Im Schwarzwald, dort, wo die Täler so schmal und tief sind, dass kein Handy ein Netz findet und das Navi mit offroad kapituliert, steht eine weiß verhüllte Gestalt an der Straße. Es ist Ulrich Weiner, der mit einem Overall seinen Körper gegen Strahlen schützt. Selbst über den Kopf hat er den Anzug gestülpt. Seine Augen blicken durch ein Netz aus Silberfäden. Noch tiefer hinein in das enge Tal führt er uns, bis zu einem gammeligen Wohnwagen. Hier lebt der Flüchtling Weiner nun schon das elfte Jahr in Deckung vor elektromagnetischer Strahlung.

"Wir Elektrosensiblen sind wie Kanarienvögel", sagt Ulrich Weiner. "Die waren früher im Bergbau die Ersten, die tot von der Stange fielen, wenn Gas freigesetzt wurde." Dann wussten die Bergleute: Es ist Zeit, rasch die Grube zu verlassen. "Wir Strahlenfühligen", fährt Weiner fort, "sind Vorboten einer neuen Zeit."

In Umfragen äußern sich rund 30 Prozent der Deutschen "besorgt" über die Auswirkungen von Handystrahlung, knapp zwei Prozent stufen sich laut Bundesamt für Strahlenschutz selbst als "elektrosensibel" ein. Ulrich Weiner hält die Dunkelziffer der Strahlenfühligen für deutlich höher. Der Elektrosmog sei auch schuld an der Zunahme der Burn-out-Symptome: Schlaf- und Sehstörungen, Herzrasen, Kopfschmerzen, Erschöpfung. Diese Leiden erfassten früher oder später alle, die der Strahlung ausgesetzt seien. Glaubt Weiner.

Seit es Mobilfunk gibt, haben Hunderte Wissenschaftler die gesundheitlichen Auswirkungen elektromagnetischer Strahlung erforscht. Sie haben Ratten, Mäuse und Hamster mit Mikrowellen bestrahlt, Radiowellen in Schlafzimmern gemessen und Freiwillige neben Antennen schlafen lassen. Millionen von Euro flossen in Forschungsprogramme. Elektrosmog wurde an Runden Tischen und im Bundestag thematisiert, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) tagte, Behörden berieten, Bürgerinitiativen protestierten. Letzte Klarheit gibt es nicht – immer bleibt der bange Zweifel, ob die elektromagnetische Strahlung der Handys, Hochspannungsleitungen und Computernetze vielleicht doch schädlicher ist als behauptet.

Wer diesem Zweifel nachgeht, begegnet Verunsicherten, die nach Erklärungen für ihre Krankheiten suchen. Der trifft Forscher, die sich gegenseitig beschuldigen, Studien zu verfälschen und Lügen zu verbreiten. Der findet Geschäftemacher, die aus der Strahlung Profit schlagen, und andere, die an der Angst vor ihr verdienen.

Ulrich Weiner ist sich sicher, dass der Elektrosmog ihn krank gemacht hat. Zu viel davon habe er abbekommen: Mit 14 Jahren bestand er als damals jüngster Deutscher die Prüfung zum Amateurfunker. Sogar ans Fahrrad schraubte er sich Antennen, seine Freunde nannten ihn nur den "Funk-Uli". Nach der Schule machte er sich als Funkelektroniker selbstständig: Den ganzen Tag war er im Auto unterwegs zu Kunden – immer das Handy am Ohr. Irgendwann wurde er nach den Fahrten müder und unkonzentrierter. Ihm fiel plötzlich wieder sein Berufsschullehrer ein, der gesagt hatte: Mobilfunk ist eine neue Technik, ihre Gefahren kennt niemand. Also schaltete Weiner das Handy ab.

Drei Jahre später brach er ausgerechnet auf einer Tagung zum Thema Mobilfunk zusammen. Er konnte nicht mehr richtig sehen, sein Herz spielte verrückt – im Krankenhaus habe man ihm nicht erklären können, was ihm fehle. Erst als er entlassen wurde und – aus einem Bauchgefühl heraus – in den Wald fuhr, habe er sich besser gefühlt. Schnell hatte er die Strahlen als Ursache des Übels ausgemacht. Weiner kaufte sich einen Wohnwagen und fuhr fortan nachts zum Schlafen aufs Land, in eines der damals noch zahlreichen Gebiete in Deutschland, aus denen kein Sendemast ragte.

Aber die Masten rückten Weiners Schlafstätte immer näher. Da kaufte er sich einen Schutzanzug aus Silberfäden. Und er fand Ärzte, die ihn krankschrieben. Seit 2004 arbeitet er nicht mehr. Heute bleiben dem 36-Jährigen als Zuflucht nur ein paar Funklöcher im Schwarzwald. Wie lange noch?