grundlage und nicht verhandelbare Grundwerte."

Die Bonität von Heckler & Koch gilt als schlecht – der Ausblick als negativ

Einzelne Beschäftigte scheinen aber offenbar doch ein bisschen über derlei Grundwerte verhandelt zu haben. Im April dieses Jahres räumten die Chefs von Heckler & Koch in einem internen Schreiben an die Belegschaft nämlich ein, dass "dringender Tatverdacht gegen zwei langjährige Mitarbeiter" bestehe, "Waffenlieferungen in nicht genehmigungsfähige mexikanische Bundesstaaten im Zusammenwirken mit einem Handelsvertreter in Mexiko veranlasst zu haben". Investor Heeschen will sich zu laufenden Ermittlungen selbst nicht öffentlich äußern.

Es geht nicht mehr um Ingenieurkunst

Auch ein Waffendeal mit Saudi-Arabien sorgte für Kritik. Heckler & Koch verkaufte dem saudischen Staatsunternehmen Military Industries Corporation (MIC) die Lizenz für den Nachbau des Sturmgewehrs G36. Das Oberndorfer Unternehmen half auch beim Aufbau einer Fabrik in Al-Chardsch und bildete Mitarbeiter aus. Saudi-Arabien könne keine Gewehre an Dritte verkaufen, sagte Heeschen damals in einem Interview mit der Wirtschaftswoche, um entsprechenden Sorgen entgegenzutreten. Heckler & Koch kontrolliere und liefere nämlich die zum Gewehrbau notwendigen Teile.

Im Februar 2013 stellte die saudische MIC jedoch gleich zwei Modelle des G36 auf der Rüstungsmesse International Defence Exhibition & Conference (Idex) in Abu Dhabi aus und bot die Waffe zuvor auch im Internet an. Heeschen beteuert indes, dass "jeder Verkaufsvorgang" durch deutsche Behörden genehmigungspflichtig sei.

In der Belegschaft haben einige Mitarbeiter auf jeden Fall den Eindruck, dass Heeschen die Unternehmenskultur auf Profitmaximierung ausrichte. Zwei ehemalige Heckler-&-Koch-Leute, die mehrere Jahrzehnte lang für den Gewehrbauer geschafft haben, wie sie sagen, und die ihre Namen nicht genannt wissen wollen, berichten, es gehe nur mehr darum, Geld aus dem Unternehmen zu ziehen, und nicht mehr um Ingenieurkunst, seit Heeschen das Kommando führe. Sie haben Gerüchte über dessen Investoren-Historie gehört und machen sich nun Sorgen, dass es dem Unternehmen wie Wolf-Garten ergehen könne.

Der Gartengerätehersteller Wolf war einst für Gärtner das, was Heckler & Koch heute für Soldaten ist: ein Premiumhersteller, ein Weltmarktführer. 2004 übernahm die Wolf-Beteiligungsgesellschaft GmbH unter Führung von Heeschen das Unternehmen. Fünf Jahre später meldete Wolf Insolvenz an.

Heeschen nennt den Vorwurf, Geld aus dem Unternehmen Heckler & Koch gezogen zu haben, "absurd". Am operativen Geschäft der Wolf-Garten-Gruppe sei er im Übrigen gar nicht beteiligt gewesen. "Ich habe aber persönlich einen erheblichen, siebenstelligen Betrag durch die Insolvenz verloren, Geld, das investiert wurde, um das Unternehmen und seine Arbeitsplätze zu erhalten, mehr Geld als ursprünglich beabsichtigt oder geplant."

Ein weiteres Unternehmen, die Luhns GmbH, einen Seifen- und Waschmittelhersteller, verkaufte Heeschen Ende 2008. Ein Wirtschaftsprüfer stellte laut Wirtschaftswoche damals eine "existenzbedrohende Situation" bei Luhns fest.

Momentan scheint Heeschen sich vor allem auf Heckler & Koch zu konzentrieren. Zur Blüte hat er auch dieses Unternehmen bislang nicht geführt. Im Jahr 2011 machte die Heckler & Koch GmbH einen Verlust von 19,5 Millionen Euro, 2012 waren es 5 Millionen Euro. Zudem stieg die Verschuldung: 2011 nahm das Unternehmen eine Anleihe über 295 Millionen Euro auf, mit einem Zinssatz in Höhe von 9,5 Prozent. Allein 32,2 Millionen Euro musste Heckler & Koch 2012 für die Zinstilgung aufbringen bei einem Umsatz von 202,8 Millionen Euro. Die geliehene Summe nutzte der Gewehrbauer dazu, eine alte Anleihe über 120 Millionen Euro abzulösen und ein im April 2013 fälliges Darlehen der Muttergesellschaft Heckler & Koch Beteiligungsgesellschaft zu kaufen. Letzteres war ein sehr spezielles Darlehen: Bis zum Ablauf waren keine Zinsen dafür fällig. Aus der geliehenen Summe von 100 Millionen Euro wurde am Ende aber ein Rückzahlungsbetrag von 170,1 Millionen Euro.

Die vorläufige Bilanz der Ära Heeschen: Die Rating-Agentur Standard & Poor’s bewertete Heckler & Koch am 24. Juni 2013 mit CCC+, Ausblick: negativ. Ein Wert auf Ramschniveau. Heeschen indes gibt an, dass die Ertragskraft der Gruppe ausreichend sei, "eine Anschlussfinanzierung" werde "ohne Probleme möglich sein".

Und nun? Vor einigen Jahren bereits sprach Andreas Heeschen von einem möglichen Verkauf des Gewehrbauers, auch im Geschäftsbericht der Muttergesellschaft 2011 wird ein Teilverkauf als Option genannt. Das dürfte angesichts der Schuldenlast von Heckler & Koch allerdings keine leichte Aufgabe werden. Aber Heeschen hat nach eigenem Bekunden ja eine Schwäche für große Probleme. Über seine Zeit bei Luhns sagte er einmal: "Es hat mir immer viel Spaß gemacht, hart am Wind mit der Mannschaft oft genug ums Überleben zu kämpfen." Bei Heckler & Koch würden viele Mitarbeiter auf diesen Spaß gern verzichten.