Stimmt's?Sehen neugeborene Babys zunächst einmal alles auf dem Kopf?

...fragt Matthias Wiemers aus Schwanewede. von 

Baby Neugeborenes Säugling

Ein Neugeborenes  |  © m.edi/Photocase

Wenn ein Baby mit dem Kopf nach unten geboren wird, dann sieht es die ersten Szenen seines neuen Lebens tatsächlich auf dem Kopf stehend. Ansonsten ergibt die Frage nicht viel Sinn.

Es stimmt, dass die Linse unseres Auges das Bild der Außenwelt kopfüber und seitenverkehrt auf die Netzhaut projiziert. Was oben ist, landet unten, was rechts ist, landet links. Die Vorstellung, nun müsste irgendeine Instanz im Gehirn das Bild wieder umdrehen und Babys müssten das erst einmal lernen, ist aber falsch. Das wäre ja so, als stünde hinter der Netzhaut noch ein kleiner Betrachter und würde dieses umgedrehte Bild anschauen. 

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Tatsächlich aber verbindet der Sehnerv die Netzhaut mit der entsprechenden Region im visuellen Kortex. Dort sind die Nervenzellen tatsächlich topologisch so angeordnet wie die Projektion – wo "unten" und "oben" ist, das ist dabei ziemlich egal. Wir lernen vom ersten Tag an, welche Nervenzellen welcher Richtung im Raum entsprechen. "Umdrehen" müssten wir die Eindrücke nur, wenn wir vorher einmal andersherum gesehen hätten.

Genau das hat man seit 1896 in Experimenten untersucht, bei denen Testpersonen Brillen trugen, die das Bild auf den Kopf stellten. Tatsächlich waren erwachsene Menschen in der Lage, sich daran zu gewöhnen, zu lesen und sogar Fahrrad zu fahren (ZEIT Nr. 47/99). Dass sie dabei tatsächlich die Welt wieder aufrecht gesehen haben, wird heute aber eher bezweifelt.

Serie: Stimmt's?
Stimmt's?

Für weitere Artikel zur Serie "Stimmt's?" klicken Sie auf dieses Bild  |  © Jeff J. Mitchell/Getty Images

Babys müssen also kein Bild im Kopf umdrehen. Trotzdem hat ihr Sehsinn noch einiges zu lernen: Das fängt schon damit an, dass sie die zwei Einzelbilder, die von den beiden Augen geliefert werden, zu einem verschmelzen müssen. Auch das Fokussieren auf weit entfernte oder sehr nahe Gegenstände fällt Neugeborenen noch schwer. So dauert es eine Weile, bis sie die verwirrenden visuellen Eindrücke der Welt deuten können.

Die Adressen für "Stimmt’s"-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt's?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de. Das "Stimmt's?"-Archiv: www.zeit.de/stimmts

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Leserkommentare
  1. 1. Danke!

    Der Spruch "das Gehirn muss das Bild erst umdrehen" fand ich schon immer zum Haareraufen.

    3 Leserempfehlungen
  2. Es gibt Fälle von blind geborenen Menschen, die nach einer Operation zum ersten Mal sehen können. Anders als ein Baby hatten diese Menschen bereits eine fest geprägte Vorstellung der Welt: sie hatten gelernt, mit den Händen zu sehen.

    Das visuelle Sehen stellt sich nach der Operation nicht sofort ein. Die Menschen müssen erst lernen, aus der Unmenge an visuellen Informationen das Unwesentliche auszublenden, also beispielsweise Licht und Schatten oder perspektivische Verzerrungen.

    In diesem Text http://tinyurl.com/746lumx wird beschrieben, dass es ihnen relativ kurz nach der Operation schon gelingt, einen Gegenstand, der ihnen gezeigt wird, beim erneuten Zeigen wiederzuerkennen. Es gelingt ihnen aber kaum, den Gegenstand zu identifizieren, obwohl sie ihn eigentlich aus dem blinden Vorleben gut kennen.

    Die Fähigkeit, die bereits vorhandenen Gegenstands-Konzepte im Kopf mit den visuellen Eindrücken zu verknüpfen, stellt sich dann aber nach einer Weile (etwa einer Woche) sehr schnell ein. Schwierigere visuelle Aufgaben, wie die Fähigkeit zum Wiedererkennen von Gesichtern, benötigen noch viel mehr Zeit, bis zu einem Jahr etwa.

    Diese Verknüpfungen scheinen aber auch nur bedingt anpassbar zu sein, der Sehsinn wird kaum dieselbe Bedeutung erlangen wie bei einem von Geburt an Sehenden. Manche Menschen äußern sich nach der Operation tief enttäuscht über den neu gewonnenen Sehsinn und empfinden ihn nicht als Bereicherung.

    2 Leserempfehlungen
  3. 3. hmm..

    Das Bild auf der Netzhaut ist ja nicht gespiegelt. Also ist es ein "richtiges" Bild. Und dann ists egal wie es orientiert ist. Und optische Bilder haben ja nichts mit der Schwerkraft zu tun, wenn man nicht gleich die allgemeine Relativitätstheorie bemüht :-)

  4. "Oben" und "Unten" sind eher eine Sache von Semantik & Definition; und weniger eine biologische Problematik.

    Eine Leserempfehlung
    • tgam
    • 04. September 2013 22:39 Uhr

    "Wenn ein Baby mit dem Kopf nach unten geboren wird, dann sieht es die ersten Szenen seines neuen Lebens tatsächlich auf dem Kopf stehend. Ansonsten ergibt die Frage nicht viel Sinn."

    Das Neugeborene weiß ja zunächst nichts von oben und unten. Insofern könnte es ihm (ihr) wohl zunächst egal sein.

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  • Serie Stimmt's?
  • Schlagworte Geburt | Hirnforschung | Baby | Sinnesorgan | Gehirn
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