StilkolumneSpieglein, Spieglein im Gesicht

Diesen Sommer dominierten verspiegelte Sonnenbrillen. Die "Cop Shades", "Bullenbrillen", wirken tatsächlich einschüchternd – denn das Gegenüber sieht sich immer selbst. von 

Die Sonne muss draußen bleiben: Verspiegelte Brille von Victoria Beckham, 375 Euro

Die Sonne muss draußen bleiben: Verspiegelte Brille von Victoria Beckham, 375 Euro  |  © Peter Langer

Sonnenbrillen dienen ja nicht nur dazu, die Augen vor UV-Strahlen zu schützen. Sie haben einen weiteren Vorteil: Man kann beobachten, ohne dabei beobachtet zu werden, denn es ist nicht nachzuverfolgen, wohin die Augen sich richten. Wer eine Sonnenbrille trägt, erhebt sich damit über sein unbebrilltes Gegenüber. Oft stellt sich deshalb ein Unwohlsein ein, wenn man sich mit Sonnenbrillenträgern unterhält. Nicht ohne Grund gilt es im Benimm-Knigge als grobe Unhöflichkeit, beim Gespräch das Gestell nicht abzunehmen.

Dies führt uns zur spezifischen Coolness von Sonnenbrillen: Der Begriff Coolness hat seinen Ursprung im Jazz der fünfziger Jahre – man erinnere sich an Miles Davis’ Album Birth of the Cool – und stand für die Haltung, als Individuum unberührt von den anderen zu sein.

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Die soziale Isolation, die Versunkenheit in sich selbst wurde zelebriert – und die Sonnenbrille, die ihren Träger gewissermaßen gegen die Emotionen der anderen abschottet, war das beste Symbol dafür. Nun ist die Modebranche ein Feld, in dem den Einzelnen nichts so sehr berührt wie die Meinung der anderen.

Geradezu manisch wird darüber gewacht, wie man aussieht – und vor allem, wie die anderen aussehen. Man ist geneigt, alles sehr persönlich zu nehmen. Da solch zarte Seelen Schutz brauchen, gehört die Sonnenbrille zur Grundausstattung von Modeprominenten wie Karl Lagerfeld und Anna Wintour.

Dieser Sommer war der Sommer der verspiegelten Brillen. Sie wurden etwa bei Burberry Prorsum und bei Roberto Cavalli präsentiert oder als bunte Modelle beim Mailänder Label Spektre Sunglasses. Verspiegelte Brillen bringen den Vorteil mit sich, dass das Gegenüber nicht nur die Augen seines Gesprächspartners nicht sehen kann – es ist auch noch gezwungen, ständig ins eigene Antlitz zu blicken. Je nachdem, wie es um dieses bestellt ist, kann das sehr demütigend sein.

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Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick   |  © Peter Langer

Spiegelsonnenbrillen werden auch cop shades, sprich Bullenbrillen, genannt, weil sie traditionell gerne von Polizisten getragen werden – und wichtige Accessoires in Serien wie Miami Vice sind. Im britischen Essex sind verspiegelte Brillen nun im Polizeidienst verboten worden – weil sie, so die Begründung, einschüchternd wirken. Daran kann man sich ein Beispiel nehmen: Wer wirklich cool ist, braucht keine Brille.

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Leserkommentare
    • MrWho
    • 25. August 2013 13:44 Uhr

    "Wer wirklich cool ist, braucht keine Brille."

    3 Leserempfehlungen
    • hairy
    • 25. August 2013 13:53 Uhr

    je mehr Geld ausgegeben wurde... Ich meine, zB. eine Brille von Victoria Beckham... für 375 Euro? Gehts noch?

    Eine Leserempfehlung
  1. Mir sind Leute mit Sonnenbrillen unsympatisch. Ich rede nicht gerne mit Menschen, deren Augen ich nicht sehen kann. Es ist unhöflich, nicht besser als wenn ich einen Menschen mit dem ich rede gar nie in die Augen sehe.

    Ist das erstrebenswert?

    Es ist jedenfalls kein Akt der Freundlichkeit, eine blickdichte Sonnenbrille zu tragen.

    • dll
    • 25. August 2013 17:26 Uhr

    um zu gegebenen Anlass meinem Gegenüber unauffällig meine Empathie zu bekunden. Danke für den aufschlussreichen Artikel.

    • AlexR
    • 27. August 2013 11:42 Uhr

    Bei allem Verständnis für Menschen, die ungerne mit Leuten reden die eine Sonnenbrille tragen – man sollte auch gelegentlich daran denken, daß es Menschen gibt, die äußerst lichtempfindliche Augen haben, zum Beispiel in Folge einer Schilddrüsenerkrankung.

    Ich bemühe mich zwar, sie öfters auszulassen, und entschuldige mich wenn ich sie doch aufsetzen muß, aber geht nunmal oft nicht anders. Mit jemandem reden dem die Augen tränen wie Wasserfälle und der Kopfschmerzen hat ist ja auch irgendwie nicht so maximal erfreulich.

    In dem Zusammenhang: Was ich wirklich liebe sind Zeitgenossen, die auch noch dumme Bemerkungen machen, wenn man selbst bei Regenwetter mit der Sonnenbrille unterwegs ist. Der Gedanke sollte durchaus erwägenswert sein daß dies vielleicht *nicht* einfach nur übertriebene Coolness ist.
    Übrigens auch wenn die Brille eine ganz banale Standard-Sonnenbrille ist und nicht erkennbar eine die auch Sehfehler korrigiert. Das muß nicht zusammenfallen.

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  • Serie Stilkolumne
  • Schlagworte Mode | Sonnenschutz | Brille | Accessoire | Anna Wintour
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